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Alban Knecht: Lebensqualität produzieren

Cover Alban Knecht: Lebensqualität produzieren. Ressourcentheorie und Machtanalyse des Wohlfahrtsstaats. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 365 Seiten. ISBN 978-3-531-17636-9. 39,95 EUR.
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Entstehungshintergrund

Ausgehend von Aamarty Sens capability approach bzw. seiner Ressourcentheorie versucht Knecht in seiner Dissertation eine Synthese mit weiteren theoretischen Konzepten der Wohlfahrtsstaatsforschung. Dabei folgt der Verfasser der Methode der empirisch informierten Theorieentwicklung: D.h. jeder Schritt besteht nicht nur aus einem Theorievergleich und einer Kombination der Argumentation, sondern wird rückgebunden durch die Hinzuziehung entsprechender empirischer Untersuchungen.

Inhalte

Kern der Studie ist die Verknüpfung unterschiedlicher Theorieansätze; v.a.

  • das Konzept und die Messung von Lebensqualität, Lebenslage und Lebensstandard.
  • der ressourcenorientierte Ansatz von Sen mit den Elementen Tansformationen, Funktionen (von Ressourcen) und Verwirklichungschancen (- was eine dynamische, über Einkommen hinaus gehende Perspektive eröffnet).
  • der These gesellschaftlicher Disparität und Machtungleichgewichte von Claus Offe (- was auf Unterschiede innerhalb von Gesellschaften verweist).
  • Ansätzen zur (vergleichenden) Wohlfahrtskultur- und Wohlfahrtsstaatsforschung sowie Lebenslaufregime (- was auf Unterschiede zwischen von Gesellschaften verweist).
  • aktuelle Debatten um neue politische Leitbilder wie Aktivierung, Sozialinvestition, pädagogische Frühförderung (- was im Wesentlichen eine Stärkung von Bildung bzw. Humankapital und dessen Nutzung impliziert).

Dazu wird ein komplexes analytisches Mehrebenenmodell entwickelt, das die Erkenntnisse ressourcentheoretisch fokussiert und die komplementären Perspektiven miteinander verbindet. Es umfasst folgende Argumentationslinien: Der Staat beeinflusst Individuen und deren Lebensqualität durch unterschiedliche Interventionen (etwa Transfers oder Dienstleistungen) sowie durch Nicht-Intervention. Dadurch weist der Staat den Individuen wichtige Ressourcen, Fähigkeiten, Verwirklichungschancen und somit Lebensbedingungen zu. Mit dieser staatlichen Zuteilung von Ressourcen, Fähigkeiten und Lebensbedingungen wird aber zugleich die Ungleichheitsstruktur einer Gesellschaft geprägt. Dabei plädiert Knecht für ein breites Verständnis: Das gilt für die sozialen Probleme auf der einen wie staatliche Interventionen auf der anderen Seite. Letztere sind nicht auf den klassischen Bereich der Sozialpolitik zu begrenzen sondert umfassen auch neue Bereiche wie den Umweltschutz, da sie sich in ihren Auswirkungen auf die Gesundheit und Lebenserwartung gleichen und als zwei empirische Ausprägungen von well-being bzw. Lebensqualität zu sehen sind.

Im Ländervergleich zeigt sich – wie vielfach untersucht- ein breites Spektrum an sozialpolitischen Vorgehensweisen: Im konservativen Wohlfahrtsstaat zementieren sozialpolitische Interventionen häufig bestehende Ungleichheiten. Ein Schwerpunkt der Intervention liegt zudem auf finanziellen Transfers. Im liberalen Wohlfahrtsstaatsregime wird eine vom Markt produzierte Ungleichheit nur wenig korrigiert, wenngleich der Bildungspolitik für die Herstellung an Chancengleichheit eine zentrale Rolle zugesprochen wird. Sozialdemokratische Wohlfahrtsstaaten zeichnen sich hingegen durch ein hohes Maß an Umverteilung aus. Die Zuteilung von Ressourcen, Fähigkeiten und Lebensbedingungen orientiert sich hier stark an universalistischen, die Gleichheit betonende Gerechtigkeitsvorstellungen.

Neben den bisher genannten objektiven Bedingungen beeinflusst der Staat aber auch die „Subjektivierung“ von Lebensqualität. Das geschieht einerseits über eine Beteiligung an den Alltagdiskursen darüber, was Lebensqualität eigentlich ist, und andererseits ist der Staat auch an Stigmatisierungen und Missbrauchsdiskussionen beteiligt, die von den Betroffenen internalisiert und subjektiviert werden und daher in einem Zusammenhang zu psychischen Ressourcen stehen können.

Diskussion

Der Band belegt die breite Belesenheit des Verfassers und seine Fähigkeit zur theretischen Synthese. Verschiedene Schaubilder und Tabellen veranschaulichen dabei die Argumentation. Dabei gewinnen die formal-abstrakten Überlegungen Sens an Konkretisierung - an „Fleisch und Blut“ gewissermaßen. Freilich verschiebt sich dadurch auch der Fokus von den Ressourcen der Individuen auf den soziopolitischen Kontext, was einer nicht unerheblichen Uminterpretation ( oder gar ein „conceptual streching“) der Überlegungen Sens gleich kommt.

Spannend ist allerdings die Idee der Subjektivierung von Lebensqualität und der Ausblick auf die interdisziplinären Anknüpfungspotenziale der Arbeit.

Fazit

Hier handelt es sich um eine umfassend angelegte Dissertation zu den theoretischen Grundlagen der Wohlfahrtsstaats- und Lebensqualitätsforschung, die verschiedene Ebenen und Konzepte verknüpft. Das ist meist sehr anspruchsvoll und nur dann praxisrelevant, wenn man dem Diktum folgt: Nothing is as practically as a good theory. (In dem Buch nach Lewin zitiert; freilich auch schon früher von Marx postuliert).


Rezension von
Prof. Dr. Josef Schmid
Professor für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er ist derzeit hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
Homepage uni-tuebingen.de/fakultaeten/wirtschafts-und-sozial ...
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Zitiervorschlag
Josef Schmid. Rezension vom 12.07.2011 zu: Alban Knecht: Lebensqualität produzieren. Ressourcentheorie und Machtanalyse des Wohlfahrtsstaats. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17636-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10867.php, Datum des Zugriffs 24.09.2020.


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