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Giorgio Sacerdoti (Hrsg.): Falls wir uns nicht wiedersehen

Rezensiert von Dorothea Dohms, 17.03.2011

Cover Giorgio Sacerdoti (Hrsg.): Falls wir uns nicht wiedersehen ISBN 978-3-941688-00-1

Giorgio Sacerdoti (Hrsg.): Falls wir uns nicht wiedersehen .... Die Familie von Siegmund Klein zwischen Rettung und Tod ; Briefe aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz und Italien (1938 bis 1945). Prospero Verlag (Münster) 2010. 598 Seiten. ISBN 978-3-941688-00-1. 14,00 EUR.
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Herausgeber / Autor

Geboren am 2. März 1943 in Nizza als ältester Sohn von Piero Sacerdoti und Ilse geb. Klein.

1965 Studienabschluss in den Rechtswissenschaften an der Universität Mailand.

1967 Master-Abschluss in den Vergleichenden Rechtswissenschaften an der Columbia Universität.

Seit 1969 Anwalt in Mailand mit (seit 1978) Zulassung am Obersten Gerichtshof Italiens.

Seit 1986 Professor für Internationales und Europäisches Recht an der Bocconi Universität in Mailand.

Seit 2001 ist Giorgio Sacerdoti Mitglied der Berufungsinstanz der WTO (World Trade Organization) und der OECD Antikorruptions-Arbeitsgruppe. Er ist beratend tätig beim Europarat, bei der UNCTAD (United Nations Conference on Trade and Development) und der Weltbank. Er genießt allgemein Anerkennung als Schlichter bei internationalen Handelsstreitigkeiten und beim ICSID (International Centre for Settlement of Investment Disputes).

Umfangreiche Veröffentlichungen in italienischer und englischer Sprache auf den Gebieten des Internationalen Handelsrechts, der Finanzbeteiligungen, Internationaler Verträge und zur Schiedsgerichtsbarkeit.

Vorbemerkung

„Am 20. November 1943, zwei Monate nach der Besetzung Norditaliens durch deutsche Truppen und nach Beginn der Jagd auf die Juden“ flüchtet Piero Sacerdoti mit seiner jungen, aus Köln stammenden Frau Ilse Klein, mit seinen Eltern Nino und Margherita Sacerdoti, der Schwester Gabriella und dem 8 Monate alten Sohn Giorgio über die italienische Grenze in die Schweiz. Hundert Meter hinter der Grenze „begann Giorgiolein zu weinen. Sofort näherten sich die Schweizer Grenzwachen. Für sie alle war das die Rettung“. So beginnt die „Geschichte in Briefen“ der Kölner jüdischen Familie Klein, die diesen Enkel, in ihren Briefen stets liebevoll Giorgiolein genannt, niemals sehen werden. Und der nun, 60 Jahre später, zum Chronisten ihres Schicksals wird.

Über 100 Briefe umfasst diese Chronik des „zerrissenen Europas“ zwischen 1938 und 1943, davon 58 Briefe der Eltern Helene und Siegmund Klein und ihrer Kinder Walter und Ilse. Die „Nebenkorrespondenz“ stammt von Ilses Vorfahren, von ihrem Mann Piero an Familienangehörige, von entfernten Verwandten und Freunden von Ilse. Sie sind zum Teil in französischer, englischer und italienischer Sprache verfasst, für diese Edition übersetzt und in der Transkription an die neue Rechtschreibung angepasst und korrigiert worden. Der in Kriegszeiten so schwierige Postverkehr zwischen den Niederlanden (Siegmund, Helene und Walter Klein) und dem noch nicht besetzten Süden Frankreichs (Ilse und Piero Sacerdoti) machte den postalischen Umweg über die Schweiz notwendig, wo Anni, eine Kusine Helenes, die in Sütterlinschrift verfassten Briefe transkribierte und sie an Ilse weiterleitete. Und umgekehrt. Zudem sind die Briefe, bedingt durch den langen Postweg und die Unzuverlässigkeit der Zustellung alsbald nummeriert worden, da vor allem Helene und Siegmund Klein daran gelegen war, den Kontakt zur geliebten Tochter, der räumlichen Trennung und allen widrigen Umständen zum Trotz, so eng wie möglich zu gestalten.

