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Rita Casale, Edgar Forster (Hrsg.): Ungleiche Geschlechtergleichheit

Cover Rita Casale, Edgar Forster (Hrsg.): Ungleiche Geschlechtergleichheit. Geschlechterpolitik und Theorien des Humankapitals. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-359-9.

Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, Folge 7/2011.
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Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Bei den HerausgeberInnen handelt es sich um:

  • Dr. Rita Casale ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft/Theorie der Bildung an der Bergischen Universität Wuppertal.
  • Dr. Edgar Forster ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Salzburg.

Die AutorInnen der hier rezensierten Beiträge sind (in der Reihenfolge der Beiträge):

  • Tove Soiland, Lehrbeauftragte an den Universitäten Zürich, Innsbruck und Hannover.
  • Christian Oswald, Lehrer am Rahel-Varnhagen-Kolleg in Hagen,
  • Fabian Kessl, Hochschullehrer an der Universität Duisburg-Essen,
  • Ulla Hendrix, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bergischen Universität Wuppertal,
  • Mechthild Veil, Sozialwissenschaftlerin im Büro für Sozialpolitik und Geschlechterforschung in Europa,
  • Lucien Criblez, Professor an der Universität Zürich. Karin Manz ist dort Assistentin,
  • Julia Seyss-Inquart arbeitet am Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien,
  • Heike Kahlert, Projektleiterin an der Universität Rostock,
  • Jeannette Windheuser, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bergischen Universität Wuppertal,
  • Rita Braches-Chyrek, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bergischen Universität Wuppertal.

Der Studienhintergrund und das Arbeitsfeld der AutorInnen ist zwar zumeist erziehungswissenschaftlich geprägt, jedoch werden auch andere Disziplinen repräsentiert: Philosophie, Soziologie, Medizin, Geschichte, Germanistik.

Aufbau

Das Jahrbuch enthält einen Essay über die Entwicklung der Geschlechterforschung von Tove Soiland, dem sieben Beiträge zum Themenschwerpunkt folgen, sowie einen Offenen Teil mit einem Beitrag zur stationären Jugendhilfe und zur Mütterlichkeitsideologie. Neun Rezensionen und vier Tagungsberichte vervollständigen den Band. In der vorliegenden Rezension werden die Rezensionen und die Tagungsberichte nicht behandelt.

Inhalt

In ihrer Einleitung ordnen die HerausgeberInnen Casale und Forster den vorliegenden Band der pädagogischen Geschlechterforschung zu und geben einen knappen Überblick über die Zusammenstellung der Beiträge.

Deren erster ist der Essay von Tove Soiland „Zum problematischen Cultural Turn in der Geschlechterforschung“. Neben erheiternden Wortschöpfungen wie z.B. Veruneindeutigung bringt die Autorin Gedanken, die bisher für „wahr“ gehaltene Theorien ins Wanken bringen. Sie geht aus von der Koinzidenz von feministischen Glaubenssätzen und staatlichen Strategien gegenüber geschlechtsspezifischem Rollenverhalten und sexuellen Normierungen, die auch schon von Nancy Fraser thematisiert wurde. Diese erstaunliche Übereinstimmung wird von ihr auf eine Verkürzung der französischen Poststrukturalisten im Rahmen der Gender-Debatte in den Cultural Studies zurückgeführt. Laut Soiland wurden die französischen Poststrukturalisten von den AutorInnen der Cultural Studies ihrer materialistischen Basis beraubt und damit auf eine Normenkritik reduziert, wobei der Wirtschaftsliberalismus außer Sicht geriet. „Der Atlantik ist hier zu einer Art alchimistischem Labor geworden, das die gesellschaftlichen Verhältnisse bei Marx in zu dekonstruierende Identitäten verwandelte“ (S. 23). Die „neoliberale(n) Subjektivierungsweisen“ (S. 26f.) verhindern den Blick auf die gesellschaftliche Organisation der Arbeit zugunsten einer „Art Verhaltenstherapie der Geschlechter“ (S. 27). Die Individuen – und nicht nur die Frauen, so sei Frau Soiland gesagt – handeln beständig die gesellschaftlichen Verhältnisse als Identitätsproblem aus. In diesem Zusammenhang erhält auch die Hypertrophie von Differenzen eine andere Qualität als bislang in den theoretischen Diskussionen betont. Denn der Akzent auf Freiheit zur (geschlechtlichen bzw. sexuellen) Differenz verlagert die gesellschaftsstrukturellen Probleme in die Individuen, deren „erschöpfende Selbstoptimierungsmaschinerie“ ihren Blick für Gesellschaft vernebelt. Zu fragen wäre, so Soiland, wie diese Differenzen durch die Produktionsverhältnisse entstanden sind.

