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Delia Struppek: Patientensouveränität im Pflegeheim

Cover Delia Struppek: Patientensouveränität im Pflegeheim. Möglichkeiten und Grenzen aus der Sicht von hochaltrigen, mehrfach erkrankten Pflegeheimbewohnern, ihren Ärzten, Pflegekräften und privaten Bezugspersonen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 237 Seiten. ISBN 978-3-456-84721-4. 29,95 EUR.

Reihe: Multimorbidität im Alter. Projektreihe der Robert-Bosch-Stiftung.
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Thema

In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Eintritt ins Pflegeheim zumeist mit dem Verlust der (noch) verbliebenen Souveränität und Entscheidungskompetenz der Betroffenen verbunden. Gegen dieses Bild einer totalen Abhängigkeit in der letzten Lebensphase richtet sich die Untersuchung von Delia Struppek, und zwar durch ein multiperspektivisches Interviewverfahren: Zunächst wurden in qualitativen Interviews 13 über 80-jährige, mehrfach erkrankte aber kognitiv unbeeinträchtigte Pflegeheimbewohner zu ihren subjektiven Erfahrungen, Wünschen und Vorstellungen bei gesundheitsbezogenen Ereignissen befragt. Analog dazu wurden die in diesen Bereichen relevanten Akteure befragt: Pflegekräfte (8), Ärzte (14) und private Bezugspersonen (9). Die Befragung wurde nach der Grounded Theory ausgewertet. Ziel der Arbeit ist es, Perspektiven einer Gestaltung der Beziehungsverhältnisse zwischen Betroffenen und Akteuren des Gesundheitssystems aufzuzeigen und dadurch Wege zu einer Patientensouveränität auch in der letzten Lebensphase zu ebnen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Delia Struppek arbeitet als Diplompsychologin in der Tagesklinik der Geriatrischen Abteilung des Klinikums Barnim in Eberswalde. Die vorliegende Arbeit ist ihre Dissertation, mit der sie am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der FU-Berlin zur Dr. phil. promoviert wurde.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Abstract in deutscher und englischer Sprache gibt die Autorin in Kap. 1 einen Ausblick auf inhaltliche Schwerpunkte und den Aufbau ihrer Arbeit. (S. 13f)

Kap. 2 (S. 15-46) enthält einen allgemeinen Überblick Zur Lebenssituation älterer Menschen. Darin geht es um demografische Fragen der Bevölkerungsentwicklung, um Alter(n) und Altersbilder, um die Gesundheit älterer Menschen, wobei insbesondere der Aspekt der Multimorbidität in den Blick genommen wird. Im weiteren geht es um Fragen der Pflegebedürftigkeit älterer Menschen sowie um psychologische Aspekte des Alterns, hier insbesondere auch um die Differenzierung zwischen subjektiven und objektiven Wahrnehmungen.

Kap. 3 (S. 47-54) behandelt die Soziale Unterstützung alter Menschen, die beim Eintritt ins Pflegeheim besondere Bedeutung gewinnt. Hier geht es zunächst um private soziale Netzwerke, insbesondere um die Rolle von Angehörigen, Freunden und Bekannten. Dann richtet sich der Blick auf die Interaktion zwischen Patienten und Pflegekräften, vor allem auf die Patient-Arzt-Beziehung, die auch grundsätzlich ethisch hinterfragt wird. Die Autorin weist darauf hin, dass in der Kommunikation und Interaktion zwischen Betroffenen und Professionellen des Gesundheitssystems wesentliche Voraussetzungen für die Entwicklung einer Patientensouveränität geschaffen werden können.

Kap. 4 (S. 55-85) geht auf Fragen der Patientensouveränität im Gesundheitswesen ein und behandelt deren definitorische, ethische und rechtliche Grundlagen. Dabei werden unter 4.3 (S.62ff) auch aktuelle Ansätze und Entwicklungen zur Förderung der Patientensouveränität in den Blick genommen, in denen grundsätzliche Aspekte wie Empowerment und Partizipation entfaltet werden, zugleich werden aber auch Grenzen des Möglichen aufgezeigt.

Kap. 5 (S. 81-85) - Konkretisierung der empirischen Fragestellung - bildet eine Zwischenbilanz, in der ein Fazit der theoretischen Vorüberlegungen gezogen wird und Fragestellungen für das eigene empirische Vorgehen der Autorin im zweiten Teil des Buches entwickelt werden. (1. Erlebte Patientensouveränität; 2. Verhinderte Patientensouveränität; 3. Patientensouveränität im Pflegeheim)

Kap. 6 (S. 87-107) begründet das Methodische Vorgehen der Autorin in ihrer empirischen Untersuchung. Zunächst wird die Konzeption der Studie vorgestellt, wobei insbesondere die qualitative Verfahrensweise begründet wird. Dann wird die Art und Weise der Datenerhebung und der Datenauswertung erläutert. Schließlich werden Aspekte der Analyse qualitativer Erhebungsergebnisse diskutiert.

