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Hans Bernhard, Josef Wermuth: Stressprävention und Stressabbau

Cover Hans Bernhard, Josef Wermuth: Stressprävention und Stressabbau. Praxisbuch für Beratung, Coaching und Psychotherapie. Mit Online-Material. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. 205 Seiten. ISBN 978-3-621-27772-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 56,90 sFr.
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Stress, Stressprävention und Stressabbau – ein praktisches Manual

„Alle diejenigen, die sich in der Weisheit üben …, die frei von Unrecht und Schuld leben, die weder Unrecht zu leiden noch zu vergelten gewillt sind, meiden den Verkehr mit den Männern des geschäftigen Lebens und verabscheuen die Stätten, wo jene verkehren, Gerichtsgebäude, Rathäuser, Märkte, Versammlungen und überhaupt alle Orte, wo Anhäufungen und Ansammlungen der Ungebildeten stattfinden; denn sie suchen ja ein Leben des Friedens ohne Streit als vortreffliche Betrachter der Natur und all ihrer Teile …“ (Philon von Alexandria, um 15/10 v. Chr. bis nach 40 n. Chr., zitiert nach Hadot 2005, 164). Stress findet sich in der Fachliteratur nicht als „ein Leben des Friedens ohne Streit“ definiert und der stressfreie Mensch – wenn man die Fülle an Publikationen und Selbstratgebern zu diesem Thema berücksichtigt ist man geneigt zu glauben, dass es sich dabei um ein Oxymoron handelt – wird nicht als ein „vortreffliche Betrachter der Natur und all ihrer Teile“ beschrieben und doch lässt sich aus Gedanken wie diesen ein sehr fruchtbarer Zugang zum Phänomen Stress entdecken. Die viel bemühte „work-life-balance“ ist für sehr viele Menschen aus dem Ruder geraten – eine Entwicklung die absehbar gewesen ist: „Aus dieser Sicht verläuft der Bruch nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit. Diese beiden Tätigkeitsbereiche gehen ineinander über. Sie wiederholen und verstärken sich gegenseitig.“ (Certeau 1988, 77). Beim österreichischen Philosophen Peter Strasser findet sich zum Beispiel in einem seiner letzten Bücher ein kleiner Lobgesang auf die einfachen Dinge des Lebens. “Wer die einfachen Dinge des Lebens liebt, wird weder Kriege führen noch zum Mars fliegen noch die Welt retten wollen. Er wird, ohne sonderlich aufzufallen, so glücklich wie möglich leben und dabei so wenig wie möglich anderen schaden wollen …“ (Strasser 2009, 73) Die Besinnung auf die einfachen Dinge des Lebens spiegelt eine Art von Psychohygiene wieder, die natürlich nicht erst durch Peter Strasser Ausdruck gefunden hat. „In einer Welt, in der es an den Beruhigungen cartesischer Gewissheit ebenso mangelt wie an den beruhigenden Grenzen menschlicher Verantwortung, die der Gedanken der Vorsehung enthält, wäre es nicht das Schlechteste, wenn wir versuchten, uns – mit Spinozas Vermittlung – zurückzubesinnen auf die Bemühungen der Stoiker, die sich inmitten von nur ungefähr verstandenen, ungewissen und unberechenbaren Notwendigkeiten dennoch einzurichten.“ (Lloyd 2004, 140) Die (nicht nur sprichwörtliche) stoische Ruhe besteht in nicht viel mehr als dem Wissen, um die Manipulierbarkeit der Dinge, und eben der Grenze dieser individuellen Manipulierbarkeit. Geneviève Lloyd hat das in den Ausdruck „Leben mit Notwendigkeit“ gebracht – und dabei, wie das Zitat andeutet, in diese Notwendigkeiten gerade nicht Fatalismen und Determinismen – welcher Art auch immer: in heutiger Zeit würde man dabei an genetische Dispositionen, Arbeitsmarktsituation, usw. denken – mit eingeschlossen. Stress als Lebensform? Stress als misslungener Umgang mit den Notwendigkeiten der menschlichen Existenz?

Faktum ist, dass Stress und die Beschäftigung damit in den letzten Jahren viel an Professionalität und Wissenschaftlichkeit gewonnen hat. Faktum ist aber auch, dass dieses Mehr an Aufmerksamkeit auch mit einem Mehr an Unübersichtlichkeit einher gegangen ist: „Although definitional issues and other conceptual difficulties remain, we believe it is very clear that the field of stress is alive and well, and can be expected to form a focus of reaserch in Health Psychology and Behavioral Medicine for the foreseeable future. At the same time, scientific progress cannot be granted, and requires systematic critical examination of generally accepted conceptual frameworks, empirical generalizations, and methodological tools.” (Contrada/Baum 2010, xxi). Gerade diese von den Herausgebern des umfangreichsten Sammelbandes zur aktuellen Stressforschung eingemahnte Systematik und Kritik machen deutlich, woran es vielen Publikationen zum Thema Stress, Stressprävention und Stressreduktion mangelt. Es zeigt sich aber auch, was es an positiven Entwicklungen gegeben hat: “New technologies, new multidisciplinary approaches, scientific curiosity, and popular demand have all contributed to the growth of stress, coping, and health research enterprise over the past 30 years.” (Folkman/Nathan 2010, 3) – die Forschungsergebnisse können sich sehen lassen: Stress wurde als Phänomen subjektiviert – d.h. durch die theoretische Aufweichung des behaviouristischen Reiz-Reaktions-Modells gibt es nun (selbst in der Psychologie) mehr Raum für kognitive Coping-Strategien und menschliche Selbstwirksamkeit. Stress ist tatsächlich eine körperliche Reaktion auf ganz bestimmte situative und personale Umstände – in unzähligen Modellen wird versucht, diesen Mechanismus darzustellen und mögliche Interventionspunkte deutlich zu machen. Die Literatur zum Thema Stress besteht daher größtenteils aus Manualen, Ratgebern, Selbsthilfebüchern, die schnellen Erfolg – Stressreduktion – versprechen. Dabei ist sehr auffällig, wie wenig dieses Paradox der schnellen Hilfe bei Stress thematisiert wird – „Die Philosophie stellt eine Lebensweise dar, was nicht nur bedeutet, daß sie einem bestimmten moralischen Verhalten gleichkommt …, sondern daß sie gleichzeitig auch eine Daseinsform ist, die zu jedem Augenblick gelebt werden und das ganze Leben verändern soll.“ (Hadot 2005, 165). Stress ist eine Sache des Lebensstils, und dieser Lebensstil lässt sich nicht effektiv viel schneller ändern, als es die eigenen Gewohnheiten und die Notwendigkeiten zulassen, in denen man sein eigenes Leben eingerichtet hat. „Entschleunigung“ als Stresstherapie. „Thus morally virtous action finds place in the happiest philosophical life because it is worth choosing for the sake of contemplation and because it is worth choosing for it‘s own sake. This is how the lover of wisdom, like a skilled archer, keeps hiss Nicomachean Ethics.” Princeton, NJ (USA) & Oxford (UK), Princeton University Press

  • Strasser, P. (2009). „Die einfachen Dinge des Lebens.“ München (GER), Wilhelm Fink Verlag

    Rezensent
    Mag. Harald G. Kratochvila
    Homepage www.kompetenz-coaching.at
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    Zitiervorschlag
    Harald G. Kratochvila. Rezension vom 25.01.2011 zu: Hans Bernhard, Josef Wermuth: Stressprävention und Stressabbau. Praxisbuch für Beratung, Coaching und Psychotherapie. Mit Online-Material. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. ISBN 978-3-621-27772-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10883.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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