Weniger Fragen hat Christian Oswald in seinem Artikel „Über Humankapital und einige seiner Familienprobleme“. Er präsentiert eine traditionelle Marx-Rezeption und versucht damit, die Ideologie des Humankapitals zu desavouieren. Dies gelingt nur sehr partiell, da seine Begrifflichkeiten der Dialektik gesellschaftlicher Verhältnisse nicht angemessen sind. Laut Oswald muss sich „ein ökonomisches Regime, zu dessen Erhaltung der bloße ökonomische Zwang nicht ausreicht… strukturell zunehmend auf die Anwendung direkter Gewalt stützen“, dies sagt der Autor im Hinblick auf das Eltern-Kind-Verhältnis. Seine Behauptung passt jedoch nicht zusammen mit den deutlich sichtbaren staatlichen Strategien zum Kinderschutz. Interessant wäre gewesen, die Koinzidenz von Kinderschutz-Forderungen und staatlichen Strategien auf dem Hintergrund derzeitiger Entwicklungen des Wirtschaftsliberalismus zu analysieren, wie Soiland dies im Hinblick auf die Akzeptanz von geschlechtlichen Differenzen ansatzweise getan hat. .

Fabian Kessl analysiert in seinem Beitrag „Pädagogisierungen – eine vernachlässigte Dimension in der Geschlechterforschung zur gegenwärtigen Transformation von Sozial-, Bildungs- und Erziehungspolitik“ post-wohlfahrtsstaatliche Strategien, wobei nicht ganz klar ist, was nun wohlfahrtssstaatliche und was post-wohlfahrtsstaatliche Strategien sind. Nur dass es sich um keine Umwälzung, sondern eine Veränderung (Transformation) von Bestehendem handelt, macht der Autor deutlich. Wie Soiland in ihrem Essay betont er die Überantwortung der gesellschaftlichen Strukturprobleme an die Individuen, hier jedoch unter dem Aspekt der Pädagogisierung, d.h. einer „pädagogischen Formierung des Alltags“ (S. 65). Diese teilt er in drei Bereiche:

  1. Populationsbezogene Pädagogisierung, d.h. Bildung als Investition in das Humankapital,
  2. Individualisierende Pädagogisierung, wodurch soziale Probleme zu privaten Problemen umdefiniert und in die Verantwortung der Einzelnen gelegt werden, Damit wird Lernen zur lebenslangen Aufgabe.
  3. Klassenspezifische Pädagogisierungen, d.h. die Unterschichten werden „auf eine existenzielle Risikokalkulation verpflichtet…, die von Oberschichts- oder der Mehrheit der Mittelschichtsschüler_innen nicht verlangt wird“ (S. 71).

Mit diesen Katagorisierungen knüpft er an Soilands Analyse indirekt an und erlaubt neue Sichten auf die staatlichen Politikstrategien gegenüber Kindern und Erwachsenen beider Geschlechter.

Ulla Hendrix zeigt in ihrem Artikel „Der gender pay gap‘ – eine Frage des Humankapitals?“ , wie die Argumentationen zur Erklärung der Gehaltsunterschiede von Männern und Frauen häufig den Frauen die Schuld für falsche Berufsentscheidungen geben, wobei eine Familienorientierung zusätzlich unterstellt wird, die in dem Maße nicht immer vorhanden ist.

In ihrem Beitrag „Familienpolitik in den Zwängen konservativer und neoliberaler Logiken: ein deutsch-französischer Vergleich“ gibt Mechthild Veil einen Überblick über die historische Entwicklung und Begründungen französischer und deutscher Familienpolitik. Sie arbeitet die wichtige Rolle der Arbeitgeberorganisationen in Deutschland für die Modernisierung der deutschen Familienpolitik heraus und stellt deren Interesse an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf dar.

Der Blick auf die Schweiz, den Lucien Criblez und Karin Manz in ihrem Artikel „‘Neue‘ Familienpolitik in der Schweiz – für die Familie, für die Frauen – oder für die Wirtschaft“ aufgrund einer Studie werfen, bestätigt, dass zur Durchsetzung einer modernen Familienpolitik, auch gegen den Widerstand konservativer Kräfte, der zunehmende Bedarf an weiblicher Arbeitskraft gehört. Auch hier wird Familie primär von der Gleichstellungsseite (von unterschiedlichen Lebensentwürfen wie von Männern und Frauen) her gesehen.

