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Michael Stolleis: Geschichte des Sozialrechts in Deutschland. Ein Grundriß

Cover Michael Stolleis: Geschichte des Sozialrechts in Deutschland. Ein Grundriß. UTB (Stuttgart) 2003. 349 Seiten. ISBN 978-3-8252-2426-4. 16,90 EUR.

ISBN 3-8282-0243-8 (Lucius und Lucius).
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Das Thema

Das Sozialrecht hat sich zu einem komplexen und umfangreichen Rechtsgebiet entwickelt, das ohne eine Auseinandersetzung mit seiner Entstehung und seinem Wandel nur unzureichend zu verstehen ist. Trotz seiner recht jungen Geschichte - das Sozialrecht als eigenständiges Rechtsgebiet gehört zu den neueren - fehlt bislang eine kompakte Darstellung von den frühen Phasen der modernen Sozialversicherung ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zu aktuellen Entwicklungen.

Hintergrund für die Entstehung des Buches

Mittlerweile liegt zwar eine Vielzahl historischer Darstellungen der rechtlichen Grundlagen des Sozialstaates in Deutschland vor, die allerdings vornehmlich für ein historisch oder juristisch geschultes Publikum geschrieben wurden. Um auch fachlich nicht speziell vorgebildeten Leser/innen einen umfassenden Überblick des Sozialrechts in Deutschland zu geben, ist dieser Band verfasst worden. Dabei hat Michael Stolleis, der als Professor am Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte sowie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M. tätig ist, den ersten Teil des Buches, der sich der Entwicklung des Sozialrechts bis zum Jahr 1945 widmet, bereits vor einigen Jahren verfasst. Die Darstellung seit 1945 ist eigens für das vorliegende Buch geschrieben worden.

Aufbau und Inhalt

Das in insgesamt zehn Kapitel gegliederte Buch bietet eine vornehmlich chronologische Darstellung des Sozialrechts von der Frühphase sozialer Sicherung im Mittelalter bis zu aktuellen Entwicklungen in langfristiger, prospektiver Perspektive.

Im ersten, einleitenden Kapitel geht Stolleis auf die kulturelle Bedingtheit und soziale Verwobenheit des Sozialrechts ein, die seine teils widersprüchliche Systematik erklärt. Sozialrecht ist letztlich immer als Antwort auf soziale Problemlagen zu erklären und daher mehr als viele andere Rechtsgebiete mit der Gesellschaft verwoben.

Das zweite Kapitel widmet sich den frühen Phasen sozialer Sicherung, wie der christlichen Armenpflege im Mittelalter und der Entstehung von Einrichtungen wie Suppenküchen und Waisenhäusern an der Schwelle zum 19. Jahrhundert. Auch der zunehmende Einfluss philanthropischer Bewegungen - ob nun kirchlicher oder säkularer Tradition - auf die Grundlegung des Sozialrechts ist Gegenstand der Betrachtungen.

Im dritten Kapitel wird auf die Institutionalisierung des Versicherungsgedankens im Kaiserreich eingegangen, wobei Stolleis darauf hinweist, dass das Konzept einer "Kasse" nach dem Sozialversicherungsprinzip bereits in der Antike existierte. Den größten Raum nimmt in diesem Teil selbstverständlich die Bismarcksche Sozialversicherung ein, wobei die Rahmenbedingungen in sozialrechtlicher Hinsicht, die zur Ausgestaltung der ersten Sozialversicherungen führten, kompakt dargestellt werden. Besonders hervorzuheben sind hier die Ausführungen zu den konflikthaften Auseinandersetzungen, die im Vorfeld der Einführung von Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherung in Deutschland geführt wurden.

Im vierten Kapitel wird die Entwicklung des Sozialrechts im Ersten Weltkrieg dargestellt. Hier wird auf die Anpassung des Arbeits- und Sozialrechts auf die Vorbereitung zum Krieg einerseits sowie zur Stabilisierung der innenpolitischen Verhältnisse andererseits eingegangen. Dabei werden ausführlich die kriegsbedingten neuen sozialpolitischen Herausforderungen dargestellt wie die Versorgung der vom Wehrdienst erfassten Familien und der Umgang mit der Massenarbeitslosigkeit. Die Bewältigung kriegsinduzierter sozialer Problemlagen führt zu einer zunehmenden Verantwortungsübernahme durch den Staat, die letztlich in einen Modernisierungsschub des Sozialrechts führt.