Die folgenden vier Kapitel fokussieren dann jeweils die Sichtweisen der Betroffenen bzw. der Akteure im Pflegeprozess, wie sie sich aus der Erhebung der Autorin ergeben haben:

  • Kap. 7 (S.109-133): Sichtweisen der Patienten.
  • Kap. 8 (S. 135-150): Sichtweisen der Pflegekräfte.
  • Kap. 9 (S.151-172): Sichtweisen der Ärzte.
  • Kap. 10 (S.173-185): Sichtweisen der privaten Bezugspersonen.

Dabei werden in analoger Weise Aspekte in den Blick genommen wie: Leben im Heim - Interaktion zwischen Betroffenen und Akteuren - Kommunikation - Wahrnehmung und Relevanz von gesundheitlichen Einschränkungen - Medikation u.a.

In zusammenfassenden Schlussabschnitten werden die Einzelergebnisse zusammengefasst unter den Stichworten. Transparenz - Beziehung und Kommunikation - Handlungsspielraum.

Kap. 11 (S. 187-198) - Patientensouveränität im Pflegeheim - stellt schließlich eine Synopse der Einzelergebnisse her, in der eine vergleichende Darstellung folgender Aspekte erfolgt: Leben im Heim - Interaktion: Patienten und Pflegekräfte - Interaktion: Patienten und Ärzte - Gesundheitliche Einschränkungen - Medikation.

Kap. 12 (S. 199-219) - Diskussion und Ausblick - fasst die Ergebnisse der Studie zusammen und diskutiert diese unter den Gesichtspunkten

  • Kontext der Patientensouveränität im Pflegeheim
  • Strategien der Patientensouveränität im Pflegeheim
  • Konsequenzen für die Patientensouveränität im Pflegeheim
  • Anmerkungen zum methodischen Vorgehen.

Die Quintessenz der von der Autorin zum Ausdruck gebrachten Folgerungen aus der Erhebung besteht in einem Plädoyer für eine Individualisierung des Aushandlungsprozesses der Patientensouveränität im Dreieck von Betroffenen, Pflegekräften und Ärzten. Dabei werden alters- und situationsbedingte Grenzen der Souveränität durchaus gesehen. Andererseits hält die Autorin die Suche nach allgemeingültigen Lösungen für kontraproduktiv. Es geht um einen Prozess nicht “im Sinne” sondern “mit” den Betroffenen.

Kap. 13 (S.221-236) enthält ein umfassendes Verzeichnis der benutzten und zitierten Literatur und der Internetquellen sowie ein Abkürzungsverzeichnis.

Zielgruppe

Das Buch ist eine wertvolle Informationsquelle für alle, die im wissenschaftlichen Kontext, in der konzeptuellen Arbeit und in der Praxis mit der stationären Pflege alter Menschen befasst sind. Dies gilt insbesondere für den Bereich der Geriatrie, da gerade Aushandlungsprozesse zwischen Arzt und pflegebedürftigen aber kognitiv unbeeinträchtigten Patienten einen besonderen Schwerpunkt der Studie bilden. Auch im Studium und in der Lehre der Pflegewissenschaften ist es eine nutzbringende Hilfe insbesondere da, wo es um Fragen der Konzeption interaktiver Prozesse in der Pflege geht.

Diskussion

Im gegenwärtigen intra- und interdisziplinären Diskurs gerontologischer Fragestellungen richtet sich der Blick verstärkt auf Ressourcen und Potentiale im Alternsprozess. (Vgl. A.Kruse (Hrsg), Potentiale im Altern, 2010, vgl. die Rezension) Daraus resultiert, dass gerade da, wo Defizite im Alternsprozess vordergründig unabweisbar erscheinen, also beim Eintritt von Pflegebedürftigkeit, die bei kognitiv unbeeinträchtigten Betroffenen dennoch vorhandenen Fähigkeiten zum autonomen und souveränen Mitwirken an den sie betreffenden Entscheidungsprozessen in besonderer Weise beachtet werden müssen. In diesem Zusammenhang ist das Buch von Delia Struppek ein hilfreicher Beitrag, weil er die sich hier abspielenden Interaktions- und Aushandlungsprozesse empirisch hinterfragt und Möglichkeiten der Wahrung von Patientensouveränität in den Blick nimmt. Insbesondere das Plädoyer für eine Individualisierung von Lösungen ist - gerade angesichts von im stationären Bereich immer scheinbar näher liegenden normierenden Lösungen - besonders hervorzuheben.

Fazit

Für alle an der Gestaltung stationärer Bereiche in Geriatrie und Pflege Beteiligten aber auch für die wissenschaftliche Reflexion dieser Thematik ist die Lektüre dieses Buches lohnend und gewinnbringend.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 23.05.2011 zu: Delia Struppek: Patientensouveränität im Pflegeheim. Möglichkeiten und Grenzen aus der Sicht von hochaltrigen, mehrfach erkrankten Pflegeheimbewohnern, ihren Ärzten, Pflegekräften und privaten Bezugspersonen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. ISBN 978-3-456-84721-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10838.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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