Vor der Götterdämmerung (die Familie Klein bis 1939)

Siegmund Klein wird 1874 in Köln als Sohn eines aus Recklinghausen stammenden Tuchgroßhändlers geboren. Er, seine drei Halbgeschwister aus der ersten Ehe seines Vaters und sein jüngerer Bruder Leopold wachsen auf, studieren und arbeiten in einer Stadt mit langer, bis ins Mittelalter zurückreichender jüdischer Tradition und der im wilhelminischen Zeitalter gerade erst vollzogenen vollständigen Emanzipation. Von der jedoch im späten 19. Jahrhundert anschwellenden Welle des Antisemitismus fühlt sich diese großbürgerliche Familie nicht betroffen, sie sehen sich als „Deutsche jüdischen Glaubens“. Siegmund ist humanistisch gebildet, promoviert 1899 nach einem Jurastudium in seiner Heimatstadt und in Strassburg. Als Rechtsanwalt beim OLG Köln zugelassen, eröffnet er 1905 seine Kanzlei am Kaiser-Wilhelm-Ring 29. 1911 heiratet er Helene Meyer, wie er aus bürgerlicher Familie stammend mit Wurzeln, die sich, tief in der deutschen Kultur verankert, bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen. Helene, die eigentlich hatte Sängerin oder Schauspielerin werden wollen, findet ihre anfängliche Skepsis gegen diese Ehe rasch zerstreut: 1913 wird die Tochter Ilse geboren und, kurz nach dem Ende des Krieges, 1918 der Sohn Walter. Krieg und Nachkriegszeit – und hier besonders die Wohlstandsjahre der Weimarer Republik – zeigen zumal für die Kölner Juden nur positive Wirkung. Siegmunds Berufung zum Syndikus der Firma Albert Ottenheimer bringt den Umzug in eine 10-Zimmer-Wohnung in der Blumenthalstr. 23 (Zooviertel) mit sich, ein Wohnviertel weit weg vom klassischen jüdischen Viertel im Umfeld der Roonstraße (Synagoge) und dem Griechenmarktviertel. Hausangestellte gehören zum Alltagsleben der Familie Klein ebenso, wie der Urlaub in Bayern, Österreich, der Schweiz oder an der Ostsee. Ilse und Walter genießen die Bildung humanistischer Gymnasien. Doch trotz ihrer liberalen Einstellung gehört die Familie Klein der Synagogengemeinde an, begeht sie die jüdischen Feste und den Schabbat, feiert sie 1931 die Bar-Mizwa von Walter.

Nach ihrem Abitur beginnt Ilse, dem väterlichen Rat folgend, an der Universität Köln ein Studium der Kunstgeschichte und der Sprachen. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus und damit dem Erstarken des Antisemitismus setzt die rechtliche Diskriminierung jüdischer Bürger zunächst in beruflicher Hinsicht ein, wovon auch die Studentin Ilse Klein betroffen ist. Sie entschließt sich daher schon 1933 zur Emigration und geht nach Paris, wo sie zwei Jahre später eine Anstellung als Fremdsprachensekretärin bei der MGM (Metro-Goldwyn-Meyer) findet. Regelmäßig besucht sie ihre Eltern in Köln. 1938 trifft sie in einem Pariser Racing-Club den 10 Jahre älteren Piero Sacerdoti, ihren späteren Ehemann. Der aus Mailand stammenden Jurist arbeitet bei der französischen Filiale einer großen italienischen Versicherungsgesellschaft, der RAS, heute Teil der Allianz-Gruppe, unterrichtet Arbeitsrecht an verschiedenen Universitäten und stammt wie Ilse aus einer gebildeten, gutbürgerlichen und assimilierten jüdischen Familie.

Ilses Bruder Walter macht derweil in Köln eine Lehre bei der Eisen- und Metallgesellschaft Meno Lissauer & Co, bei der er bis 1938 beschäftigt bleibt.

Von den beiden ersten Auswanderungswellen 1933 (Machtergreifung) und 1935 (Nürnberger Gesetze) bleibt die Familie Klein weitgehend unberührt.

