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Kurt Lewin: Schriften zur angewandten Psychologie

Cover Kurt Lewin: Schriften zur angewandten Psychologie. Aufsätze, Vorträge, Rezensionen. Krammer (Wien) 2009. 288 Seiten. ISBN 978-3-901811-46-3. 28,00 EUR.

Herausgegeben und eingeleitet von Helmut E. Lück.
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Herausgeber und Entstehungshintergrund

Die Schriften zur angewandten Psychologie eines der bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhunderts wurden von Helmut E. Lück herausgegeben, seit 1978 Professor für Sozialpsychologie an der Fernuniversität Hagen - inzwischen emeritiert -, Mitherausgeber der Zeitschrift Gruppendynamik, zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialpsychologie, Gruppendynamik und zur Geschichte der Psychologie. Helmut E. Lück widmet den Band Kurt Lewin (1890 -1947), von dem 26 Originalarbeiten aus den Jahren 1917 – 1946 aufgenommen wurden, die teils bisher in deutscher Sprache unveröffentlicht waren und die nicht in den Kurt Lewin Werkausgaben (1981/ 1982/1982a/1983) enthalten sind. Der Band soll den Charakter eines „Lewin-Readers“ haben in Ergänzung zu den vier Bänden der Kurt-Lewin-Werkausgabe und auch in Lehrveranstaltungen Verwendung finden können. „Wenn es zu einer Auseinandersetzung mit dem Werk Lewins beiträgt, hat sich die Mühe gelohnt“ (Vorwort S.5).

Lewin hat wegweisend zur Konfliktpsychologie und Motivationspsychologie und dann nach seiner erzwungenen Emigration in die USA zu Führungsstilen und deren Wirkungen sowie zum Entscheidungsverhalten in Gruppen geforscht. Auch die Aktionsforschung geht wesentlich auf Lewin zurück.

Aufbau

Helmut E. Lück bringt in der Einführung in den Band (S.7 – 26).einen informativen zusammenfassenden Überblick über die aufgenommen 26 Originalarbeiten Lewins - chronologisch angeordnet (1917 – 1946) - , bei denen der Schwerpunkt in einem hohen Anwendungsbezug liegt und dieses gilt ebenso für die Rezensionen (1917 – 1926). Beigefügt ist dem Band eine DVD „Kurt Lewin“ mit Filmen, die Lewin in seiner Zeit am Berliner Psychologischen Institut selbst gedreht hat, sowie mit Vorträgen und Statements zahlreicher Wissenschaftler zu Kurt Lewin, weiteren Dokumenten und einem ausführlichen Vortrag des Herausgebers zu Kurt Lewin, seinem Leben und Werk, Grundbegriffe der Feldtheorie werden erläutert.

Inhalt

Die ausgewählten Aufsätze weisen ein weites Spektrum angeschnittener Fragestellungen auf und beginnen mit Kriegslandschaft (1917), der ersten Veröffentlichung Lewins in einer wissenschaftlichen Zeitschrift, heute ein „Klassiker“, ein früher Grundstein der Feldtheorie. Und die Aufsatzsammlung schließt ab mit Aktionsforschung und Minderheitenproblem (1946), ein praxisbezogener Ansatz der Intergruppenarbeit in der Sozialen Arbeit steht im Mittelpunkt. Die Aufsätze sind für das Verständnis Lewins, seines theoretischen Erklärungsansatzes und der experimentellen Vorgehensweisen in Verknüpfung mit praxisbezogenen Fragestellungen durchgehend interessant. Im Folgenden sollen exemplarisch einige Aufsätze kurz herausgegriffen werden.

