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Hermann Mecklenburg, Joachim Storck (Hrsg.): Handbuch berufliche Integration und Rehabilitation

Cover Hermann Mecklenburg, Joachim Storck (Hrsg.): Handbuch berufliche Integration und Rehabilitation. Wie psychisch kranke Menschen in Arbeit kommen und bleiben. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. Neu- Auflage. 348 Seiten. ISBN 978-3-88414-501-2. 34,95 EUR, CH: 54,90 sFr.
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Thema

Die Integration und Rehabilitation von Menschen mit psychischen Behinderungen in Arbeit und Beruf ist schon länger, angesichts der Entwicklungen am Arbeitsmarkt jedoch auch ganz aktuell ein drängendes Thema. Auch wenn immer wieder vom Ende der Arbeitsgesellschaft die Rede ist, kommt einer bezahlten Arbeit nach wie vor eine Fülle von bedeutsamen Funktionen für Menschen zu. Dies gilt auch und gerade in einer Zeit, in der verschiedenste Formen "prekärer" Arbeit mehr und mehr den Angebotsmarkt prägen und zwar nicht allen, aber vielen dieser Formen auch eine Fülle problematischer Aspekte anhaften: in Form von wenig sinnstiftender, krank machender, entwürdigender und finanziell instabiler oder ungenügender Bedingungen.

Vor diesem Hintergrund sollen in dem hier betrachteten Buch Möglichkeiten dargestellt werden, Menschen mit Psychiatrieerfahrung dabei zu unterstützen, Arbeitsverhältnisse einzugehen und auch zu halten. Dabei werden explizit insbesondere bezahlte Arbeitsverhältnisse fokussiert, was angesichts der besonderen Bedeutung gerade bezahlter Arbeit gut nachvollziehbar erscheint. Das Buch erschien erstmals 2008 und wird hier nun in einer zweiten bzw. Neuauflage vorgelegt (vgl. die Rezension). Die Rezension zu dieser Neuauflage nimmt in weiten Strecken die frühere Rezension auf und ergänzt sie um notwendige Informationen und Kommentare.

Aufbau und Inhalt

Die insgesamt 27 Beiträge des recht umfangreichen Buches sind in sieben Hauptkapitel gegliedert. Letztere sind im Vergleich zur Erstauflage im Wesentlichen gleich geblieben; insbesondere in den ersten beiden Hauptkapiteln hat es einige Umstrukturierungen im Hinblick auf Autoren und Beitragstitel gegeben.

  • Zunächst (Kap. I) werden Rahmenbedingungen und die Ausgangslage skizziert: Aspekte der aktuellen Arbeitsmarktsituation, rechtliche Grundlagen und mögliche Integrationsfelder.
  • Es folgen unter II. Kapitel zu Beratung und arbeits- bzw. berufsbezogener Diagnostik, darunter auch neue Kapitel zu Arbeitsdiagnostik sowie zur ICF in der Beruflichen Rehabilitation.
  • Hauptteil III setzt sich mit Fragen der Vorbereitung auf Arbeit auseinander (auch im Kontext einer WfbM).
  • Danach werden Fragen der arbeits- und berufsbezogenen Integration (Kap. IV) sowie des Verbleibens in Arbeitsverhältnissen (Kap. V) erörtert. Hier geht es insbesondere um die Aufgaben und Bemühungen von ARGE, Arbeitsagenturen, Integrationsfachdiensten und Integrationsämtern.
  • Es folgen Überlegungen zum Spektrum möglicher Arbeitsplätze (Kap. VI), darunter auch besonderen Unterstützungsmöglichkeiten wie Integrationsbetrieben oder Zuverdienstfirmen.
  • Ein Hauptkapitel zu Innovationen beschließt den Band.
  • Jede Hauptthematik wird auch in dieser zweiten Auflage zunächst mit einem Selbstbericht Betroffener aufgerissen, wonach dann Beiträge zu verschiedenen Sachaspekten folgen.

Zielgruppen

Zielgruppen des Buches sind laut Herausgeberangaben Experten in der Praxis, die mit der beruflichen und arbeitsbezogenen Integration von Menschen mit psychischen Behinderungen befasst sind. Angesichts der zutage tretenden Parteinahme für die Sache dürften aber auch Betroffene zum impliziten Adressatenkreis gehören.

Diskussion

Die fachlichen Beiträge des Buches zeugen durchweg von Kompetenz und Erfahrung. Es werden viele wichtige Informationen zum Themenkreis zusammengetragen: Rechtsgrundlagen, konzeptionelle Ansätze, Maßnahmen, Einrichtungen und organisatorische Möglichkeiten sowie ganz konkrete Hinweise. Die Ausführungen sind praxisnah, ansprechend geschrieben und gut lesbar. Allerdings hätte man sich die Aufbereitung für den anvisierten Expertenkreis an verschiedenen Stellen noch systematischer und auch kritischer vorstellen können. Der Haupttitel täuscht – in der ersten wie in der zweiten Auflage – über die spezifische Thematik hinweg und muss durch den Untertitel ergänzt werden, um klar zu machen, worum es geht. Auch bricht sich die im Vorwort explizierte Intention des "Mutmachens" ein wenig mit dieser Adressatengruppe – auch angesichts der Falldarstellungen und Erlebnisberichte kommt immer wieder der Eindruck auf, dass diese Zielgruppe mit derjenigen der Betroffenen (Menschen mit psychischen Behinderungen) konfundiert wurde. Auf der anderen Seite vermitteln solche Berichte Betroffener intensive Inneneinblicke für Experten und andere Leser.