Das Jahr 1938 bringt für die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich weitere Repressionen. Steigende Arbeitslosigkeit und die Einführung der Zwangsvornamen „Israel“ und „Sara“ tragen verstärkt zu ihrer Ausgrenzung bei. Als erstem gelingt Walter die Ausreise in die Niederlande, wo er bei der dortigen Amsterdamer Filiale seines Kölner Arbeitgebers unterkommt. Seine Eltern folgen ihm Anfang 1939 mit der dritten Auswanderungswelle nach dem Novemberpogrom und der systematischen „Entjudung“ des Wirtschaftslebens und lassen sich im Amsterdamer Süden, einem Viertel deutsch-jüdischer Emigranten, nieder. Dort besucht Ilse ihre Familie im Juli 1939, unternimmt mit ihnen fröhliche Ausflüge an die See, ohne zu ahnen, dass diesmal ihr Abschied ein Abschied für immer sein wird.

Der Kriegsbeginn im September 1939 verschärft aufs Neue die Situation der jüdischen Emigranten in Europa. Der drohende Einmarsch der deutschen Wehrmacht, die Angst vor einer „fünften Kolonne“ führt in Frankreich im Mai 1939 zur Internierung deutscher Männer und Frauen – und damit auch von Ilse Klein – zuerst im später berüchtigten Pariser Vélodrôme d‘Hiver (Vel d‘Hiv) und wenige Tage später im Camp de Gurs in den Pyrenäen. „Da sie jung war, nahm Ilse die Internierung aber relativ gelassen hin“, schreibt ihr Sohn. Zudem weiß sie den treusorgenden Piero an ihrer Seite, der sich um ihre Freilassung bemüht wie auch um die Erfüllung der Wünsche, um die Ilse ihn in ihren Briefen bittet.

Nach der Reichspogromnacht (die Familie Klein 1939 bis 1943 und später)

Die Beendigung des „Drôle de Guerre“ durch den deutsch-französischen Waffenstillstand und die dadurch verursachte Teilung Frankreichs in einen besetzten und unbesetzten (südlichen) Teil, der allerdings mit den Deutschen kollaboriert (Vichy-Regime) bedeutet weitere negative Veränderungen für die Emigranten. Ilse Klein gelingt mit einer Freundin die Flucht aus Gurs. In Marseille, damals ein Flüchtlingszentrum vor allem für die europäischen Juden, heiratet sie im Sommer 1940 Piero Sacerdoti, wodurch sie automatisch die damals (noch) schützende italienische Staatsbürgerschaft erwirbt. Vor allem Ilses Eltern in Amsterdam, aber auch Pieros Eltern in Mailand, sind überglücklich. In den Briefen aus Amsterdam, die Ilse nun erreichen, verschweigen die Eltern tapfer ihre Trauer darüber, dass sie an der Hochzeit nicht werden teilnehmen können, freuen sich Helene und Siegmund mit ihrer fernen Tochter über deren gute Wahl, geben ihrer Erleichterung Ausdruck über die warmherzige Aufnahme, die Ilse in der Mailänder Familie ihres Mannes erfährt.

Der seit 1940 eingeschränkte Briefverkehr in den Niederlanden zwingt nun die Familie Klein zum postalischen Umweg über die Schweiz und hat zur Folge, dass so manche Briefe Tage, ja Wochen brauchen, bis sie die Adressaten erreichen, wenn sie nicht gar, wie so viele der Pakete, ihr Ziel erst gar nicht erreichen.

Wie in Frankreich so folgen auch in den besetzten Niederlanden den wirtschaftlichen und beruflichen Diskriminierungen nun auch die sozialen Einschränkungen für die dort etwa 140.000 registrierten Juden, von denen allein die Hälfte in Amsterdam wohnt. Die Einrichtung von Judenräten, die sich bereits in den polnischen Ghettos als hilfreich bei den Deportationen bewährt hatten, werden im Februar 1941 auch in Amsterdam als Instrument der deutschen Besatzer etabliert, weitere Anordnungen zur Isolierung der jüdischen Bevölkerung erlassen. Verboten ist nun der Besitz von Radios, der Besuch von Schwimmbädern und Stränden, von Parks, Zoos, Restaurants, Theatern, Museen und Bibliotheken. Helene Klein schreibt im Plauderton über dieses eingeschränkte Leben, das bald nur noch aus den notwendigen Einkäufen, der Hausarbeit, der Weitergabe alter Kölner Rezepte, dem Häkeln von Spitzenkrägelchen, dem Sonnenbad auf dem Balkon, dem Leben mit dem von Tag zu Tag schweigsamer werdenden Ehemann besteht und dessen einziger Lichtblick die umfangreiche Korrespondenz mit den zahlreichen, ebenfalls emigrierten Freunden und Verwandten (Schweiz, England, USA) ist.

