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Kirsten Aner: Soziale Beratung und Alter

Cover Kirsten Aner: Soziale Beratung und Alter. Irritationen, Lösungen, Professionalität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 209 Seiten. ISBN 978-3-940755-64-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Thema

Ist Altenarbeit ein Arbeitsfeld, auf das sich SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen am besten erst in der zweiten Lebenshälfte begeben, wenn sie selbst vom eigenen Alter her „näher dran“ sind? Also frühestens, wenn sie selbst die „kurzen Hosen der Jugendarbeit ausgezogen“ haben? Sicher ist dies eine unprofessionelle Vorstellung, die darum derart ausweichend als Plattitüde empfunden wird. Kirsten Aner geht in ihrer explorativen 210-Seiten-Studie „Soziale Beratung und Alter“ bei Budrich-Unipress deshalb vom Begriff Generation als hilfreichem Strukturierungs-Konzept für Soziale AltenarbeiterInnen gleich welch eigenen Alters aus.

Autorin

Professorin Dr. rer. pol. habil. Kirsten Aner lehrt Soziale Arbeit und Soziale Gerontologie an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.

Grundlegende Inhalte

Die explorative Studie Kirsten Aners hat in strukturierten, offenen Interviews mit 12 Sozial-BeraterInnen auf eher unspezifischen Arbeitsfeldern wie Lebens-, Schuldner-, Wohnungs- und Paar-Beratung bezüglich der Implikation des Alters von BeraterInnen und KlientInnen Fehlhaltungen und förderliche Positionen heraus gefunden. Die Fehlhaltungen bestehen in Abwehr und Negierung des jeweiligen Alters des Beratungs-Duals sowie in seiner allenfalls pragmatischen Berücksichtigung. Hilfreich erscheint es der Autorin hingegen, die Beratung unter dem Horizont der jeweiligen generationellen Verortung von Berater und Klient zu führen. Förderlich ist dies nicht nur in der Sozialen Altenberatung, sondern auch in anderen Arbeitsfeldern, weil auch deren Klientele wie die Gesamtgesellschaft altern.

Inhalte im Einzelnen

Der Bericht über die Studie zu den alters-kalendarischen Gegebenheiten der Sozialberatung erfolgt in fünf Kapiteln.

Zunächst erläutert die Autorin ihr Forschungsinteresse unter Hinweis der bislang unzureichenden Thematisierung des Lebensalters der Beraterpersönlichkeiten im Feld der Sozialen Altersberatung.

Hierin erblickt die Verfasserin einen gravierenden Mangel an Professionalisierung in der Sozialen Arbeit und führt eine ausführliche Diskussion über die Professionalisierungsdebatte in der Sozialen Arbeit.

Im Teil drei des Buches wird das Forschungsdesign der qualitativen Studie zur generationellen Verortung der Beratungs-Duale anhand offener, standardisierter Interviews mit den befragten zwölf BeraterInnen im Alter zwischen 32 und 55 Jahren umrissen.

Teil vier teilt die Ergebnisse dieser Studie mit. Danach werden drei grundsätzliche Beratungskonstellationen typisiert. Hierbei vernachlässigt die De-Thematisierung des Lebensalters die Lebensläufe, Biografien und Lebensphasen der Klienten und wirkt darum nivellierend. Eine weitere, eher negative Haltung ist die nur pragmatische Berücksichtigung des Alters, die durch Alters-Stereotypisierung Entwicklungs-Chancen bei der Klientel verschenkt. Für allein angemessen hält die Autorin die generationellen Strategien mit der Bewusstmachung der Alters-Positionen von Berater und Klient, da hier die Lage der Klienten differenziert und realistisch wahrgenommen werden kann. Dabei läuft aber eine Position, die sich auf den Aufbau der Altersdifferenz zwischen Berater und Klient beschränkt, Gefahr, die Handlungsspielräume der Beratenen einzuengen, während der Gebrauch des neutralen Instruments „Generation“ als strukturierender Orientierungs- und Bezugspunkt förderlicher erscheint.

