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Harlich H. Stavemann: Im Gefühlsdschungel

Cover Harlich H. Stavemann: Im Gefühlsdschungel. Emotionale Krisen verstehen und bewältigen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 2., vollst. überarbeitete Auflage. 367 Seiten. ISBN 978-3-621-27630-6. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 45,50 sFr.
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Emotionale Krisen im Rahmen der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT)

Emotionale Krisen sind menschliche Routine – jeder von uns hat zu diesem Begriff konkrete Vorstellungen und Erinnerungen, auf die er zurückgreifen kann, um diesem Begriff individuellen Inhalt zu verleihen. Bemerkenswerter als die menschliche Vertrautheit mit dem Phänomen emotionale Krise ist die relative Unwissenheit darüber, was genau dahinter steckt, und ob es Möglichkeiten gibt sich vor ihnen zu wappnen. Steine haben definitiv keine emotionale Krisen, auch Eisblöcke plagen andere Sorgen – Hart wie Stein, kalt wie Eis: Metaphern, mit denen Menschen gelegentlich persönliche Idealzustände beschreiben, in denen Emotionen nicht diese Kraft und Wirkung auf sie hätten, wie im wirklichen Leben.

Emotionale Krisen können wir aber auch auf einer menschlichen Ebene begegnen und Herr werden: “Jeder ist alleiniger Herr seiner psychologischen Welt. Er kennt sie, nur er kann sie beeinflussen. Er kann aber noch viele unbekannte Winkel darin entdecken, schöne und weniger schöne. Und er kann noch daran basteln … Gefühl ist immer dabei” (Seidel 2008, 4 und 12) Das Ideal der Omnipotenz setzt beim Kopf des Menschen an (so wie der Fisch auch am Kopf zu stinken beginnt). „Tatsächlich erzeugen Gedanken unsere Gefühle … Ein Denken, das Leid verursacht, ist zwanghaft.“ (Giacobbe 2007, 105) Doch folgt man diesen Ansätzen, und lässt sich darauf ein, herausfinden zu wollen, was einem die eigenen Gefühle und die eigenen Gedanken eigentlich sagen wollen, kommt man schnell auf den Gedanken, dass die eigenen Gefühle, die eigenen Gedanken eher einem sprechenden Hund gleichen, als einem vernünftigen Gesprächspartner (www.youtube.com/watch?v=TJkd86i3PgM).

Wie auch immer – die Grundidee wird von vielen Menschen geteilt - „Handeln und Wissen sind gewissermaßen miteinander verknüpft. Zwar benötigt der Akteur normalerweise keine explizite bzw. theoretische Erkenntnis seiner Handlung, um sie durchführen zu können. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Akteur nicht zumindest implizit wissen muss, was er tut und wie er seine Handlung durchführt. Dieses implizite Handlungswissen kann durch explizite Aussagen beschrieben werden bzw. durch eine bestimmte Art von Handlungen expliziert werden, nämlich durch Sprechhandlungen. Deswegen lässt sich das Handlungswissen am besten an diesen Handlungen philosophisch studieren.“ (Damiani 2009, 9)

