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Anne Schlüter (Hrsg.): Offene Zukunft durch Erfahrungsverlust? (Erwachsenenbildung)

Cover Anne Schlüter (Hrsg.): Offene Zukunft durch Erfahrungsverlust? Zur Professionalisierung der Erwachsenenbildung. Generationen- und Geschlechterverhältnisse. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 200 Seiten. ISBN 978-3-86649-380-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.

Reihe: Weiterbildung und Biographie - 7.
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Thema

Der von Anne Schlüter herausgegebene Sammelband trägt den Untertitel „Generationen- und Geschlechterverhältnisse“ und um ebensolche im Bereich der Erwachsenenbildung geht es in dieser Aufsatzsammlung. Speziell behandeln die Aufsätze verschiedene Aspekte von Führung und Leitung in der Erwachsenenbildung und wählen hier als speziellen Zugang die biographische Methode: anhand von Lebensläufen und Biographien erfolgreicher Frauen mit Führungs- und Leitungsverantwortung in der Erwachsenenbildung soll beleuchtet werden, wie frau zu Leitungspositionen in der Erwachsenenbildung kommt, welche Erfolgsfaktoren dabei zu identifizieren sind und ob intergenerationelles Lernen, z.B. in Mentoring-Programmen, hier eine unterstützende Rolle spielen kann.

Herausgeberin und Entstehungshintergrund

Die Herausgeberin, Prof. Dr. Anne Schlüter, ist Bildungswissenschaftlerin und hat die Professur für Weiterbildung und Frauenbildung an der Universität Duisburg-Essen inne. Sie ist geschäftsführende Direktorin des dort angesiedelten Instituts für Berufs- und Weiterbildung und betreibt empirische Bildungs- und Biographieforschung mit besonderem Fokus auf Frauen- und Geschlechterforschung. Die Beiträge des Sammelbands sind aus Vorträgen entstanden, die im Frühjahr 2010 in Essen bei einer Tagung in ihrem Arbeitsgebiet gehalten wurden. Die Mehrheit der Autorinnen gehört dem Forschungskontext der Herausgeberin an.

Aufbau und Inhalt

Der kleine Sammelband enthält sieben Aufsätze und ein Editorial auf ca. 185 Seiten, inkl. Vorwort, Inhalts- und Autorinnenverzeichnis. Er ist als siebter Band in der ebenfalls von Anne Schlüter herausgegebenen Reihe Weiterbildung und Biographie erschienen, die sich – nach der Beschreibung der Herausgeberin – auf der Grundlage einer „sozial- und erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung“ mit relevanten gegenwärtigen Fragestellungen in der Weiterbildung beschäftigt.

Der Band ist in drei Teile aufgeteilt, die die sieben Aufsätze thematisch gruppieren:

  • Teil I: Leitung und Führung in der Erwachsenenbildung (Nollmann, Schlüter, Derichs-Kunstmann, Arlinghaus),
  • Teil II: Mentoring und Biographische Kommunikation (Berkels, Harmeier),
  • Teil III: Generationenbeziehungen (Justen).

Im einleitenden Editorial thematisiert Schlüter den Stellenwert des Generationenlernens in der Erwachsenenbildung, z.B. in Mentoringprozessen, und führt in Geschlechter- und Generationenverhältnisse aus der Perspektive der Frauenforschung ein. Sie begründet die Relevanz und die Aktualität des Bandes u.a. mit der Tatsache, dass derzeit ein Generationenwechsel in zahlreichen Einrichtungen der Weiterbildung bevorsteht. In diesen Themen- und Fragekomplexen verortet sie die einzelnen Beiträge des Sammelbandes und versucht eine Verbindungslinie zwischen den einzelnen Beiträgen herzustellen.

Der erste Beitrag (Nollmann) untersucht den Generationenwechsel mit Hilfe von Bildungsbiographien von Frauen mit Führungsverantwortung an Volkshochschulen. Der zweite Beitrag, von Schlüter selbst, versucht Erfolgsfaktoren für die Übernahme von Führungsverantwortung in der Erwachsenenbildung zu identifizieren und nutzt dazu ebenfalls einen biographischen Ansatz. Der dritte Beitrag (Derichs-Kunstmann) ist eine autobiographische Reflexion des eigenen Karrierrepfades als Erwachsenenbildnerin und Bildungswissenschaftlerin im zeitgeschichtlichen Kontext. Der vierte Beitrag (Arlinghaus) thematisiert das Grundthema „Führen und Leiten“ aus einem ganz anderen Blickwinkel: untersucht wird hier, ebenfalls mit einem biographischen Zugang, in wie weit das Medium des Tangos geeignet ist, Führungskompetenz in der Bildungsarbeit zu erwerben. Artikel fünf (Berkels) und sechs (Harmeier) betrachten Mentoringprozesse als besondere Formen des intergenerationellen Lernens. Während Berkels mit einer qualitativen empirischen Untersuchung der Frage nachgeht, ob Mentoringprogramme seitens der Erwachsenenbildung bei ihrer Professionalisierung unterstützt werden sollten, z.B. durch Seminare zur biographischen Kommunikation für Mentorinnen, betrachtet Harmeier die Bedeutung autobiographischer Erzählungen erfolgreicher Wissenschaftlerinnen für Mentoringprozesse. Der siebte Beitrag (Justen), liegt eher am Rand des Themenspektrums des Bandes und reflektiert Möglichkeiten des intergenerationellen Lernens am Beispiel der Generation des 2. Weltkrieges.

