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Hilde Steppe (Hrsg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus

Rezensiert von Dr. Hubert Kolling, 26.07.2013

Cover Hilde Steppe  (Hrsg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus ISBN 978-3-925499-35-7

Hilde Steppe (Hrsg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. 355 Seiten. ISBN 978-3-925499-35-7. 29,90 EUR.
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Thema

Wer sich mit der Geschichte der Krankenpflege beschäftigt, kann auf eine lange Zeitspanne zurückblicken. Das dabei wohl traurigste Kapitel, die Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), war lange Zeit völlig unerforscht. Mit dem von Hilde Steppe herausgegebenen Buch „Krankenpflege im Nationalsozialismus“ sollte sich die Situation allmählich ändern. Die zum Thema grundlegende Veröffentlichung liegt nun, knapp 30 Jahre nach ihrer Erstausgabe, in der zehnten, aktualisierten und erweiterten Auflage vor.

Herausgeberin

Dr. phil. Hilde Steppe (1947-1999), Krankenschwester und Diplom-Pädagogin, war in verschiedenen Praxisfeldern der Pflege und im Bereich der Fort- und Weiterbildung tätig, bevor sie 1992 als Leiterin das Referat Pflege im Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Jugend, Familie und Gesundheit in Wiesbaden übernahm. Nachdem sie 1997 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main mit einer vielbeachteten Arbeit zur Geschichte der Jüdischen Krankenpflege („… den Kranken zum Troste und dem Judentum zur Ehre…“) promoviert hatte, wirkte sie seit Januar 1998 als Professorin für Pflegewissenschaft an der Fachhochschule in Frankfurt am Main.

Die Herausgeberin, die sich mit zahlreichen fundierten Vorträgen an internationalen Kongressen beteiligte und eine Vielzahl von Artikeln in verschiedenen Fachzeitschriften und Büchern publizierte, gehörte unter anderem zu den Gründungsmitgliedern des „Deutschen Vereins für Pflegewissenschaft“ und rief dessen historische Sektion ins Leben. Ihr Lebenswerk war, wie der Pflegehistoriker Horst-Peter Wolff im „Biographischen Lexikon zu Pflegegeschichte, Band 2“ (München 2001, S. 214) treffend formuliert, von drei Leitlinien geprägt: „Die erste ist ein aus gewerkschaftlichem Engagement begonnenes politisch links orientiertes Wirken für die Professionalisierung der Pflege in Deutschland. Die zweite ist der Durchbruch zur Globalisierung oder wenigstens Internalisierung ihrer Kontakte und Akzeptanz als deutsche Pflegewissenschaftlerin und die dritte die Initiierung einer kritischen Rezeption und Reflexion der deutschen Krankenpflege in der Zeit des Nationalsozialismus.“

Entstehungshintergrund

Als eine der profiliertesten Pflegewissenschaftlerinnen Deutschlands in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begann Hilde Steppe bereits seit Ende der 1970er Jahre mit dem Aufbau eines „Archivs zur Geschichte der Pflege“ (das sie 1995 der Fachhochschule Frankfurt am Main übergab, wo es als „Dokumentationsstelle Pflege“ beziehungsweise nach ihrem Tode als „Hilde-Steppe-Archiv“ [vgl. www.hilde-steppe-archiv.de] weitergeführt wird), gründete eine Arbeitsgemeinschaft Krankenpflegegeschichte und gab aus der Zusammenarbeit mit diesem Kreis im März 1984 unter dem Titel „Geschichte der Krankenpflege – Versuch einer kritischen Aufarbeitung“ in erster Auflage ein Buch heraus, das sich zum ersten Mal mit der Krankenpflege im Nationalsozialismus befasste und – seit der dritten Auflage (1986) inhaltlich und formal stark verändert und erweitert – bis zu ihrem Tode acht Auflagen (1996) erlebte.

Mit der zweiten Auflage (1985) erhielt das Buch nicht nur den seither beibehaltenen Titel „Krankenpflege im Nationalsozialismus“; es erscheint seit dieser Zeit auch im Mabuse-Verlag Frankfurt am Main (vgl. www.mabuse-verlag.de), zu dessen Programm sowohl Bücher zur Geschichte der Krankenpflege als auch die kritische, unabhängige und für ein soziales Gesundheitswesen eintretende Fachzeitschrift „Dr. med. Mabuse. Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe“ gehören.

