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Berta Schrems: Der Prozess des Diagnostizierens in der Pflege

Cover Berta Schrems: Der Prozess des Diagnostizierens in der Pflege. UTB (Stuttgart) 2003. 335 Seiten. ISBN 978-3-8252-2468-4. 30,70 EUR.

ISBN 3-85076-633-0 (Facultas).
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Hintergrund und Thema des Buches

Der Einsatz von Pflegediagnosen wird seit langen Jahren diskutiert. Vordergründig scheint es also ein Buch über ein etabliertes Thema zu sein, doch schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass es ein Buch wie dieses noch nicht gab! In den meisten Publikationen werden die Inhalte und die Systematik von Pflegediagnosen selbst beschrieben und nicht selten praxisorientiert in Form einfacher Modelle der Anwendung vermittelt. Wie aber gelangt man zu einer Diagnose? Welche Vorgänge des Erkennens und Bewertens und Verbalisierens werden dabei durchlaufen? Welche Theorien liegen eigentlich zugrunde, wenn wir Wahrnehmungen, Beobachtungen, Interpretation und Bewertungen vornehmen? Berta Schrems zeigt theoriegeleitet vor allem den Prozess des Diagnostizierens auf und verdeutlicht anhand ausgewählter Pflegediagnosen welche impliziten Annahmen und Theorien zugrunde liegen, wenn eine Diagnose gestellt wird. Dabei scheut sie sich nicht, besonders schwierig zu diagnostizierende Pflegediagnosen zu thematisieren und näher zu beleuchten. Die Autorin verknüpft erkenntnistheoretische Grundlagen aus der Phänomenologie, der Systemtheorie und des Konstruktivismus mit Fragen der Pflegeklinik. So veranschaulicht sie auf einer konkreten Ebene den Nutzen des Wissens von Bezugswissenschaften um sonst recht abstrakt erscheinende Modelle aus für die praktische und klinische Fragestellung in der Pflege.

Zur Autorin

Berta Schrems studierte Soziologie an der Universität in Wien und arbeitete als Personal- und Organisationsentwicklerin. Sie war Professorin für Pflegewissenschaft an der Fachhochschule in Frankfurt am Main. Sie ist freiberuflich tätig in als Professorin für Pflegewissenschaft in Lehre, Forschung und Beratung der Pflege sowie in den Bereichen der Personal- und Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen.

Aufbau und Inhalt des Buches

Das Buch gliedert sich in sechs Abschnitte mit insgesamt 14 Kapiteln. Dabei wählt Schrems in jedem Abschnitt Pflegediagnosen aus, die umfassend vor dem Hintergrund der theoretischen Grundlagen von Bezugswissenschaften beschrieben und diskutiert werden. In einem einführenden Teil beschreibt Schrems die Bedeutung von Pflegediagnosen, die Stellung im Pflegeprozess und benennt kurz die zentralen Argumente der Befürworter und der Gegner der Pflegediagnosenbewegung. Im zweiten Abschnitt stellt sie die paradigmatischen Ansätze des "Verstehens" und des "Erklärens" gegenüber und erläutert zentrale Begriffe wie Hermeneutik. Ausführlich wird die Pflegediagnose "Wissensdefizit" beschrieben und vor dem Hintergrund verschiedener Interpretationsmöglichkeiten diskutiert. Dabei zeigt sie auf, welche Vorgänge des Verstehens, Interpretierens und Abklärens notwendig sind, um eine so schwierige Pflegediagnose sinnvoll einzusetzen. Anhand theoretischer Grundlagen des Konstruktivismus, des lösungsorientierten Ansatzes und der Systemtheorie wird dargelegt, welche Bedeutung die Perspektive des Betrachters für das Ableiten von Handlungen aus beschriebenen Problemen hat. In dem dritten Abschnitt werden Grundlagen der Kognitionswissenschaften vorgestellt, zentrale Gedanken der Emotionstheorie beschrieben und am Beispiel der Pflegediagnose "Angst und Furcht" erläutert. "Schmerz" und die systemtheoretischen Grundlagen des "Umdeutens" sind zentraler Inhalt des vierten Abschnittes, der sich mit Bedeutungszuschreibung und kontextuellen Faktoren auseinandersetzt. Im fünften Abschnitt wird vor allem diskutiert, wie das Feststellen eines Unterschiedes durch Beobachtung erfolgt und somit komplexe Informationen reduziert werden können. Unterschiede führen zu einer Grenzziehung. Am Beispiel scheinbar klarer Unterscheidungen, wie der zwischen Krankheit und Gesundheit, zeigt Schrems auf, welche Fallstricke dies im Bereich der Pflege beinhalten kann. Der sechste und letzte Abschnitt widmet sich der Sprache und der Kommunikation. Dabei spannt die Autorin einen großen Bogen und bleibt nicht auf der Ebene der verbalen Kommunikation stehen. Symbole und Metaphern und deren Bedeutung werden anschaulich beschrieben.