Der im Juni 1941 stattfindende Überfall auf die Sowjetunion ist gleichzeitig der Beginn des lange geplanten „rassenideologischen Vernichtungskrieges“. In den Gaskammern von Auschwitz finden die ersten Versuche mit Zyklon B statt, und seit September müssen alle Juden im Deutschen Reich den gelben Judenstern tragen. Die Grenzen werden geschlossen, die europäischen Juden sitzen nun in den von der Wehrmacht besetzten Ländern in der Falle. In Köln beginnen im Oktober 1941 die Deportationen in die Vernichtungslager im Osten, denen am Ende 11.000 Juden, die gesamte jüdische Gemeinde, zum Opfer fallen werden. Auch in den Niederlanden beginnen – mit Hilfe der Judenräte – die Verschleppungsaktionen in sogenannte Arbeitslager. Die zu Staatenlosen erklärten Juden werden zunächst in das Lager Westerbork deportiert, jüdisches Vermögen geplündert, Betriebe arisiert. Unter dem Eindruck zunehmender Ghettoisierung entschließt sich Walter Klein im Mai 1942 zur Flucht nach Marseille, um von dort aus per Schiff in die USA auszureisen. Bei dem Versuch, in das unbesetzte Frankreich zu gelangen, wird er in Dôle an der innerfranzösischen Grenze verhaftet. Nur einen Monat später beginnt das Referat Eichmann mit der systematischen Deportation der Juden aus den westlichen Ländern. Als erste werden in Frankreich die ausländischen und staatenlosen Juden, die bereits in Lagern wie etwa Drancy interniert waren, Opfer dieser Politik.

Noch gibt es Nachrichten von Walter aus dem Gefängnis in Dôle. Sie erzählen vom Hunger, von mangelnder Hygiene, vom Warten auf den Prozess, der in Besancon stattfinden soll. Die fieberhaften Bemühungen von Ilse und Piero um Hilfe für Walter bleiben erfolglos. Erst Ende Juni erfahren Siegmund und Helene von der Verhaftung des Sohnes, schreiben sie nun Briefe „schwankend zwischen Hoffnung und Resignation“, aber ahnungslos gegenüber der tatsächlichen Bedrohung des Sohnes, obwohl inzwischen auch in den Niederlanden die systematischen Deportationen über Westerbork nach Auschwitz-Birkenau, Sobibor, Theresienstadt und später Bergen-Belsen begonnen haben. Im Juli wird Walter Klein zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt und nach Dijon überführt. „Laßt mich nicht im Stich“, schreibt er von dort. Anfang August erhalten die Eltern Klein die Nachricht von Ilses Schwangerschaft, auf die sie vor Sorge um ihren Sohn kaum freudig reagieren können. Den im gleichen Monat beginnenden französischen Deportationen fällt auch Walter zum Opfer: Seine letzte Postkarte ist datiert vom 12. 8. 1942. Vom Lager Pithiviers über Drancy „verließ der 24. Transport Bourget-Drancy in Richtung Auschwitz“ mit mehr als 365 jüdischen Kindern, mit Alten, Behinderten, Kranken. Die Transportliste nennt noch Walters Namen, danach verliert sich seine Spur.

Aus Angst vor der als übermächtig gefürchteten Gestapo verwenden Helene und Siegmund Klein in ihren Briefen nun Decknamen und –begriffe, entwickeln sie eine Art familiärer Geheimsprache, etwa „Vera“ für Walter oder „in der Heimat“ als Synonym für Deportationen. Lange Zeit klammern sie sich an die Hoffnung, ihr Sohn sei lediglich zum Arbeitseinsatz eingezogen worden und richten bewusst ihre ganze Besorgnis auf die Schwangerschaft der Tochter. Um diese nicht zu beunruhigen, verschweigen die Eltern ihr auch die schwere Erkrankung der Mutter.

