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Edith Broszinsky-Schwabe: Interkulturelle Kommunikation

Rezensiert von Dr. Wolfgang Rechtien, 04.05.2011

Cover Edith Broszinsky-Schwabe: Interkulturelle Kommunikation ISBN 978-3-531-17174-6

Edith Broszinsky-Schwabe: Interkulturelle Kommunikation. Missverständnisse und Verständigung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-531-17174-6. 24,90 EUR.

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Thema

Die Verständigung zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen ist kompliziert und häufig mit Missverständnissen verbunden. Um Verständigung zu erreichen, ist es wichtig, kulturelle Einflussfaktoren und kulturbedingte Besonderheiten in Kommunikationsprozessen zu kennen.

Autorin

Die Autorin ist Kulturwissenschaftlerin (Dr. phil.habil.) mit langjähriger Lehrerfahrung für Interkulturelle Studien an der Humboldt Universität Berlin.

Aufbau und Inhalt

Neben Vorwort, Einleitung, Literaturverzeichnis und Bildnachweis enthält das Buch 10 Kapitel sowie einen Ausblick.

Die Einleitung erläutert die Relevanz des Themas angesichts der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Veränderungen in der Folge der Globalisierung und insbesondere der neuen Kommunikationstechnologien und wirft die Frage nach den für interkulturelle Kommunikation erforderlichen Kompetenzen auf.

Interkulturelle Kommunikation als Spezialfall sozialer Kommunikation wird im 1. Kapitel behandelt. Grundlegende kommunikationstheoretische Begriffe (wie Kommunikation, Zeichen und Symbole) und Modelle werden vorgestellt. Kurz erwähnt und kritisch betrachtet wird die sog. Lasswell-Formel (Who – says – what – in which channel – to whom – with what effect), das Modell von Shannon und Weaver (Enkodierung beim Sender – Übermittlung – Dekodierung beim Empfänger sowie das Modell von Hermann (mit gemeinsamen Vorräten an Bedeutungen, Zeichen und Bedeutungs-Zeichen Zuordnungen bei den Kommunikationspartnern). Im Hinblick auf interkulturelle Kommunikation werden ausführlicher das Kommunikationsmodell von Watzlawick, Beavin und Jackson (Watzlawick, 1977) sowie die Konzepte von Gudykunst [Gudykunst, 2000 #2212] und Samovar (Samovar & Porter, 2001) behandelt. Das Kapitel schließt mit der Erörterung des Begriffes Interkulturelle Kommunikation und des kulturellen Weltbildes.

Im 2. Kapitel geht es um Interkulturalität und Identität – Die Kommunikationspartner. In einer interkulturellen Kommunikationssituation begegnen sich Personen mit je eigener personaler, sozialer und kultureller Identität. Im Kontext der Thematik dieses Buches ist natürlich Letztere besonders interessant. Im Alltagsverständnis wird sie zumeist als nationale Identität verstanden. In gewisser Weise quer dazu liegt die ethnische Kultur als Identitätsgemeinschaft (in Deutschland sind zum Beispiel neben der Mehrheitskultur der Deutschen die Sorben und die Dänen anerkannte ethnische Minderheiten). Zum Abschluss des Kapitels werden die Frage nach der Möglichkeit einer übernationalen kulturellen Identität, das Konzept der Kulturkreise sowie der für die Thematik des Buches relevante Zusammenhang zwischen Sprache und Identität behandelt.

Kultur in der Kommunikation“ ist das 3. Kapitel betitelt. In der Begegnung mit Angehörigen einer anderen Kultur wird die Selbstverständlichkeit der Verständigung in Frage gestellt – sowohl hinsichtlich der Bedeutung verbaler und nonverbaler Signale als auch hinsichtlich der dem (Kommunikations)Verhalten unterliegenden Regeln und Werte. Die Autorin folgt Hall (Hall, 1959) in seiner Argumentation, dass das „kulturelle“ der menschlichen Gemeinschaften darin besteht, biologisch bestimmte Anforderungen durch kulturelle Weiterentwicklungen spezifisch menschlich gestaltet zu haben. Wenngleich die Grundbedürfnisse des Menschen überall gleich sind, sind die Wege zur Befriedigung von der vorgefundenen natürlichen Umwelt abhängig und führen zur Entstehung unterschiedlicher Werte und Normsysteme. Bereits die Wahrnehmung der umgebenden Natur ist kulturell bedingt, entsprechend unterscheiden sich die sozialen Bewältigungsformen, damit die Kommunikationsformen. Kulturen unterscheiden (oder gleichen) sich also – so Broszinsky-Schwabe – je nach den konkreten Ausgangsbedingungen.
Im Weiteren wird in diesem Kapitel der Prozess der kulturellen Sozialisation (engl. “Enculturation“) diskutiert, insbesondere, welche kulturellen Charakteristika für Kommunikationsprozesse (im weitesten Sinne) bedeutsam sind. Mit Hall werden v.a. die Dichte des Informationsnetzes, das Kommunikationstempo und die Abfolge von Kommunikationshandlungen (Aktionsketten) geschildert. Ausführlich und mit Bezug auf eine ganze Reihe von Untersuchungen wird die Frage nach der Messbarkeit kultureller Unterschiede behandelt.

