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Ann-Kathrin Schultz (Hrsg.): Ablösung vom Elternhaus

Cover Ann-Kathrin Schultz (Hrsg.): Ablösung vom Elternhaus. Der Übergang von Menschen mit geistiger Behinderung in das Wohnen außerhalb des Elternhauses in der Perspektive ihrer Eltern ; eine qualitative Studie. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2010. 301 Seiten. ISBN 978-3-88617-214-6. D: 25,00 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Die Umsetzung der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist ein wichtiges gesellschaftliches und politisches Thema.

Die Ablösung vom Elternhaus stellt eine bedeutsame Entwicklungsaufgabe dar, auch für Menschen mit geistiger Behinderung. Wie erleben Eltern von Heranwachsenden mit geistiger Behinderung den Übergang zum Wohnen außerhalb des Elternhauses, welche Unterstützungsmaßnahmen im Übergang sind notwendig?

Das vorliegende Buch ist die gekürzte Fassung der Dissertation der Autorin an der Universität Oldenburg.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin definiert geistige Behinderung als Beeinträchtigung der kognitiven Entwicklung, die sich in Interaktion mit Kontextfaktoren auf vielfältige Aspekte der menschlichen Aktivität und damit der Teilhabe auswirkt. Ablösung ist ein komplexer beidseitiger Prozess im Zusammenleben von Eltern und Kind mit zunehmender Autonomieentwicklung, der in der Regel im Auszug seinen Höhepunkt erreicht und unterschiedliche Ebenen umfasst.

Im theoretischen Teil der Arbeit wird die Situation der heutigen Familien „im Wandel“ beschrieben und die besonderen Aufgaben, Anforderungen und Belastungen bei einem behinderten Kind herausgearbeitet.

Nach einer kurzen Einführung in Theorien der Ablösung werden gesellschaftliche Aspekte ausführlich dargestellt, so der Wandel des Übergangs ins Erwachsenenalter oder Determinanten des Auszugs. Die widersprüchlichen Erwartungen und Anforderungen bei Menschen mit geistiger Behinderung werden deutlich; so werde bei jungen Erwachsenen ohne Behinderung der verspätete Auszug aus dem „Hotel Mama“ kritisiert, bei Kindern mit Behinderung werde aber erwartet, dass die Eltern so lange wie möglich die pflegerische Verantwortung für das Kind übernehmen.

Anschließend wird die Ablösung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, aus der Perspektive des Heranwachsenden, der Geschwister, der Eltern. Es wird jeweils der Forschungsstand zu Menschen ohne Behinderung referiert sowie die Besonderheiten bei Menschen mit geistiger Behinderung herausgearbeitet. So wird deutlich, dass im Gegensatz zu Eltern von Menschen ohne Behinderung viele Eltern von Kindern mit Behinderung den Auszug als Notlösung ansehen. Der Ablösungsprozess bei Menschen mit geistiger Behinderung ist kein Loslassen, sondern ein Weggeben, das von den Eltern aktiv betrieben werden muss. Die Bereiche „empty nest“ und postfamiliale Elternschaft werden dargestellt.

Nach einer ausführlichen allgemeinen Vorstellung der Wohnformen für Menschen mit geistiger Behinderung wird die Situation im Regierungsbezirk Weser-Ems, in dem die vorliegende Untersuchung auch durchgeführt wurde, genauer beschrieben. Diskutiert wird auch das Beziehungsgeflecht Mensch mit Behinderung, Eltern und Mitarbeiter der Institution.

Aus den gesamten Ausführungen werden dann Implikationen für die Praxis abgeleitet, so zur Gestaltung der Kooperation, der Beratung der Eltern im Ablösungsprozess sowie für die Wohneinrichtungen. Ausführlich wird über Projektbeispiele aus USA und England berichtet sowie Überlegungen zur Unterstützung im Ablöseprozess, z.B. in der Förderschule, vorgestellt.

Für die vorliegende empirische Arbeit wird die Ablösung eher als Übergang gesehen und als theoretische Fundierung die ganzheitliche, entwicklungs- und systemorientierte Übergangstheorie von Wapner und Mitarbeitern gewählt.