Das Buch wird dem Handbuchcharakter insgesamt gut gerecht, indem es viele Informationen vermittelt. Allerdings bricht der immer wieder durchscheinende parteinehmende Charakter bisweilen mit dem Handbuch-Anspruch; zumindest wären hier ergänzend etwa stärker Perspektiven wie diejenige von Arbeitgebern als Ergänzung wünschenswert gewesen.

Die zweite Auflage wurde als Gelegenheit zu verschiedenen Aktualisierungen im Kleinen wie im Größeren genutzt. So wurden Beiträge praxisnäher gestaltet, und es kamen neue Kapitel zu Arbeitsdiagnostik im Kontext medizinischer und beruflicher Rehabilitation, zu Empowerment in der Beruflichen Rehabilitation sowie zur International Classification of Functioning (ICF) hinzu, die, derzeit intensiv beforscht und in dynamischer Entwicklung befindlich, für die Berufliche Rehabiltiation allgemein einen erheblichen Stellenwert gewinnen dürfte. Insofern finden sich bedeutsame Bereicherungen in der Neuausgabe des Buches. Formal ist auch darauf hinzuweisen, dass das Buch optisch erheblich aufgewertet wurde: durch eine feste Bindung, ein wesentlich professionelleres Schriftbild und eine insgesamt die Lesbarkeit beträchtlich verbessernde Aufbereitung. Die Querverweise innerhalb des Buches wurden auf die Seiten herausgezogen und bieten damit Transparenz für den Leser zur intensiven Vernetzung zwischen den Beiträgen. Hier hat der Verlag einiges an Mühen investiert.

Auch wenn das Buch nicht direkt einen wissenschaftlichen Adressatenkreis anvisiert, ist anzumerken, dass nicht nur in der ersten, sondern auch in der zweiten Auflage teilweise die Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens erheblich verletzt werden: In verschiedenen Beiträgen finden sich kaum Literaturhinweise, Zitate sind nicht ausreichend belegt, und das Literaturverzeichnis fällt angesichts des Umfanges des Buches recht knapp aus; hier hätte deutlich mehr recherchiert werden können. Für die in der zweiten Auflage neu hinzugekommenen Beiträge gilt diese Kritik nur teilweise, aber auch. Zwar wurde hier das Literaturverzeichnis insgesamt leicht erweitert, aber eine Sichtung zeigt, dass dabei insbesondere Beiträge zur ICF aufgenommen wurden, also für einen der neu hinzugekommenen Beiträge. Ergänzungen hätte man sich stärker auch für verschiedene Beiträge aus der ersten Auflage gewünscht, zumal diese aus dem Jahr 2008 stammen und hier somit nur recht wenig neue Literatur Berücksichtigung erfuhr. Allerdings finden sich in einzelnen Beiträgen durchaus gezielte Aktualisierungen. Die Chance der Aufwertung des Buches hätte hier von einigen Autoren noch stärker genutzt werden können. Diese Kritikpunkte haben allerdings auch für den im Blick der Herausgeber liegenden Leserkreis der Praxisexperten Relevanz, indem deutlich mehr konkrete Quellen und Hinweise für vertieftes Nachlesen hätten gegeben werden können. Jedoch gilt diese Kritik, wie bereits angesprochen, nicht für alle Beiträge.

Fazit

Das Handbuch vermittelt eine Fülle von wichtigen Sachinformationen, verbunden mit Falldarstellungen und Selbstberichten Betroffener. In diesem Sinne ist es interessant und praxisnah ausgerichtet; dahinter steht das wichtige Engagement für die Rechte und Integrationschancen psychisch Kranker. Um dem Charakter eines Handbuches für Experten noch stärker gerecht zu werden, wären mehr Systematisierung und ein ausgearbeiteter wissenschaftlicher Bezug mit Belegen und Hinweisen für vertiefte Informationen ergänzend wünschenswert gewesen. Hier wird allerdings in der zweiten Auflage etwas „nachgerüstet“. Für Professionelle in verschiedenen Feldern beruflicher Rehabilitation und Integration ist das Buch DENNOCH ebenso lesenswert wie für die Betroffenen selbst. In der Neuausgabe wirkt es optisch wesentlich ansprechender und ist sehr professionell verlegt.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 16.02.2011 zu: Hermann Mecklenburg, Joachim Storck (Hrsg.): Handbuch berufliche Integration und Rehabilitation. Wie psychisch kranke Menschen in Arbeit kommen und bleiben. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. Neu- Auflage. ISBN 978-3-88414-501-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10845.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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