In: „Die Entwicklung der experimentellen Willenspsychologie und die Psychotherapie“ (1929) (S. 81 – 111) verteidigt Lewin die Bedeutung stringenter experimenteller Untersuchungen auch des „höheren Seelenlebens“ (S.81). Das Experiment wird als der Königsweg zur psychologischen Theorienbildung herausgearbeitet und sei unverzichtbar auch in der Untersuchung so komplexer Handlungen wie der Willenshandlungen. Der Zugang über ausgefeilte Laborexperimente sei hier ausgesprochen erfolgversprechend, wie Lewin anhand etlicher Untersuchungsergebnisse beispielsweise von Tamara Dembo und Anitra Karsten sowie sehr anschaulich auch anhand von Filmaufnahmen illustriert und kommentiert. Grundsätzlich gehe es bei der experimentellen Überprüfung um „die Ermittlung der Gesetze der seelischen Triebkräfte“ (S.91), wobei Lewin eine Brücke schlägt zu einigen Gedanken Freuds und Adlers (S.105). Die Annahme, dass es Gesetzlichkeiten seelischer Prozesse gebe - so beispielsweise den Sättigungseffekt -, diskutiert er sehr differenziert und abgewogen. Dabei nimmt er in all seinen Aufsätzen fast durchgehend Bezug auf die Grundannahme der Feldtheorie, dass psychisches Geschehen immer in Abhängigkeit von den jeweiligen Ganzheiten erfolge. Und hierin bestehen „die wichtigsten, schwierigsten, aber doch durchführbaren Aufgaben der experimentellen Untersuchungen“ (…), „die im konkreten Falle vorliegenden dynamischen Ganzheiten zu ermitteln, beziehungsweise Ganzheiten völlig verschiedener Struktur zu erzeugen und die Art der Abhängigkeit des Geschehens von den jeweiligen Ganzheiten festzustellen“ (S.107). Dabei sind auch die individuellen Unterschiede, die für die Psychotherapie so grundlegend sind, von besonderem Interesse. „Fast jede experimentelle psychologische Arbeit über allgemeine Gesetze des Willenlebens liefert sozusagen als notwendiges Nebenprodukt Einblicke in individuelle Unterschiede“ (S.109). In die Zukunft psychologischer Forschung und Theorien weisend beendet Lewin seinen Aufsatz: „Gelingt es der experimentellen Psychologie, überhaupt den Zugang zu den lebenswichtigen und daher für den Psychotherapeuten im Mittelpunkt seines Interesses stehenden Prozessen des Willens-, Trieb- und Affektlebens zu gewinnen – und das scheint gegenwärtig erreicht - , so dürfte auch die praktische Bedeutung der experimentellen Psychologie auf diesem Gebiet bald ein wesentliches Gewicht bekommen“ (S.111).

Der AufsatzPsychoanalyse und Topologische Psychologie“ (1930)(S.121 -130), stellt eine Fortführung der von Lewin formulierten Positionen auch in Relation zur Psychoanalyse dar, wobei insbesondere wieder der methodologische Diskurs im Vordergrund steht und hier kritisch gegen die nicht genügend abgesicherte methodische Basis psychoanalytischer Termini und Theorien Stellung bezogen wird mit großer Differenziertheit im Bemühen, den Positionen Freuds gerecht zu werden und als „Überlegenheit der Psychoanalyse“(…) „den historischen Aspekt des psychologischen Geschehens„(S.122) herausgestellt wird, der gleichzeitig die „Verpflichtung“(S.123) für die Psychoanalyse betone zwischen „historischen und systematischen Fragestellungen zu unterscheiden“ (S.123), was sehr genaue methodische Vorgehensweisen erforderlich mache, einer der „schwächsten Punkte ihrer Methodologie“, wie Lewin konstatiert (S.123). In der Auseinandersetzung mit den Positionen der Psychoanalyse präzisiert er noch einmal Grundannahmen der Topologischen Psychologie, beispielsweise dass nur existierende Fakten das Verhalten beeinflussen (S.124), was bedeutet „dass ein psychologisches Geschehen von heute nicht durch psychologische Fakten von gestern beeinflusst werden kann“ (S.124);“das Problem des Ausmaßes, bis zu welchem die dynamische Struktur der Person während der Entwicklung unverändert bleibt und bis zu welchem Ausmaß sich Veränderungen ereignen, ist eines der Grundprobleme der Psychologie“ (S.125). Auch die begriffliche Seite der Psychoanalyse wird von Lewin ausführlich einer kritischen Sichtung unterzogen (S. 125 – 129), wobei er beispielsweise auf den Terminus Regression eingeht und hervorhebt, dass Experimente von Barker; Dembo und Lewin (in dem vorliegenden Band enthalten, S.119 – 120) durchaus sehr überzeugend zeigen, dass „quantitative Messungen der Regression“ möglich sind (S.127). Beeindruckend an dem hier nachzulesenden Diskurs in der Auseinandersetzung mit Grundannahmen der Psychoanalyse erscheint insbesondere das Bemühen Lewins, eine Brücke zwischen Psychoanalyse und Topologischer Psychologie in großer toleranter Verbindlichkeit zu bauen.

