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Rolf Krüger (Hrsg.): Sozialberatung

Cover Rolf Krüger (Hrsg.): Sozialberatung. Werkbuch für Studium und Berufspraxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 325 Seiten. ISBN 978-3-531-17157-9. 22,95 EUR.
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Thematischer Rahmen

Prozesse des Umbaus des Sozialstaats „alten Typs“ in einen neo-sozialen Aktivierungsstaat, den Debatten zur so genannten „Agenda 2010“, dem „neuen Prekariat“ bzw. der „neuen Unterschicht“ sind nichts Neues. Ebenfalls nicht neu ist, dass der Sozialberatung hier eine zentrale funktionale Bedeutung zukommt: als (vordergründig und sozialpolitisch intendiert) Instrument der neo-sozialen Integration, aber zugleich auch als (in der Sache selbst immer auch als Möglichkeit eingeschlossen) Ort der Re-Formulierung und Inanspruchnahme sozialer Bürger/innen-Rechte.

Das vorliegende „Werkbuch“ handelt hintergründig von der sich vollziehenden Spaltung dieser Gesellschaft, die mit dem Begriff der Exklusion theoretisch gefasst, praktisch aber nur unzureichend abgebildet wird: Sozialberatung ist Armutsberatung. Diese durchgehende Fokussierung auf die Beratung von Armutsbevölkerung ist schon historisch bedingt, zumal „durch die Umverteilungspolitik der letzen beiden Bundesregierungen eine erhebliche Verschärfung der Armutsproblematik“ (S. 13) wahrzunehmen ist: Deshalb - so die Definition des Werkbuchs im Anschluss an eine Formulierung des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt - wird Sozialberatung „in der Regel von sozial benachteiligten und einkommensschwachen Menschen aufgesucht. Hierzu zählen insbesondere Alleinerziehende, Arbeitslose, Geringverdienende, Personen bildungsferner Schichten usw.“ (S. 52). Wenngleich an dieser Stelle der Band auch von populären Stigmatisierungen („Bildungsferne“) nicht ganz gefeit zu sein scheint, wird damit doch das Spektrum deutlich: Sozialberatung reflektiert in ihrem Gegenstand die des-integrierende sozialpolitische Entwicklung der Bundesrepublik. Sozialberatung muss sich in einem Minenfeld positionieren und als Instrument bzw. Instanz des Aus- wie Einschlusses gleichermaßen formulieren.

Herausgeber

Rolf Krüger ist als Sozialamtsrat Lehrender Sozialarbeiter am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik der Leuphana Universität Lüneburg und in der Vergangenheit wiederholt durch Veröffentlichungen zu Aspekten und Problemen der Kooperation von Jugendhilfe und Schule (z. B. [gemeinsam mit Henschel, A., Schmitt, C., und Stange, W.: Weiterbildung im Schnittpunkt von Schule und Jugendhilfe. Ein Beispiel aus Niedersachsen; in: Jugendhilfe 6/2004: 319 - 326; oder [gemeinsam mit Stange, W.]: Kooperation von Schule und Jugendhilfe; in: Henschel, A., u. a. [Hg.)], Jugendhilfe und Schule, Wiesbaden 2008: 13 - 22)und der kommunalen Sozialpolitik und Sozialen Arbeit (z. B. Kommunale Jugend- und Sozialpolitik. Grundlagen, Strukturen und Handlungsmethoden für die Sozialarbeit, Berlin 2009) in Erscheinung getreten. Zum Thema Sozialberatung hat er 2010 einen weiteren (kurzen) Beitrag vorgelegt (zusammen mit Langhorst, K., und Schwill, M.: Einige Anmerkungen zur Sozialberatung; Gisa - Gilde Rundbrief 1/2010: 32 - 38).

Aufbau und Inhalt

Zur Sozialberatung als Gegenstand einer Veröffentlichung liegt bislang nur wenig systematisch aufbereitet vor (z. B. Lüssi, P. Systemische Sozialarbeit. Praktisches Lehrbuch der Sozialberatung, 6. Aufl. Bern 2008; oder: Ansen, M.: Soziale Beratung bei Armut, München 2006). Das überrascht, denn Sozialberatung gründet als integrierter Beratungsansatz auf der sozialen Einzelfallarbeit-/hilfe - und damit auf einem zentralen methodischen Ansatz der Sozialen Arbeit. Zudem handelt es sich um ein Beratungskonzept, das „nicht nur auf die Bewältigung von Einzelproblemen abzielt, sondern es ermöglicht, einer Zersplitterung von Hilfen entgegenzuwirken. Hier setzt die Sozialberatung an. Sie ist ganzheitlich angelegt und betrachtet umfassend alle Problembereiche eines Klienten oder eines Klientensystems (z. B. Familie)“. Auch nehmen der Bedarf an Unterstützung durch Sozialberatung weiter zu: „Klienten werden mit ihren unterschiedlichen ‚Teilproblemen‘ an verschiedenste Hilfeinstitutionen und Beratungsangebote weitervermittelt und im schlimmsten Fall von dort aus erneut verwiesen. Die Gefahr, dass Hilfesuchende ‚auf der Strecke bleiben‘, ist groß“ (S. 47). Es kann mithin vermutet werden, dass Sozialberatung in diesem Sinne „en vogue“ sein und infofern auf dem Publikationsmarkt eigentlich auch mehr zu erwarten sein sollte.

