socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Brigitta Michel-Schwartze (Hrsg.): "Modernisierungen" methodischen Handelns [...]

Cover Brigitta Michel-Schwartze (Hrsg.): "Modernisierungen" methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 349 Seiten. ISBN 978-3-531-16644-5. 34,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thematischer Rahmen

Prozesse der Inpflichtnahme Sozialer Arbeit für Zwecke des neo-sozialen Staats bilden den Rahmen, in dem sich der vorliegende Band positioniert; dort heißt es unter anderem: „Nach dem sozialpolitischen Imperativ unter dem Diktat des Neoliberalismus hat sich Soziale Arbeit grundsätzlich zunehmend, aber mit arbeitsfeldspezifischen Abweichungen an utilitaristischen bzw. merkantilistischen Prinzipien zu orientieren“ (S. 17). Die Rede ist vom Primat der Ökonomie, der Ökonomisierung und Managerialisierung von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit: Soziale Arbeit werde „zur Dienstleistung stilisiert, die ihre Leistungen (Beratungen, Vertrauensaufbau, Fremdunterbringungen) ‚produziert‘. Weil dieser ‚Produktionsbereich‘ nicht ohne Mitwirkung der Adressaten funktioniert, werden diese sowohl zu ‚Kunden‘ als auch zu ‚Ko-Produzenten‘ definiert“ (S. 19). Prozesse dieser Art sind hinreichend analysiert und im Blick auf die Ausgestaltung der Sozialen Arbeit exemplifiziert worden; zu denken ist in erster Linie zum Beispiel an die Ausarbeitungen von Heinz-Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrt (vgl. z. B. Dahme, H.-J., Otto, H.-U., und Wohlfahrt, N. [Hrsg.]: Soziale Arbeit für den aktivierenden Staat, Leverkusen 2003 - Rezension; Dahme, H.-J., und Wohlfahrt, N. [Hrsg.]: Aktivierende soziale Arbeit. Theorie - Handlungsfelder - Praxis, Baltmannsweiler 2005 - Rezension) oder Mechthild Seithe (Schwarzbuch soziale Arbeit, Wiesbaden 2010 - Rezension), die zulässige und tragfähige Erklärungsmuster vorgelegt haben. Doch welche Schlussfolgerungen ergeben sich für Soziale Arbeit und ihre methodischen Settings? Dieser Frage nachzugehen hat sich der von Brigitta Michel-Schwartze herausgegebene Band verschrieben.

Herausgeberin

Dr. Brigitta Michel-Schwartze ist Professorin für Sozialpädagogik und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg. Arbeitsschwerpunkte der Diplom-Pädagogin sind Sozialarbeitswissenschaft, Methodenlehre und Interventionen gegen Landzeitarbeitslosigkeit. Publizistisch ist sie einschlägig durch das von ihr herausgegebene „Methodenbuch soziale Arbeit. Basiswissen für die Praxis“ (Wiesbaden 2007 - Rezension) und „Handlungswissen der sozialen Arbeit: Deutungsmuster und Fallarbeit“ (Leverkusen 2002 - Rezension) in Erscheinung getreten.

Aufbau und Inhalt

Wie reagiert Soziale Arbeit in der Ausgestaltung ihrer Methoden auf die Anforderungen und Zumutungen neoliberaler (neo-sozialer) Politik? Um Antworten zu geben, ist das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Im allgemeinen Teil stecken die Beiträge den politischen und ethischen Rahmen ab, in dem sich methodisches Handeln bewegt (bzw. bewegen sollte), während im zweiten Teil spezielle Aspekte des methodisch-abgestützten Handelns unterschiedlicher Arbeitsfelder thematisiert werden.

Im allgemeinen Teil skizziert Dorothee Roer (S. 33- 47), dass die Profession Soziale Arbeit selbst am „neoliberalen Umbau der Gesellschaft“ teilhat: Die Autorin identifiziert ein (durchaus auch in Teilen des wissenschaftlichen Diskurses gestütztes) „Normalisierungs- und Dienstleistungsparadigma“, das fachfremde Prinzipien (und damit Semantiken) integriert und dem eine Art „Mainstream-Sozialarbeit“ folgt, die sich in die neo-soziale Aktivierungspolitik einfügt. Die Folgen benennt Roer mit „Pauperisierung, sozialer Polarisierung, Entsolidarisierung und Entdemokratisierung“. Wie auch Christoph Butterwegge plädiert sie eine Re-Politisierung Sozialer Arbeit. In diesem Sinne sind auch die Hinweise von Albert Mühlum (S. 89 - 110) zu verstehen, der für eine ökonomisch bewusste und sozial sensible Sozialarbeit eintritt.