Eine Anzahl der in diesem Band veröffentlichten Originalarbeiten Lewins sind nach seiner Zwangsemigration in die USA im Herbst 1933 erschienen.

Der Schwerpunkt liegt nun auf der experimentellen Erforschung der Gesetzmäßigkeiten von Gruppenprozessen sowie in der Entwicklung neuer methodischer Vorgehensweisen. Die beiden inzwischen klassischen experimentellen Ansätze zur Untersuchung von Autokratie und Demokratie in der Leitung von Kindergruppen und über autokratische und demokratische Atmosphären in eben diesen Gruppen werden in zwei Aufsätzen detailliert dargestellt: Lewin & Lippitt (1938) und Lewin (1939). Die methodische Weiterentwicklung bezieht sich nun insbesondere auch auf die statistische Analyse sozialer Interaktionen, was zu einer beginnenden „Mathematik des Gruppenlebens“ geführt habe (S.135), wie in dem entsprechenden Aufsatz von Lewin & Lippitt detailliert nachzulesen ist. Lewin (1939) greift bei der Klärung der Begriffe „Atmosphäre“ und „soziales Klima“ (S.140) den methodologischen Zugang zur Erforschung menschlichen Verhaltens wieder auf und benennt exakt die dabei vorherrschenden Probleme.

Eine Besonderheit stellen die Veröffentlichungen einiger Aufsätze Lewins dar zu aktuellen politischen Fragestellungen, die mit dem drohenden zweiten Weltkrieg (Angesichts von Gefahr (1939)) und dem Problem des Antisemitismus - und das auch bei der Gruppe jüdischer Bürger - verbunden sind (Selbsthass bei Juden (1941)); (Persönliche Anpassung und Gruppenzugehörigkeit (1941)). Dem „Kulturellen Wiederaufbau“ (1943), „einer Welt des Friedens, (…) - falls und wenn wir gewonnen haben - “ (S.179) widmet Lewin einen weiteren Aufsatz, ebenso dem „Sonderfall Deutschland (1943).

Die letzten in dem Band veröffentlichten Arbeiten Lewins demonstrieren die Weiterentwicklung der theoretischen Positionen dahingehend, dass nun praxisbezogene Problemstellungen der Anwendung von Gruppenexperimenten im Mittelpunkt stehen, die auch mit methodischen Weiterentwicklungen verbunden sind: Aktionsforschung und Feldexperimente zur Beeinflussung sozialer Wirklichkeiten, wie beispielsweise von Problemen der Minoritäten in der amerikanischen Gesellschaft. (Die Dynamik der Gruppenhandlung (1944)); (Forschung über Minderheitenprobleme (1946)); (Aktionsforschung und Minderheitenproblem (1946)). Das „Studium allgemeiner Gesetze des Gruppenlebens und der Diagnose einer spezifischen Situation“ sind „zwei ziemlich verschiedene Arten von Fragen“, mit denen sich die Sozialforschung befasst (S.250).

Den Band schließen von Lewin verfasste Rezensionen von 1916 – 1926 ab.

Die der DVD Kurt Lewin beigefügten Vorträge und Statements von Wissenschaftlern – so von einem Symposion 1990 in Weimar mit Schwerpunkt auf Kurt Lewin – sowie der Vortrag des Herausgebers Helmut E.Lück zu Kurt Lewin, seiner Theorie, der Feldtheorie und den grundlegenden Begriffen, ganz besonders auch die von Lewin zur Veranschaulichung seiner theoretischen Positionen gedrehten Filme mit Kindern erweitern noch einmal das wissenschaftliche Angebot, Kurt Lewins Werk in seiner Bedeutung für die moderne Psychologie einzuordnen.

