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Bernadette Loacker: kreativ prekär

Cover Bernadette Loacker: kreativ prekär. Künstlerische Arbeit und Subjektivität im Postfordismus. transcript (Bielefeld) 2010. 451 Seiten. ISBN 978-3-8376-1418-3. 32,80 EUR, CH: 56,00 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Thema

Heutzutage stellt der „kulturunternehmerische Diskurs“ an den Künstler normative Erwartungen. Der Künstler ist nun der Held einer flexibilisierten Arbeitswelt. Die Kunst- und Kulturbranche interessiert Bernadette Loacker hier als Arbeitsfeld. Kunst- und Kulturorganisationen müssen nach öffentlicher Erwartung einen Beitrag zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung von Nationen, Regionen und Städten leisten. Dabei dienen der Künstler und sein Tätigkeitsfeld in Bezug auf zukünftige Organisationsformen als Vorbildfunktion. Kreativität und Selbstverantwortung werden somit zum Lebenskonzept und –stil erklärt. Loacker stellt zu den Hintergründen der aktuellen Neubewertung des Kunst- und Kulturfelds einige Überlegungen an.

Autorin und Entstehungshintergrund

Bernadette Loacker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Interdisziplinären Abteilung für Verhaltenswissenschaftlich orientiertes Management an der Wirtschaftsuniversität Wien. Im Jahr 2009 beendete die Autorin ihre Dissertationsschrift zum Thema „Das Ethos von Künstlern – Leitbild der postfordistischen Arbeitswelt?“ an der Universität Innsbruck. Ihre aktuelle Monographie entstand daraus und gibt einen Überblick über ihre Forschungsschwerpunkte.

Aufbau und Inhalt

Im Mittelpunkt des Interesses steht der Arbeitsethos und wie es sich im Wandel vom fordistischen zum postfordistischen Zeitalter geändert hat. Dabei zeigt die Autorin wie die Machtstrukturen von der souveränen Macht zur Disziplinarmacht verschoben wurden. Machtausübung unterliegt keiner normierten Struktur mehr, sondern wird flexibel und dynamisch vollzogen. Diese exterritoriale Macht ist das Produkt einer post-panoptischen Gesellschaftsordnung, in der man nicht mehr an stabile Räume und Kontrollpersonal gebunden ist. Mit größerer Autonomie des Einzelnen ist auch intensivere Kontrolle verbunden. Die Verfahren und Mechanismen der Machtausübung sind „subtiler, anonymer und flüchtiger geworden“ (S 82). Gegenwärtige Machttechnologien bilden das unternehmerische kreative Subjekt.

In der Vergangenheit, wie etwa vor 100 Jahren, nahm man den Künstler in einer gewissen Unabhängigkeit war und gestand ihm zudem zu „Kunst ohne Zweckbestimmung, Definitionszwang oder Rechtfertigungsnot auszuüben“ (S 87). Im direkten Zusammenhang stand damit ein künstlerischer Möglichkeitssinn, da man nicht herstellen musste, was gebraucht wurde. Deshalb wurde im 18. Jahrhundert der gesellschaftliche Bereich Kunst und Kultur als Gegenpol wirtschaftlicher Logik aufgefasst. Da Kunst Funktionslosigkeit nachgesagt wurde, schrieben Horkheimer und Adorno ihr eine kritische Funktion zu. In der Mitte des 20. Jahrhunderts war man noch überzeugt, dass Kunst von der öffentlichen Hand gefördert werden müsse. Dabei glaubte man, dass Kunst nicht ökonomisch verwendet werden könne. Später war man bestrebt Kunst zum Massenkonsum umzugestalten, da sich Förderungen nach neuem Maßstab auch „rechnen“ sollten. Mittlerweile ist der Künstler kein Gegenentwurf zum Geschäftsmann mehr.