Nach der vierten, unveränderten Auflage (1987) erfuhr das Buch mit der fünften Auflage (1989) in Inhalt und Gliederung eine völlige Neukonzeption, wobei erstmals auch die Themenbereiche „Widerstand in der Pflege“ und „Entnazifizierung“ aufgenommen wurden. Während es sich bei der sechsten Auflage (1991) um einen Nachdruck handelte, wurde die siebte Auflage (1993) wiederum erweitert und durch neue Forschungsergebnisse ergänzt.

Im Vorwort zur achten Auflage (1996), die wiederum ein nahezu unveränderter Nachdruck war, beschrieb Hilde Steppe den Entstehungsprozess des Buches und betonte, dass die einzelnen Auflagen „den wachsenden Wissensstand in einem wichtigen Bereich pflegerischer Berufsgeschichte“ widerspiegeln.

Zur neunten Auflage (2001), bei der es sich erneut um einen Nachdruck handelte, schrieb Hilde Schädle-Deininger (Jg. 1947), Krankenschwester und Dipl.-Pflegewirtin, das Vorwort, in dem sie unter anderem auf die Bedeutung von Hilde Steppe für die Entwicklung der Pflegewissenschaft und insbesondere die historische Pflegeforschung hinwies.

Nachdem die neunte Auflage vergriffen war, stellte sich für den Mabuse-Verlag die Frage, wie mit dem Werk umzugehen sei. „Einen Klassiker zu zerlegen – unmöglich. Ihn einfach nachzudrucken – angesichts der Forschungsaktivitäten im Bereich der Pflegegeschichte auch nicht der Königsweg“, wie Prof. Dr. med. Eva-Maria Ulmer von der Fachhochschule Frankfurt am Main (Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit) im Vorwort zur nun erschienenen zehnten, aktualisierten und erweiterten Auflage (2013) schreibt.

Um das Buch bei der geplanten Neuauflage um aktuelle Forschungsergebnisse und -perspektiven der historischen Pflegewissenschaft zu ergänzen, hatte der Verlag Mitte 2012 in verschiedenen Fachzeitschriften, darunter auch in „Dr. med. Mabuse“ (Nr. 198, Juli / August 2012, S. 12), PflegewissenschaftlerInnen, HistorikerInnen und andere am Thema Interessierten dazu aufgerufen, „Fachbeiträge einzusenden, welche das Buch thematisch sinnvoll ergänzen oder vertiefen.“ Dieser Ruf blieb nicht unerhört, so dass jetzt die neueste Auflage nicht nur in einer aktualisierten, sondern auch in einer wesentlich erweiterten Auflage veröffentlicht werden konnte.

Aufbau

Nach den Vorwörtern zur achten, neunten und zehnten Auflage enthält der Band die folgenden Beiträge:

  • Hilde Steppe: Aus der Geschichte lernen? (S. 15-17)
  • Christine Klich, Hilde Steppe: Zeittafel Krankenpflege 1933-1944 (S. 19-38)
  • Ulrike Leonhardt-Braun: Zeitzeugin Frau L. Fr. (Interview) (S. 39-63)
  • Hilde Steppe: Krankenpflege ab 1933 (S. 67-91)
  • Herbert Weisbrod-Frey: Krankenpflegeausbildung im Dritten Reich (S. 93-116)
  • Herbert Weisbrod-Frey: Die Krankenpflegeausbildung im zeitlichen Überblick (S. 117-122)
  • Ulrike Leonhardt-Braun: Zeitzeugin Katharina Hammel (Interview) (S. 123-124)
  • Daniela Duesterberg: Pflege im Zweiten Weltkrieg (S. 125-142)
  • Hilde Steppe: „Mit Tränen in den Augen haben wir dann diese Spritzen aufgezogen“ (S. 143-182)
  • Fritz Niemand: Ich war in der Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde (S. 183-194)
  • Ursula Kiel-Römer, Martina Süß, Hilde Steppe: Widerstand des Pflegepersonals (S. 195-211)
  • Hilde Steppe, Werner Billinger-Salathé: In den Trümmern des Dritten Reiches (S. 213-233)
  • Mathilde Hackmann: Die NS-Gemeindepflegestation – Nationalsozialistische Ideologie und Probleme in der Umsetzung am Beispiel des Regierungsbezirks Osnabrück und der Stadt Hamburg (S. 235-243)
  • Michael Graber-Dünow: Zur Geschichte der „Geschlossenen Altersfürsorge“ von 1919 bis 1945 (S. 245-255)
  • Birgit Seemann, Edgar Bönisch: Jüdische Pflegegeschichte im Nationalsozialismus am Beispiel Frankfurt am Main (S. 257-265)
  • Thomas Foth: Wie Menschen ‚unsichtbar‘ werden – Pflegeaufzeichnungen und die Produktion von „nacktem Leben“ (S. 267-278)
  • Petra Betzien: Krankenschwestern im System der Konzentrationslager (S. 279-297)
  • Wiebke Lisner: Hebammen und Hebammen-Schwestern im Nationalsozialismus: Zwischen Aufwertung, Profitieren und Indienstname (S. 299-312)
  • Marion Schumann: Hebammen und ihre Berufsorganisation nach 1945 (S. 313-319)
  • Armin Trus: Bibliografie (S. 321-345)
  • Hilde Schädle-Deininger: Publikationen von Hilde Steppe (S. 347-352).