Nach der deutschen Besetzung der bisher freien Zone Frankreichs wird es für die dort lebenden Juden ein weiteres Mal eng. Sie weichen aus in die italienisch besetzten Gebiete an die Riviera (z.B. nach Nizza) und somit unter den Schutz der italienischen Behörden, die zwar ebenfalls eine antijüdische Politik verfolgen, jedoch vor allem die Deportationen ablehnen. Wieder einmal schwankend zwischen der Hoffnung, die Tochter in relativer Sicherheit zu wissen durch deren italienischer Staatsbürgerschaft und der Angst um die von den deutschen Truppen ausgehenden Gefahr, geht nun von Amsterdam aus ein Päckchen auf die Reise mit jener Kinderwäsche, die einst die Tochter als Baby trug und die die Eltern Klein in der Erwartung zukünftiger Enkel sogar mit in die Emigration genommen hatten – und das erst im März 1943 Pieros Mutter in Mailand erreichen wird. Im Dezember 1942 wird Helene Klein unter falschem Namen in ein Sanatorium in Amersfoort eingewiesen. Vermutet wird nach Kriegsende ein misslungener Selbstmordversuch, ausgelöst durch die endliche Gewissheit über der Verlust des Sohnes. Ilse wird später vom „gebrochenen Herzen“ der Mutter sprechen, die folgenden, nun von Siegmund in Helenes Namen verfassten Briefe sprechen lediglich von einer schweren Krankheit. Er selbst geht, nachdem in Amsterdam die nächtlichen Razzien auf Juden zur alltäglichen Erfahrung werden, in den Untergrund, versteckt sich an wechselnden Orten bei Nichtjuden, lebt vom Verkauf heimlich mitgeführter Aktien. Er verschweigt der Tochter gegenüber, als Helene schreibend (die Transkription und die Verschwiegenheit der Schweizer Kusine Anni macht dies möglich), fortan den Zustand der Mutter ebenso wie sein Abtauchen in die Illegalität. Erst nach dem Kriege begreift Ilse, die Originalbriefe in der Hand, das „traurige Versteckspiel“ ihres Vaters, der jene Fragen Ilses (etwa über Babypflege und -kochrezepte), auf die er als Mann wohl kaum Antworten wissen kann, von der Kusine Anni beantworten lässt. Im Januar 1943 stirbt Helene Klein im Alter von nur 61 Jahren. Siegmund, zunehmend verwirrt, unterzeichnet den Brief, in dem er zumindest Anni ihren Tod mitteilt, mit dem Namen seiner Frau, seine Briefe an die Tochter fortan mit „eure euch liebenden Eltern“.

Die Verhaftungsaktionen und zunehmenden Razzien in Marseille veranlassen nun auch Ilse und Piero, ins (noch) sichere Nizza auszuweichen. Dort wird am 2. März 1943 ihr erster Sohn Giorgio geboren – ein Grund mehr für Siegmund Klein, der Tochter die Wahrheit über den Tod der Mutter zu verschweigen in der Befürchtung, dass die schlimme Nachricht die Milch der stillenden Tochter zum Versiegen bringen könnte. Siegmunds letzte Briefe, die wenigen, die Ilse und Piero noch erreichen, spiegeln seine ganze Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit wider, wohl auch verursacht durch das nun vollends zusammenbrechende Netz von Bekannten und Freunden, von denen Helene stets zu berichten wusste. Sie zeigen, dass er mit seinem Leben, trotz des Hoffnungsschimmers auf eine Bombardierung Amsterdams durch die Alliierten, schon längst nicht mehr zurechtkommt.

