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Christian de Duve: Die Genetik der Ursünde

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 20.06.2011

Cover Christian de Duve: Die Genetik der Ursünde ISBN 978-3-8274-2708-3

Christian de Duve: Die Genetik der Ursünde. Die Auswirkung der natürlichen Selektion auf die Zukunft der Menschheit. Spektrum Verlag (Heidelberg) 2011. 250 Seiten. ISBN 978-3-8274-2708-3. 17,95 EUR. CH: 26,50 sFr.
Reihe: Spektrum-Sachbuch
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Thema

Seit einigen Jahrzehnten ist die Menschheit mit den nicht mehr übersehbaren Folgen ihres Tuns konfrontiert. Umweltschäden, Klimawandel, Zerstörung der Ozonschicht sind Problemfelder und Symptome zugleich eines kollektiven irrationalen Handelns einer Spezies, deren Population mittlerweile weltweit auf ca. 7,8 Milliarden Individuen angestiegen ist. Und die noch weiter ansteigen wird, trotz des demografischen Alterungsprozesses in den Industrieländern. Seit den Thesen des Club of Rome in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts über die Begrenztheit der Ressourcen unseres Planeten sind unzählige Untersuchungen, Analysen, Konferenzen und teilweise auch Vereinbarungen auf wissenschaftlichen und politischen Ebenen über die notwendigen Erfordernisse des Umganges mit unserer natürlichen Umwelt durchgeführt worden. Das Wissen über diesen gefährlichen Wandlungsprozess der Biosphäre ist allseits bekannt, doch es tut sich nichts Grundsätzliches zur Umkehr im Verhalten auf globaler Ebene. Die internationalen Bemühungen über die Begrenzung des CO2-Ausstoßes haben keine Wirkkraft angesichts der Verwertungsgesetze des Kapitals. Die Wirtschaft gibt die Richtung vor, Umwelt und Soziales haben in diesem Machtgefüge eine nachrangige Bedeutung. Die Verdrängung und Bagatellisierung der drohenden Zerstörung unserer Umwelt ist Anlass für verschiedene Überlegungen über die Zukunftsfähigkeit des Homo sapiens. Es liegen bereits Konzepte vor, den Menschen als ein biologisches Fehlprodukt zu klassifizieren, quasi als eine genetische Missgeburt mit vorgegebenem Verfallsdatum. Hierzu gehören auch die Thesen über den inhärenten kollektiven Todestrieb der Spezies, der sich u. a. in den vielen Mythen über den Weltuntergang manifestiert. Die vorliegende Schrift ist dieser Kategorie von Publikationen zuzuordnen.

Autor

Christian de Duve ist ein belgischer Biochemiker, der aufgrund seiner Forschungen über die Zellstrukturen 1974 den Nobelpreis erhielt.

Aufbau und Inhalt

Die Abhandlung ist in vier Teile mit insgesamt 20 Kapiteln unterteilt:

  • Teil I („Die Geschichte des Lebens auf der Erde“: Seite 1 - 44) besteht aus den drei Kapiteln „Die Einheit des Lebendigen“, „Die Entstehung des Lebens“ und „Die Evolution des Lebendigen“.
  • Teil II („Die Mechanismen des Lebendigen“: Seite 45 – 118) setzt sich aus den fünf Kapiteln „Stoffwechsel“, „Fortpflanzung“, „Embryonalentwicklung“, „Natürliche Selektion“ und „Andere Evolutionsmechanismen“ zusammen.
  • Teil III („Abenteuer Mensch“: Seite 119 – 174) enthält die fünf Kapitel „Die Entstehung des Menschen“, „Das Gehirn des Menschen entsteht“, „Unsere Gene werden geformt“, Der Preis des Erfolgs“ und „Ursünde“.
  • Teil IV („Herausforderungen für die Zukunft“: Seite 175 – 243) fasst in sieben Kapiteln Lösungen für die Problemlagen dar: „Option 1: Nichts tun“, „Option 2: Unsere Gene verbessern“, „Option 3: das Gehirn neu verdrahten“, „Option 4: Rückgriff auf die Religion“, „Option 5: Umweltschutz“, „Option 6: Eine Chance für die Frauen“ und „Option 7: Bevölkerungskontrolle“. Ein kurzer Epilog (Seite 245 – 246) bildet den Abschluss der Ausführungen.

Der Autor skizziert zu Beginn in groben Zügen die Entstehung des Lebens auf unserem Planeten. Es wird davon ausgegangen, dass vor etwa 4 Milliarden Jahren die Erde dergestalt eine Struktur entwickelte, dass Voraussetzungen für die Entstehung des Lebens gegeben waren. Vor ca. 3,55 Milliarden Jahren entstanden die ersten einfachen Formen des Lebens, die Einzeller. Bis sich allmählich mehrzellige Lebensformen entwickeln konnten, vergingen wiederum mehr als 2,5 Milliarden Jahre. Vor ca. einer Milliarde Jahre entwickelten sich dann zuerst die Pflanzen und bald darauf die Pilze. Tiere entstanden erst vor ca. 600 Millionen Jahren, als der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre auf 21 Prozent anstieg.