Diskussion

Die ausgewählten 26 Originalarbeiten geben Einblick in die kontinuierliche Entwicklung der theoretischen Erklärungsansätze Lewins, die stringent mit seinen experimentellen Vorgehensweisen verknüpft sind. Insbesondere lässt sich die Entwicklung der Topologischen Psychologie, der Feldtheorie, mitverfolgen als der Werdegang einer ganz besonderen Methode psychologischer Theorienformulierung, die charakterisiert ist durch eine ausgeprägte Verschränkung mit dem experimentellen Zugang zur Alltagspraxis des Handelns, was die Dokumentationen der von Lewin gedrehten Filme mit Kindern aus seiner Berliner Zeit noch einmal auf faszinierende Weise belegen.

Deutlich wird durch die Aufsätze zudem, in welch hohem Maße Lewin mit einer Vielzahl seiner Schüler und Schülerinnen produktiv zusammengearbeitet hat. Viele der von ihm zitierten Autorinnen, zumeist Doktorandinnen Lewins, sind in die Psychologie eingegangen durch prägnante Begriffe, wie beispielsweise dem nach Bljuma Vol´fovna Zeigarnik (1900 – 1988) benannten Zeigarnik- Effekt (1927). Die Psychische Sättigung, zu der Anitra Karsten (1902 – 1988) experimentell gearbeitet hat, wird in Lewin „Die Bedeutung der „Psychischen Sättigung“ für einige Probleme der Psychotechnik“ (1928) (S. 49 – 65) sehr ausführlich miteinbezogen. Auch Tamara Dembo (1902 - 1993) wird immer wieder zitiert, so beispielsweise in Lewin „Eine experimentelle Methode zur Erzeugung von Affekten“ (1922) (S.43 – 45), gleichzeitig auch als Mitautorin in dem Aufsatz Roger Barker, Tamara Dembo & Kurt Lewin: Experimente zur Frustration und Regression von Kindern (1937) (S. 119 -120).

Die Veränderung der inhaltlichen und methodischen Schwerpunkte nach seiner Zwangsemigration 1933 in die USA lassen sich anhand der Aufsätze ebenfalls mitverfolgen. Im Mittelpunkt stehen nun Fragen der Sozialpsychologie, wie die Psychologie der Gruppe und zwischen Gruppen, experimentelle Studien, die bis heute zu den Klassikern sozialpsychologischer Experimente gehören. Aber auch der damals Europa heimsuchende Antisemitismus beschäftigte Lewin auf eine sehr persönliche Weise. Für alle, die sich eingehend mit Lewins Werken beschäftigen wollen, dürften Aufsätze wie beispielsweise zum „Selbsthass von Juden“ (1941) von besonderem Interesse sein.

Fazit

Der vorliegende Band eignet sich vorzüglich als „Lewin-Reader“, der begleitet und ergänzt wird von der beigefügten DVD. Die Aufsätze Lewins sowie seine Filme mit Kindern veranschaulichen, in welch hohem Maße theoretischer Diskurs, experimentelle Vorgehensweisen und der Bezug zum alltäglichen Handeln miteinander verschränkt, ja geradezu unlösbar verzahnt erscheinen, wenn dabei „eine gute Theorie“ herauskommen soll. Das hat bis heute einen beeindruckenden Modellcharakter, der kaum von psychologischer Forschung so stringent umgesetzt wurde wie einst von Kurt Lewin.

Der Band insbesondere mit der beigefügten DVD Kurt Lewin kann mit Gewinn in Lehrveranstaltungen der BA – und Master - Studiengänge Psychologie und Sozialer Arbeit, aber auch im Unterricht der gymnasialen Oberstufe Verwendung finden. Darüber hinaus geben Band und DVD einen lebendigen Einblick in die Geschichte der Psychologie zu Beginn und bis Mitte des vorigen Jahrhunderts exemplarisch anhand ausgewählter Aufsätze und selbst gefertigter Filme eines der bedeutendsten Psychologen dieser Zeit.


Rezensentin
Prof. Dr. Brigitte Bauer
(im Ruhestand), Dipl. Psych., Psychologische Psychotherapeutin Fachhochschule Münster ; Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Brigitte Bauer. Rezension vom 24.06.2011 zu: Kurt Lewin: Schriften zur angewandten Psychologie. Aufsätze, Vorträge, Rezensionen. Krammer (Wien) 2009. ISBN 978-3-901811-46-3. Herausgegeben und eingeleitet von Helmut E. Lück. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10782.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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