Handlungen und Wissen, Emotionen und Rationalität – diese beiden Begriffspaare werden aus ganz unterschiedlichen Perspektiven als der eigentliche Kern menschlichen Verhaltens und damit auch als der eigentliche Kern menschlicher Verhaltensänderungen beschrieben – alle möglichen Formen von Logotherapie (die natürlich sehr stark mit dem Namen Viktor E. Frankl verbunden ist), bestimmte Formen von Verhaltenstherapien (die den menschlichen Kopf nicht als black box im Sinne des klassischen Behaviourismus sehen), aber auch neuerdings die Philosophie (was natürlich nicht korrekt ist, denn Philosophie als Lebensform ist eine ganz alte Idee, vgl. Hardot 2005): „The notion that philosophy can be practised as a kind of therapy has become a focus of debate: … as philosophical therapy that addresses “real life problems” … and as therapeutic philosophy that meets a need for therapy which arises in and from philosophical reflection.” (Fischer 2011, 49) Allen diesen Ansätzen ist die Voraussetzung eigen, dass Emotionen und Verhaltensweisen in irgendeiner Form auch verbalisierbar sind - “Philosophy can be practiced as, literally, therapy, to solve emotional and behavioural problems arising both outside and within philosophy:” (Fischer 2011, 80). Diese Verbalisierbarkeit knüpft aber an ein Menschenbild an, dass sich nicht erst in den letzten paar Jahren als zweifelhaft herausgestellt hat: Der Mensch als animal rationale – gerade in der Psychotherapie zeigen sich die Schwächen dieses Ansatzes. Hohe Verbalisationsfähigkeit, rationales Kalkül, und logisches Denken können nur bedingt als Quellen von Verhaltensänderung herangezogen werden.

Das Buch von Harlich H. Stavemann setzt aber gerade auf diese Voraussetzungen – mal sehen, wie tragfähig dieses Konzept ist.

Autor

Dr. Harlich H. Stavemann ist Diplom-Psychologe und seit vielen Jahren im Bereich der Kognitiven Verhaltenstherapie tätig – als Buchautor, Vortragender, Therapeut und Lehrtherapeut. Seit 1979 arbeitet er am Institut für Integrative Verhaltenstherapie, das er auch selbst gegründet hat (www.i-v-t.de). Auf dieser homepage finden sich etliche Hinweise auf die Publikationstätigkeit und die Tätigkeiten, mit denen sich Harlich H. Stavemann in den vergangenen Jahren als überaus produktiver Verhaltenstherapeut etablieren konnte. Das Buch „Im Gefühlsdschungel“ liegt nun in zweiter, vollständig überarbeiteter Auflage vor und beinhaltet nun auch Online-Materialien, die über die Verlagsseite (www.beltz.de) abrufbar sind.

Im Gefühlsdschungel

Harlich H. Stavemann geht von der Voraussetzung aus, dass Gedanken den Gefühlen kausal vorgeordnet sind – Gefühle entstehen in uns also nicht aus dem Nichts heraus, sondern wirken erst aus den ihnen zugrunde gelegten Gedanken auf unser Verhalten. „Psychische Probleme sind immer auch emotionale Probleme.“ (Stavemann 2010, 14) – psychische Probleme sind für die Menschen mit Leid bzw. Leidensdruck verbunden: Den Leidensdruck loswerden zu wollen, ist aber nur eine der Bedingungen, unter denen es Menschen gelingen kann, ihr Verhalten (und nach H. H. Stavemann sind Gefühle eine Art Verhalten) zu ändern – Verhaltensänderungen können aufgrund verschiedener Aspekte scheitern (Stavemann 2010, 320-357: „Achtung: Stolpersteine und Fallgruben): Der Veränderungsprozess kann nicht erfolgreich abgeschlossen (bzw. umgesetzt) werden, weil ich unrealistische Ziele, oder sogenannte Könnerziele verfolge („Wer Könnerziele verfolgt, erwartet unsinnigerweise, wegen einer Gefühlsänderung neue Kenntnisse oder Fähigkeiten zu besitzen“ - Stavemann 2010, 325). Ich habe womöglich übergeordnete Probleme übersehen, oder kann den Ist-Zustand nicht akzeptieren. Ich konzentriere mich zu sehr auf die physiologischen Symptome meiner Gefühle und bewerte sie unangemessen. Meine Verhaltensänderung schlägt fehl, weil ich auf den Krankheitsgewinn nicht verzichten oder Nachteile des Veränderungsziels nicht akzeptieren kann. Schließlich ist der innere Schweinehund zu stark für mich, und deshalb schaffe ich es nicht mich zu verändern. Ganz konkret – es gibt fünf Voraussetzungen für die erfolgreiche Verhaltensänderung (Stavemann 2010, 167 ff.): Das Problembewusstsein, die Veränderungsmotivation, die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und – reflexion, Ziele und strukturiertes, regelmäßiges Üben.