Im zweiten Teil werden die Wirkungselemente des Lebens in all seinen Formen beschrieben. Anfangs wird ausführlich der Stoffwechsel erläutert – „Lebende Zellen sind Chemiefabriken“ (Seite 47). Hierbei spielen die Katalysatoren eine vorrangige Rolle – „Wir sind, was unsere Katalysatoren sind“ (Seite 54). Es folgt das Kapitel über die Fortpflanzung, die mit der Verdopplung von Molekülen begann und sich im Laufe der Evolution weiter differenzierte. Ausführungen über die Embryonalentwicklung schließen sich an, wobei die Steuerungsmechanismen der Gene die entscheidenden Wirkkräfte darstellen. Die Gene selbst sind hierarchisch geordnet, die von „Obergenen“ organisiert werden (Seite 85). Das Kapitel über die natürliche Selektion behandelt u. a. das zentrale Element der Mutationen als Zufallsereignisse ohne Zweckbestimmung und den Einfluss der Umweltverhältnisse auf die Evolution. Das letzte Kapitel beschreibt andere Evolutionsmechanismen: u. a. die lamarckistische Vererbung ohne DNA-Beteiligung (u. a. Phänomene der so genannten „Epigenetik“) und den so genannten „Gendrift“, ein mathematisch fundiertes Konzept.

Der dritte Teil befasst sich mit dem Menschen als Spezies. Zu Beginn wird die allseits bekannte Geschichte der Menschwerdung von den frühen Hominiden vor ca. sechs Millionen Jahren bis zum Homo sapiens der Gegenwart beschrieben. Der Autor geht auch auf die verschiedenen Wanderungswellen aus Afrika in alle Regionen der Erde ein, erwähnt die zunehmende Nutzung von Werkzeugen in diesem evolutionären Prozess und sieht im Spracherwerb ein entscheidendes Charakteristikum der Spezies. Hieran anschließend wird die rasante Entwicklung des Hirnvolumens in diesem Entwicklungsprozess des Menschen thematisiert. Die Hirn- und damit auch die Schädelgröße wird letztlich von der anatomischen Begrenzung des Geburtskanals bestimmt, wobei die Geburt bereits vor Hirnreifung einsetzt (Neotonie). Des Weiteren werden die genetischen Aspekte der Evolution des Menschen angeführt. Am Ende geht de Duve auf die immensen Auswirkungen dieser Spezies auf die Umwelt und sein Verhalten ein, indem er das unaufhörliche Bevölkerungswachstum, die ständigen Kriege und Konflikte und die nachhaltige Zerstörung der Umwelt anführt. Er befürchtet, dass „der Menschheit ein furchterregendes Martyrium oder sogar die Auslöschung“ droht, falls keine gravierenden Änderungen eintreten sollten (Seite 168). Verantwortlich für diesen ökologischen Degenerationsprozess durch das menschliche Verhalten ist für den Autor die natürliche Selektion, die eine Reihe von Verhaltensmustern beim Menschen geformt hat, die er in diesem Zusammenhang als „Ursünde“ bezeichnet.

Der letzte Teil des Essays enthält ein Spektrum an Lösungsstrategien, die nach Meinung des Autors eine Wendung zum Guten in der gegenwärtig äußerst desolaten Weltlage darstellen könnten.

Im abschließenden Epilog fasst er die sich widersprechenden Annahmen seiner Ausführungen zusammen: der Niedergang und das drohende Aussterben der Spezies Homo sapiens ist letztlich genetisch determiniert und der Mensch habe aber zugleich „die einzigartige Fähigkeit, diesem Schicksal mithilfe seiner Vernunft zu entgehen.“ (Seite 245).

Diskussion

Die vorliegende Abhandlung beruht auf profundem Fachwissen, das souverän in markanter Formulierungskunst zum Ausdruck gebracht wird. Doch dies gilt nur für Ausführungen über das Fachgebiet des Autors, die Zellbiologie und die Entwicklung des Lebens. Problematisch erscheinen dem Rezensenten die folgenden Positionen hinsichtlich der Rettung der Spezies Homo sapiens vor ihrem drohenden Untergang:

  • Der Autor unterstellt, dass mit dem Menschen erstmals die Reflexionsfähigkeit in die Lebensprozesse dergestalt Eingang gefunden hat, dass nicht nur das komplexe Geschehen unserer Welt verstanden werden kann, sondern darüber hinaus auch zum Positiven verändert werden kann. Hier drückt sich das Prinzip Hoffnung in Gestalt der Vision einer imaginären kollektiven Vernunft aus. Diese Position wird vom Rezensenten nicht widersprochen, sondern nur deutlich relativiert. Am Beispiel der Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) lässt sich das belegen. Es wurde erst verboten, als die Ozonschicht schon massiv zerstört worden war. Die kollektive Vernunft zeigt sich hier als eine notdürftige Rettungsmaßnahme, als eine schwache Kraft. Diese reagierende Kraft kann jedoch aus gegenwärtiger Sicht die agierende und damit starke Kraft des kollektiven Wahnsinns unserer Spezies nicht nachhaltig in die Schranken weisen, wie es zum Beispiel die Phänomene Kernkraft und Wirtschaftskrisen immer wieder zeigen.
  • Der Autor ist nicht ganz frei von Machbarkeits- und zugleich auch Allmachtsphantasien, die so typisch für unsere Spezies sind. Dieses Denken drückt sich zum Beispiel in seinen Lösungsstrategien „Gene verbessern“ (u. a. Klonen) und „das Gehirn neu verdrahten“ aus. Überzeugend wirken diese Konzepte nicht.

Fazit

Das vorliegende Essay bildet angesichts der brandaktuellen Ereignisse unseres gegenwärtigen krisenhaften Weltgeschehens eine fundierte Grundlage für das Nachdenken über unser Dasein. Trotz der angeführten kritischen Einwände kann es allen Lesern als Lektüre empfohlen werden.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Es gibt 219 Rezensionen von Sven Lind.

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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 20.06.2011 zu: Christian de Duve: Die Genetik der Ursünde. Die Auswirkung der natürlichen Selektion auf die Zukunft der Menschheit. Spektrum Verlag (Heidelberg) 2011. ISBN 978-3-8274-2708-3. Reihe: Spektrum-Sachbuch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10779.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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