Inhalt

Entsprechend seinem Titel geht es im vorliegenden Buch um die Geschichte der „Krankenpflege im Nationalsozialismus“. Nach der Neukonzeption besteht der Band, dessen Umfang sich von bis dahin 259 Seiten auf nunmehr 354 deutlich erweitert hat, jetzt praktisch aus zwei Teilen. Während der erste Teil ein Nachdruck der Vorgängerauflage ist, vereint der zweite Teil die sieben neu aufgenommenen Beiträge.

Das Spektrum der Beiträge im ersten Teil, die bereits länger bekannt sind und daher hier nicht näher vorgestellt zu werden brauchen, reicht von der Einbindung der Krankenpflege in das nationalsozialistische Gesundheitswesen über die Beteiligung an Massenmorden in psychiatrischen Kliniken bis hin zum Widerstand einzelner Pflegekräfte. Zudem kommen in zwei Interviews Zeitzeuginnen selbst zu Wort. Ergänzt wird die Darstellung durch eine ausführliche Zeittafel, zahlreiche Abbildungen, Tabellen sowie eine umfassende Bibliographie der Sekundärliteratur.

Die im zweiten Teil des Buches sieben neu aufgenommenen Beiträge, deren Inhalt hier kurz skizziert sei, beleuchten sehr unterschiedliche Aspekte pflegerischen Handelns in der NS-Zeit.

In ihrem Beitrag „Die NS-Gemeindepflegestation – Nationalsozialistische Ideologie und Probleme in der Umsetzung am Beispiel des Regierungsbezirks Osnabrück und der Stadt Hamburg“ stellt Mathilde Hackmann (Jg. 1960), Gesundheits- und Krankenpflegerin, Dipl.-Pflegepädagogin (FH), MSc (Nursing & Education) 1998 an der University of Edinburgh, zunächst dar, wie die Gemeindepflege im Sinne des NS-Staates organisiert sein sollte, um dann an zwei Beispielen der Frage nachzugehen, was von dieser Ideologie tatsächlich umgesetzt werden konnte. Aufgrund ihrer detaillierten Untersuchung kommt die Autorin, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Gesundheit und Pflege an der Hamburger Fernhochschule arbeitet und sich im Rahmen der historischen Pflegeforschung schwerpunktmäßig mit der Geschichte der ambulanten Pflege beschäftigt, zu dem Ergebnis, dass die tatsächliche Umsetzung des Plans, sämtliche Gemeindepflege durch „braune Schwestern“ zu erbringen, in beiden Beispielen nicht gelungen war. Während sowohl im Regierungsbezirk Osnabrück als auch in Hamburg die Anzahl „brauner Schwestern“ gering blieb, stellte sich auch heraus, dass es an vielen Stellen Reibungspunkte gab. Angesichts einer Vielzahl ungeklärter Fragen seien hier noch weitere regionale und lokale Studien notwendig, um ein noch genaueres Bild zu bekommen. Besonders sei noch zu erforschen, ob es sich bei den in diesem Beitrag untersuchten beiden Beispielen um Ausnahmen handelte oder ob es weitere Regionen im Deutschen Reich gab, in denen die NSV mit der Monopolisierung der Gemeindepflege scheiterte. In einem weiteren Schritt ließen sich dann eventuell Muster in den begünstigenden oder hindernden Faktoren identifizieren.

