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Andreas Kruse (Hrsg.): Leben im Alter

Cover Andreas Kruse (Hrsg.): Leben im Alter. Eigen- und Mitverantwortlichkeit in Gesellschaft, Kultur und Politik ; Festschrift zum 80. Geburtstag von Ursula Lehr. Akademische Verlagsgesellschaft AKA (Heidelberg) 2010. 313 Seiten. ISBN 978-3-89838-637-1. 38,00 EUR.
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Thema

Die Pionierin der Gerontologie in Deutschland Ursula Lehr feierte im Juni 2010 ihren 80. Geburtstag. In der gegenwärtig sicht- und spürbaren Gesellschaft des langen Lebens gehören ihre seit über 40 Jahren zusammen getragenen alterswissenschaftlichen Erkenntnisse zum eisernen Bestand von Wissenschaft und Politik. Wenn eine wissenschaftliche Festschrift für eine akademische Lehrperson gerechtfertigt ist, dann für eine Persönlichkeit vom Schlage Ursula Lehrs, die ihre universitären Erkenntnisse auch als Bundes-Seniorenministerin zwischen 1988 und 1994 praktisch umsetzte. Die Freude und Genugtuung über den Gratulationsband vornehmlich ihrer Kollegen und Schüler wird auch nicht dadurch getrübt, dass der wissenschaftliche Blumenstrauß erst einige Monate nach dem runden Geburtstag ausgeliefert wurde.

Herausgeber

Psycho-Gerontologie Professor Dr. Andreas Kruse bekleidet als ehemaliger Assistent Ursula Lehrs den Lehrstuhl für Gerontologie an der Universität Heidelberg, leitet als Direktor das dortige Institut für Gerontologie und ist für die von Ursula Lehr initiierten Altenberichte der Bundesregierung als Kommissionsvorsitzender verantwortlich.

Überblick

Die von Andreas Kruse herausgegebene Festschrift für Ursula Lehr macht in kürzeren Beiträgen mit neuen alterswissenschaftlichen Erkenntnissen auf internationaler Ebene vertraut. Die Gebiete der insgesamt 25 Einzelbeiträge reichen von der Persönlichkeitspsychologie über die Kulturwissenschaft, die Generationen-Lehre und die öko-soziale Gerontologie bis zur Sozialpolitik und zur Psychopathologie. An vielen Gebieten der Veröffentlichung rekurrieren die Verfasserinnen und Verfasser auf Anregungen und Aussagen Ursula Lehrs, diese fortführend und vertiefend. Das Credo Ursula Lehrs, die Mitgestaltung und Mitverantwortung alter Menschen an ihrem Leben zu befördern und gegen starr einschränkende Altersgrenzen anzugehen, ist aus den Beiträgen wie ein cantus firmus heraus zu hören. Spürbar bleibt vielfach auch Ursula Lehrs Axiom einer Offenheit auch im Alter aufgrund christlicher Hoffnung.

Inhalte im einzelnen

Die Aufsätze der Festschrift „Leben im Alter“ sind in sieben Abschnitte gegliedert.

Begonnen wird die wissenschaftliche Gratulationscour an Ursula Lehr mit Arbeiten zu den personalen Entwicklungsprozessen im Alter. Nach einer Feststellung über das nur differenziert zu entschlüsselnde „erfolgreiche Altern“ richtet Christoph Rott den Blick auf die vorhandene, gute Verarbeitungsfähigkeit körperlicher Verletzlichkeiten im Alter. Auch aus der Trait-Forschung wird bei zielgerichteten Aktivitäten im Alter die Resistenz gegenüber Einschränkungen geschlossen. Zunehmende Bildungsaktivitäten erhöhen die Plastizität zur Selbstsorge. Insa Fooken lenkt den Blick auf das günstigere Durchleben des Alters bei einem androgyn-geschlechtsunspezifischen Lebensstil.

Der kulturellen Prägung des Alters gilt der zweite Abschnitt der Festschrift. Andreas Kruse untersucht den Paradigmenwechsel hin zur Entdeckung der Potenziale des Alters und zur zivilgesellschaftlichen Solidarität. In einem rekapitulierten Traktat zur „Gerontologia“ aus dem Jahre 1705 wird deutlich, dass man auch vor 300 Jahren bereits erkannte, dass Alte noch Nützliches leisten können. Nach diesem zeitlichen Ausflug zeigt Leopold Rosenmayr mit einer Exkursion nach Afrika, wie ein alter Schlangenfänger seine gefährliche Tätigkeit mit zunehmend hohen Fertigkeiten ausübt. Die an sich nicht undifferenzierten Altersbilder der Professionellen in Medizin und Pflege hierzulande könnten solches Lebenswissen alter Menschen noch stärker in Rechnung stellen. In der Produkt-Werbung zeigt sich das Dilemma von „alt“ als einerseits erfolgreich, andererseits abgegriffen.

Für die im dritten Abschnitt thematisierte intergenerationelle Verortung braucht es der generationellen Intelligenz unverstellter, wechselseitiger Wahrnehmung. Den Einfluss gespeicherter Altersbilder auf den aktiven, verantwortlichen Einsatz Älterer zeigen Eric Schmitt und Jörg Hinner auf. Die endliche Versöhnung mit dem eigenen Leben ist Ausfluss von persönlicher Kohärenz und eigenem Wohlbefinden.

