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Michael Wininger: Steinbruch Psychoanalyse?

Rezensiert von Prof. Dr. Hermann Staats, 01.02.2012

Cover Michael Wininger: Steinbruch Psychoanalyse? ISBN 978-3-86649-390-2

Michael Wininger: Steinbruch Psychoanalyse? Zur Rezeption der Psychoanalyse in der akademischen Pädagogik des deutschen Sprachraums zwischen 1900-1945. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 270 Seiten. ISBN 978-3-86649-390-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 43,90 sFr.
Schriftenreihe der DGfE-Kommission Psychoanalytische Pädagogik
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Thema

Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Pädagogik ist bisher vorwiegend von psychoanalytischen Autoren untersucht worden – und auch da in bescheidenem Umfang. Eine Geschichte der Rezeption psychoanalytischer Konzepte in der Pädagogik ist daher für Pädagogen und für mit der Psychoanalyse verbundene Leser von Interesse. Wininger stützt seine Untersuchung auf eine systematische Analyse erziehungswissenschaftlicher Texte. Er bietet so einen empirisch fundierten Blick auf die Psychoanalyserezeption und Psychoanalysekritik in der akademischen Pädagogik.

Autor und Entstehungshintergrund

Michael Wininger ist Vertretungsprofessor am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt. Das Buch ist die überarbeitete Fassung seiner Dissertationsschrift und als Band 3 der Schriftenreihe der Kommission Psychoanalytische Pädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft DGfE erschienen.

Aufbau und Inhalt

Wininger gliedert seine Untersuchung klassisch in einen Teil zur

  • Methode seiner Untersuchungen (80 Seiten mit zahlreichen Bezügen zur Situation der akademischen Pädagogik zwischen 1900 und 1945),
  • eine detaillierte Darstellung der Ergebnisse seiner Untersuchungen (140 Seiten) und
  • eine Zusammenfassung mit Schlussfolgerungen und Ausblick (40 Seiten).

Es folgt das umfangreiche Literaturverzeichnis. Ein Index fehlt.

Im ersten Teil des Buches werden mögliche Ursachen für eine zögerliche Rezeption psychoanalytischer Konzepte in der akademischen Pädagogik beschrieben. Psychoanalyse wurde – im Zeitraum der Untersuchung vorwiegend kritisch – als aufklärerisch (S. 19), individualistisch und gegen triebfeindliche Erziehungsmethoden mit Zwangscharakter gerichtet (S. 24) wahrgenommen. Für seine Untersuchung wählt Wininger einen empirischen Zugang. Er beschreibt die zunächst breit angelegte Untersuchung von Texten, begründet seine Auswahl mit Einbezug auch indirekt auf den Einfluss psychoanalytischer Konzepte hinweisender Stellen und gibt ein Beispiel der Auswertung. Die Rezeption der Psychoanalyse in die Pädagogik wird von ihm als ein „wechselseitig determinierter Prozess“ (S. 57) beschrieben. Sie erfolgte insbesondere nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten unterschiedlich in den deutschsprachigen Ländern. Wininger geht daher auch differenzierend auf die Entwicklung der Pädagogik in Deutschland, Österreich und in der Schweiz ein.

Im zweiten Teil, dem zentralen Teil des Buches, stellt Wininger die Ergebnisse seiner Untersuchung dar. Anhand von 89 gefundenen Belegstellen mit Bezügen zu psychoanalytischen Konzepten, gewonnen aus sechs renommierten pädagogischen Enzyklopädien und Wörterbüchern, entwickelt er seine Thesen. Bezugnahmen auf psychoanalytische Autoren und Begriffe finden sich hier zum Beispiel unter den Schlagworten Gewissen, Hysterie, Unbewusstes, Charakter, Assoziationen, Kinderfehler, Onanie, Affekt, Hypnotismus, Onanie, Phantasie, Spiel und Trieb. Die Untersuchung der Veränderungen von zwischen den Auflagen dieser Quellen öffnet ihm dabei einen Zugang zur Entwicklung der Rezeption psychoanalytischer Konzepte in der Pädagogik.

Unter den detailliert betrachteten Texten findet sich auch die im Titel der Arbeit verwendete herablassende Anerkennung der Psychoanalyse als einer Art „Steinbruch“ für die Pädagogik: Als eine „Kulturphilosophie und Weltanschauung…(hat sie)…manche wertvollen Entdeckungen gemacht oder längst Gewusstes besonders scharf beleuchtet, das aus der psychoanalytischen Theorie herausgebrochen, jeder Pädagogik vorteilhaft eingefügt werden kann“ (Bopp 1932, 628, zit, nach Winniger 2011, 254).