Kommunikationsunterschiede und Interkulturelle Missverständnisse auf der Ebene der verbalen Kommunikation sind ausführlicher Gegenstand des 4. Kapitels, unterlegt wird dies mit vielen kleinen Beispielen.

Physische Erscheinung, Mimik, Gestik, Körperkontakt und Gerüche als Bestandteile nonverbaler Kommunikation sind wesentlich für das Erkennen und Verstehen kulturbedingter Unterschiede und Gemeinsamkeiten (Kapitel 5: Nonverbale Kommunikation); auch hier finden sich zahlreiche Beispiele.

Grundsätzliches zu Distanz und Zeiterleben findet sich im 6. Kapitel (Begegnungen in Raum und Zeit). Distanzverhalten, d.h. die soziale Nutzung des Raumes, ist – insbesondere hinsichtlich des persönlichen Raumes, der Sitzordnung und der Raumgestaltung mit Mobiliar – kulturspezifisch, ebenso der Umgang mit Zeit. Broszinsky-Schwabe diskutiert den Konfliktpunkt Pünktlichkeit, lineares und zyklisches Zeitverständnis, die Strukturierung von Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, das Tempo des Lebens sowie die Messung von Zeit etwa in Kalendersystemen.

Wieder unmittelbarer mit interkultureller Kommunikation verbunden sind die in Kapitel 7 behandelten Interaktionsrituale. Für den Erfolg von (interkultureller) Kommunikation ist die Befolgung sozialer Normen von Bedeutung, und zwar nicht nur der formalisierten Regeln, sondern eher noch der impliziten Normen (Sitten, Gebräuche usw.). Begrüßungsrituale, Abschied und Trauer, Gastfreundschaft, Symbole und Bedeutung von Farben werden diskutiert.

Eng damit zusammen hängt die Bedeutung von Werten in der Kommunikation (Kapitel 8). Diese gehören zur Identität von Individuen und von sozialen Gruppen und sind weitgehend kulturspezifisch. Am Beispiel Afrika wird die Bedeutung der Familie behandelt, weiter konfuzianische Wertvorstellungen in Korea, die Bedeutung der Ehre in der Türkei sowie ethische Werte in den Weltreligionen.

Das Fremde in der Interkulturellen Kommunikation (9. Kapitel) begegnet uns in unterschiedlichem Maße und in unterschiedlicher Weise. Broszinsky-Schwabe schildert historisch geprägte Haltungen am Beispiel der Entdeckung Amerikas und geht dann auf Unterschiede auf der Skala von vertraut bis fremd ein. Der Umgang mit Fremdheit nötigt zum Nachdenken über die Möglichkeit universaler, nicht kulturgebundener Werte. Die Haltung gegenüber dem Fremden ist bestimmt durch die – kulturspezifisch geprägte – Soziogenese des Einzelnen. Broszinsky-Schwabe zitiert die Konstrukte des Schweizer Psychoanalytikers Erdheim (1988, 1997): „In der Xenophobie meidet man das Fremde, um das Eigene nicht in Frage stellen zu müssen, im Exotismus zieht es einen in die Fremde, und man muss deshalb zu Hause nichts ändern.“ Es sind zwei Aspekte, die der Autorin zufolge in interkultureller Kommunikation relevant sind: es geht einerseits um Beziehungen zwischen Personen, andererseits um Intergruppenbeziehungen mit In- und Out-Group-Phänomenen, zum Beispiel Stereotypisierung, die anhand zweier Beispiele (Deutschland – Japan bzw. Frankreich) verdeutlich wird. Ein unvorbereiteter längerer Aufenthalt in eine deutlich fremde Kultur kann zu Abwehrreaktionen führen, die sich in Heimweh, Depression, Störungen des Arbeitsverhaltens u.a.m. äußern und als Kulturschock bezeichnet werden. Broszinsky-Schwabe schildert Möglichkeiten zur Krisenbewältigung nach Ferraro (Ferraro, 2002).

