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Kurt Witterstätter: Soziologie für die Altenarbeit - Soziale Gerontologie

Cover Kurt Witterstätter: Soziologie für die Altenarbeit - Soziale Gerontologie. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2003. 13., völlig neu überarbeitete Auflage. 258 Seiten. ISBN 978-3-7841-1467-5. 15,50 EUR.
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Zielsetzung und Zielgruppen

Die Soziologie für die Altenarbeit ist 1981 zum ersten Mal erschienen und liegt nun in der 13. völlig überarbeiteten Auflage vor. Das Ziel dieser neuen Auflage ist die allmähliche Ausweitung der Inhalte von der soziologischen Altenarbeit zur umfassenden Sozialen Gerontologie. Es ist ein Buch, das soziologische Grundkenntnisse auf eine ganzheitlich orientierte Sicht alter Menschen vermittelt, aber auch psychologische und pädagogische nicht unberücksichtigt lässt. Kurt Witterstätter, Diplom - Sozialwirt und Lehramtsassessor, lehrt als Professor Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen.

Aufbau und Übersicht über die zu behandelten Themen und Inhalte

Das Buch ist in drei größere Abschnitte mit 15 Einzelkapiteln gegliedert. Im ersten Hauptabschnitt zu allgemeinen gerontologischen Erkenntnissen für die Altenarbeit, das vier Einzelkapitel umfasst, wird im ersten Kapitel ein Fallbeispiel geschildert, auf das im gesamten Buch anhand spezifischer Fragestellungen immer wieder zurückgegriffen wird. Des Weiteren wird die Alterswissenschaft in Abgrenzung zu verschiedenen Disziplinen dargestellt und Altersbegriffe wie biologisch - medizinisches, psychologisches, soziologisches oder kalendarisches Alter verdeutlicht.

Kapitel zwei beschäftigt sich mit dem lebenslangen Prozess der Sozialisation, der allerdings nur sehr kurz auf fünf Seiten abgehandelt wird. Werte, Normen und Rollen sowie Rollenkonflikte werden in Unterabschnitten thematisiert, bevor zu Kompetenzverlusten und Pflegebedürftigkeit Stellung genommen wird. Dem Leser verwundert, warum diese Problematik im Zusammenhang mit den Sozialisationsphasen aufgegriffen, aber keinesfalls in notwendiger Gründlichkeit bearbeitet wird. So wird beispielsweise weder auf die Pflegestufen, die erst auf Seite 145 erwähnt werden, noch auf die damit verbundenen Kompetenzprobleme verwiesen.

Kapitel drei ist dem Alter und der Gesellschaft im Wandel gewidmet und geht von der Mikrostruktur der Handlungsebene, die in Kapitel eins und zwei grundlegend war, auf die gesellschaftliche Makrostruktur in Bezug auf das Alter über. Dabei wird auf die fünf nach Tews (Lebenslagen im Strukturwandel des Alters 1993, S. 23 ff.) bestimmten Trends der Verjüngung, Entberuflichung, Feminisierung, Singularisierung und Hochaltrigkeit verwiesen. Interessant ist die Darstellung des Übergangs von der post- über die ko- zur präfigurierenden Kultur nach der Kulturanthropologin Margaret Mead, die davon ausgeht, dass in den entwickelten Gesellschaften der präfigurierenden Kultur die Jugend den Älteren initiativ neue Entwicklungswege aufzeigt, wodurch sich das Bild des alten Menschen vom Weisen, der um Rat gefragt wird, zum Fragenden nach aktuellem Wissen wandelt. Kaum nachvollziehbar ist, warum sowohl Tews als auch Mead nicht in das Literaturverzeichnis aufgenommen werden, obgleich sie im Text zitiert werden. Informativ ist die auf Seite 66 f befindliche tabellarische Zusammenstellung der Lösung von Altersproblemen durch Angehörige verschiedener Schichten.

Das vierte Kapitel zu abweichendem Verhalten im Alter nimmt zur Sucht, Kriminalität, Depression und zum Suizid Stellung. Warum diese spezifischen Probleme, die in der Regel nur eine kleinere Anzahl älterer Menschen betrifft, unter der Gliederungsebene allgemeine gerontologische Erkenntnisse behandelt werden, bleibt offen.

Die folgenden Kapitel fünf bis fünfzehn sind unter dem Thema "Besondere Beiträge der Alterswissenschaften für die Altenarbeit" zusammengefasst. Das erste Kapitel unter dem genannten Thema ist der Vorbereitung auf das Alter gewidmet und verweist lediglich auf die Notwendigkeit einer Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung, vermag aber kaum Probleme auf die Altersvorbereitung zu thematisieren.

Ebenfalls kurz gegriffen ist das sechste Kapitel zur Armut im Alter und deren Bekämpfung. Hier vermisst der Leser soziologisch durchaus relevante Fragestellungen zur absoluten oder relativen Armut sowie zu Altersrisiken, die Armut heute begründen und differenzierte Gruppen von Alten (junge versus alte) unterschiedlich stark betreffen.

