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Steffen Roth, Lukas Scheiber u.a. (Hrsg.): Organisation multimedial

Cover Steffen Roth, Lukas Scheiber, Ralf Wetzel (Hrsg.): Organisation multimedial. Zum polyphonen Programm der nächsten Organisation. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. 284 Seiten. ISBN 978-3-89670-929-5. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR.

Reihe: Organisationstheorie.
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Herausgeber, Autorinnen und Autoren

  • Steffen Roth, Dr., ist als Associate Professor für Markt- und Organisationssoziologie sowie als Academic Fellow der Soros Foundation am Department of Sociology der Yerevan State University (Armenien).
  • Lukas Scheiber arbeitete an der Universität Stuttgart und der Universität für Ökonomie und Finanzen in St. Petersburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Luzern.
  • Ralf Wetzel, Prof. Dr., Professor für Organisation und Unternehmensführung sowie Leiter des Kompetenzzentrums für Unternehmensführung an der Berner Fachhochschule.

Mit Beiträgen von Jens Aderhold, Niels Akerstroem Andersen, Frank E. P. Dievernich, Nada Endrissat, Justine Groenbaek Pors, Anna Henkel, Holger Herkle, Felix Langenmayr, Steffen Roth, Lukas Scheiber, Jasmin Siri, Niels Thyge Thygesen, Victoria von Groddeck, Ralf Wetzel.

Inhalt

In dem Buch wird argumentiert, dass Organisationen ihre eindeutige Orientierung an den Medien eines Funktionssystems zunehmend in Frage stellen (sollen), also sich auch den Logiken anderer Funktionssysteme zu bedienen bzw. deren Sprache zu sprechen. Aus dem Klappentext: „Die Bank ist längst auch Kunstmäzen, die Kirche Machtfaktor, die politische Verwaltung muss sich wirtschaftlich rechnen, und die Universität bekommt in aller Öffentlichkeit ihre „third mission“ übertragen. So zeigen die Beiträge des vorliegenden Bandes: Auch die Organisation der nächsten Gesellschaft ist multimedial. Und sie fragen, was das für ihre Identität bedeutet.“

Dieser Umstand wird als funktionale Polyphonie der Organisationen und als semantisches Phänomen gedeutet. Im Unterschied zu monofunktionalen Organisationen, welche eine eindeutige (in der Semantik des Buches: monophone) Zuordnung zu einem Funktionssystem aufweisen, in dessen „Dienst“ sie stehen, können polyphone Organisationen potenziell mit allen Funktionssystemen strukturell gekoppelt sein.

Auf dieser Basis werden unterschiedliche Phänomene in Organisationen anhand von Fallbeispielen in einzelnen Artikeln beschrieben und interpretiert.

Der Beitrag von Henkel etwa zeigt, dass das durch IT ermöglichte umfassende Gedächtnis einer prinzipiell polyphonen, aber monophon gehaltenen Organisation diese in die Lage versetzen kann, ihr gesamtes strukturelles Spektrum auszuschöpfen.

Der Beitrag von Herkle zeigt anhand der Personalpolitik eines Stahlunternehmens, wie Organisationen die Pluralität von Selbstbeschreibungen nutzen können, um Anschlussfähigkeit und ein funktionales Oszillieren auch auf struktureller Ebene zu erwirken.

Groddeck und Siri zeigen anhand der funktionalen Analyse organisationaler Selbstbeschreibungen von Unternehmen und Parteien, dass diese keine Einheit herstellen und damit auf eine gesellschaftliche Entwicklung antworten, die bestenfalls temporalisierte Identitäten anbietet und von Organisationen die kontextspezifische Ausbalancierung von Identitätsentwürfen verlangt.

Diskussion

Während sich Funktionssysteme wie auch deren Reaktionen auf Umweltereignisse durch die codebezogene Exklusivität ihres Operierens auszeichnen, bzw. dadurch definiert werden (Luhmann 1996a, gilt dies für Organisationen ja grundsätzlich nicht. In dem Buch wird diesem Umstand mit der dichotomen – und simplifizierenden – Unterscheidung von mono- oder polyphoner Semantik nicht entsprochen. In der systemtheoretischen Theorieentwicklung ist schon lange keine Rede mehr (falls sie es überhaupt je war) von monophonen Semantiken, hilfreicher ist dagegen das Konzept der Priorisierung funktionaler Logiken (vgl. die Analyse der Verhältnisse von Organisationen und Funktionssystemen sowie der unterschiedlichen Standpunkte zentraler systemtheoretischer AutorInnen in: Simsa 2001), welches eine gewisse Mehrsprachigkeit von Organisationen im Unterschied zu Funktionssystemen schon lange annimmt. Dass dies hier Polyphonie genannt wird, macht das Konzept nicht aktueller.

Interessant jedenfalls für Organisationen kann die Betonung der Polyphonie sein, um eigene Orientierungen und Programme reflexiv zu beobachten und damit einer Gestaltung zugänglicher zu machen. Interessant (wenn auch weder in der Theorie noch in der Kommunikation von Organisationen etwas Neues) ist weiters auch die Betonung der semantischen Aspekte der Orientierung an Funktionssystemen

Fazit

Ein spannender Beitrag zur Diskussion und Weiterentwicklung der Systemtheorie bzw. zur Beobachtung von Organisationen, wenngleich die zentralen theoretischen Entscheidungen nicht so neu sind wie dargestellt.

Literatur:

  • Simsa, R.: Gesellschaftliche Funktionen und Einflussformen von Nonprofit-Organisationen. Eine systemtheoretische Analyse. Frankfurt/Main, Berlin, Bern, Brüssel, New York, Wien, 2001, Peter Lang
  • Niklas Luhmann. Protest. Frankfurt/Main 1996

Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 01.07.2011 zu: Steffen Roth, Lukas Scheiber, Ralf Wetzel (Hrsg.): Organisation multimedial. Zum polyphonen Programm der nächsten Organisation. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. ISBN 978-3-89670-929-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10808.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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