Michael Graber-Dünow (Jg. 1957), Dipl.-Sozialarbeiter und Altenpfleger, stellt in seinem Beitrag „Zur Geschichte der ‚Geschlossenen Altersfürsorge‘ von 1919 bis 1945“ die Situation aller pflegebedürftiger Menschen dar. Nachdem der Autor, der das Altenpflegeheim Justina von Cronstetten Stift in Frankfurt am Main leitet, die Entwicklungen in der Weimarer Republik skizziert hat, betrachtet er die Situation der „Alters- und Siechenheime“ im Nationalsozialismus, beleuchtet das Schicksal der jüdischen Einrichtungen, bevor er sich den Pflegebedürftigen im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) zuwendet. Schließlich macht er unter der Überschrift „Sämtliche Fälle von seniler Demenz, die erheblich unsauber sind“ darauf aufmerksam, dass auch alte, pflegebedürftige Menschen Opfer der als „Aktion T4“ bezeichneten Ermordung von Behinderten und psychisch Kranken wurden. Hierzu hält er wörtlich fest: „Letztlich bleibt zu konstatieren, dass unzählige alte, pflegebedürftige Menschen sowohl aus rassenideologischen Motiven als auch aus ‚Rentabilitätsgründen‘ unfassbarem Leid ausgesetzt waren, das von der Vernachlässigung ihrer grundlegenden Bedürfnisse, die ein großer Teil von ihnen nicht überlebt hat, bis zur aktiven Tötung reichte“ (S. 254).

Die beiden MitarbeiterInnen im Forschungsprojekt www.juedische-pflegegeschichte.de der Fachhochschule Frankfurt am Main Birgit Seemann (Jg. 1961), Sozialwissenschaftlerin, freie Autorin und Lehrbeauftragte, und Edgar Bönisch (Jg. 1957), Verlagsbuchhändler und Ethnologe sowie Doktorrand an der Philipps-Universität Marburg, beleuchten in ihrem Beitrag die „Jüdische Pflegegeschichte im Nationalsozialismus am Beispiel Frankfurt am Main“. Nach Darstellung der AutorInnen war es schon bald nach der NS-Machtübernahme auch im Pflegebereich zu Ausgrenzungen der jüdischen PflegerInnen und der jüdischen Institutionen gekommen. So fanden weder die lokalen jüdischen Vereine noch der Deutsche Verband Jüdischer Krankenpflegerinnenvereine (DVJK) 1933 Berücksichtigung bei der Gründung der Reichsfachschaft Deutscher Schwestern und Pflegerinnen im Rahmen der Reichsarbeitsgemeinschaft der Berufe der sozialen und ärztlichen Dienste (RAG). Weitaus schlimmer als diese Ausgrenzung ist die Tatsache, dass im weiteren Verlauf der NS-Zeit nicht nur in Frankfurt am Main die jüdischen Pflegekräfte immer stärker entrechtet, ausgegrenzt, vertrieben, verschleppt und schließlich ermordet wurden, ohne dass es seitens der nichtjüdischen Kräfte zu organisierten Protesten gekommen wäre.

In seinem Beitrag „Wie Menschen ‚unsichtbar‘ werden – Pflegeaufzeichnungen und die Produktion von ‚nacktem Leben‘“ stellt Thomas Foth, Diplom-Pflegewissenschaftler und Staatsexamen Lehramt Sek II: berufliche Fachrichtung Pflegewissenschaft, die Ergebnisse eines Forschungsprojekts vor, das auf der Auswertung von PatientInnenakten einer psychiatrischen Anstalt in Hamburg während der NS-Zeit beruht. Dabei habe sich gezeigt, dass die Akten bei der Entscheidung, was als ‚lebensunwertes‘ Leben zu gelten hatte, nicht nur eine zentrale Rolle einnahmen, sondern die psychiatrische Praxis und die Tötungen von PatientInnen erst ermöglichten. Nach Darstellung des Autors, der als Juniorprofessur an der Universität Osnabrück wirkt, haben die Ergebnisse seiner Untersuchung auch weitreichende Konsequenzen für Pflegende und pflegerische Praxis in der heutigen Zeit. Hierzu hält er wörtlich fest: „Der gewählte Ansatz zeigt, dass Normen und Vorstellungen von Normalität unbewusster und integraler Teil alltäglicher pflegerischer Handlungen sind“ (S. 276). Die Akten und die Pflegenden als deren maßgebliche KonstrukteurInnen hätten die Macht, „PatientInnenidentitäten herzustellen, mit potenziell vernichtenden Konsequenzen“. Von daher sei es wichtig, dass Pflegende verstünden, dass ihre Aufzeichnungen in der Akte „reale Konsequenzen zeitigen“, auch wenn diese oft der Meinung seien, dass Dokumentation nur eine Routinehandlung ist, die einfach nur erledigt werden muss.

