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Luise Ludwig, Helga Luckas u.a. (Hrsg.): Bildung in der Demokratie II

Cover Luise Ludwig, Helga Luckas, Franz Hamburger, Stefan Aufenanger (Hrsg.): Bildung in der Demokratie II. Tendenzen – Diskurse – Praktiken. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-86649-373-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 43,90 sFr.
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Tagungsband

Der 22. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) fand im März 2010 in Mainz statt. Thema: „Bildung in der Demokratie“. Die Referate des Kongresses sind in zwei Bänden versammelt. Im ersten Band, herausgegeben von Stefan Aufenanger, Franz Hamburger und Rudolf Tippelt, steht die Grundsatzfrage im Mittelpunkt: Welche Bedeutung hat Bildung für eine demokratische Gesellschaft? Der vorliegende 2. Band widmet sich mit 19 Beiträgen der Praxis einer Erziehung und Bildung zu Mündigkeit und Demokratie.

Die Herausgeber gehören dem Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Mainz an.

Fragestellung

Demokratie und Bildung haben eines gemeinsam: sie sind nicht abschließbar, sondern lebenslanges Projekt, mehr regulative Idee als faktische Realität, und die immerwährende Frage lautet: Wie lässt sich Demokratie als Lebensform im Alltag und Führungsform im Staat bereits in der Schule (hier stehen Didaktiken und Stoffe im Mittelpunkt) und durch die Schule (hier steht das Schulsystem im Zentrum) bei Heranwachsenden befördern?

Antwortstellung

Dass ein integriertes Gemeinschaftsschulsystem eine größere Startchancengleichheit für die Schüler bietet als ein separierendes Schulsystem (mit einschneidenden Ausleseverfahren schon im Kindesalter) und somit ein Demokratieplus aufweist, diese inzwischen zum „herabgesunkenen Kulturgut“ gewordene Erkenntnis zieht sich durch die meisten Beiträge. – Warum also stellt man das Schulsystem in Deutschland nicht um? Das ist eine politische Frage. Darf sie deshalb bei einem wissenschaftlichen Kongress unterbelichtet bleiben? An einigen Stellen, sehr zaghaft, wird die „Ökonomisierung“ der Bildungsdiskussion in Deutschland beklagt. Schüler und Studenten sind nichts weiter als „Anlageobjekte“, lebendiges „Humankapital“, das zur Sicherung des „Standortes Deutschland“ gebraucht wird. Nach Steinkohle zu bohren, ist in Deutschland wegen der Weltmarktpreise unattraktiv geworden, also bohren wir statt dessen in den unbedarften Köpfen der Kulturneulinge. Mit dem humanistischen Bildungsideal hat das nichts zu tun; das ist Volkswirtschaft. Wie ist unser dreigliedriges Frühauslesesystem volkswirtschaftlich zu bewerten? Für die Erziehungswissenschaftler, sofern sie noch Paulo Freire kennen, ist die Antwort eindeutig; für die VWLer, die Paulo Freire nicht kennen, aber Darwin zu kennen glauben, ebenfalls.

Widerspruch

Es steht um die Demokratie nicht gut, wenn das deutsche Unwort des Jahres 2010 mit ihr in Verbindung gebracht wird: „Mit Demokratie ist ein international alternativloser Horizont umrissen.“ (S. 83) Gerade Pädagogen sollten sich für eines nicht stark machen, für „Alternativlosigkeit“! Der Demokratie als Lebens- und Führungsform wird die beachtliche Fähigkeit unterstellt, „die gleichberechtigte Teilhabe aller … Bürger sicherzustellen, zugleich ein größeres Maß der Integration gesellschaftlicher Gruppen mit widerstreitenden Interessen zu gewährleisten und regelungsbedürftige Problem zumindest in passablem Ausmaß zu bewältigen.“ (84) Viele Plastikwörter auf engem Raum! Weltweit, so erfahren wir mehrfach im Buch, wächst die Zahl demokratisch regierender Systeme. Man könnte also meinen, die Menschheit sei plastikwörtlich „auf einem guten Weg“. Doch weit gefehlt. „International steigt das Ausmaß sozialer Ungleichheit. Rassismus, Sexismus, Behindertenselektion und andere Formen der … gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sind weltweit gegenwärtig.“ (ebd.) – Wie passt das Unvereinbare, demokratischer Fortschritt und Barbarei, zusammen? Hier schweigt der erziehungswissenschaftliche Sachverstand.

Widersprechen können

Demokratische Erziehung als die Erziehung zum Citoyen, zum Partizipanten statt Untertanen, zum Zivilcouragierten, der die öffentlichen Belange vor die privaten Interessen stellt, ist sie in der Pflichteinrichtung Schule überhaupt möglich? Statt die „Grundparadoxien pädagogischen Handelns“ (S. 150) zu beklagen, sollte man dankbar sein für dieses Arrangement, um nicht „Setting“ zu sagen: Wo anders als in einer Zwangsinstitution lässt sich demokratischer Widerstand üben!

Einige Beiträge erinnern an die Reformschulbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Der Kongress in Mainz fand im Schatten der Missbrauchsfälle in der Odenwald schule statt. (Vgl. S. 21ff) Muss deshalb aber die Reformpädagogik insgesamt gescholten werden? Ein Beitrag, S. 141 ff, legt dies nahe. Aber: Was ist dagegen einzuwenden, dass Schulen „republikanische Gesellschaften im Kleinen“ sein sollten, wie von John Dewey empfohlen? Dass Lehrer zu „Kameraden“ und Schüler zu „gleichberechtigten Genossen“ werden sollten, „Kameradinnen“ und „Genossinnen“ eingeschlossen? Dass zum „demokratischen Sprechen“ in der Lehrer-Schüler-Interaktion angeleitet wird? Dass „Erziehung“ nicht als „Einwirkung“, sondern als „Prozess andauernder Auseinandersetzung jedes Individuums mit seiner Umgebung“ (S. 145) verstanden werden sollte? – Warum findet sich nirgendwo im Buch die materialistische Paradoxie ausformuliert und belegt: Demokratie braucht Menschen, die für den Kapitalismus unbrauchbar sind.

Fazit

Tagungsbände sind eine eigene Gattung. Hier wird alles versammelt, was verhandelt worden ist. Für Tagungsteilnehmer ist das interessant. Für Außenstehende und spätere Generationen sind die Dokumente womöglich ein reicher Spiegel des Zeitgeistes. Für uns Zeitgenossen stellt sich detektivische Aufgabe, die Perlen aus der Flut der Stellungnahmen herauszufinden. Zweifelsfrei eine hochkarätige Perle ist der Beitrag von Leopold Klepacki über ästhetische Bildung als „tugendhafte Vervollkommnung des Staatsbürgers“ (S. 103) in der athenischen Demokratie.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 16.02.2011 zu: Luise Ludwig, Helga Luckas, Franz Hamburger, Stefan Aufenanger (Hrsg.): Bildung in der Demokratie II. Tendenzen – Diskurse – Praktiken. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-86649-373-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10904.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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