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Taco Brandsen: Civicness in the governance and delivery of social services

Cover Taco Brandsen: Civicness in the governance and delivery of social services. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. 290 Seiten. ISBN 978-3-8329-5420-8. 39,00 EUR, CH: 65,90 sFr.

Reihe: European civil society - Vol. 6.
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Thema und Entstehungshintergrund

Bürgerschaftliches Engagement ist in den letzten Jahren in den Blickpunkt des Interesses von Wissenschaft und Forschung gerückt. Vor allem der Begriff Civicness findet europaweit zunehmend Aufmerksamkeit. Er lässt sich mit bürgerschaftlicher Kompetenz oder Bürgerschaftlichkeit (Evers) umschreiben und umfasst Einstellungen und Verhaltensweisen wie Bürgersinn, politische Partizipation und Kooperationsfähigkeit. Taco Brandsen, Paul Dekker und Adalbert Evers haben einen Sammelband herausgegeben, der sich umfassend mit Civicness in der Steuerung und Bereitstellung sozialer Dienstleistungen auseinandersetzt, wobei Steuerung als nicht hierarchische Form der Interaktion verstanden wird.

Das Buch dokumentiert die Ergebnisse des europäischen Exzellenz-Netzwerks CINEFOGO (Civil society and New Forms of Governance), in dem von 2004 bis 2009 über 200 Forscher aus 45 Instituten in Europa zusammengearbeitet haben. Im Fokus des Interesses steht die Frage, wie sich Ressourcen der Zivilgesellschaft trotz zunehmender Orientierung an marktwirtschaftlichem Verhalten für den Sozialstaat und soziale Dienste nutzen lassen. Der Sammelband erhebt den Anspruch, quer durch traditionelle Forschungsdisziplinen die Bedeutung eines Civicness-Konzepts als Quelle einer modernen Zivil- und Bürgergesellschaft zu untersuchen.

Herausgeber

Taco Brandsen ist Associate Professor für Public Administration und Politikwissenschaft an der Radboud Universität Nijmegen, Paul Dekker ist Professor für Zivilgesellschaft an der Tilburg University, Adalbert Evers arbeitet als Professor für vergleichende Gesundheits- und Sozialpolitik an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Aufbau

Der Sammelband beginnt mit einer Einführung und einer Annäherung an das Thema Civicness und einer Zusammenfassung der Buch-Beiträge. Nach grundsätzlichen Überlegungen zur Bedeutung von Zivilgesellschaft und bürgerschaftlicher Kompetenz folgen länderspezifische Untersuchungen aus Schweden, Italien, Belgien, Norwegen, Österreich, Portugal und Großbritannien bevor ein europäischer Ansatz den Überblick abrundet. Im Schlusskapitel geht es um den Unterschied zwischen Zivilität und Civicness, um die erkennbaren Veränderungen bürgerschaftlicher Ideale und die begrenzten Möglichkeiten von Politik und sozialen Dienstleistern, freiwilliges bürgerschaftliches Engagement zu entwickeln.

Inhalt

Zunächst führen Taco Brandsen, Paul Dekker und Adalbert Evers in das komplexe Thema ein. Dieser erste Überblick macht deutlich, dass es keine allgemein akzeptierte Definition von Civicness gibt (11). Der Begriff bleibt unkonkret und schillernd. Civicness ist nicht gleichbedeutend mit Zivilgesellschaft, hebt sich von Bürgerbeteiligung ebenso ab wie vom Dritten Sektor, und auch Zivilität ist nicht identisch mit Civicness, da beide Begriffe jeweils unterschiedliche Konnotationen haben. Die Autoren behelfen sich mit einer Umschreibung. Sie interpretieren Civicness als Fähigkeit von Institutionen und Organisationen sowie als Funktion von Handlungsweisen, Zivilität (als Gegenteil unzivilisierten Verhaltens) zu stimulieren, zu reproduzieren und zu pflegen (11). Im Blickpunkt steht die Interaktion zwischen Institutionen und Individuen. Dies können beispielsweise Politik, Sozialexperten, Marktanbieter oder Nutzer sein. Dabei werden drei Dimensionen von Civicness unterschieden: die soziale Dimension, die auch die Integration und Inklusion unterschiedlicher Gruppen und deren Umfang umfasst, die personale Dimension, die sich im täglichen Verhalten der Beteiligten und im respektvollen Umgang von Institutionen mit ihren Kunden und Klienten niederschlägt sowie die politische Dimension, bei der es um die Möglichkeiten der Partizipation und öffentlicher Debatten und Prozesse bei Entscheidungen und der Ko-Produktion von Dienstleistungen geht.