Aber was passiert da eigentlich mit mir, welchem Mechanismus möchte ich da auf die Spur kommen? Also gut – der Reihe nach: H. H. Stavemann strukturiert sein Buch an dem Begriffspaar: Erkennen – Verändern. Nur was erkannt wird, kann auch verändern werden, lautet die Maxime. Im ersten Teil des Buches geht es daher um das Erkennen des Zusammenhangs von Denken, Gefühlen, Verhalten und dessen Konsequenzen („Was ist mit mir los? Gefühle unter der Lupe“ - Stavemann 2010, 17-163) Der Autor erläutert dieses Zusammenspiel (den „Gefühlsdschungel“) anhand des ABC-Modells der Gefühle von Albert Ellis. A – steht dabei für die Ausgangssituation, B – für unsere Bewertung von A und C – für die Gefühls- und Verhaltenskonsequenz auf B. Als Grundidee fungiert die Einsicht: „Nicht die Ausgangssituation A bestimmt, wie wir uns fühlen und verhalten (die Gefühls- und Verhaltenskonsequenz C) sondern unser Bewertungssystem B.“ (Stavemann 2010, 40)

Am Bewertungssystem B hängt also das menschliche Wohl und Wehe – „Ein Bewertungssystem enthält bewusste und unbewusste persönliche Wahrnehmungen, Meinungen und Ansichten zu einer Situation, Person oder Sache, die beeinflusst sind durch die eigene Lerngeschichte und durch die erlernte Art zu denken, zu schlussfolgern und zu bewerten.“ (Stavemann 2010, 50) Der Gefühlsdschungel gewinnt seine Macht nicht durch die Situation, in der wir uns befinden (Ausgangssituation), sondern alleine durch unser Bewertungssystem und dem Verhältnis zwischen unseren Bewertungen und unseren Gefühlen, denn „erst zwischen der Bewertung und dem Gefühl (und nur hier!) gibt es eine ein-eindeutige Beziehung. Das bedeutet, sobald eines von beiden feststeht, lässt sich das andere logisch daraus ableiten.“ ((Stavemann 2010, 56). Der Autor nimmt neun verschiedene Gefühle als gegeben an (sozusagen als anthropologische Konstante, wenn auch nicht unter diesem Begriff), es sind dies: Freude, Ärger, Gleichgültigkeit, Wut, Scham, Enttäuschung, Angst, Deprimiertheit und Abneigung. Der Zusammenhang zwischen diesen Gefühlen und Bewertungen wie Mist! (Ärger) oder Das wäre ja schrecklich! (Angst) nennt H. H. Stavemann auch „Bewertungs-Gefühls-Logik“ Diese Logik ist ein zentraler Punkt im Erkenntnisprozess unserer Gefühle – schließlich können wir damit einerseits direkt von unseren Bewertungen auf unsere Gefühle schließen, oder unseren Bewertungen auf die Schliche kommen, indem wir unsere Gefühle benennen – denn die Bewertungen sind nach dieser Theorie fest mit ihren korrespondierenden Gefühlen verknüpft.

Wir leiden an Gefühlen genau dann, wenn diesen Gefühlen unangemessene Werturteile (auf der Bewertungsebene) vorgelagert sind – „unangemessene Werturteile [führen] zu inneren Konflikten und emotionalen Problemen und [verwickeln] uns in unnötige Konflikte mit unserer Umwelt.“ (Stavemann 2010, 75) Wir müssen daher diesen unangemessenen Werturteilen („typischen Denkfallen“) auf die Spur kommen – H. H. Stavemann verwendet das umfangreiche dritte Kapitel seines Buches („Typische Denkfallen – eine Expedition in den Gefühlsdschungel“) um vierzehn dieser Denkmuster zu illustrieren (Stavemann 2010, 75-149). Das passiert anhand von Figuren wie dem Katastrophendenker, dem Verrenkungsdeuter oder dem Selbstschutzexperten. Doch nur weil ich die typischen Denkfallen kenne und benennen kann, heißt das ja noch lange nicht, dass ich damit auch meine Denkfallen kenne – das vierte Kapitel zeigt, wie es gelingt, diese eigenen Denkfallen aufzuspüren.