Dies wird im fünften Kapitel vertieft, das sich der Weimarer Republik widmet und hier besonders auf die sozialpolitische Bewältigung der Folgen des Ersten Weltkrieges eingeht. Gleichzeitig steht diese Epoche auch im Zeichen einer Ausbreitung des "ubiquitären Gedankens des `Sozialen`" (S. 127) auf andere Politikfelder, die so für die Entwicklung des Sozialrechts noch heute von entscheidender Bedeutung ist.

Mit dem sechsten Kapitel wird auf die ideologische Vereinnahmung des Sozialrechts durch die rassen- und bevölkerungspolitischen Ziele des NS-Staates eingegangen. Dabei steht die Reduktion von Sozialpolitik auf "Volksgesundheitspolitik" im Mittelpunkt der Betrachtungen, wobei die bewusste Abwendung von den "Wohlfahrtsduseleien" der Weimarer Republik, wie Hitler es ausdrückte, Programm war.

Das siebte Kapitel, mit annähernd 100 Seiten das umfangreichste in diesem Buch, stellt die Entwicklung des Sozialrechts im Nachkriegsdeutschland sowie die Entstehung der beiden deutschen Staaten in sozialrechtlicher Hinsicht dar. Hier arbeitet Stolleis sorgfältig einerseits die Anknüpfung an sozialpolitische Traditionen als auch andererseits die Notwendigkeit des Neuanfangs (in Abgrenzung vom Nationalsozialismus) heraus. Gerade dieses Kapitel ist für das Verständnis der heutigen sozialpolitischen Auseinandersetzungen sehr fruchtbar und wichtig.

Im achten Kapitel geht Stolleis überblicksartig auf das Sozialrecht als wissenschaftliche Disziplin ein. Dabei führt er den Nachweis, dass das Sozialrecht als eigenständiges Rechtsgebiet erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entstanden ist. Gleichzeitig weist er auf den paradoxen Umstand hin, dass nach einer Blüte der wissenschaftlichen Diskussion mittlerweile wieder ein Bedeutungsrückgang des Sozialrechts in der juristischen Ausbildung zu verzeichnen ist. Gerade vor dem Hintergrund des tief greifenden Strukturwandels des Sozialstaates wäre es allerdings angezeigt, so Stolleis, hier die fachliche Auseinandersetzung mit dem Sozialrecht eher zu intensivieren.

Die Europäisierung des Sozialrechts steht im Zentrum des neunten Kapitels, wobei hier zum einen die interstaatliche Zusammenarbeit und zum anderen das EU-Recht vor dem Hintergrund einer künftigen Verfassung thematisiert werden.

Im zehnten Kapitel stehen schließlich Langzeitperspektiven der sozialen Sicherung im Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei weist Stolleis nachdrücklich auf die wechselseitige Verschränkung von Demokratie und Sozialstaat hin, die sehr viel komplexer ist als die aktuellen Debatten es vermuten lassen - und die ein für die Gesellschaft höchst bedeutsames aber eben auch anfälliges System darstellen.

Neben dem Literaturverzeichnis finden sich im Anhang sowohl ein Stichwortverzeichnis als auch ein Sachregister.

Zielgruppe

Neben Studierenden der Rechtswissenschaft ist dieses Buch auch für Nicht-Jurist/innen als grundlegendes Lehr- und Nachschlagewerk konzipiert. Auch für Studierende der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik bietet es so einen vertieften Überblick des Sozialrechts.

Nutzen für die Zielgruppe

Durch den klaren Schreibstil und die kompakte Darstellung ist dieses Buch für die genannten Zielgruppen mit Gewinn zu lesen und auch als immer wieder zu konsultierendes Nachschlagewerk zu empfehlen. Gleichzeitig kann dieses Werk auch als eine grundlegende Einführung in die Geschichte der Sozialpolitik gelesen werden, deren Kenntnis gerade aktuell für Fachkräfte der Sozialen Arbeit von großer Bedeutung ist.

Fazit

Mit diesem Buch hat Michael Stolleis ein Grundlagenwerk vorgelegt, das mehr als nur eine Darstellung der Abfolge verschiedener sozialversicherungsrechtlicher Tatbestände ist. Ganz im Gegenteil werden immer wieder die gesellschaftlich-historischen Rahmenbedingungen erläutert, in denen sich und durch die sich die Ausgestaltung und Reform des Sozialrechts vollzogen hat. Es ist für die genannten Zielgruppen ebenso mit Gewinn zu lesen wie auch für alle an der Entwicklung und Zukunft des Sozialstaates interessierten Leser/innen.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 03.02.2004 zu: Michael Stolleis: Geschichte des Sozialrechts in Deutschland. Ein Grundriß. UTB (Stuttgart) 2003. ISBN 978-3-8252-2426-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1081.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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