Einem weiteren Schwerpunkt Ursula Lehrs gilt der vierte Abschnitt mit der ökologischen Gerontologie. Frank Oswald blickt auf die hohe Umwelt-Verbundenheit alter Menschen als Vehikeln für Selbstständig-Bleiben und Wohlbefinden. Die Person-Umwelt-Passung sieht Hans-Werner Wahl als lebenslange Aufgabe: Sicherheit, Anregung und Sinn-Stiftung sollte sie ermöglichen, damit nicht planlos improvisiert werden muss. Gesundheitserhaltend und –fördernd wirken auch Assistenz-Systeme und individuelle Kommunikations-Techniken nach einem Beitrag aus der Berliner Charité.

Nach Ursula Lehrs eigenem Beispiel hat auch die Politik Maßnahmen zu ergreifen. Nach Stefan Pohlmann sind dabei alle Generationen einzubeziehen. Michael Hüther setzt auf weitere Funktionabilität des öffentlichen Raums, Gerhard Naegele auf neue Wohnformen für funktional eingeschränkte Personen und eine Stärkung der Pflegeversicherung und Thomas Klie auf Rahmenbedingungen zur Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements.

Psychopathologie und palliative Ethik sind Themen des sechsten Abschnitts der Lehr-Würdigung. Die psychotherapeutische Unterversorgung Älterer beklagt Gereon Heuft. Die Wechselwirkung zwischen cerebralen Veränderungen, psychopathologischen Störungen und kognitiven Einschränkungen untersucht die Heidelberger Universitätsmedizin. Als Folgen von Fehl- und Mangelernährung sieht Cornel Sieber Muskelabbau (Sarkopenie) und geringe Belastbarkeit (Frailty). Beim Sterbebeistand sollen einem Beitrag der Robert-Bosch-Stiftung zufolge zunehmend Teamabsprachen stattfinden.

Am Ende fordert Jon Hendricks angesichts der vielen empirischen Befunde wieder eine stärker fundierte gerontologische Grundierung ein.

Diskussion

Die Festschrift stellt eine Veröffentlichung auf der Höhe der gegenwärtigen gerontologischen Wissensbestände dar. Die Aufsätze geben in ihrer Summe ein perspektivenreiches Bild von den Möglichkeiten positiven Alterns heute und morgen. Der Blick bleibt zwar stark psycho-soziologisch, ökosozial und kulturwissenschaftlich gerichtet, doch werden auch medizinische Aspekte berührt, wenn auch zu vereinzelt. Die Gliederung in disziplin-orientierte Abschnitte mag befremden. Indes: Die Gerontologie ist eine Synthese-Disziplin. Gleichwohl hätte die Altenförderung stärker als Querschnittsaufgabe gesehen werden sollen. Dass die Autoren ihre angestammten „Gärten“ überschreiten, ist zu begrüßen. So hätte Herausgeber Andreas Kruse seinen im kulturwissenschaftlichen Abschnitt platzierten Beitrag zum gerontologischen Paradigmenwechsel II/1 auch in jenen zu den intergenerationellen Verortungen stellen können. Oder der Aufsatz von Simon Biggs und Irja Haapala zur intergenerationellen Intelligenz III/1 hätte auch zu den kultursoziologischen Gegebenheiten gerückt werden können.

Die Schau über die deutschen Grenzen macht es hie und da erforderlich, Beiträge in englischer Sprache zu lesen und zu verstehen. Auch ist der Kleindruck des Buches für eine ältere, im Sehen eingeschränkte Leserschaft nicht ganz einfach zu bewältigen, vor allem bei den einleitenden, sehr klein gedruckten Zusammenfassungen (Abstracts).

Die gerontologischen Fragestellungen werden insgesamt zu sehr und fast zu ausschließlich statistisch-empirisch und (makro-)gesellschaftlich, aber kaum (mikro-)innerfamilial betrachtet. Die Familie als in Deutschland immer noch „wichtigster Pflegedienst“ bleibt in den Betrachtungen außen vor. Auch sind geriatrisch-medizinische Aspekte jenseits von allgemeiner Aktivierung, Ernährung und kommunikationstechnischer Assistenz-Systeme kaum angesprochen.

Fazit

Eine würdige, niveauvolle, in vielen Fällen liebevolle Festschrift für die Nestorin der deutschen gerontologischen Wissenschaft Ursula Lehr zu ihrem 80. Geburtstag. Wenn das Verdienst der Autorin darin besteht, von 1985 an mit der Annahme des Heidelberger Gerontologie-Lehrstuhls Jahrzehnte weit in die Zukunft gewirkt zu haben, so darf von dieser Festschrift auch eine Signalwirkung zur Lösung von Problemen des Alterns in künftige Zeiten erwartet werden.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 23.02.2011 zu: Andreas Kruse (Hrsg.): Leben im Alter. Eigen- und Mitverantwortlichkeit in Gesellschaft, Kultur und Politik ; Festschrift zum 80. Geburtstag von Ursula Lehr. Akademische Verlagsgesellschaft AKA (Heidelberg) 2010. ISBN 978-3-89838-637-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10827.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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