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Kerstin Bronner: Grenzenlos normal?

Rezensiert von Prof. Dr. Barbara Ketelhut, 04.03.2011

Cover Kerstin Bronner: Grenzenlos normal? ISBN 978-3-8376-1643-9

Kerstin Bronner: Grenzenlos normal? Aushandlungen von Gender aus handlungspraktischer und biografischer Perspektive. transcript (Bielefeld) 2011. 274 Seiten. ISBN 978-3-8376-1643-9. 29,80 EUR. CH: 43,90 sFr.
Reihe: Gender Studies.

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Thema

Kerstin Bronner fragt, „inwiefern Gender als ungleichheitsstrukturierende Differenzlinie in der biografischen Arbeit der Individuen von Bedeutung ist, und welche weiteren Differenzlinien sich als relevant erweisen.“ (S. 13) Gerade die Analyse von Handlungen und Haltungen im Kontext von Fastnachtsgruppen und –vereinen bieten ihr hierfür ein geeignetes Forschungsfeld. „Wenn Fastnacht einen Ausbruch aus gängigen Konventionen erlaubt so stellt sich die Frage, ob und wenn ja, auf welche Art und Weise aus gängigen Genderkonventionen ausgebrochen werden kann.“ (S. 11).

AutorIn

Dr. Kerstin Bronner lehrt und forscht am Fachbereich Soziale Arbeit der Fachhochschule St. Gallen in der Schweiz (vgl. AutorInnen-Hinweis).

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine Dissertation, die 2009 an der Universität Tübingen eingereicht und von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde. Die Autorin betont immer wieder die Bedeutung der interdisziplinären Mikro-AG der Hans-Böckler-Stiftung für Rückmeldungen und Selbstvergewisserungen. Als Mitglied einer Fastnachtszunft hat sie einen persönlichen und biografischen Bezug zum Forschungsfeld.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel erläutert Kerstin Bronner ihre theoretischen Grundlagen, die sie in zwei Bereiche aufteilt, „gesellschaftliche Genderkonstruktionen“ und biografietheoretische Grundlagen“. Zu ersterem gehören u.a. das Konzept des „doing difference“ (Sarah Fenstermaker u.a.), Queer Theorie (Sabine Hark) und die „kulturelle Matrix“ (Judith Butler), die es ermöglichen zu analysieren wie Gender und Heteronormativität kulturelle Vorstellungen produzieren. Aus der als kontrovers geschilderten Debatte um Intersektionalität hebt sie den Anspruch hervor, alle sich im Forschungsprozess ergebenden Kategorien sozialer Ungleichheit zu berücksichtigen, was sie für schwer umsetzbar hält und sich somit in erster Linie an den Konstruktionen und Reproduktionen von Gender orientiert. In Anlehnung an Heiner Keupp u.a. versteht sie die Konstruktion von Identität als permanenten Prozess, der in der Biografiearbeit der Individuen zum Ausdruck kommt. Besondere Schwerpunkte legt sie dabei auf die Bedeutung von Anerkennung (nach Axel Honneth), soziale Netzwerke und Selbstnarration.

Im zweiten Kapitel entwickelt Kerstin Bronner ihre spezifischen Fragestellungen basierend auf den im ersten Kapitel diskutierten theoretischen Grundlagen und dem Stand von Forschungen zur schwäbisch-alemannischen Fastnacht, die historische Entwicklungen und einzelne Bräuche in den Vordergrund rücken und dabei die Subjekte als GestalterInnen vernachlässigen würden. Einen weiteren Fokus legt sie auf Vereine in ländlichen Regionen und die darin liegenden Möglichkeiten des Kompetenzerwerbs für ihre Mitglieder.

