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Andreas Kruse (Hrsg.): Potenziale im Altern

Cover Andreas Kruse (Hrsg.): Potenziale im Altern. Chancen und Aufgaben für Individuum und Gesellschaft. Akademische Verlagsgesellschaft AKA (Heidelberg) 2010. 394 Seiten. ISBN 978-3-89838-628-9. 79,00 EUR.
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Thema

Die Frage nach der Gestaltung eines ressourcenorientierten Verständnisses des Alters und der damit verbundenen Alternsprozesse gehört zu den Kernfragen des gegenwärtigen Diskurses innerhalb der Gerontologie und zwischen den mit ihr verbundenen Bezugswissenschaften. Dieser Frage wenden sich aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen inhaltlichen Bezügen die einzelnen Beiträge dieses Bandes zu. Grundlage des Buches ist ein in Heidelberg ausgerichteter Kongress zu „Potenzialen des Alters”, dessen Beiträge hier in wissenschaftlich ausgearbeiteter Form wiedergegeben sind.

Autorinnen und Autoren, Herausgeber

Insgesamt sind an dem Band 31 Autorinnen und Autoren beteiligt, zu denen Altmeister der Gerontologie gehören - etwa Ursula Lehr und Leopold Rosenmayr u.a. - aber auch die Repräsentanten der mittleren und jüngeren Generation der Alternswissenschaften. Der Herausgeber Andreas Kruse ist Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und langjähriger Vorsitzender der Altenberichtskommission der Bundesregierung.

Aufbau und Inhalt

In der Einführung (S. XI-XV) entwickelt Andreas Kruse den zentralen Leitgedanken des ganzen Buches: „Entscheidend ist, dass sich nun im gesellschaftlichen und kulturellen Diskurs ein Menschenbild durchsetzt, das von der lebenslang gegebenen Entwicklungsmöglichkeit des Menschen ausgeht, wie auch von dem lebenslang bestehenden Recht und der lebenslang bestehenden Verpflichtung des Individuums, sich zu bilden (wobei hier von einem umfassenden Bildungsbegriff auszugehen ist, der immer auch der Lebenswelt des Individuums entspricht). Für dieses Menschenbild, für die damit verbundenen Rechte und Verpflichtungen des Individuums werben (sic!), plädieren im Kern alle Beiträge.” (S. XIV) Entwickelt wird dieser Leitgedanken vor dem Hintergrund einer umfassenden Verantwortungsethik mit den Verantwortungsbezügen der Selbstsorge, der Mitverantwortung und der Verantwortung des Individuums vor der Schöpfung. (S. XIII)

Die einzelnen Beiträge des Buches gruppieren sich - entsprechend diesem Leitgedanken - um folgende Themenschwerpunkte.

1. Individuelle Potenziale (S. 3-97) Hier geben Andreas Kruse und Eric Schmitt einen einführenden Einblick in „Potenziale des Alters im Kontext individueller und gesellschaftlicher Entwicklung” (S. 3-30). Die Autoren gehen von existenzphilosophischen Überlegungen Sören Kierkegaards aus und entwickeln zentrale Bereiche, in denen sich Potenziale des Alters realisieren. Dabei werden auch gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse auf die Entwicklung von Alterspotenzialen in den Blick genommen wie Kohortenunterschiede, soziale Schichtung und Altersbilder. Abschließend werden zentrale Anforderungen für die Entwicklung, Aufrechterhaltung und Nutzung von Potenzialen auf der Grundlage der im 5. Altenbericht der Bundesregierung vertretenen Leitbilder erläutert.
Im Beitrag von Ursula Lehr - „Erfahrungswissen in der Zivilgesellschaft: Lebenserfahrung und Lebenswissen in ihrer Bedeutung für Individuum, Gesellschaft und Kultur” (S. 31-40) - geht es im Kern um interindividuelle Unterschiede im Alternsprozess und um die Überschneidung von Alterns- und Reifungskurve, aus der sich auch eine Unhaltbarkeit der Defizitthese des Alterns ergibt. Dabei ist allerdings der Begriff des Erfahrungswissens zu differenzieren.
Zweifel an der möglicherweise überschätzten Bedeutung des Erfahrungswissens meldet Leopold Rosenmayr in seinem Beitrag an: „Ist das Erfahrungswissen Älterer nicht doch eine Chimäre?” (S. 41-49) Dabei wird der Frage der Vermittelbarkeit von Erfahrungswissen nachgegangen und durch ein Postskript aus Vorschlägen von Meisterdenkern zum Begriff der Erfahrung (Philosophy in a Nutshell) ergänzt.
„Psychologische Stärken im Alter” werden im Beitrag von Daniela S. Jopp, Christoph Rott und Dagmara Wozniak (S. 51-74) näher beleuchtet und in fünf Dimensionen - Lebensmanagement-/Copingstrategien, Selbstwirksamkeit, Optimismus, Lebenssinn und Lebenswille - entfaltet und wissenschaftlich vertieft.
Abschließend nimmt Stefan Pohlmann im Beitrag „Alterspotenziale: Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wahrscheinlichkeit” (S. 75-97) Plastizität und Resilienz als Basispotentiale älterer Menschen in den Blick und differenziert den Begriff der Altersressourcen in ökonomische, zeitliche, soziale, physische sowie fachliche und methodische Ressourcen. Als behindernde Einflussfaktoren werden subjektive Morbidität und Fremdbestimmung sowie Über- und Unterforderung behandelt. Vor diesem empirischen Hintergrund werden Handlungsempfehlungen für die Entwicklung und Verwirklichung von Alterspotentialen vorgestellt.