Es ist an Christoph Butterwegge (S. 49 - 88), scharfsinnig und -züngig die Mechanismen neoliberaler Modernisierung und Um- wie Überforderungen von Sozialpolitik und Sozialstaat zu analysieren und sozial- wie professionspolitisch einzuordnen. Er diagnostiziert unter anderem die „Ökonomisierung bzw. Kommerzialisierung beinahe aller Gesellschaftsbereiche“ (S. 51), wodurch „das Soziale seinen Eigenwert verliert und dem Ökonomischen unter- bzw. nachgeordnet wird“ S. 61). Das Konzept des aktivierender Staats (S. 66ff) mit seiner „desaströse(n) Konkurrenz ‚jeder gegen jeden‘“ hat die „Entsolidarisierung auf breiter Basis und einen Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ zur Folge (S. 71); die „neue Subsidiarität“ (S. 65) marktförmig agierender Träger und Anbieter Sozialer Arbeit sorgt für eine permanente Konkurrenz der Anbieter und schwächt damit die Profession insgesamt. Butterwegges Credo lautet: „Die neoliberale Standortlogik widerlegen, sich in die Politik vor Ort einmischen und Solidarität neu begründen“ (S. 78).

Damit ist der Rahmen des Bandes abgesteckt.

Im „speziellen Teil“ stellt Wolf Rainer Wendt zunächst das von ihm (seit geraumer Zeit und wortgewaltig) favorisierte Konzept des Case Managements als Programm vor (S. 113 - 134), das Menschen durch Selbstbestimmung und Eigenverantwortung geprägte Handlungsmöglichkeiten einräumt, wobei zu konstatieren ist, dass er mit der sozialpolitischen Instrumentalisierung des Programms durch Aktivierungsstaat und -praxis kaum umzugehen weiß, denn - so die Logik des Autors - Case Management und Aktivierungssystem passen in einer bestimmten Realisierung zueinander - ein interessanter Spagat.

Ganz anders Ruth Enggruber (S. 135 - 172): Sie analysiert den schrittweisen Wandel von der so genannten „Benachteiligtenförderung“ zu einer Sozialen Arbeit, die Jugendliche „mit besonderem Förderbedarf“ aktivierungspraktisch zu behandeln hat. Gerahmt durch Ökonomisierung und Aktivierung wandeln sich die ganzheitlichen methodischen Settings zu kompetenzorientierten Ansätzen und Case- bzw. Fall-Management, verbunden mit Ansätzen von Sozialraumorientierung. Ähnlichen methodischen Veränderungen im Kontext neo-sozialer Neuprogrammierung der Sozialen Arbeit spüren Matthias Müller in der Sozialpädagogischen Familienhilfe (S. 205 - 229), Sigrid Haselmann im Rahmen der Prozesse zur Psychiatriereform (S. 231 - 278), Anke Kampmeier im Zusammenhang mit dem Persönlichen Budget in der Behindertenhilfe (S. 279 - 303) und Angelo Kipp im Bereich der Bewährungshilfe (S. 305 - 322) nach. Brigitta Michel-Schwartze diskutiert (am Beispiel der Arbeitsmarktpolitik) abschließend (S. 323 - 346), „ob das von ihr unter konstruktivistischer Perspektive beobachtete Methodeninstrumentarium eine Wegweisungsfunktion für Soziale Arbeit übernehmen könnte“ (S. 27).