In der als explorative Untersuchung angelegten Arbeit wird die Perspektive von Eltern erfasst, deren Sohn oder Tochter bereits ausgezogen ist, die diesen Übergang bereits vollzogen haben. Die Kontaktaufnahme erfolgte über Werkstätten für behinderte Menschen im Regierungsbezirk Weser-Ems; die behinderten Menschen lebten überwiegend in einem Wohnheim, weniger häufig in einer Wohngruppe oder wurden nur ambulant betreut.
Es wurde jeweils ein problemzentriertes Interview durchgeführt, für das ein Leitfaden erarbeitet wurde. Die Auswertung erfolgte als qualitative Inhaltsanalyse mit anschließender Typenbildung. Insgesamt wurden 23 Interviews ausgewertet, bei 12 Interviews waren beide Elternteile beteiligt, bei den anderen jeweils ein Elternteil (bis auf eine Ausnahme jeweils die Mutter).
Nach der Beschreibung der Stichprobe werden die erfassten Komponenten der Einstellung (affektiv, kognitiv, konativ), Berufstätigkeit und Freizeitgestaltung, Beziehung zu Sohn oder Tochter und sonstige Umweltbezüge, jeweils vor und nach dem Auszug, sowie die Art der Unterstützung vor dem Auszug und die Nutzung von Angeboten dargestellt. Die Kategorien werden jeweils durch Zitate veranschaulicht.
Die bedeutsamsten Veränderungen zeigten sich bei der emotionalen Komponente der Einstellung, der Freizeitgestaltung, der Beziehung zu Sohn oder Tochter und dem Bedarf an institutionaler Unterstützung. Die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten im Vorfeld des Auszuges, wie Beratung, erwies sich als wichtiger Faktor für ein Gelingen.
Weiterhin wurden die Familien einem von vier Typen zugeordnet: Auszug als positive Erfahrung, Auszug trotz Widersprüchen, Auszug bei beibehaltener Verantwortung, Auszug als Belastung.
Abschließend erfolgt eine Einbettung der Ergebnisse in die sonderpädagogische Forschungsliteratur und die Theorie des Übergangs; es werden kritische Überlegungen zur eigenen Untersuchung formuliert und Empfehlungen für Praxis und Forschung gegeben.

Diskussion

Die Einstellung zum Thema „Menschen mit (geistiger) Behinderung“ ist sehr widersprüchlich. Im Rahmen des gesellschaftlichen Wandels und des medizinischen Fortschrittes kann die Geburt eines Kindes mit Behinderung als „vermeidbarer Schaden“ angesehen werden. Andererseits gibt es die dringend notwendigen Bestrebungen, die gleichberechtigte Teilhabe zu fördern und so weit als möglich zu erreichen. Es wird erwartet (auch aus Kostengründen), dass die Eltern die pflegerische Verantwortung solang als möglich tragen und den Sohn oder die Tochter nicht „abschieben“. Andererseits ist auch für Menschen mit geistiger Behinderung die Ablösung aus dem Elternhaus eine normative Entwicklungsaufgabe.

In der vorliegenden Arbeit wird die Literatur zur Ablösung des jungen Menschen, mit einem besonderen Blickwinkel für Menschen mit geistiger Behinderung, ausführlich und verständlich aufgearbeitet.

Wichtig für die Praxis ist die Einstellung, die Perspektive des wichtigsten, agierenden Partners bei der Ablösung, der Eltern, zu kennen und zu berücksichtigen. Die Veränderung der Perspektive vor und nach dem Auszug und notwendige Unterstützungen werden deutlich. Einschränkungen der Arbeit und wünschenswerte Erweiterungen der Forschung werden von der Autorin selbst thematisiert.

Das Buch liefert einen substantiellen Beitrag, der die sachliche Diskussion um die gleichberechtigte Teilhabe durch eine Erhebung der tatsächlichen Bedürfnisse fördert.

Fazit

Eine lesenswerte Dissertation. Die vorliegende Untersuchung greift einen wichtigen Aspekt der Inklusion von Menschen mit Behinderung, die Ablösung vom Elternhaus, sachlich und informativ auf.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 29.06.2011 zu: Ann-Kathrin Schultz (Hrsg.): Ablösung vom Elternhaus. Der Übergang von Menschen mit geistiger Behinderung in das Wohnen außerhalb des Elternhauses in der Perspektive ihrer Eltern ; eine qualitative Studie. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-88617-214-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10794.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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