Allen Beiträgen gemeinsam ist eine besondere Betonung der Perspektive der Frauen- und Geschlechterforschung sowie die Wertschätzung eines qualitativen Zugangs über biographische Methoden.

Diskussion

Die Aufsatzsammlung thematisiert eine zunehmend wichtiger werdende Frage in der Erwachsenenbildung, nämlich das intergenerationelle Lernen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der besonders interessanten Frage, wie ErwachsenbildnerInnen und BildungswissenschaftlerInnnen eigentlich Führungskompetenz erwerben. Angesichts des derzeitigen „Generationenwechsels“ in Einrichtungen der Erwachsenenbildung ist diese Frage aktuell und relevant.

Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen des kleinen Bandes? Für wen lohnt sich die Lektüre? Inhaltlich ist die Lektüre für diejenigen zu empfehlen, die sich mit der Vorbereitung von Frauen (und ggf. auch Männern) auf Leitungspositionen in der Erwachsenenbildung bzw. in der Wissenschaft beschäftigen. Gleichermaßen lohnt sich die Lektüre aus methodischer Sicht für am biographischen Methodenspektrum Interessierte: in den unterschiedlichen Beiträgen wird gezeigt, wie hier methodisch gearbeitet werden kann und welche Erträge gewonnen werden können.

Der Erkenntnisgewinn durch die einzelnen Texte, aber auch ihre Zugänglichkeit, ist allerdings sehr unterschiedlich. Während die autobiographische Reflexion von Derichs-Kunstmann ein „Goldstück“ der Lektüre für mich war, weil hier das „autobiographische Moment“ bei der Entstehung erwachsenenpädagogischer Konzepten im zeitgeschichtlichen Kontext in beeindruckender Weise überzeugend und anschaulich heraus gearbeitet wurde, blieb der Beitrag von Schlüter zu den Erfolgsfaktoren hinter meinen Erwartungen zurück. Hier erschien mir der Ertrag der Methode für die Identifizierung von Erfolgsfaktoren eher niedrig gewesen zu sein. Der Beitrag von Arlinghaus wiederum, zum Medium des Tangos, behandelt einen außerordentlich spannenden Aspekt zum Thema Führung und Leitung, ist aber von Denk- und Schreibweise wenig zugänglich für LeserInnen, die sich mit diesem besonderen Medium bislang nicht auseinander gesetzt haben.

Ähnlich unterschiedlich die beiden Texte zu Mentoring: Während Berkels sehr klar und nachvollziehbar anhand ihres Datenmaterials das Für und Wider einer Professionalisierung in Mentoring-Programmen erörtert, enthalten Harmeiers Ausführungen zum Thema zwar viel Wahres zu prekären Karrierepfaden in der Wissenschaft, aber wenig Greifbares zu Mentoringprozessen als solchen.

Der letzte Beitrag von Justen, dessen Randstellung schon durch die Dreiteilung des Bandes mit nur diesem Text im dritten Teil deutlich wurde, lies für mich wiederum wenig Verbindung zu den übergeordneten Themen des Bandes erkennen. Eine Verbindung zu den übrigen Aufsätzen besteht über das intergenerationelle Lernen, bleibt aber, bei allem Interesse für die beschriebene Thematik, eher brüchig.

Fazit

Der von Anne Schlüter herausgegebene Sammelband bietet interessante Aspekte zum Thema Führen und Leiten in der Erwachsenenbildung und zu Mentoring-Programmen in diesem Zusammenhang. Die Aufsätze nutzen alle konsequent biographische Zugänge, sodass die Lektüre sich sowohl lohnt, wenn man an den genannten Fragestellungen oder aber an diesem qualitativen Methodenspektrum an sich Interesse hat. Verbindungen zwischen den Artikeln und die Konturen des Bandes insgesamt kommen allerdings nicht klar genug heraus; jeder einzelne Aufsatz bleibt dadurch immer wieder eine kleine Überraschung ob des gewählten thematischen Schwerpunkts und des Ertrags im Einzelnen. Erkenntnisgewinn und Zugänglichkeit der Texte variieren stark. Der Band hätte an Wert gewonnen, wenn im Editorial oder durch die Aufsätze selbst stärker Anschlüsse und Rahmungen zum Thema Führen und Leiten in der Erwachsenenbildung aus anderen Perspektiven (z.B. aus internationaler Perspektive oder auf der Grundlage quantitativer Studien) hergestellt worden wären.


Rezensentin
Prof. Dr. Patricia Arnold
Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften | Hochschule München. Lehrgebiet Sozialinformatik, E-Learning, Erwachsenenbildung
http://patriciaarnold.wikispaces.com/Home
Homepage www.sw.hm.edu/die_fakultaet/personen/professoren/ar ...


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Zitiervorschlag
Patricia Arnold. Rezension vom 12.01.2012 zu: Anne Schlüter (Hrsg.): Offene Zukunft durch Erfahrungsverlust? Zur Professionalisierung der Erwachsenenbildung. Generationen- und Geschlechterverhältnisse. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-380-3. Reihe: Weiterbildung und Biographie - 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10902.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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