Unter der Überschrift „Krankenschwestern im System der Konzentrationslager“ stellt Petra Betzien (Jg. 1959), M.A., Dipl.-Betriebswirtin und Historikerin, den aktuellen Forschungsstand dienstverpflichteter Krankenschwestern in Häftlingsrevieren der Konzentrationslager (KZ) am Beispiel des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück vor. Hierbei geht sie unter anderem der Frage nach, wie diese Schwestern ihre pflegerische Tätigkeit wahrnahmen und welche Haltung sie zu den Häftlingspatientinnen hatten. Nach Darstellung der Autorin, Doktorandin an der FernUniversität Hagen (Institut für Geschichte und Biographie), ist noch immer unklar, in welchen SS-Lagernlazaretten dienstverpflichtete Krankenschwestern eingesetzt wurden. Aus den vorliegenden Dokumenten gehe hervor, dass beide im KZ und Krieg aktiv tätigen Geschlechter – SS-Männer und Krankenschwestern – „an einem Strang zogen“ und sich mental (zum Teil auch physisch) zugewandt waren: „Diese Verbundenheit sollte die erkrankten SS-Männer für ihre verbrecherische ‚Arbeit‘ fit und diese nicht nur psychisch erträglich machen; die Männer wurden durch diese Verbundenheit in ihrem Tun bestärkt. Die politisch gewollte Nähe zwischen den Angehörigen zweier elitärer Parteiorganisationen, der ‚politischen‘ Schwester und dem ‚politischen‘ Soldaten, entsprach dem NS-Geschlechterbild und den entsprechend zugewiesenen dienenden Aufgaben der Frau im NS-Staat“ (S. 294).

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden häufig die in einer Klinik angestellten Hebammen als „Hebammenschwestern“ bezeichnet, um sie von ihren niedergelassenen Kolleginnen abzugrenzen. Zugleich wies die begriffliche Unterscheidung auf eine unterschiedliche soziale Positionierung und ein differenzierendes Aufgabenspektrum der beiden Gruppen hin. In ihrem Beitrag „Hebammen und Hebammen-Schwestern im Nationalsozialismus: Zwischen Aufwertung, Profitieren und Indienstnahme“ beleuchtet Dr. phil. Wiebke Lisner (Jg. 1972), Historikerin und Angestellte der Universität Hannover, diese unterschiedlichen Aspekte der Hebammenarbeit und ihr jeweiliges Verhältnis zur Krankenpflege anhand des regionalen Beispiels Lippe. Darüber hinaus untersucht sie die im Titel angedeutete Gleichzeitigkeit der nationalsozialistischen Hebammenpolitik: die Gleichzeitigkeit von einer als Professionalisierung zu bezeichnenden Aufwertung des Hebammenberufs einerseits und seiner Einbindung in die Umsetzung der NS-Gesundheitspolitik mit ihren rassenhygienischen und bevölkerungspolitischen Zielen andererseits. Nach Darstellung der Autorin profitierten sowohl niedergelassene als auch angestellte Hebammen – sofern sie zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft gehörten und als „tüchtig“ und „politisch zuverlässig“ galten – von der Neustrukturierung des Hebammenwesens durch das 1938 erlassene Reichshebammengesetz und seinen Folgeverordnungen. Dieses habe einerseits eine Professionalisierung des Hebammenberufes unter anderem durch seine Vereinheitlichung und Abgrenzung zum Beispiel zur Krankenpflege sowie durch die Monopolisierung der Geburtshilfe ermöglicht, andererseits den Hebammen die Mitwirkung bei der Umsetzung der nationalsozialistischen Gesundheits- und Bevölkerungspolitik zur Berufspflicht gemacht.