Damit ist ein Gutteil der Arbeit getan – ich kann anhand des ABC-Modells der Gefühle meine Reaktion einschätzen und mein Verhalten erklären, weil ich meinem Bewertungssystem auf die Schliche gekommen bin. Jetzt gilt es, den Weg aus diesem Gefühlsdschungel zu finden und wir sind beim zweiten Teil des Buches angelangt – „Wege aus dem Gefühlsdschungel: Der Veränderungsprozess“ (Stavemann 2010, 165-357). Zum ABC-Modell der Gefühle wird noch eine zusätzliche Komponente aufgenommen – die persönliche Zielvorstellung. Aus dem ABC-Modell, wird nun das ABCZ-Modell, das im Rahmen der „Selbstanalyse von Emotionen“ dazu beitragen soll, „unsere Denkmuster, Gefühle und Verhaltensweisen in einer Situation A zu beschreiben, sie danach auf Angemessenheit zu prüfen und gegebenenfalls zu verändern, dass uns die erarbeitete neue Denkweise … zum angestrebten Zielgefühl und Zielverhalten führt.“ (Stavemann 2010, 254)

Und trotzdem … Beschränkungen und Begehrlichkeiten

Das Buch von H. H. Stavemann illustriert wort- und bilderreich, anhand welchen Modells Verhaltensänderungen erfolgreich durchgeführt werden können. Das Buch löst ein, was im Vorwort versprochen wird: „Sie erfahren hier, wie man sich mit krank machenden Denkweisen und damit einhergehenden belastenden Gefühlen den gesamten Alltag versaut … und wie man es bleiben lässt.“ (Stavemann 2010, 8). Dem Leser wird ein Mitmachbuch geboten – Übungen, Arbeitsblätter, Reflexionsmöglichkeiten (auch online verfügbar) – und am Ende ist man geneigt zu sagen: Ich bin‘s zufrieden. Und doch sind einige Beschränkungen und Begehrlichkeiten augenscheinlich.

Zunächst eine terminologische Bemerkung: Das Buch richtet sich an „psychologisch interessierte Laien, … die eigene emotionale Probleme … verstehen wollen. Betroffene“ (Stavemann 2010, 8). „Der Sinn und Zweck dieses Buches ist daher hauptsächlich in der systematischen Vorbereitung und Einleitung von Veränderungsprozessen … zu sehen.“ (Stavemann 2010, 9). Dennoch wird im Buch der Leser immer wieder in eine Patientenrolle gebracht, sind die Beispiele doch immer als Dialog zwischen Therapeuten und Patienten konstruiert. Die Festlegung als Patient ist aber nicht nachvollziehbar und wir auch nicht im Buch erklärt bzw. gerechtfertigt.

Ein gewichtiges Problem ist die mangelnde Reflexivität des Buches selbst - „Die Reflexion auf die Methodik scheint mir aber trotzdem entscheidend, um sich bewusst zu machen, welche Methodik man benutzt, wo sie inkongruent ist, welchen Grundprinzipien sie folgt usw. Gerade wenn mir Bewusstheit wichtig ist, muss mir wichtig sein, mir bewusst zu sein, wie ich arbeite. … Selbstreflexivität ist ein elementarer Bestandteil methodischen Arbeitens.“ (Huber/Staude 2010, 16-17). Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und die vorgestellten Modelle bleiben in der Darstellung gewissermaßen steril – keine Literaturangaben (bis auf drei Hinweise auf eigene Bücher), keine alternativen Interpretationen oder Zugänge, auf die der Leser gestoßen wird. Auch wenn das Buch für „Laien“ geschrieben wurde –auch Laien sollte ein gewisses Maß an Kritikfähigkeit und Zweifeln zugemutet werden können.