Der Verbesserung interkultureller Handlungskompetenz soll das 10. Kapitel dienen. Als Grundvoraussetzungen werden ein bestimmtes Maß an Wissen über die andere Kultur, eine die eigene Kultur relativierende Einstellung, Fähigkeiten wie Abbau von Angst und Unsicherheit durch den Erwerb neuer Kenntnisse und die Fähigkeit zur Empathie. Trainingsprogramme zur Kompetenzvermittlung können kulturübergreifend oder kulturspezifisch sein; einige Trainingsmethoden und inhaltliche Orientierungen werden kurz vorgestellt. Neben Wissen und sozialer Kompetenz wird die Fähigkeit und Bereitschaft zur Analyse der eigenen Wahrnehmungs- und Kommunikationsweisen betont.

Auf der Ebene kulturübergreifender Wirtschaftsbeziehungen wird die Relevanz kultureller Einflussfaktoren auf Management-Prozesse, auf Strategien internationaler Unternehmenspolitik und auf kulturspezifische Geschäftspraktiken hingewiesen. Eingegangen wird auf Austauschprogramme im Rahmen von Studium und Ausbildung auf kurz- oder langfristige berufliche Tätigkeit im Ausland sowie auf den sensiblen Bereich des Tourismus. Abschnitte über Zuwanderung, Assimilation vs. Akkulturation, wirtschaftliche und soziale Integration von Migranten bilden den Abschluss dieses Kapitels. Das Buch schließt mit einem kurzen Ausblick über Kulturelle Globalisierung und Interkulturelle Kommunikation.

Diskussion und Fazit

Das Buch bietet weit gefächerte Informationen zu einem relevanten Thema und bleibt dabei nicht auf der Ebene praktischer Handlungshinweise, sondern geht – insbesondere in den ersten Kapiteln – auch auf theoretische Überlegungen und empirische Befunde zur Begegnung zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen ein und bietet daher Anregungen zu weiterer Lektüre und Reflexion. Zahlreiche Beispiele verdeutlichen die behandelten Verständigungshürden, wobei die Zuordnung zu Kulturkreisen statt zu Teilbereichen der Kommunikation die Auffindbarkeit und daher Nutzbarkeit zumindest für mich erleichtert hätte.

Die im ersten Kapitel vorgestellten formalen Kommunikationsmodelle (Lasswell, Shannon & Weaver) scheinen mir für das Verständnis interkultureller Kommunikationshürden weniger geeignet, das von McCroskey (McCroskey, 1968) entwickelte Modell mit seiner expliziten Berücksichtigung von Kodierungs- und Dekodierungsprozessen sowie Meinungsbildung und Verhaltensselektion bei den Kommunikationspartnern wäre hier hilfreicher.

Als jemandem, der regelmäßig mit wissenschaftlicher Literatur arbeitet, liegt mir das Verzeichnis der Literatur besonders am Herzen. Mindestens drei der im Text erwähnten Werke fehlen leider im Literaturverzeichnis, Schreibweise bei Autorennamen in In-Text-Zitaten und Verzeichnis sowie die Alphabetisierung sollten bei einer Neuauflage durchgesehen werden.

Insgesamt bietet das Werk eine hilfreiche und weiterführende Basis für die bei der Arbeit in interkulturellen Konstellationen auftretenden Probleme.

Literatur

  • Erdheim, M. (1988; 1997). Psychoanalyse und Unbewusstheit in der Kultur. Frankfurt: Suhrkamp.
  • Ferraro, G. P. (2002). The cultural dimension of international business. New Yersey: Pearson Education.
  • Gudykunst, William B. & Kim, Y. Y. (2000). Communicating with strangers. An approach to intercultural communication. New York: McGraw-Hill.
  • Hall, E. T. (1959). The Silent Language. Garden City, New York: Fawcett Publications.
  • McCroskey, J. C. (1968). An introduction to rhetorical communication. Englewood Cliffs: Prentice Hall.
  • Samovar, L. A. & Porter, R. E. (2001). Communication between Cultures. Belmont/Cal.: Wadsworth Publishing Company.
  • Watzlawick, P. (1977). Die Möglichkeit des Andersseins. Bern: Huber.

Rezension von
Dr. Wolfgang Rechtien
Bis 2009 Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Kurt Lewin Institutes für Psychologie der FernUniversität sowie Ausbildungsleiter für Psychologische Psychotherapie.
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Es gibt 36 Rezensionen von Wolfgang Rechtien.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Rechtien. Rezension vom 04.05.2011 zu: Edith Broszinsky-Schwabe: Interkulturelle Kommunikation. Missverständnisse und Verständigung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17174-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10780.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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