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Nicole Wehner: Die habitualisierte Inszenierung von Professionalität

Cover Nicole Wehner: Die habitualisierte Inszenierung von Professionalität. Eine biografische Studie im Berufsfeld der Sozialen Arbeit. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin (Berlin) 2010. 211 Seiten. ISBN 978-3-86573-568-3. 29,80 EUR.
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Thema

Im Mittelpunkt der vorliegenden Studie steht das Interesse einer Untersuchung über die habitualisierte Inszenierung von Professionalität nach Pierre Bourdieu im Rahmen Sozialer Arbeit.

Autorin

Frau Wehner gibt ohne nähere Konkretisierung an, dass sie im Rahmen Sozialer Arbeit tätig war oder vielleicht noch ist. Nähere Informationen darüber enthält das Buch nicht.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel unterschiedlicher Länge.

Nach einer kurzen Einleitung in die Thematik folgt eine Einführung in die Problemstellung und die Fragestellung der Untersuchung. Frau Wehner beginnt mit den historischen Wurzeln der Sozialpädagogik und Sozialarbeit, fokussiert dann aber auf die fachliche Entwicklung der Sozialpädagogik und landet bei der Sozialen Arbeit. Sie konstatiert, dass die Expansion der Sozialen Arbeit und die Akademisierung der Ausbildung nur einen sehr geringen Einfluss auf Status und Bezahlung gehabt haben. Ihre forschungsleitende Hypothese geht davon aus, dass die sozialpädagogischen Akteurinnen und Akteure auf der Mikroebene die objektiven Berufsstrukturen in ihren berufsbiografischen Konstruktionen produzieren (S. 16).
Auf der Basis einer macht- und prozessorientierten Perspektive stehen im Fokus des Forschungsinteresses die habituellen Prägungen und biografischen Ressourcen der einzelnen Akteure. Eine zentrale Rolle nimmt dabei das Geschlecht als Dimension des Habitus ein. Daran anschließend folgt der Versuch einer Bestandsaufnahme des Berufsfeldes, welche aber auf nur fünf Seiten sehr rudimentär ausfällt.

Teil II referiert den theoretischen Rahmen der Studie. Im Fokus stehen hier im ersten Kapitel die Theorie einer inszenierten Professionalität sowie die Theorie einer habitualisierten Professionalität. Die Autorin beginnt mit der Debatte um eine professionstheoretische Positionsbestimmung der Sozialen Arbeit (s. 29 f.). In der Beschäftigung mit der Professionstheorie steht für sie die deutschsprachige Professionssoziologie im Mittelpunkt. Sie referiert ganz kurz die Ansätze von Luhmann (Systemtheorie), Hughes (Interaktioneller Ansatz) und Oevermann (Strukturtheoretischer Ansatz). Nach einem kurzen Bezug zum Geschlechteraspekt im professionstheoretischen Kontext fährt sie fort mit einer Ausführung zum inszenierungstheoretischen Professionalisierungsansatz nach Luckmann und Berger.
Es folgt im zweiten Kapitel eine Darstellung von Bourdieus Sozialtheorie (S. 47 f.) mit den Unterpunkten Habituskonzept, soziales Feld, Kapitalformen und symbolische Macht. Gemäß des eigenen Anspruchs, die Dimension Geschlecht angemessen zu würdigen, schließt das Kapitel mit einer kurzen Abhandlung von männlicher Herrschaft als besonderer Form symbolischer Macht (S. 60 f.).

Der kurze III. Teil widmet sich methodologischen und methodischen Grundlagen. Hier behandelt Frau Wehner die (Re)Konstruktion der sozialen Wirklichkeit, Biografie als soziale Konstruktion und das narrative biografische Interview.

Der IV. und längste Teil gibt die eigene Untersuchung der Autorin wieder, die in einem Untersuchungszeitraum von September 2007 bis Juli 2009 insgesamt 16 Interviews mit Fachkräften der Sozialen Arbeit durchgeführt hat. In fünf Kapiteln kann hier in vier exemplarischen Falldarstellungen und einer sich anschließenden Verdichtung die Untersuchung und ihr Ergebnis nachvollzogen werden.