Paul Dekker fragt kritisch, ob Freiwilligen-Organisationen und Vereine tatsächlich eine einzigartige Quelle von Zivilität und bürgerschaftlicher Kompetenz seien, wie dies ältere normative Theorien suggerierten. Er kommt nach Auswertung der aktuellen Forschungsliteratur zum Schluss, dass diese überholt sei (30). Die weit verbreitete Fokussierung der Zivilgesellschaft auf den Dritten Sektor grenze die Möglichkeiten viel zu stark ein. Dekker konstatiert eine wachsende Distanz zwischen Freiwilligen und der Politik (36) und eine sinkende Bedeutung moralischer Aspekte freiwilligen Engagements. Stattdessen referiert er eine Aufsplitterung der Zivilgesellschaft und einen Mix unterschiedlicher Aspekte und Ausprägungen von Zivilität mit zunehmend hybriden Formen. Um zu einer zivilisierteren Gesellschaft zu gelangen, müsse man heute öffentliche, wirtschaftliche und soziale Aspekte sozialer Koordination kombinieren anstatt sich vorwiegend auf ehrenamtliche Verbände und Vereine zu stützen.

Auch Evers („Civicness, civility and their meanings for social services“) und Brandsen („Civicness in organization: a reflection on the relationship between professionals and managers“) machen deutlich, dass es nicht einfach um eine Ausweitung des bisherigen Drei-Sphären-Systems staatlich/privat/Wohlfahrtsorganisationen um eine zivilgesellschaftliche Komponente geht.

Das ganze soziale System ist in Bewegung, Grenzen zwischen den Sektoren werden fließend, die strikte Trennung ist nicht mehr aufrecht zu halten. Stattdessen hat es die Forschung mit hybriden Organisationsformen zu tun. Das zeigt, dass es kein Patentrezept zur wirtschaftlichen und sozial akzeptierten Bereitstellung sozialer Dienstleistungen geben kann, das mehr als bisher auf Civicness beruht, weil es zu viele mögliche Varianten davon gibt und weil unterschiedliche Personen Unterschiedliches darunter verstehen können. Das kann zu Konflikten führen. So beschreibt Brandsen das Spannungsverhältnis zwischen Beschäftigten, die als Sozial- und Wohlfahrtsprofis eine Art geschlossene Gesellschaft bilden (69), und den Managern der sozialen Dienstleistungsunternehmen. Beide Gruppen haben unterschiedliche Philosophien und unterschiedliche Interessen. Hier geht es um Qualität und Standards und autonomes professionelles Handeln, dort um Effizienz, Standards, Kapitaleinsatz und Wettbewerbsdruck. Brandsen warnt allerdings davor, das Verhältnis zwischen Sozial-Managern und Sozial-Profis auf ein zwangsläufiges narratives Konfliktverhältnis zu reduzieren. „Profis“ im Sozialbereich als unschuldige Opfer von Managereinflüssen und -entscheidungen zu stilisieren, sei sentimental und ideologisch (71). De facto sitzen beide, so die Ergebnisse der Forschung, im selben Boot. Die Rahmenbedingungen gehen beide Gruppen an. Der Wohlfahrtsstaat alter Prägung hat abgedankt, die Privatisierungswelle der letzten Dekade hat ebenso zur Desillusionierung geführt. Ein allgemein gültiger dritter Weg ist noch nicht erkennbar. In dieser schwierigen Phase kann das Civicness-Konzept eine neue Chance sein, Beziehungen der Beteiligten neu zu definieren. Damit gewinnt Civicness einen stärkeren kommunikativen Charakter

