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Carina Braun-Remmers: Unterschiede im Trauerbewältigungsverhalten

Rezensiert von Petra Rechenberg-Winter, Prof. Dr. Maria Wasner, 11.08.2011

Cover Carina Braun-Remmers: Unterschiede im Trauerbewältigungsverhalten ISBN 978-3-86955-536-2

Carina Braun-Remmers: Unterschiede im Trauerbewältigungsverhalten. Wie sich komplizierte Trauer von einfacher Trauer unterscheidet ; eine Studie zur Erfassung von Unterschieden in Bewältigungsverhalten, Persönlichkeitsstilen und Trauerreaktionen. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2010. 211 Seiten. ISBN 978-3-86955-536-2. 36,70 EUR.

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AutorIn

Die Autorin ist als Dipl. Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin in eigener Psychotherapeutischer Praxis in Chemnitz tätig.

Entstehungshintergrund

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um ihre Dissertation, die 2010 vom Promotionsausschuss der Universität Koblenz-Landau genehmigt wurde.

Inhalt

1. Einleitung. Die Autorin stellt sehr kurz gehalten ihr untersuchungsleitendes Trauerverständnis vor: Trauer als individuelle Reaktion auf den Verlust einer verstorbenen nahe stehenden Person in Abhängigkeit von der Beziehung, die der verstorbene und der hinterbliebene Mensch miteinander unterhielten, von den Veränderungen in der Umgebung und des Rollenverständnisses des Trauernden. Sie formuliert die Frage nach den Faktoren für eine erfolgreiche bzw. eingeschränkte Bewältigung.

2. Theoretische Aspekte. In einem Überblick über den Forschungsstand führt die Autorin kennzeichnende Faktoren der Trauer auf und stellt folgende Modelle zum Trauerverlauf vor: Life-Event-Modelle (Horowitz, Bonanno, Holen), Phasenmodell (Bowlby, Noclen-Hocksema und Larson), Konzept der Traueraufgaben (Worden) und das Duale Prozessmodell (Parkes, Stroebe und Shut) und verweist auf entsprechende empirische Ergebnisse (Remmers; Bonano, Znoj, Siddique und Horowitz; Beem, Maes, Cleirn, Shut und Garssen).
Es folgen Unterscheidungen einfacher und komplizierter Trauer mit aktueller diagnostischer Einordnung (DSM-IV, ICD 10), der Abgrenzung zu anderen Störungsbildern (Major Depression, Posttraumatische Belastungsstörung, Anpassungsstörung) und einem Vorschlag für diagnostische Kriterien der komplizierten Trauer (Modell der unterschiedlichen Reaktion auf stressreiche Ergebnisse von Horowitz). Hinweise auf Studien zur Epistemologie und Komorbidität schließen den Überblick ab.
Kapitel 2 wendet sich anschließend Forschungsergebnissen zu folgenden den Trauerprozess beeinflussenden Faktoren zu: Bewältigungsverhalten (problemorientiertes versus emotionszentriertes Coping, soziale Unterstützung), Optimismus, ausgewählte Persönlichkeitsvariablen (Neurotizismus, Kontrollüberzeugung, Resilienz, Lebenszufriedenheit), Geschlechtsunterschiede (Bewältigungsunterschiede, psychische Probleme, körperliche Symptome), soziodemografischen Einflüssen (Alter, zeitlicher Abstand zum Todestag, Zufriedenheit mit der Partnerschaft, Gläubigkeit und Todesursache) und Begleiterscheinungen der Trauer (Depressivität, Angst, Zwanghaftigkeit, somatische Veränderungen, Mortalität).
In diesen Kapiteln erhält man einen guten Überblick über den gegenwärtigen Stand der Forschung. Leider hat es aber die Autorin versäumt, die einzelnen Forschungsergebnisse in Beziehung zueinander zu stellen, kritisch zu reflektieren und zu bewerten (Studiendesign, Qualität des empirischen Vorgehens, Zahl der Befragten usw.), so dass keine wirkliche Einordnung dieser Ergebnisse möglich ist.