Angesichts der jugendhilfepolitischen Ladung durch Akteure des politischen Systems (nacheinander forciert durch die Jugend- und Familienministerinnen von der Leyen und Schröder) verdient der Aufsatz von Elisabeth Helming besondere Beachtung: Sie untersucht die aktuellen Strategien der Kinder- und Jugendhilfe an den Beispielen von Frühwarnsystemen und Frühen Hilfen und arbeit die hier eben auch eingeschlossenen paternalistischen Kontrollstrategien heraus (S. 173 - 204). Einerseits ist richtig: „Frühe Hilfen sollen die Eltern unterstützen, ihre Kinder auf feinfühlige und respektvolle Art adäquat zu versorgen, ihre Sicherheit zu garantieren, ihr Bindungsstreben zu beantworten und ihre Motivation zum Lernen zu fördern“ (S. 179); aber andererseits wird damit zugleich auch unterstellt, „dass Eltern von sich aus nicht in der Lage dazu sind. Hilfs- und Unterstützungsangebote definieren die NutzerInnen der Hilfe immer auch als ‚hilfsbedürftig‘, d. h. defizitär“ (S. 180). Damit lebt der alte Diskurs um die Defizitorientierung neu auf, der nun sozial- bzw. aktivierungspolitisch überhöht im (konservativen) Gewand der „Frühwarnung“ bzw. „frühen Hilfen“ „neu“ daher kommt. Helming stellt folgerichtig die Frage, ob Hilfsangebote „noch überzeugend (sind), wenn sie aus einer solchen Haltung resultieren, die tendenziell einer Logik der Verdächtigung gleicht?“ (S. 181). Sie sieht in der Förderung eines „guten Lebens“ (S. 189ff) im Anschluss etwa an die Überlegungen Martha Craven Nussbaums eine Alternative - und liefert damit zugleich Argumente für Prozesse der Re-Politisierung Sozialer Arbeit.

Zielgruppen

Zweifellos ist der Band adressiert an jene Fachkräfte, die sich methodisch aktualisieren und im Kontext der neo-sozialen Ausrichtung des „Sozialen“ orientieren wollen. Auch Studierende der Sozialen Arbeit können sich durch die Veröffentlichung angesprochen fühlen: Die Sammlung kann ihnen eine Hilfe überall dort darstellen, wo Bedarf zur kritischen Positionierung erkennbar wird. Selbst sozialpolitische Akteure auf allen Ebenen kommen auf ihre Kosten, sofern sie eine kritische Positionierung zu Prozessen der Inpflichtnahme Sozialer Arbeit suchen (sollten).

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Sammlung stellt ein wichtige Veröffentlichung dar, Fachpraxis wie Sozialpolitik gleichermaßen relevante Materialien im Prozess der re-politisierenden Entfaltung einer sozialpolitischen Widerspenstigkeit zur Verfügung zu stellen und das Profil der Sozialen Arbeit unter den Bedingungen des Neo-Sozialen zu schärfen. Der Band positioniert sich in nahezu allen Beiträgen als fundierte Gegenposition zu Versuchen und Praxen neo-sozialer Inpflichtnahme.

Mit der Herausgeber ist zu sagen, dass methodisches Handeln „jedes systematische professionelle Handeln mit Konzepten, Methoden oder Instrumenten Sozialer Arbeit“ gemeint ist, „das bei aller Individualität von Person und Situation das ‚Typische‘ in einem Fall/einer Lebenslage kategorisieren lässt und damit Handlungsfähigkeit sichert. Methodisches Handeln unterliegt einer kontextgebundenen Handlungslogik. Das führt zu jeweils aktuellem arbeitsfeldspezifischem Handeln“ (S. 21).

Und es führt auch auf die politische Qualität methodisch gestützten Handelns zurück, das eben nicht passgenau zur herrschenden Aktivierungslogik sein kann. Insoweit ist methodisches Handeln auch immer mit der Überlegung der Re-Politisierung verknüpft und „eine(r) - auch politisch unerwünschte(n) - Beteiligung der Sozialen Arbeit an den Regeln, nach denen sie zu arbeiten hat“ (ebenda).

Hierfür liefert diese insgesamt gelungene und gut zusammengestellte Sammlung wertvolle Gedanken und Argumente.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
E-Mail Mailformular


Alle 90 Rezensionen von Peter-Ulrich Wendt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 26.08.2011 zu: Brigitta Michel-Schwartze (Hrsg.): "Modernisierungen" methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-16644-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10849.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!