2. Gesellschaftliche Potenziale (S. 99-181). Im englischsprachigen Beitrag von Simon Briggs - „Generational Awareness, Generational Consciousness and Generational Intelligence” - (S. 101-115) nimmt der Autor insbesondere den Begriff der ‘Generational Intelligence‘ in den Blick als ‘Reflexions- und Handlungsfähigkeit, bezogen auf den eigenen und fremden Lebenslauf, auf Familien- und Sozialgeschichte innerhalb des bestehenden gesellschaftlichen Klimas‘. In dieser mehrdimensionalen Funktion bildet der Begriff der Generational Intelligence eine Kernkompetenz zur Entfaltung gesellschaftlicher Potenziale des Alters.
Unter dem Titel „Erfahrungswissen im Dialog der Generationen - Offenheit und Mitverantwortung in den Generationenbeziehungen” (S. 117-130) geht Wilfried Härle auf die Notwendigkeit einer Wechselseitigkeit in den Generationenbeziehungen ein.
Aus der Differenzierung des Begriffs des Erfahrungswissens in Orientierungswissen (eher den Älteren zugeschrieben) und Verfügungswissen (eher den Jüngeren zugeschrieben) ergibt sich die Voraussetzung eines produktiven intergenerativen Wissensaustauschs.
Menschenrechtsaspekte bringt Andreas Wittrahm mit seinem Text „‘Unsere Tage zu zählen lehre uns…‘ Theologische Bausteine zu einem Altern in Freiheit und Würde” (S. 131-143) ins Gespräch. Dabei werden besonders die gemeinschaftsbezogenen und sozialen Gesichtspunkte der Begriffe „Freiheit” und „Würde” betont.
Thomas Klie spricht „Potenziale des Alters und Rollenangebote der Zivilgesellschaft” (S. 145-149) an und geht dabei besonders auf den Begriff der Zivilgesellschaft als den Aktionsraum für die Gestaltung von Alter durch die Betroffenen selbst wie durch die sie umgebenden gesellschaftlichen Räume ein.
Die Veränderung der Verteilung der Kaufkraft auf verschiedene Altersgruppen und die daraus resultierenden Veränderungen von Marketingstrategien nimmt Andrea Gröppel-Klein in ihrem Beitrag „Das Potenzial und das Verhalten älterer Konsumenten - Herausforderungen für das Marketing” (S. 161-181) in den Blick. Dabei werden auch interessante Beispiele der auf alte Menschen (und auf Geschlechter!) bezogenen Werbung etwa im Bereich von Finanzdienstleistungen und von Kosmetik vorgestellt.

3. Kulturelle Potenziale (S. 185-218) In diesem Abschnitt geht es um ethnologisch vergleichende Bezugnahmen auf Bedingungen des Alterns in außereuropäischen Kulturen:
Verena Keck und Jürg Wassmann vermitteln plastische Eindrücke individuellen Erlebens des eigenen Alterns im pazifischen Raum: „Das Älterwerden, der Tod und die Erinnerung - ein Beispiel aus Melanesien” (S. 185-201).
Carolin Kollewe beleuchtet am Beispiel Mexikos den lateinamerikanischen Raum, wo der demografische Wandel sich derzeit weltweit am rasantesten vollzieht: „Mexiko: Potenziale des Alters im Kontext großer gesellschaftlicher Ungleichheit?” (S. 203-218).