3. Entwicklung der Fragestellungen. Die Autorin verweist auf die unterschiedlichen Forschungsergebnisse und auf die Tatsache, dass bisher keine einheitlichen Kriterien vorliegen, die eine klar definierte Unterscheidung von einfacher Trauerreaktion und komplizierter Trauer ermöglichen bis auf das Komplizierte Trauer Modul KTM (Maercker und Langner).
Im Rahmen der Entwicklung ihrer Fragestellung diskutiert die Autorin die Rolle der Bewältigungsstrategien, die Rolle des Optimismus, den Einfluss weiterer Persönlichkeitsvariabeln (Neurotizismus, Kontrollüberzeugung, Resilienz, Lebenszufriedenheit), die Rolle des Geschlechts und der soziodemografischer Einflüsse.
Anschließend werden Hypothesen zu den psychischen (Depressivität, ängstliche Symptome, Symptome erhöhter Belastung) und somatischen Symptomen (Gesundheitszustand) vorgestellt sowie auf die Stärke der Vorhersage des KTM verwiesen, d.h. die Autorin hat hier zwei eigentlich unterschiedliche Fragestellungen miteinander verknüpft – nämlich zum einen die Frage nach Unterscheidungskriterien zwischen einfacher und komplizierter Trauer zum einen, zum anderen auch aber die Validierung des KTM.
Ein Überblick über 16 z. T. untergliederte Hypothesen rundet Kapitel 3 ab.

4. Methode. Zum Vorgehen verweist die Autorin auf ein vorgeschaltetes Informationsblatt, auf die Freiwilligkeit der Teilnahme und die anschließende Verteilung des KTM, anhand dessen Ergebnisse die 137 Teilnehmenden (78,8% weiblich, 20,4% männlich) im Alter zwischen 30 und 85 Jahre in die Gruppen „Komplizierte Trauer“ oder „Einfache Trauer“ eingeteilt wurden.
Für die Stichprobe wurden Teilnehmende deutschlandweit unsystematisch durch telefonische, schriftliche und persönliche Kontakte zu Seelsorgern, Trauergruppen, Selbsthilfegruppen, TrauerbegleiterIinnen, Bekannte der Autorin und ein Inserat in einer Tagezeitung in Rheinland-Pfalz rekruiert. Die Teilnehmenden mussten mindestens 18 Jahre alt sein und sollten ihren Ehe- oder Lebenspartner/in vor mindestens 12 Monaten verloren haben. Grafisch werden Altersverteilung, Zufriedenheit mit der Paarbeziehung, Todesursache, Dauer der Verwitwung, Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft und Gläubigkeit sowie die berufliche Tätigkeit der Teilnehmer/innen dargestellt.
Anschließend werden die Messinstrumente beschrieben (Ermittlung soziodemografischer Daten, KTM,Symptom Checkliste 90 Revised SCL-90-R, Beck-Depressions-Inventar BDI-II, Texas-Revised-Grief-Inventory TRIG, Impact of Event Scale-Revised IES-R, Satisfaction With Life Scale SWLS, Neo-Fünf-Faktoren-Inventar NEO-FFI, IPC-Fragebogen zu Kontrollüberzeugungen IPC, Life-Orientation-Test-Revision LOT-R, Resilienz-Skala RS-11, COPE, Fragebogen zum Gesundheitszustand SF-12).
Die statistische Auswertung erfolgte mit dem Programm SPSS.
Zur Überprüfung der Hypothesen, die sich überwiegend auf Mittelwertsunterschiede zwischen den Trauergruppen bezogen, wurden für die Skalen des KTM Korrelationen mit allen Variablen berechnet und zur Bestimmung der Mittelwertsunterschiede einfaktorielle Varianzanalysen bzw. der Mann-Whitney-U-Test durchgeführt.
Zur Überprüfung der Unabhängigkeit der kategorial-skalierten Variablen Geschlecht und Trauergruppenzugehörigkeit sowie Gläubigkeit und Trauergruppenzugehörigkeit wurden Chi-Quadrat-Tests berechnet.
Für den Zusammenhang zwischen den Skalen des KTM und Optimismus wurden Partialkorrelationen berechnet.
Zur Überprüfung evtl. Wechselwirkungen zwischen Geschlecht und Trauergruppenzugehörigkeit auf die Mittelwertsunterschiede der Trauernden wurden Multivariate Varianzanalysen durchgeführt.
Zur Beantwortung der Fragestellung, ob sich die Skalen des KTM und komplizierte Trauer durch die eingesetzten Variablen des KTM vorhersagen lassen, wurden schrittweise durchgeführte Multiple Regenerationsanalysen mit Bewältigungsverhalten, Optimismus, Persönlichkeitsvariablen, psychischen und somatischen Symptomen, soziodemografischen Daten und den Skalen des KTM als Prädiktoren berechnet.
Leider gibt die Autorin nicht an, ob sie eine Powerkalkulation für diese Studie durchgeführt hat; daher ist nicht klar, ob die Teilnehmerzahl ausreichend war, um die erwartete Effektstärke zu zeigen. Ebenso wenig wird deutlich, ob eine Bonferronikorrektur durchgeführt wurde, um zu verhindern, dass es bei der Vielzahl an zu überprüfenden Hypothesen zu falsch positiven Ergebnissen kommt. Dies schwächt die Qualität der Ergebnisse dieser Untersuchung.