Das folgende siebente Kapitel trägt den Titel "Familie und Alter" und beschränkt sich nur auf Probleme der Pflege und familiärer Pflegekräfte sowie auf Partnerschaft und Sexualität, wobei Letzteres kaum auf die übrigen Ausführungen zu beziehen ist.

Die Bildungsarbeit mit alten Menschen wird im folgenden Kapitel thematisiert. Die grundsätzliche Lernfähigkeit Älterer, Lernziele und - orte sowie neuere Ansätze zur Aktivierung von Erfahrungswissen stehen im Mittelpunkt der Betrachtungen und geben einen guten Überblick über die Lernfähigkeit im Alter.

Kapitel zehn zu Alteninitiativen beschäftigt sich mit selbst induzierten Initiativen Älterer. Die Aktivitäts- und die Disengagementtheorie werden vorangestellt ohne sich auf die folgenden Ausführungen zu beziehen. Überhaupt wird mit theoretischen Grundlagen soziologischer Grundlagenforschung im gesamten Buch sehr sparsam umgegangen - durchaus ein Mangel für ein Lehrbuch der Altenarbeit.

Sehr gut gelungen ist das elfte Kapitel zu Fragen der offenen Altenhilfe und deren Grenzen. Für die Altenarbeit wichtige Grundsätze werden zu Beginn diskutiert und folgend werden verschiedene Formen der offenen Hilfen dargestellt.

Sehr ausführlich ist das Kapitel zur stationären Altenhilfe, das sich auf Ausführungen zu Heimen konzentriert und andere teilstationäre oder stationäre Formen unberücksichtigt lässt. Neben Arten von Heimen wird auf das Pflegepersonal und auf Konfliktsituationen im Pflegeheim hingewiesen. Des Weiteren werden Gefahren, die aus sozialen Organisationen oder totalen Institutionen wie dem Heim erwachsen, diskutiert und gleichzeitig auf die Interventionsgerontologie, die Möglichkeiten der Überwindung negativer Institutionalisierungsfolgen bietet, hingewiesen.

Thematisch relativ unvermittelt folgen Ausführungen zu Sterben und Tod im zwölften Kapitel. Diese eher spezifischen Fragestellungen zu Sterbe- und Trauerphasen oder zur Hospiz Bewegung sind dem Kapitel dreizehn zu innovativen Diensten der Altenarbeit - zu teilstationären Diensten, zum Betreuten Wohnen oder zu stadtteilbezogener Versorgung - vorangestellt und vermögen kaum die Logik der Gliederung zu begründen.

Das vorletzte Kapitel ist Fragen der Sozialarbeit in der Altenhilfe gewidmet und setzt sich mit verschiedenen sozialarbeiterischen Tätigkeiten wie der Arbeit im Heim oder im Krankenhaus auseinander.

Das fünfzehnte und damit das letzte Kapitel zur Altenhilfeplanung und Qualitätsmanagement geht auf Planungsschritte und Planungsbedarfe ein und stellt ein Qualitätsmanagement - System vor.

Fazit

Das vorliegende Buch ist vom Autor als soziologisches Grundlagenwerk für Sozialarbeiter und andere Berufsgruppen konzipiert worden. Diesem Anspruch wird es gerecht, obgleich soziologische Fragestellungen nicht mit Konsequenz und durchgehend diskutiert werden. Es ist eher eine Zusammenschau über durchaus interessierende Fragestellungen, wobei die Gliederungslogik teilweise schwer nachvollziehbar ist.

Einige kritische Anmerkungen beziehen sich auf die Form der Darstellungen. Teilweise werden Problemstellungen viel zu kurz und dadurch etwas oberflächlich diskutiert, anderen wieder wird ungerechtfertigt viel Aufmerksamkeit zuteil. Die Hauptüberschriften der Kapitel sind kaum gegenüber den Unterkapiteln erkennbar. Das erschwert das Lesen und vermag zu wenig den Leser auf die unterschiedlichen Themen, die zudem auch nicht immer schlüssig in der Reihenfolge sind, vorzubereiten. Das Literaturverzeichnis, das vom Autor der besseren Übersichtlichkeit wegen in sieben Abschnitte gegliedert wurde, ist viel eher unübersichtlich, weil nach verschiedenen Autoren in jedem Einzelverzeichnis gesucht werden muss.

Positiv hervorzuheben ist das Bemühen, ein bzw. zwei Praxisbeispiele als Grundlage der Darstellungen zu wählen. Allerdings werden diese nur sporadisch und weitaus nicht in allen Kapiteln heran gezogen. All jenen, die mit der Arbeit älterer Menschen betraut sind, wird dieses Buch vielleicht nicht unbedingt pragmatische Hilfe leisten, viel mehr regt es zur Diskussion grundlegender Problemstellungen an und vermag den Blick auf ganz verschiedene Segmente der Altenarbeit zu richten.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 04.11.2003 zu: Kurt Witterstätter: Soziologie für die Altenarbeit - Soziale Gerontologie. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2003. 13., völlig neu überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7841-1467-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1088.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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