Das dritte Kapitel widmet die Autorin der methodischen Herangehensweise. Hier entwickelt sie zunächst in Anlehnung an Carol Hagemann-White und Silke Gahleitner mit Hilfe der „Entgenderung“ eine Strategie der eigenen Gefangenheit im binären Denken bei der Bearbeitung ihres empirischen Materials zu entgehen, um den Schwerpunkt der Analyse auf die „Symbolisierung der Zugehörigkeit zu einem Gender“ (S. 78) zu legen. Dazu hat sie Textstellen, die auf die Geschlechterzugehörigkeit verweisen neutralisiert und von Außenstehenden (der Mikro-AG der Hans-Böckler-Stiftung) bearbeiten lassen. Zu ihren weiteren Strategien der Selbstreflexion gehören das Führen eines Forschungstagebuchs, eine interdisziplinäre Forschungssupervisionsgruppe und die Bearbeitung von Materialien im Rahmen ihrer Mikro-AG der Hans-Böckler-Stiftung (vgl. S. 79 f.). Als Untersuchungsort hat Kerstin Bronner eine süddeutsche Kleinstadt (mit ca. 4600 EinwohnerInnen) gewählt, deren Fastnachtstradition seit 1880 dokumentiert ist und an der sie (auch wenn sie inzwischen nicht mehr dort wohnt) teilnimmt. Frauen sind in der Fastnachtszunft erst seit 1980 zugelassen. Neben verdeckten teilnehmenden Beobachtungen durch die Autorin und einer außenstehenden Forscherin im Rahmen eines örtlichen Zunftsballs, einer Busfahrt zu einem „überregionalen Narrentreffen“ und einem Fastnachtsabend (vgl. S. 97) führt Kerstin Bronner themenzentrierte narrative Interviews (nach Fritz Schütze) mit drei Frauen und drei Männern (im Alter von 19 bis 50 Jahren) durch. Je zwei der Befragten engagieren sich in einer von drei verschiedenen Gruppen: einer männerhomogenen Hexengruppe, einer frauenhomogenen Jazztanzgruppe und einer gendergemischten Musikgruppe (vgl. S. 93 f.). Ferner nahm die Autorin in der Zeit von 2006 bis 2009 an einigen Fastnachtsveranstaltungen teil und hielt ihre Beobachtungen in Form von Notizen fest. Die Auswertung der Erhebungen und Beobachtungen erfolgt nach den Codierverfahren von Anselm Strauss.

Drei Interviews werden (im vierten Kapitel) ausführlich auf insgesamt knapp 100 Seiten vorgestellt. Schwerpunkte in der Darstellung der jeweiligen Auswertungsergebnisse bilden dabei neben einem jeweiligen biografischen Kurzportrait der Zugang zur Fastnacht, die subjektive und biografische Bedeutung der Mitgliedschaft in einer Fastnachtsgruppe und die (Nicht-)Thematisierung von Gender.

Im fünften Kapitel fasst Kerstin Bronner ihrer Ergebnisse aus allen sechs narrativen Interviews, den teilnehmenden Beobachtungen und ihren Feldnotizen zusammen, wobei sie immer wieder sowohl ihr methodisches Vorgehen, ihre eigene Position und die Grenzen ihrer Forschung reflektiert. Kerstin Bronner grenzt ihre Ergebnisse von denen einiger bestehender Studien, die sich mit dem Vereinsleben im ländlichen Raum beschäftigen, ab, indem sie die unterschiedlichen Möglichkeiten herausarbeitet, die sich für ihre Befragten im Kontext der Mitgliedschaft in Fastnachtsvereinen ergeben. Passt sich der eine Befragte wie selbstverständlich an die traditionelle Männerrolle an, indem er in Bezug auf seine Fastnachtsstätigkeit einen ähnlichen Weg geht wie sein Vater, folgt der andere Befragte seiner Vorliebe für Musik und versucht so Fastnachtsaktivitäten mit diesem Hobby zu verbinden. Die weibliche Befragte hingegen geht einen dritten Weg, der ihr eine Persönlichkeitsentwicklung hin zu einer selbständigen Funktion als Leiterin einer von ihr initiierten Gruppe bahnt. Immer wieder arbeitet Kerstin Bronner Reproduktionsweisen von kulturellen Gender- und Heteronormativitätsvorstellungen heraus. Schweigen und Nicht-Reflexion von Geschlechterverhältnissen, trotz expliziter Nachfragen im Interview, gehören ebenso dazu, wie z.B. klischeehafte Zuschreibungen oder Aufwertungen von männerhomogen und Abwertungen von frauenhomogenen Gruppen (vgl. S. 208 ff.).
Stellvertretend möchte ich an dieser Stelle ein verallgemeinerbares Ergebnis der Studie nennen, das die Besonderheit der Fastnachtskultur im ländlichen Raum im Vergleich zu anderen Vereinskulturen sowie zu anderen Studien hervorheben soll, die sich mit den ländlichen Räumen auseinandersetzen „Zumindest für die Fastnachtsvereine zeigt sich ein reges Nebeneinander von >(Gender-)Traditionellem und >(Gender-)Öffnendem<, mit dem die Subjekte selbsttätig umgehen, indem sie mit gesellschaftlichen Gender- und Heteronormativitätsannahmen, Normalitäten und Bewertungen experimentieren.“ (S. 233) Kerstin Bronner resümiert, dass sie gerade in Bezug auf Gender durch die narrativen Interviews wenig erfahren hätte, im Kontext der teilnehmenden Beobachtungen hingegen konnte sie sowohl gerade Gegenteiliges zum verbal Artikulierten feststellen als auch immer wieder Szenen beobachten, in denen die Geschlechter (wenn i.d.R. auch nur kurzfristig) typische Verhaltensweisen des anderen Geschlechts zeigten, wenn sich z.B. im Rahmen der Verkleidungen Männer auf den Schoß von Frauen setzen oder Frauen „offensiv Männer anflirten“ (S. 216). Die Teilnahme an Fastnachtsveranstaltungen biete die Möglichkeit repressionsfrei Gender-Grenzen zu überschreiten (vgl. S. 217 f.).