Diskussion

Die Autorin bemüht sich darum, umfassende erkenntnistheoretische Grundlagen unter der Perspektive pflegerelevanter Fragestellungen zu betrachten und neu zu ordnen. Sie folgt dabei nicht einer wissenschaftstheoretischen Entwicklung und Diskussion, sondern orientiert sich an deren jeweiligen Anwendung bezogen auf klinische Probleme des Patienten. Somit werden die einzelnen Erkenntnistheorien nicht in einer umfassenden Beschreibung vorgelegt. Dieses Buch ist daher kein wissenschaftstheoretisches Werk im eigentlichen Sinne und ersetzt das Lesen anderer Standardwerke nicht, sondern eines, das die Wissenschaftstheorien anwendet und deren Bedeutung veranschaulicht.

Exkurse, Übungen und Fragen der Vertiefung machen aus diesem Buch ein Lehr- und Studienbuch.

Zielgruppen

Das Werk richtet sich eher an Studierende der pflegewissenschaftlichen Studiengänge, Pflegelehrende und Pflegewissenschaftler, die sich mit dem Thema der Pflegediagnosen auseinander setzen wollen, denn an Pflegepraktiker. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Buch von Facultas verlegt wird. Das Buch ist sprachlich wie inhaltlich auf einem sehr hohen Niveau geschrieben und setzt seinen Fokus auf eine theoriegeleitete und gedankliche Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Themas Diagnostizieren. Somit ist es weniger für Fragen der Umsetzung geeignet als vielmehr ein umfassendes Werk des Nachdenkens. Durch die Übungen und vertiefenden Fragen eignet sich dieses Buch auch als Lehrbuch in diesem Bereich.

Fazit

Das Buch ist ein "Feuerwerk der Aha-Effekte". Schrems gelingt es, das Wissen von Bezugswissenschaften umfassend darzulegen und vor dem Hintergrund einer klinischen Fragestellung der Pflege neu zu ordnen und zu diskutieren. Dass dabei am Ende mehr Gedanken und Fragen stehen bleiben als Antworten und Rezepte gegeben werden, ist selbstredend und wohltuend. Leider sind die Grafiken und Abbildungen sehr einfach und in schwarzweiß gehalten. Ein bisschen Farbe hätte dem Inhalt nicht geschadet und so bleibt der eher nüchterne Charakter eines wissenschaftlichen Buches bestehen, obwohl die Inhalte spannend sind wie ein Krimi. Die umfassenden Quellenangaben, die Rezeption maßgeblicher Theoretiker und deren zentraler Gedanken, sowie die ausführliche Beschreibung und strukturierte Hinleitung zu theoretischen Denkwelten, zeichnen dieses Buch in besonderem Maße aus. Für Studierende ermöglicht dieses Buch, den Einfluss der wissenschaftstheoretischen Grundlagen auf reale Fragen im Pflegealltag nachzuvollziehen.

Wer nach dem Lesen dieses Buches noch denkt, dass eine Pflegediagnose eine einheitliche Benennung eines Pflegeproblems und leicht zu ermitteln ist, der sollte es in jedem Falle noch einmal lesen. Es kann garantiert werden, dass dieses Buch auch beim zweiten Lesen nicht langweilig wird und weitere Denkwelten und Erkenntnisse bereithält. Dieses Buch gehört zu den besten Fachbüchern, die ich zu dem Themenbereich bislang gelesen habe!


Rezensent
Prof. Dr. Michael Isfort
Dipl. Pflegewiss.
Katholische Hochschule (KatHO) NRW, Köln


Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Auszüge dieser Rezension sind als Printversion in der Zeitschrift pflegenetz (April 2004, S. 26) veröffentlicht worden.


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Zitiervorschlag
Michael Isfort. Rezension vom 03.02.2004 zu: Berta Schrems: Der Prozess des Diagnostizierens in der Pflege. UTB (Stuttgart) 2003. ISBN 978-3-8252-2468-4. ISBN 3-85076-633-0 (Facultas). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1078.php, Datum des Zugriffs 19.03.2019.


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