So zeigt das Konzept der „creative industries“ wie sich das Feld des Künstlers gewandelt hat. Einst als Außenseiter der Gesellschaft stilisiert, steckt heutzutage in jedem ein künstlerischer Geist, welcher durch öffentliche Talentwettbewerbe bestimmt wird. Kulturelle Arbeit wird somit für die Ökonomie tauglich gemacht. Mittlerweile ist jedes zehnte Unternehmen in Österreich eine „creative industry“, wobei ihr gemeinsamer Nenner die Produktion von hoher Kreativität ist. Dabei stehen traditionelle Kernkünste, wie bildende und darstellende Kunst, im Hintergrund. Den Hauptanteil bilden Software, Multimedia und Internet. Viele dieser Firmen sind „Mikrounternehmen“ oder Einpersonenunternehmen. Während die ansteigende Kulturalisierung positiv gesehen werden kann ist die Ökonomisierung von Kultur für Künstler problematisch. In einer „creative industry“ ist Kreativität noch immer Zentrum des Schaffensprozess, jedoch ist sie der Ökonomie unterworfen. So entscheidet der ökonomische Erfolg über Kunst und die Liberalisierung des Kunstmarkts absorbiert die kritische Funktion von Kunst. „Auch damit ist die Gefahr verbunden, dass die Verständlichkeit von Kunst zum Imperativ umgestaltet wird, dem sich Kulturschaffende unterwerfen müssen“ (S 106). Kreativität und Anderssein werden somit zum Normalzustand und für den „Neo-Managementdiskurs“ vereinnahmt. Damit geht auch eine Normierung künstlerischer Tätigkeiten einher.

Loacker interessiert sich dafür, wie normative Erwartungen innerhalb eines spezifischen sozialen Gefüges umgestaltet werden können. An Hand von Foucault zeigt sie, dass ein autonomes Subjekt unabhängig von der Macht nicht existieren kann. Zeitgleich ist Macht jedoch auch nicht ausschließlich negativ zu verstehen, da sie nicht besessen werden kann, sondern sich in Beziehungen entfaltet. Die wichtige Frage dabei ist eben nicht wer Macht herstellt, sondern wie Macht ausgeübt wird. In diesem Zusammenhang bedeutet frei zu sein, dass mehrere Reaktions- und Verhaltensmöglichkeiten offen stehen. Insofern bedeutet Kritik nicht eine prinzipielle Haltung der Verneinung und des Richtens, vielmehr entsteht sie in und durch die vielfältigen „Beziehungen zwischen der Macht, der Wahrheit und dem Subjekt“ (S 159). Loacker diskutiert Begriffe wie Subjektivität, Diskurs, Macht, Freiheit und Ethik aus einer poststrukturalistischen Sichtweise. Sie knüpft dabei an Foucault an und zeigt im Bereich der künstlerischen Arbeit, welche Bilder „guter Arbeit“ und des „guten Arbeiters“ bzw. Künstlers innerhalb des Kunst- und Kulturfeldes erzeugt werden. Einzelne auftauchende Kategorien werden als nicht fixiert betrachten, sondern als sprachlich produziert und diskursiv verstanden.

Im umfangreichsten Teil der Arbeit geht Loacker der Frage nach, wie Kulturschaffende und Künstler normative Erwartungen in ihrem Lebensalltag umwandeln. In einer umfassenden ethnografischen Studie zeigt sie, wie sich das Arbeitsethos einer untersuchten Theaterensemblegruppe in kontextspezifischen Praktiken entwickelt hat.

Loacker untersuchte für über sieben Wochen Theaterproben, vom ersten Zusammentreffen bis zur Premiere. Das Stück „Die Wahlverwandtschaften“ von J. W. Goethe wurde sechs Wochen lang aufgeführt. Zehn von 30 Vorstellungen wurden von der Wissenschaftlerin besucht. Zudem gab es regelmäßige Treffen, um weitere Entwicklungen der Stücke mitzuverfolgen. So konnte Loacker die vermeintliche Vorreiterrolle des Künstlers genauer unter die Lupe nehmen und den theoretischen Teil empirisch belegen und widerlegen.