Was noch auffällt ist der in der Psychotherapie oft zu beobachtende Relativismus. Wahrheit, Recht und Moral werden als „persönlich bestimmte Inhalte ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit“ beschrieben – als rigide Denkformen (bsp. explizit Stavemann 2010, 196). Dieser Relativismus ist nicht akzeptabel - “Thinking is important to all of us in our daily lives. The way we think affects the way we plan our lives, the personal goals we choose, and the decisions we make. Good thinking is therefore not something that is forced upon us in school: It is something that we all want to do, and want others to do, to achieve our goals and theirs.” (Baron 2008, 5). Normativitätsfragen sind keine Beliebigkeitsfragen – und es gibt genügend Argumente dafür, dass nicht nur das Denken Normativität unterliegt, sondern auch unsere Gefühle (vgl. de Sousa 2009)

Der Leser wird zwar immer wieder direkt mit Übungen angesprochen „Und jetzt Sie“ – dieses Ansprechen alleine bleibt aber distanziert – es entsteht oft der Eindruck, als ob nach dem selbstgefälligen Dozieren (des Autors) nun auch Mitarbeit des Lesers verlangt wird. Es geht aber auch anders – die Bücher von Giulio Cesare Giacobbe vermitteln eine lebendigere Zusammenarbeit mit dem Autor.

Und nochmals Giulio Cesare Giacobbe - „Denn um das Leben zu genießen, müssen Sie nur eines tun: Schluss machen mit der Hirnwichserei. Eigentlich ganz klar, oder? Da unsere Sorgen ausschließlich mentaler Natur sind, müssen wir sie einfach nur abstellen.“ (Giacobbe 2005, 15). Die Herangehensweise von H .H. Stavemann ist eine sehr kopflastige Angelegenheit – beim Lesen des Buches kommt trotz comicartiger Bilder keine rechte Freude auf – es wirkt verkrampft und allzu ernst. Was tun, wenn Kopflastigkeit das eigentliche Problem darstellt?

Fazit

„Die Psychoanalyse und einige Formen der Psychotherapie entdecken zwar die therapeutische Kraft des Sprechens wieder; die philosophische Reflexion über Zwecksetzungen bleibt freilich auch hier ausgespart.“ (Schiffer 2010, 29-30)

Das Buch von H. H. Stavemann hebt sich formal und inhaltlich sicherlich von vielen anderen Büchern im Bereich der Verhaltensänderung ab – es ist umfangreich, anschaulich, klar strukturiert und sogar mit online-Materialien versehen. Die vielen Beispiele zu Denkmustern, Gefühlsregungen usw. hinterlassen den Leser am Ende des Buches mit einer klaren Vorstellung davon, was das Modell von H. H. Stavemann zu leisten im Stande ist. Leider gibt es gewichtige Schwachstellen – eine Methodenreflexion findet nicht statt, die eigene Perspektive wird nicht kritisch beleuchtet und anderen Zugängen zum selben Inhalt (Verhaltensänderung) gegenübergestellt. Die (sehr umfangreichen) Voraussetzungen werden weder benannt noch thematisiert – Verbalisierung von mentalen Gegebenheiten (Emotion, Kognition), Selbstreflexionsfähigkeit, usw. Die Verhaltensänderung wird nicht in einen sinnvollen Zusammenhang gestellt (ja, das gute Leben!) und normativ überprüft bzw. diskutiert. Diese Schwächen rauben dem Buch einiges an Attraktivität. Dennoch – H. H. Stavemann hat ein (in seinem selbst gesteckten Rahmen) gelungenes Buch vorgelegt, das für all jene von Interesse sein wird, die bereits mit Kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) vertraut sind und die mehr darüber wissen wollen, auf welche Art und Weise in diesem theoretischen Rahmen Verhaltensänderung hervorgerufen und angeleitet wird. Besonders interessant sind die Denkmuster, die im Buch ausführlich und anschaulich dargestellt werden – in dieser Form helfen sie definitiv sich selbst besser kennen zu lernen.