Im letzten Abschnitt erfolgt die Diskussion der Ergebnisse der Studie: Jüngere Beratende haben oftmals die biografische Verspätung einzuholen, ältere Beratende haben vielfach mit ihren Alters-Abwehrstrategien zu kämpfen, und alle leiden unter dem abwertenden Produktivitätsdiskurs über das Alter. Da hilft die Betrachtung der Querschnitts-Situation der Beratung Älterer auch in anderen Arbeitsfeldern wie Sucht, Paarberatung, Schuldnerhilfe, Psychiatrie und Krankenhaussozialdienst ein wenig.

Diskussion

Hilfreich an der Studie „Soziale Beratung und Alter“ ist es, die möglichen Fehlhaltungen bei der Beratung alter Klienten durch jüngere Professionelle zu benennen wie einerseits die Ausblendung von Lebensalter, Biografie und Zeitwandelseffekten und sodann die nur zu vordergründig-pragmatische Betrachtung der Altersdifferenz zwischen Berater und Klient mit stereotypen Vorstellungen von Jung und Alt bzw. mit schnell herbei geholten Beispielen aus der eigenen Familie (Motto: „So etwas hab‘ ich auch bei meinem Schwiegervater erlebt“). Das Abheben auf die Generation als Summe der jeweils gleichzeitig Geprägten ist weiter führend und trägt sogar beim Transfer auf andere Arbeitsfelder, in denen es Soziale Arbeit mit Klienten unterschiedlichen Lebensalters zu tun hat.

Der Behauptung am Ausgangspunkt der Studie, die generativen „Fallstricke“ der Sozialen Altenarbeit seien in der Ausbildung bislang zu kurz gekommen, kann nicht gefolgt werden. Dazu hat die Verfasserin die Literatur aus den Anfangsjahren der Sozial-Fachhochschulen bis in die jüngste Vergangenheit zur Alten-Sozialarbeit nicht genügend durchforstet; vermisst wird die Auseinandersetzung mit Arbeiten von Hubert Oppl, Gisela Thiele und Sibylle Kraus. Auch sind die theoretischen Implikationen zur Professionalisierungsdebatte schwer zu lesen. Arbeitsfelder sind zum Teil nur mit den Kürzeln des Sozialgesetzbuchs benannt, auch gehen immer wieder psychologisch-therapeutische, sozialarbeitliche und sozialpädagogische Arbeitsfelder durcheinander, wenn der Autorin auch darin zuzustimmen ist, dass das „dritte Alter“ mit den Vehikeln Bildung, Biografie und Ehrenamt mehr sozialpädagogische und das „vierte Alter“ mit den Schwerpunkten Ernährung, Wohnung und Hygiene mehr sozialarbeiterische Akzente hat.

Die Operationalisierung der mit viel transkribierendem Aufwand betriebenen Studie hätte auch auf weitere Ziele als nur auf den generationellen Horizont abzielen können, nämlich auf wichtige Momente aus den folgenden sechs Polen, zwischen denen sich Soziale Altenberatung bewegt: Zwischen Abwehr und Idealisierung, zwischen Altersdiffusion und Altersstereotypisierung, zwischen Rollenwechsel und Rollenprolongation, zwischen affektiver Positionierung und neutraler Professionalität, zwischen Lebens-Offenheit und Restzeit-Begrenzung sowie zwischen kompetenz-reduzierender Overprotection und enttäuschend-passivierendem Selbsthilfe-Appell.

Fazit

Die Studie zur Positionierung Sozialer Arbeit in der Altenarbeit thematisiert die Möglichkeiten und Gefahren ihres professionellen Verständnisses unter generationellem Aspekt völlig richtig und zutreffend und gibt mit ihrer Empfehlung einer gezielten Verortung der Akteure im Generationen-Gefüge eine brauchbare Hilfe für weitere Arbeitsfelder, in denen Soziale Arbeit einer älter werdenden Klientel gegenüber steht.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 24.01.2011 zu: Kirsten Aner: Soziale Beratung und Alter. Irritationen, Lösungen, Professionalität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-940755-64-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10842.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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