Teil V leistet auf wenigen Seiten eine knappe Schlussbetrachtung. Teil VI bis VIII füllen Literaturverzeichnis, Abbildungsverzeichnis und Transkriptionszeichen.

Diskussion

Schon zu Beginn der Lektüre zeigen sich in diesem Buch definitorische Unklarheiten, wenn es darum geht, im Rahmen der Professionalisierungsdebatte eine angemessene Berufsbezeichnung zu finden. Auf der ersten inhaltlichen Seite ist die Rede von einem „sozialpädagogischen Arbeitsfeld“, von „Sozialarbeitenden“ sowie von einem „sozialarbeiterischen Beruf“ (S. 13). Dies korrespondiert mit einer fragwürdigen kategorialen Abbildung von Praxisfeldern (S. 24-25). Die Darstellung der theoretischen Grundlagen der eigenen Untersuchung in den Kapiteln 2 und 3 gibt einen guten Einblick in die Sozialtheorie von Bourdieu, speziell über das Habituskonzept. Nicht gut nachzuvollziehen ist bei der Auswahl der vorgestellten vier Fälle, welche Kriterien von der Autorin für die Wahl herangezogen wurden (S. 82-84). Es wäre hilfreich gewesen, nachvollziehen zu können, weshalb genau diese vier Fälle die angestrebte „theoretische Sättigung“ (S. 81) garantieren konnten. Damit korrespondiert, dass die weiteren 12 Fälle, die zur Kontrastierung im Rahmen der favorisierten Grounded Theory herangezogen wurden, nur marginal behandelt werden. Hier wäre etwas mehr Ausführlichkeit hilfreich gewesen. Im Unterkapitel 10 leistet die Autorin eine Ergebnisdarstellung und Verdichtung. Dabei geht sie mit knappen Ausführungen davon aus, dass es einer „besonderen Inszenierungsleistung“ bedarf, um den „Stand der unzureichenden Professionalität“ (der Sozialen Arbeit – S. 165) verlassen zu können. Es erschließt sich nicht richtig, was das abschließende Resümee aussagen soll. Irritierend ist etwas, weshalb die Autorin „pädagogische Konsequenzen“ aus ihren Ergebnissen ziehen will, ohne zu sagen, was sie darunter versteht (S. 186). Was nämlich folgt, könnte vielmehr als gesellschaftspolitische oder organisationssoziologische Überlegungen verstanden werden. Es wirkt ein wenig kraftlos, wenn am Ende der Arbeit eine „gezielte Gegenüberstellung von Perspektiven“ als hilfreich angeboten wird, um die Professionalisierung der Sozialen Arbeit voranzutreiben, ohne hier etwas Fundiertes anzuführen (S. 188).

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an interessierte Fachkräfte und Studierende der Sozialen Arbeit, die sich mit der der Professionalisierungsthematik beschäftigen wollen.

Fazit

Es ist ein ambivalenter Eindruck, den dieses Buch hinterlässt. Einerseits wird ein spannender theoretischer wie forschungsbezogener Zugang zur wichtigen Professionalisierungsdebatte angeboten. Andererseits fällt auf, dass der Kontext, in dem diese Arbeit entstand und zu verstehen wäre, fast vollständig ausgeblendet ist. Es ist weiterhin bemerkenswert, dass bei der theoretischen Erörterung der Professionalisierungsdebatte auf wichtige Beiträge, beispielsweise von Silvia Staub-Bernasconi oder Wolf Rainer Wendt, überhaupt kein Bezug genommen wird. Dies erklärt vielleicht den ausgesprochen individualistischen Ansatz der Arbeit, der - bezugnehmend auf das politische Werk von Pierre Bourdieu – eine wertvolle Chance ausgelassen hat.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 20.04.2011 zu: Nicole Wehner: Die habitualisierte Inszenierung von Professionalität. Eine biografische Studie im Berufsfeld der Sozialen Arbeit. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin (Berlin) 2010. ISBN 978-3-86573-568-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10831.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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