Evelien Tonkens („Civicness an citizen partizipation in social services: conditions for promoting respect and public concern“, 83) und Victor Pestoff („Civicness and the co-production fo social services in Sweden“, 99) untersuchen die Chancen, mit mehr Partizipation und Co-Produktion sozialer Dienstleistungen von Professionellen und Freiwilligen mehr Commitment und eine breitere Basis für soziale Dienstleistungen zu schaffen. Dabei konzentriert sich Pestoff auf das schwedische Modell. Ota de Leonardis geht auf zwei unterschiedliche italienische Modelle ein. „Organization matters“ ( 125 ff.) schreibt sie - auf die Organisation kommt es an. Es geht um die Überwindung von Macht-Asymmetrien (148) zwischen Staat und Zivilgesellschaft, um die Bedeutung der „public voice“ und der Kommunikation (149). De Leonardis beschreibt zwei grundverschiedene Herangehensweisen: Eine privat und marktwirtschaftlich ausgerichtete Variante in der Lombardei und eine dezentralisierte Civicness-Variante in Friaul, wo lokales Engagement der Zivilgesellschaft gepusht wurde.

Nationale Besonderheiten werden auch in den Beiträgen von Stéphane Nassaut und Marthe Nyssens (Belgien), Håkon Lorentzen (Norwegen), Silvia Ferreira (Portugal), Michaela Neumayr und Michael Meyer (Österreich) und Janet Newman (Großbritannien) untersucht. Bernard Enjolras nimmt schließlich auf europäischer Ebene Civicness in der Steuerung sozialer Dienstleistungen unter die Lupe. Er stellt fest, dass es zwei radikal verschiedene Konzepte gibt: einen wettbewerbs- oder marktbasierten Ansatz auf der einen und einen zivil-basierten Ansatz partizipativer Governance-Arrangements. Enjolras stellt fest, dass es bei der Organisation sozialer Dienstleistungen in Europa einen Kompromiss zwischen beiden idealtypischen Governance-Formen (249) gibt. Wettbewerb und Markt spielten eine zunehmende Rolle im Bereich sozialer Dienstleistungen. Er führt Beispiele aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Schweden und den Niederlanden an. Sein Ergebnis: Es gibt zunehmend einen sich ausbildenden „civic-market governance-mix“ (269) mit flexiblen Organisations- und Regulierungsformen.

Diskussion und Fazit

Bei allen nationalen Besonderheiten und Schwerpunkten (mehr oder weniger Markt und Wettbewerb) sind bestimmte Trends allenthalben zu beobachten. Die traditionellen Muster werden abgelöst durch hybride Organisationsformen und heterogene Strukturen in der Bereitstellung sozialer Dienstleistungen. Der auf europäischer Ebene typische Markt- und Wettbewerbsaspekt kommt auch bei der Bereitstellung sozialer Dienstleistungen zunehmend zur Geltung, hat aber nicht zu unterschätzende Nebenwirkungen: Je mehr Privatisierung und Marktorientierung in den Vordergrund rücken, umso schwieriger wird es, „Civicness“ zu organisieren. Angesichts knapper werdender Finanz- und Personalressourcen verlieren aber auch staatlich-wohlfahrtstaatliche Angebote an Bedeutung. Und auch der Dritte Sektor muss sich dem Wettbewerb stellen. Zu fordern wäre also, dass es mehr kooperative Konzepte geben muss und dass bei der Steuerung von Dienstleistungen im sozialen Sektor neben staatlichen Vorgaben und Wettbewerbsangeboten immer auch partizipative Elemente unter Einbeziehung der Stakeholder geben muss. Da Civicness normativ auch weiterhin eine hohe Bedeutung hat, kommt es entscheidend darauf an, die Beziehungen und Macht-Asymmetrien der Beteiligten (inklusive der Bürgerinnen und Bürger) so zu gestalten, dass Transparenz, Fairness, Respekt und Dialog gefördert werden. Das gilt innerbetrieblich, im Verhältnis der Dienstleister zum Staat und zur Öffentlichkeit und den Kunden und Klienten. Das anspruchsvolle Buch, dessen Beiträge durchweg in Englisch verfasst sind, bietet einen ersten Zwischenstand der europäischen „Civicness„-Forschung auf dem Gebiet sozialer Dienstleistungen.


Rezension von
Dr. Armin König
Bürgermeister der Gemeinde Illingen, Verwaltungswissenschaftler. Dozent an der Fachhochschule für Verwaltung des Saarlandes (FHSV).
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Zitiervorschlag
Armin König. Rezension vom 14.09.2011 zu: Taco Brandsen: Civicness in the governance and delivery of social services. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. ISBN 978-3-8329-5420-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10846.php, Datum des Zugriffs 20.10.2021.


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