4. Potenziale in der Arbeitswelt und in Bildungskontexten (S. 221-299) Im Artikel „Erfahrungswissen in der Arbeitswelt” (S. 221- 234) widerlegen die Autoren Axel Börsch-Supan und Matthias Weiss anhand empirischer Untersuchungen landläufige Zuschreibungen von Defiziten an ältere Arbeitnehmer, insbesondere hinsichtlich deren Produktivität, ihren Fehlzeiten, ihrer Tendenz zu Frühverrentung sowie der Behauptung, sie nähmen jüngeren Arbeitnehmern die Arbeitsplätze weg.
„Erfahrungswissen in der Arbeitswelt - Kreativität und Innovationsfähigkeit älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter” (S. 235-250) lautet der Beitrag von Michael Hüther. Darin geht es vor allem um die weithin unterschätzte Plastizität älterer Menschen im Arbeitsverhalten sowie um ihr Motiviertheit, vorhandene Potenziale zu nutzen, wozu aber häufig die notwendigen Voraussetzungen in der Arbeitswelt fehlen. Es werden Wege aufgezeigt, wie Unternehmen, Sozialpartner und Politik die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit älterer Menschen besser nutzen können.
Gerhard Naegele beschreibt „Potenziale und berufliches Leistungsvermögen älterer Arbeitnehmer/innen vor alten und neuen Herausforderungen” (S. 251-270) und macht anhand des ‘Konzeptes der Beschäftigungsfähigkeit‘ deutlich, dass Kohorten- und Alterseffekte, die gegenwärtig gegen eine Einführung der Rente mit 67 sprechen, durch einen Paradigmenwechsel in der Qualifizierungs- und Beschäftigungspolitik überwunden werden könn(t)en.
Erkenntnisse der Psychologie der Lebensspanne nutzen Eva-Marie Kessler, Andreas Kruse und Ursula M. Staudinger in ihrem Beitrag „Produktivität durch eine lebensspannenorientierte Konzeption von Altern in Unternehmen”. (S. 271-284) Im Kontext einer lebensspannenorientierten dynamischen Personalentwicklung wird Alter als sich kontinuierlich verändernde Größe diskutiert und dabei betont, dass diese bei Anwendung entsprechender Maßnahmen produktivitätssteigernd genutzt werden kann.
Rudolf Tippelt und Bernhard Schmidt-Hertha sprechen „Potenziale der Bildung Älterer” (S. 285-299) an und zeigen Zusammenhänge zwischen der Lern- und Bildungsfähigkeit im Alter sowie der Bildungsbiografie auf. In diesem Zusammenhang wird auf die besondere Bedeutung von Bildungsaktivitäten für die soziale und kulturelle Teilhabe sowie ehrenamtliche Aktivitäten älterer Menschen hingewiesen.

5. Potenziale in Versorgungskontexten (S. 303-357). Cornel Sieber beschreibt in seinem Artikel „Plastizität im Alter als Gesundheitschance” (S. 303-310) vor dem Hintergrund ausgeprägter Heterogenität des Alters Möglichkeiten der optimalen Nutzung bestehender Plastizität und funktioneller Reserven als grundlegende Zielsetzung der Geriatrie. In diesem Zusammenhang wird auch die Geriatrie als ressourcenorientierte Medizin einer organorientierten Medizin gegenübergestellt und dabei auch auf Aspekte der Rentabilität befragt.
Gabriele Becker, Brigitte R. Merz, Anna Natus, Andrea Wetzel und Andreas Kruse befassen sich vor dem Hintergrund einer wachsenden Zahl von Schlaganfällen aber auch einer zunehmen Variabilität der Verlaufs- und Rehabilitationsperspektiven mit dem Thema „Das Rehabilitationspotenzial älterer Schlaganfallpatienten in der stationären geriatrischen Rehabilitation”. (S. 311-330)
Mit der erst wenig erforschten Frage nach Potenzialen demenzkranker Menschen und der Möglichkeit von individuellen Reifungsprozessen bei Demenz befasst sich Sonja Ehret in ihrem Beitrag „Potenziale von Menschen mit Demenz : Propulsivität - Begegnungsfähigkeit - Reifen”. (S. 331-342)
Vor dem Hintergrund von Viktor Frankls These des „Willens zum Sinn” geht schließlich Elke Ahlsdorf am Beispiel der Musik auf die Bedeutung sinnlichen Erlebens in der Autobiografie für die Entwicklungspotenziale im Alter ein: „Potenziale des Alters im klinisch-psychologischen Kontext: Autobiografisches Gedächtnis, Sinnerfahrung und Musik. (S. 343-357)

Jeder der beschriebenen Beiträge enthält ein ausführliches Literaturverzeichnis. Ein ausführliches Sachwort- und ein Personenregister schließen das Buch ab.

Diskussion

Das Buch ist eine umfassende Bestandsaufnahme des gegenwärtigen gerontologischen Diskussionsstandes und seiner intra- und interdisziplinären Bezüge mit Beiträgen von durchweg erstrangigen Autoren und Autorinnen. Dabei geht es in allen Teilen des Buches um eine konsequente Überwindung defizitorientierter Sichtweisen auf das Alter und um einen aus der Perspektive vieler Bezugswissenschaften abgesicherten Blick auf Ressourcen und Entwicklungspotentiale. Als Überblick über den gesamten Diskursraum der Gerontologie sowie als Einstieg in Teildisziplinen und Spezialfragen ist es eine Informationsquelle von besonders hohem Gewicht.

Zielgruppe

Insofern kann es geradezu als Pflichtlektüre für alle angesehen werden, die sich im akademischen und praktischen Kontext wissenschaftlich mit Altersfragen befassen. Dies gilt insbesondere für Lehrende, Forschende und Studierende an Hochschulen und Universitäten.

Fazit

Unbedingt empfehlenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 15.03.2011 zu: Andreas Kruse (Hrsg.): Potenziale im Altern. Chancen und Aufgaben für Individuum und Gesellschaft. Akademische Verlagsgesellschaft AKA (Heidelberg) 2010. ISBN 978-3-89838-628-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10793.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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