Abschließend bezieht sich Kerstin Bronner (im sechsten Kapitel) u. a. erneut explizit auf Ansätze von Intersektionalität, denen sie zu Beginn ihres Projektes skeptisch gegenüber stand, indem sie zwar Schwierigkeiten diskutiert im Rahmen des Forschungsprozesse Reproduktionen von Ungleichheiten auf verschiedenen Ebenen und in ihrer Verflochtenheit bearbeiten zu können, aber zugleich Erkenntnisgewinne durch eine multiple Perspektive erfahren konnte.

Der Band schließt mit einem Glossar zu fastnachtsspezifischen Begriffen und einer Auflistung der verwendeten Transkriptionsregeln ab.

Diskussion

Bestechend an der vorliegenden Dissertation ist das stringente durchstrukturierte Vorgehen, das eine stete Reflexion der Autorin beinhaltet. Wie so oft bei qualitativen empirischen Studien kommt es auch hier im Rahmen der ausführlichen Darstellungen der ausgewählten Fallkonstruktionen zu Wiederholungen.

Die von Kerstin Bronner geschilderten Formen von Unterstützungen durch verschiedene Arbeitsgruppen belegen erneut, wie sinnvoll eine Einbindung von PromotionskandidatInnen in einen größeren Rahmen der gegenseitigen Unterstützung ist, wofür die Hochschulen m. M. n. immer wieder Räume schaffen sollten.

Da Kerstin Bronner im Rahmen von Sozialarbeit lehrt und forscht wäre ein direkter Bezug der Forschungsergebnisse zu Sozialarbeitswissenschaften und/oder praktischen Tätigkeiten in Bereichen der Sozialen Arbeit wünschenswert gewesen. Wenn Verkleidungen und andere Aktivitäten im Schutz von festgefügten Gruppen und Traditionen Möglichkeitsräume für Überschreitungen von Gender-Grenzen und anderen Normalitätsvorstellungen eröffnen, wie können diese Ergebnisse in verschiedene Felder Sozialer Arbeit z.B. mit Mädchen und Jungen einfließen?

Fazit

Kerstin Bronner wählt für ihre qualitative empirische Studie ein für die Analyse von Geschlechterverhältnissen ungewöhnliches Forschungsfeld. Sie fragt u.a. danach, inwiefern ein ländlicher Raum mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten der Mobilität (insbesondere für junge Männer und Frauen) und mit historisch weit zurückreichenden Traditionen, wie der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, nicht nur dazu beiträgt, soziale Ungleichheiten zu reproduzieren sondern auch Raum für Persönlichkeitsentwicklungen und Grenzüberschreitungen bietet.

Rezension von
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbaraketelhut@aol.com
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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 04.03.2011 zu: Kerstin Bronner: Grenzenlos normal? Aushandlungen von Gender aus handlungspraktischer und biografischer Perspektive. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1643-9. Reihe: Gender Studies. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10880.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


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