Die „Hebammen und ihre Berufsorganisation nach 1945“ stehen im Mittelpunkt des Beitrags von Marion Schumann (Jg. 1957), Sozialwissenschaftlerin und Magistra Public Health (MPH) sowie Krankengymnastin. Dabei geht die Autorin, die als freiberufliche Dozentin für Soziologie und Physiotherapie im Altenpflegebereich tätig ist, der Frage nach, wie die Hebammen in der Bundesrepublik mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umgingen und welchen Einfluss ehemalige NS-Hebammenverbandsvertreterinnen nach 1945 in Westdeutschland beim Wiederaufbau der Hebammenorganisationen hatten. Ihre Darstellung zeigt, dass die Hebammenorganisationen ihre Beteiligung an der nationalsozialistischen Rassen- und Bevölkerungspolitik tabuisierten: „Ein Unrechtsbewusstsein war nicht vorhanden, wie dies für weite Teile der bundesdeutschen Gesellschaft galt“ (S. 318). Erst nachdem sich einzelne Hebammen seit Mitte der 1990er Jahre mit ihrer Berufsgeschichte im Nationalsozialismus auseinandergesetzt hätten, habe der Berufsverband (Bund Deutscher Hebammen e.V.) im Jahre 2001 eine Stellungnahme zum Thema veröffentlicht und sich damit zu einem bis dahin längst überwunden geglaubten Abschnitt seiner Berufsgeschichte positioniert.

Diskussion

Wer sich mit der Geschichte der Krankenpflege beschäftigt, darf die NS-Zeit nicht ausblenden. Schön, dass man hier auf das von Hilde Steppe herausgegebene Buch „Krankenpflege im Nationalsozialismus“ zurückgreifen kann, das seit vielen Jahren ein Standardwerk ist, das kompakt und umfassend über das Thema informiert. In zusammenfassenden Darstellungen und Berichten von Zeitzeuginnen vermittelt es Einblicke in die Krankenpflegeausbildung im „Dritten Reich“ und die Pflege im Zweiten Weltkrieg, thematisiert aber auch die Gefolgschaft und den Widerstand des Pflegepersonals bei der Ermordung von PatientInnen in der Psychiatrie.

Die vorliegende Neuauflage wurde um aktuelle Forschungsergebnisse aus den Pflege- und Geschichtswissenschaften erweitert, darunter Beiträge zur institutionalisierten Altenpflege, zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege im Nationalsozialismus sowie zur Arbeit von Krankenschwestern im Konzentrationslager. Außerdem wird die Rolle der Hebammen vor und nach 1945 dokumentiert.

Im Vorwort zur achten Auflage (1996) machte die Herausgeberin darauf aufmerksam, dass „Krankenpflege im Nationalsozialismus“ nach wie vor nicht den Anspruch erheben kann und will, diesen Zeitraum pflegerischer Geschichte auch nur annähernd vollständig widerzugeben. Wörtlich führte sie dazu damals weiter aus: „Ganz im Gegenteil – je intensiver wir AutorInnen uns in das Thema vertiefen, umso stärker empfinden wir die Lücken, die es noch zu füllen gilt und desto mehr haben wir das Gefühl, noch viel zu wenig zu wissen.“

Die Neuauflage des Buches ist sehr zu begrüßen, zumal es sich bis heute um die einzige Veröffentlichung dieser Art zum Thema handelt. Mit den dabei vorgenommenen Ergänzungen konnten zugleich die von Hilde Steppe konstatierten Lücken etwas verkleinert werden, wenngleich auf diesem Feld – etwa im Hinblick auf vergleichende lokal- und regionalhistorische Studien – auch weiterhin noch erheblicher Forschungsbedarf besteht. Keine Frage, dass das Buch in allen Bibliotheken des Gesundheitswesens, seien es nun Ausbildungseinrichtungen, Fachhochschulen oder Universitäten, gleichermaßen für Forschung und Lehre vorhanden sein sollte. Zugleich bleibt zu hoffen, dass die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Pflegegeschichte auch in den kommenden Jahren weiter voranschreitet.

Fazit

Hilde Steppe beziehungsweise ihr Buch „Krankenpflege im Nationalsozialismus“ ist eine Pflichtlektüre für alle, die über die Bedeutung, die Entwicklung und die Rolle der Pflege während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Bescheid wissen möchten.

Rezension von
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 26.07.2013 zu: Hilde Steppe (Hrsg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-925499-35-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10825.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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