Julia Seyss-Inquart hingegen schaut in ihrem Artikel „‘Wenn ich groß bin, werde ich Humankapital – Anmerkungen über die institutionelle Fremdbetreuung von Kindern“ sowohl auf die Kinder wie auf das Anliegen des Buches, den Begriff des Humankapitals auszuloten, und zwar im Hinblick auf die Begründungen der Förderung „institutioneller Fremdbetreuung“ in Wien. Im Rahmen einer Diskursanalyse zeigt die Autorin mittels einer Diskursanalyse den Schwenk von Betreuung zu Bildung als Begründung für die Kindertagesbetreuung auf, deren Hintergrund das Interesse an der weiblichen Arbeitskraft ist. Insofern verbindet dieser Beitrag die Themen Gleichstellung und Kinderbetreuung als Zugriff auf das Humankapital.

In ihrem Artikel „Der ökonomische Charme der Gleichstellung in der Neuausrichtung der deutschen Familienpolitik“ beschreibt Heike Kahlert den Wandel der deutschen Familienpolitik ebenfalls primär im Hinblick auf Gleichstellung und weist auf widersprüchliche Entwicklungen hin. Sie bleibt dabei im Rahmen traditioneller Gleichstellungsstrategien.

Der Beitrag von Jeannette Windheuser im Offenen Teil trägt den anspruchsvollen Titel „Zur methodologischen Dekonstruktion von Normalitätserwartungen in der qualitativen Forschung am Beispiel stationärer Jugendhilfe“. Außer über methodologische Überlegungen, die für jeden Bereich gelten könnten, erfährt man jedoch kaum etwas über die stationäre Jugendhilfe. Rita Braches-Chyrek schließlich schreibt über „Mütterlichkeitsideologie und soziale Praxen“ in den Termini und theoretischen Konstrukten von Bourdieu. Die heutige Komplexität weiblicher Identitätsentwürfe wird jedoch von ihr nicht mitgedacht. Mütterlichkeitsideologie in der traditionellen Form ist nämlich teilweise, z.B. in manchen medialen Repräsentationen, obsolet geworden und außerdem können – in unseren Breiten - Frauen einen immer geringeren Teil ihrer Lebenszeit mit Mütterlichkeit legitimieren bzw. verweigern sich dem Muster vollständig. Derartige Ungereimtheiten werden von der Autorin nicht reflektiert.

Diskussion

Wie in einem Jahrbuch üblich, sind hier Beiträge unterschiedlicher Art und mit unterschiedlichen Themen versammelt. Brillant ist der Essay von Soiland, die Judith Butler vom Thron der feministischen Theorie stößt und Fragen aufwirft, mit denen sich nicht nur FeministInnen befassen müssen. In den Beiträgen des Themenschwerpunkts wird das Niveau dieser tief gehenden Analyse nicht immer erreicht. Mithalten kann da nur der Aufsatz von Fabian Kessl. Die anderen Beiträge sind weitestgehend Analysen von Familienpolitik mit Blick auf die Gleichstellung der Geschlechter. Die von Soiland formulierte Erkenntnis der Kongruenz von feministischen Zielen mit Gleichstellungspolitiken wird in ihnen ebenso wenig aufgenommen wie die differenzierte Perspektive Kessls auf die Pädagogisierung der Sozialpolitik. Die auf Praxis bezogenen diskursiven Analysen zur ungleichen Entlohnung von Männern und Frauen, zur Entwicklung von Begründungen für die Kindertagesbetreuung und der Blick auf Entwicklungen der Familienpolitik in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Österreich geben gleichwohl interessante Einblicke, wenn man den theoretischen Anspruch von Soiland und Kessl hinter sich lässt.

Fazit

Es wird Zeit, dass die Unterwerfung der Pädagogik unter die ökonomistische Perspektive der Entwicklung des Humankapitals reflektiert wird. Einige Beiträge dieses Buches tragen zu einem besseren Verständnis bei und insofern ist es eine Bereicherung der theoretischen Diskussion. Für Interessierte an Geschlechter-, Familien- und Gleichstellungspolitik sowie an geschlechtssensibler Pädagogik zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de
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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 18.05.2011 zu: Rita Casale, Edgar Forster (Hrsg.): Ungleiche Geschlechtergleichheit. Geschlechterpolitik und Theorien des Humankapitals. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-359-9. Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, Folge 7/2011. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10816.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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