Zum Ende aber nochmals der Verweis auf eine tiefsinnigere Art über Gefühle nachzudenken: „Die philosophische Analyse des Gefühls führt zu einer tragischen Sicht des Lebens. Tragödie ist nicht eigenbrötlerischer Trübsinn, sondern das Umfassen von Vielfalt. … Das Ideal emotionaler Rationalität ist die angemessene Gefühlsreaktion. In jener utopischen conditio würden wir, per impossibile, die reiche Bedeutung nicht nur unseres je individuellen Lebens erfahren, sondern auch die reiche Bedeutung der tragischen Dimensionen, die für die condition humana wesentlich sind. Dazu gehören die Grenzen völliger Empathie, aus denen die Liebe ihre Kraft gewinnt; die Notwendigkeit gesellschaftlicher Bande für die Freiheit des einzelnen; die subjektive Bindung an objektive Werte; die Bedeutung des Todes für sinnträchtige Erfahrung. Die menschliche Welt zu fühlen, wie sie ist, das emotionale Äquivalent der Wahrheit zu erfahren hieße, all dies zu fühlen, mit dem ganzen Wesen, alles zugleich.“ (de Sousa 2009, 526)

Literatur:

  • Baron, J. (2008 [1988]). “Thinking and Deciding.” New York, NY (USA), Cambridge University Press
  • Damiani, A. M. (2009). „Handlungswissen - Eine transzendentale Erkundung nach der sprachpragmatischen Wende.“ Freiburg/Breisgau (GER), Verlag Karl Alber
  • de Sousa, R. (2009 [1987]). „Die Rationalität des Gefühls.“ Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Fischer, E. (2011). "How to Practise Philosophy as Therapy: Philosophical Therapy and Therapeutic Philosophy." Metaphilosophy 42(1-2): 49-82
  • Giacobbe, G. C. (2005 [2003]). „Wie Sie Ihre Hirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen.“ München (GER), Wilhelm Goldmann Verlag
  • Giacobbe, G. C. (2007 [2005]). „Zum Buddha werden in 5 Wochen.“ München (GER), Wilhelm Goldmann Verlag
  • Hadot, P. (2005 [1981]). „Philosophie als Lebensform - Antike und moderne Exerzitien der Weisheit.“ Frankfurt/Main (GER), Fischer Taschenbuch Verlag
  • Huber, F. und D. Staude (2010). “Dialog zur Methode - Chat zur Bedeutung von Methoden in der Philosophischen Praxis.“ „Methoden Philosophischer Praxis - Ein Handbuch.“ D. Staude. Bielefeld (GER), transcript Verlag: 9-20
  • Schiffer, E. (2010). „Eine Philosophische Praxis für unsere Zeit: ihre Methoden im geistesgeschichtlichen und theoretischen Kontext.“ „Methoden Philosophischer Praxis - Ein Handbuch.“ D. Staude. Bielefeld (GER), transcript Verlag: 21-54
  • Seidel, W. (2008 [2004]). „Emotionale Kompetenz - Gehirnforschung und Lebenskunst.“ Heidelberg (GER), Spektrum Akademischer Verlag
  • Staude, D., Hg. (2010). „Methoden Philosophischer Praxis - Ein Handbuch.“ Edition Moderne Postmoderne. Bielefeld (GER), transcript Verlag.

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 26.01.2011 zu: Harlich H. Stavemann: Im Gefühlsdschungel. Emotionale Krisen verstehen und bewältigen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 2., vollst. überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-621-27630-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10884.php, Datum des Zugriffs 18.01.2019.


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ISSN 2190-9245

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