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Günther Robert, Kristin Pfeifer u.a. (Hrsg.): Aufwachsen in Dialog und sozialer Verantwortung

Cover Günther Robert, Kristin Pfeifer, Thomas Drößler (Hrsg.): Aufwachsen in Dialog und sozialer Verantwortung. Bildung - Risiken - Prävention in der frühen Kindheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 313 Seiten. ISBN 978-3-531-16759-6. 29,95 EUR.
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Herausgeberin und Herausgeber

Die drei HerausgeberInnen arbeiten an der Evangelischen Hochschule Dresden: Günther Robert ist dort Professor für Soziologie und empirische Sozialforschung, Kristin Pfeifer und Thomas Drößler sind in der Arbeitsstelle für Praxisberatung, Forschung und Entwicklung (apfe) beschäftigt, Kristin Pfeifer als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Thomas Drößler als Leiter des Kompetenzzentrums „Aufwachsen in sozialer Verantwortung“.

Anliegen und Aufbau

Die HerausgeberInnen haben das Ziel, die frühe Förderung von Entwicklung und Bildung ebenso in den Blick zu nehmen wie die Frühprävention von eventuellen Entwicklungsrisiken. Sie richten ihre Aufmerksamkeit dabei besonders auf die Beziehung zwischen öffentlicher und privater Erziehung.

Der Band enthält neben der Einleitung, die einen Überblick über die Inhalte aller Artikel gibt, 13 Beiträge von AutorInnen, davon 7 aus Dresden.

Inhalt

Mit Ernsthaftigkeit und wissenschaftlicher Akribie widmen sich eine Reihe von AutorInnen der Frage, was Prävention eigentlich sei. Bruno Hildenbrand und Heiner Keupp fragen in ihren Beiträgen, inwieweit Prävention ein Handeln vor einer befürchteten Krise ist, das auch Screenings aller Familien rechtfertigt. Dabei fordert Hildenbrand eine Haltung der Anerkennung statt der eines Verdachts und eine Ausbildung professioneller Kompetenz. Ähnlich kritisiert Keupp die Schaffung perfektionierter Kontrollsysteme. Er nimmt die soziale Ungleichheit in den Blick und betont, wie sehr fehlende Teilhabe Identitätsbildung erschwert. In seiner Vision zivilgesellschaftlicher Kompetenz vernachlässigt er allerdings den Kampf der Mittelschichten um ihren – im Vergleich zu den unteren Schichten – privilegierten Platz in der Gesellschaft.

Der Beitrag „Moderne Kindheiten-2 von Günther Robert und Stephan Hein lässt leider die Soziale Ungleichheit unter Kindern außen vor.

Stephan Hein, Günther Robert und Thomas Drößler schreiben über „Sprachlose Pädagogik“ und machen deutlich, dass die Präventionsprogrammatik, das pädagogische Selbstverständnis und die pädagogische Praxis häufig auseinanderklaffen. In dem Artikel „Präventive Skepsis“ behandeln die gleichen Autoren die Beziehung von Bildung und Prävention. Bildung wird demnach oft als Prävention von negativen Entwicklungen bei Kindern aus so genannten bildungsarmen Schichten angesehen, und damit auch als ökonomische Investition in die Zukunft. Allerdings bezweifeln die Autoren nachvollziehbar, dass das Personal in den Kindertageseinrichtungen die soziale (bzw. ökonomische) Ungleichheit durch pädagogische Maßnahmen kompensieren kann.

In den darauf folgenden Beiträgen werden Programme und Projekte dargestellt, mit denen Prävention zum einen auf die Bildungschancen von Kindern, zum anderen auf den expliziten Kinderschutz bezogen wird. Gefordert werden angesichts von Projektergebnissen:

  • eine bessere personelle Ausstattung von Kindertageseinrichtungen und die Berücksichtigung der Sozial- und Bildungsberichterstattung, um Bedarfe systematisch zu ermitteln (z.B. Kalicki, Brandes, Schenker)
  • die Einbeziehung der politischen Ebenen (z.B. Schäfer)
  • die Entwicklung von Fortbildungsangeboten (z.B. Grohmann/Glöckner),
  • die Vernetzung von Kindertageseinrichtungen untereinander, im Sozialraum und mit Forschungs- und Ausbildungsinstitutionen (z.B. Fröhlich-Gildhoff/Kraus-Gruner sowie Pfeifer und auch Deinet).

Dirk Nüsken nimmt in seinem Artikel die in den theoretischen Beiträgen formulierten Risiken des breiten und des spezifischen Zugangs im Hinblick auf die Kindeswohlgefährdung wieder auf, wo die entsprechenden Fragen sich auch am dringlichsten stellen.

Diskussion

Es geht den AutorInnen um ein Verständnis von Bildung in der Kindheit und Prävention, d.h., beide Begriffe müssen zunächst einmal auf ihre Konstruktionsmechanismen abgeklopft werden. Die theoretischen Beiträge konfrontieren die bestehenden Präventionsprojekte mit Fragen wie der eines allgemeinen Screenings, der Gefahr der Stigmatisierung und der Kontrolle, und der Transformation von sozialpolitischen Themen in pädagogische Programme. Hildenbrand und Keupp bewähren sich in ihren Beiträgen als gut lesbar, während Drößler, Robert und Hein die schwer zu goutierende Sprache deutscher WissenschaftlerInnen nutzen. Immerhin: Hier werden wichtige Fragen gestellt, die reflektiert werden müssen.

Demgegenüber beziehen sich die nachfolgenden Beiträge mit wenigen Ausnahmen – z.B. Nüske - nicht explizit auf diese Fragen. Damit stellt das Buch zwar ein interessantes Kompendium gegenwärtiger Präventionsbemühungen in Kitas dar, insgesamt jedoch wird die Chance einer grundsätzlichen theoretischen Unterfütterung verpasst. Aber das liegt sicher auch an der Problematik solcher Sammelbände.

Fazit

Für die Diskussion um Bildung in der Kita als Prävention ein interessantes Buch, aus dem man sich das heraussuchen kann/muss, was man für die eigene Tätigkeit (Ausbildung, Lehre, Praxis) am besten brauchen kann.


Rezensentin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de


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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 03.03.2011 zu: Günther Robert, Kristin Pfeifer, Thomas Drößler (Hrsg.): Aufwachsen in Dialog und sozialer Verantwortung. Bildung - Risiken - Prävention in der frühen Kindheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-16759-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10788.php, Datum des Zugriffs 24.09.2019.


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