Unter anderem arbeitet sie in ihren Interviews unterschiedlichste Strukturen und Positionen heraus. So erkennt sie, dass die Ansprüche und Intentionen der Beteiligten, kaum voneinander abweichen, jedoch nicht von außen auferlegt scheinen. Die Zusammenarbeit in einem Kollektiv ist für jeden selbstverständlich, wobei vordergründig versucht wird eine gemeinsame Linie zu entwickeln. Darin ist wiederum eine gewisse Arbeitsteilung enthalten, welche Zuständigkeiten und Verantwortung einschließt. Ein hoher Grad an Selbstdisziplin schließt einen Ausfall einer Theateraufführung nahezu aus.

Loacker dekonstruiert den kulturunternehmerischen Diskurs, dass Künstler individualisierte Subjekte darstellen. Vielmehr zeigt die Analyse der Theaterarbeit, dass dahinter ein hoch komplexer kollektiver Arbeitsprozess steht. Sie resümiert: „Die Untersuchung künstlerische Arbeits- und Organisationsweisen zeigt darüber hinaus, dass weder ein homogener, stabiler künstlerischer „Moralkodex“ noch ein abstraktes, universales „Künstler-Ethos“ bestimmt werden kann (schon die große Diversität und Heterogenität der sog. Creative industries-Beschäftigungsfelder verweisen auf diese Unmöglichkeit). Die kollaborative Projektarbeit wurde im Gegenteil als Komposition verschiedener Normen, Logiken, Praktiken und Mechanismen erfahren“ (S 325).

Diskussion

Bernadette Loacker formuliert ihre Absichten am Anfang des Buches klar und deutlich. Hierbei muss erwähnt werden, dass sie ihre Untersuchung des Theaters nicht im Sinne der Kreierung eines besseren Organisationsmodells angelegt hat. Es ging ihr vielmehr, die Beziehungen der Subjekte und den an sie gestellten Erwartungen darzustellen. Dabei zeigt sie wie Machtstrukturen wirken können und wie diese durch die Subjekte bewusst übernommen werden oder widerständig wirken. „Die Studie zeigt, dass Projektarbeit als paradigmatische Arbeits- und Organisationsform des postfordistischen Arbeitsregimes arbeitende Menschen weder von allen Zwängen befreit, noch diese über den Einsatz postdisziplinärer Steuerungstechnologie, die direkte bzw. wahrnehmbare Kontrolle durch „Empowerment“ und die „Produktion von commitment“ ersetzen, völlig normier- und regierbar macht“ (S 410).

Fazit

Das Buch ist verständlich und nachvollziehbar aufgebaut und schafft es ein komplexes Feld einfach zu beschreiben. Poststrukturalistische Theorien sind für die durchgeführten Überlegungen leitend. Dem Theorieteil, in dem die Autorin ihren Ausgangspunkt und Absichten darstellt, folgt eine überaus spannend zu lesende Darstellung ihrer empirischen Daten. Selten liest man so eine ausgewogene Abstimmung (quantitativ in der Seitenanzahl ersichtlich) zwischen theoretischem und empirischem Material. Dabei zeigt sie auf Grund der normativen Zuschreibungen, dass nicht alle normativen Beschreibungen und Anrufung übernommen werden, sondern durchwegs produktiv genützt werden können.

„kreativ prekär. Künstlerische Arbeit und Subjektivität im Postfordismus“ ist eine Bereicherung der aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen, welche sich mit individualisierten und projektbasierten Organisationsformen in der Arbeitswelt beschäftigen. Das Thema ist aktuell von großer Bedeutung. Die Analyse zeigt, wie wichtig es ist, die Entwicklung am Arbeitsmarkt genauer zu untersuchen und zu hinterfragen. Ein wichtiges Buch für jeden, der sich mit aktuellen Arbeitsphänomenen auseinandersetzt.


Rezension von
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 03.05.2011 zu: Bernadette Loacker: kreativ prekär. Künstlerische Arbeit und Subjektivität im Postfordismus. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1418-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10860.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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