Nach dem Sturz und der anschließenden Befreiung Mussolinis durch deutsche Truppen ist auch die Schonzeit für die italienischen Juden vorbei, müssen nun auch sie jederzeit mit Razzien und Deportationen rechnen. Siegmund, der in Amsterdam inzwischen völlig auf sich allein gestellt ist, beschwichtigt dennoch in seinen Briefen die Tochter, bangt um sie, drängt sie, mit ihrer Familie in die sichere Schweiz zu fliehen, bittet schließlich doch den Schwiegersohn, der Tochter schonend die Wahrheit zu sagen über den Tod ihrer Mutter. Am 19. Oktober wird Siegmund Klein bei einem seiner häufigen Wohnungswechsel, Opfer eines an den ausgesetzten Prämien gut verdienenden Denunzianten. Aus dem Durchgangslager Westerbork kann er Ilse und Piero, die inzwischen zu den Sacerdotis an den Lago Maggiore gezogen sind, noch eine Postkarte schicken. Am 16. November geht ein Transport von Westerbork nach Auschwitz-Birkenau. Auf der Liste der Deportierten steht auch der Name von Siegmund Klein: nur einer von jenen 75 % der jüdischen Bevölkerung in den Niederlanden, die nach dem Krieg ausgelöscht sein wird – ein unverhältnismäßig hoher Prozentsatz (Frankreich 25 %, Belgien 40 %).

Ilse, Piero und Giorgio gelingt die Flucht in die Schweiz. Von dort aus versuchen sie vergeblich, etwas über den Verbleib von Siegmund und Walter zu erfahren, was erst nach Kriegsende über den Suchdienst des Roten Kreuzes gelingt. 1945 kehrt die Familie nach Paris zurück, wo im Juni die Zwillinge Andrea und Emilio geboren werden. 1949 wird Piero von seiner Versicherungsgesellschaft RAS als Generaldirektor nach Mailand berufen, wo ein Jahr später der jüngste Sohn Michele zur Welt kommt. „Nach Deutschland zog es sie nicht mehr… zurück“, schreibt Ilses Sohn, doch der Kontakt zu den weit zerstreuten, ehemals deutschen Familienangehörigen blüht nach Kriegsende wieder auf, wird auch von den Söhnen gepflegt.

Das letzte der vielen Fotos in diesem Buch zeigt Ilse neben ihrem Mann Piero anlässlich ihrer Silberhochzeit: eine schlanke, auch noch im Alter aparte Frau, lächelnd im Kreise ihrer vier wohlgeratenen Söhne.

Fazit

Der Exkurs über „Wiedergutmachung – Materielle Entschädigung oder Verspottung“ setzt einen eindrucksvollen Schlusspunkt unter diese bewegende Suche nach den Spuren einer zerstörten Familie. Eine Zeittafel von 1933 bis 1945, die Stammbäume der Familien Siegmund Klein/Helene Meyer/Piero Sacerdoti mit den Emigrations- und Deportationsdaten auch der entfernteren Familienmitglieder fehlen ebenso wenig, wie eine Übersicht über die Briefe, auch über jene, die nicht oder nur auszugsweise in den Briefwechsel aufgenommen wurden. Ein thematisch sorgfältig zusammengestelltes Literaturverzeichnis, die Shoah allgemein, Deutschland, die Niederlande, Frankreich, Italien und die Schweiz umfassend, vervollständigt zusammen mit einem kleinen Quellenverzeichnis und Anmerkungen diese Chronik einer jüdischen Familie unter den Schatten von Verfolgung und Vernichtung.

Fast möchte man sich wünschen, die Flut der Briefe reduziert zu sehen zugunsten der verbindenden Zwischentexte des Herausgebers. Diese Texte, gedacht als Handreichung zum besseren Verständnis des geschichtlichen Hintergrunds, sind meisterhaft in ihrer sachlichen Genauigkeit, ihrer Bildhaftigkeit und ihrem erzählerischen Duktus. Läse man die einzelnen Abschnitte ohne die sie verbindenden Briefe, so hätte man einen ersten, umfassenden Überblick der Jahre von 1933 bis 1943 vor sich, geschrieben mit Empathie und notwendiger Distanz, vorzüglich geeignet, das Interesse vor allem einer jüngeren Generation zu fesseln.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Es gibt 41 Rezensionen von Dorothea Dohms.

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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 17.03.2011 zu: Giorgio Sacerdoti (Hrsg.): Falls wir uns nicht wiedersehen .... Die Familie von Siegmund Klein zwischen Rettung und Tod ; Briefe aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz und Italien (1938 bis 1945). Prospero Verlag (Münster) 2010. ISBN 978-3-941688-00-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10887.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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