5. Ergebnisse. Bei der Methodischen Entwicklung des KTM und der empirischen Überprüfung bezieht sich die Autorin auf Faktorenanalyse des KTM, Skalenbildung und Trennkennwerte, Faktorenpassung mit Orginalfragebogen, Validierung des KTM anhand von TRIG, BDI-II, IES-R.
Die Hypothesenüberprüfung berücksichtigt die Unterschiede zwischen den Trauergruppen bezüglich Bewältigungsstrategien, Optimismus, Neurotizismus, Kontrollüberzeugungen, Resilienz, Lebenszufriedenheit, Geschlechtsunterschiede, Alter, Ausprägung der Trauerreaktion, Zufriedenheit mit der Partnerschaft, Gläubigkeit, depressiver Symptome, Angstsymptomatik, psychischer Belastung, Gesundheitszustand und die Vorhersage der Skalen des KTM und der komplizierten Trauer.

6. Diskussion. Die Bedeutung der Ergebnisse und ihre Generalisierbarkeit werden kritisch reflektiert. Auf diesem Hintergrund schließt sich die Autorin sich der Empfehlung an, eine Diagnose mit komplizierter Trauer als eigenständiges Krankheitsbild in die gängigen Klassifikationssysteme aufzunehmen, da dies den Betroffenen den Zugang zu therapeutischen Hilfen erleichtern würde und einen Anreiz für weitere Forschungen zu therapeutischen Ansätzen darstellen könnte. Mit der damit verbundenen möglichen Gefahr einer Pathologisierung der Trauerreaktionen setzt sie sich kurz auseinander.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet einen guten Überblick über aktuellen Stand der Forschung in diesem Bereich. Leider werden aber die einzelnen Veröffentlichungen nur aufgezählt und es erfolgt keine Einordnung der Ergebnisse hinsichtlich Qualität der Arbeit, Studiendesign usw. Dadurch wirkt das ganze etwas verwirrend.

Die Autorin untersucht sehr viele Hypothesen, bei denen es zum einen um Unterschiede zwischen normaler und komplizierter Trauer geht, zum anderen um eine Validierung des KTM. Es wurden sehr viele Korrelationen untersucht mit vielen Items. Dies erscheint bei 137 Teilnehmern etwas fragwürdig. Wahrscheinlich wurden keine Powerkalkulation und keine Bonferroni-Korrektur durchgeführt, um die Mindestzahl von Teilnehmern festzuleben bzw. falsch positive Ergebnisse rauszufiltern.

Insgesamt wollte die Autorin wohl etwas zuviel. Dadurch geht an vielen Stellen der rote Faden der Arbeit verloren. Eindeutige Botschaft ist, dass das veränderte KTM valide ist und gut geeignet, um Menschen mit komplizierter Trauer zu erkennen.

Fazit

Trotz einiger methodischer Schwächen informiert dieses Buch über die aktuelle Forschung, bietet eine Fundgrube an Literaturhinweisen und ein umfangreiches diagnostisches Sortiment im Anhang.

Rezension von
Petra Rechenberg-Winter
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Prof. Dr. Maria Wasner
Professorin für Soziale Arbeit in Palliative Care
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Es gibt 12 Rezensionen von Petra Rechenberg-Winter.
Es gibt 2 Rezensionen von Maria Wasner.

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ISSN 2190-9245