Den Kern des Bandes bilden neben einer ausführlichen und intensiven Darstellung der Gegenstände der Sozialberatung (3. Kapitel, S. 84 - 183) vier exemplarische Fallanalysen (S. 218 - 290), die - unter Anleitung von Krüger und seinem Kollegen Gerhard Zimmermann (ebenfalls Leuphana Lüneburg) - im Rahmen des Projektstudium von (seinerzeit) Studierenden (und jetzigen Novizinnen der Sozialen Arbeit) in der Jugend- und Sozialberatung der Arbeiterwohlfahrt (Kreisverband Lüneburg/Lüchow-Dannenberg) in Lüneburg angefertigt werden konnten: Kristine Langhorst skizziert einen Fall aus dem Beratungsfeld „Verschuldung“, die selbe Autorin und Katja Oertel greifen in getrennten Fallschilderungen zwei Fälle aus dem Beratungsfeld „Kosten und Bedingungen der Unterkunft“ (SGB II und SGB XII) auf und Mandy Paterowicz macht einen Fall aus dem Beratungsfeld „SGB II“ zum Gegenstand ihrer Fallstudie. Was als Wagnis gelten kann (warum nicht langjährig erfahrene Fachkräfte zu Wort kommen lassen?) erweist sich bei näherem Hinsehen als „guter Griff": Die drei Autorinnen arbeiten solide die Materie auf, machen ihr Vorgehen transparent (Paterowicz zum Beispiel bündelt und verdeutlicht ihr Vorgehen in neun exemplarischen Schritten) und schildern so eingängig und kompetent die Prozesse von Sozialberatung. Womöglich liegt gerade darin für Berufseinsteiger/innen auch der Reiz der systematischen Reflexion von Eingangserfahrungen im Bereich der Sozialberatung, denn hier argumentieren Autorinnen mit einem (noch) unverstellten Blick auf die besonderen Problemstellungen und Hindernisse des Beratungsgeschäfts.

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Gegenstände und Instrumente der Sozialberatung fundiert und ausführlich behandelt werden, angefangen von den materiellen Leistungen nach dem SGB II über zum Beispiel die Leistungen der Pflegeversicherung bis hin zu Aspekten de Schuldenregulierung oder Themen wie den Heiz- und anderen Nebenkosten im Mietrecht - und dies stets ergänzt durch (allerdings unterschiedliche aktuelle) Literatur (so stammen z. B. vier der fünf Literaturverweise im Abschnitt zur gesetzlichen Betreuung aus den 1990er Jahren).

Hilfreich sind auch die Hinweise zur Gesprächsführung in Situationen der Sozialberatung (S. 210 - 217).

Der ausführliche Materialanhang (S. 292 - 321) vervollständigt den Band und enthält unter anderem Schriftsatzmuster aus den Fallanalysen (z. B. einen Musterwiderspruch gegen einen Verwaltungsakt, die Klage im sozialgerichtlichen Verfahren oder den Pfändungsschutzantrag gemäß ZPO).

Zielgruppen

Mit dem von Rolf Krüger herausgegebenen Band liegt ein Werkbuch für Studium und berufliche (Neu-) Fachkräfte vor, die sich in der Sozialberatung noch an der Schwelle zur beruflichen Verstetigung befinden. Selbst die erfahrene Berufspraxis wird den einen oder anderen neuen Hinweis finden und Anhaltspunkte zur Reflexion der eigenen Praxis ableiten können.

Diskussion und Fazit

Zunächst überzeugt die vorliegende Veröffentlichung durch ihre durchdachte und systematische Gliederung.

Besonders die Fallrekonstruktionen der Feldnovizinnen erscheinen (nach anfänglicher Skepsis) unmittelbar für den alltäglichen Einsatz in Lehre und die Reflexionen angehender Fachkräfte des Sozialen geeignet. An dieser Stelle überzeugen auch die - angemessen umfangreich ausgebreiteten - verfahrensrechtlichen Vorschriften (S. 184 - 202), die sich nicht selten gerade für „Neulinge“ im Beratungsgeschäft als Fallstricke erweisen. Hier helfen auch eine Vielzahl von praxisrelevanten Konkretisierungen, zum Beispiel zum Mahnverfahren (S. 194ff), zur Wohngeldformel (S. 141) oder zum verwaltungsgerichtlichen Widerspruchsverfahren (S. 186f). An dieser Stelle nimmt der Band den Charakter eines Praxishandbuchs an, das, zur Hand genommen, sofortige Unterstützung im konkreten Sachverhalt bietet. Hier wird sich der Band gerade für Novizinnen und Novizen im „Beratungsgeschäft“ (oder Fachkräfte, die das Handlungsfeld gewechselt haben) als besonders hilfreich erweisen.

Was auf der einen Seite freilich als Hilfe und Segen daher kommen mag, droht auf der anderen Seite schnell auch zum Fluch zu werden: so droht der Materialanhang schnell zu veralten, wird doch gerade das Soziale im Prozess der neo-sozialen Umformung in immer schnelleren Schritten verändert, angepasst und durch neue Rechtsvorschriften umgestaltet.

Ärgerlich sind freilich die Etikettierungen, denen Passagen des Bandes folgen, wenn von „Klienten“ (d. h. ursprünglich Hörigen und Bürger/inne/n zweiter Klasse), „Klientel“ oder „bildungsfernen Schichten“ die Rede ist: hier folgen die Autor/inn/en - zweifellos unbewusst - jener Semantik, die dem neo-sozialen Aktivierungsstaat so eigen ist und die auf das eingangs geschilderte Minenfeld verweist, in dem sich auch Sozialberatung bewegen muss.

Gleichwohl: Der Band ist lesenswert und hilfreich. Er hilft, eine Lücke zu schließen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 26.08.2011 zu: Rolf Krüger (Hrsg.): Sozialberatung. Werkbuch für Studium und Berufspraxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17157-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10862.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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