Mit diesem Bild ist zugleich das Fehlen eines wechselseitigen inhaltlichen Austausches zwischen Pädagogik und Psychoanalyse auf den Punkt gebracht. Auch da, wo Kompatibilität zu anderen pädagogischen Konzepten vorlag, etwa zur Reformpädagogik, findet Wininger wenig Belege für einen inhaltlich befruchtenden Austausch (S. 234). Thematische Bezüge aus Sicht der Pädagogik ändern sich im Untersuchungszeitraum in Abhängigkeit von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Wird Psychoanalyse anfangs vor allem abwertend im Zusammenhang mit kindliche Sexualität genannt, wird sie später auch anerkennend bei erziehungspraktischen Fragen (etwa zum Einsatz erzieherischer Gewalt), zur Psychopathologie von Kindern und zur Persönlichkeitstheorie zitiert. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten bestimmen die Themen Einfluss des Judentums und Sexualität die Wahrnehmung von Psychoanalyse. In den detaillierten Einzelbefunden bleibt bemerkenswert – und manchmal erschütternd – mit welcher Sicherheit einige der zitierten Autoren ihre Aussagen treffen.

Die Zusammenfassung dieser Befunde (ab S. 259) ist anregend zu lesen. Auch in aktuellen Diskussionen zur Bedeutung der Psychoanalyse finden sich Argumentationsfiguren, die an Winingers Befunde anschließen. Wininger weist hier darauf hin, dass der von Seiten der Pädagogik erhoben Vorwurf an die Psychoanalyse, sie sei „unwissenschaftlich“, einem Vorwurf entspreche, der von vielen Wissenschaftlern im Untersuchungszeitraum an die Pädagogik selbst gerichtet werde. Er fragt, ob Pädagogen diesen an ihre Wissenschaft gerichteten Vorwurf an die Psychoanalyse „weitergereicht“ haben, um den eigenen Status als Wissenschaftler zu sichern (S. 270). Zugleich konstatiert er aber auch ein mangelndes Engagement und wenig Bereitschaft von Psychoanalytikern „die pädagogische Relevanz ihrer Theorien herauszuarbeiten und damit für den pädagogischen Diskurs anschlussfähig zu machen“ (S. 273). Eine – bis heute – oft verkürzte und stark vereinfachende Darstellung psychoanalytischer Konzepte in der Pädagogik hat danach nicht nur eine Ursache.

Diskussion

Winingers Arbeit zeigt ihren Ursprung als Dissertation. Sie ist eine methodisch sorgfältige und inhaltlich eng umschriebene Studie. So richtet sie sich mit der ausführlichen Darstellung der Methodik und der Befunde in erster Linie an wissenschaftlich interessierte Spezialisten. Vor allem in der Darstellung der akademischen Pädagogik im ersten Teil des Buches und in der Zusammenfassung gelingt es Wininger aber, seine Befunde so in gesellschaftliche und politische Entwicklungen einzubinden, dass sie auch allgemeineres Interesse wecken und zu aktuellen Fragen beitragen. Für den Referenten war an einigen Fundstellen besonders eindrücklich, wie selbstgewiss und ohne kritischen Zweifel die zitierten Autoren ihre Aussagen treffen und wie sie diese argumentativ belegen. Die Frage der wissenschaftlichen Haltung in der Pädagogik könnte an diesen Beispielen – und vermutlich nicht nur für die Rezeption der Psychoanalyse – weiter ausgeführt werden.

Fazit

Winingers Arbeit ist eine detaillierte Untersuchung eines eng umschriebenen Themas; sie enthält aber auch exemplarische Befunde von allgemeinem Interesse und aktueller Bedeutung. Es ist für Pädagogen und Psychoanalytiker spannend, sich einen wechselseitigen Prozess des Verstehens und Missverstehens vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen anzusehen. Dies ist kein trockener Stoff und nicht geschichtliche Vergangenheit – manche der in „alten“ Enzyklopädien gefundenen Argumentationslinien finden sich auch in aktuellen Diskussionen zu psychoanalytischen Konzepten wieder. So kann die Arbeit dazu beitragen, den Diskurs zwischen Pädagogik und Psychoanalyse besser zu verstehen. Sie stellt auch eine Anregung für Psychoanalytiker dar, die eigenen Konzepte anschlussfähig zu halten und ihre Bedeutung für aktuelle entwicklungspsychologische Fragestellungen herauszuarbeiten. Pädagogen erfahren etwas zur Geschichte ihrer Disziplin und zu den – scheinbaren – Gewissheiten einer Wissenschaft in ihren Abhängigkeiten von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Rezension von
Prof. Dr. Hermann Staats
FH Potsdam, Sigmund-Freud Professur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie
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Es gibt 16 Rezensionen von Hermann Staats.

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Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 01.02.2012 zu: Michael Wininger: Steinbruch Psychoanalyse? Zur Rezeption der Psychoanalyse in der akademischen Pädagogik des deutschen Sprachraums zwischen 1900-1945. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-390-2. Schriftenreihe der DGfE-Kommission Psychoanalytische Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10910.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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