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Brigitta Goldberg, Ariane Schorn (Hrsg.): Kindeswohlgefährdung

Cover Brigitta Goldberg, Ariane Schorn (Hrsg.): Kindeswohlgefährdung. Wahrnehmen – Bewerten – Intervenieren. Beiträge aus Recht, Medizin, Sozialer Arbeit, Pädagogik und Psychologie. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 250 Seiten. ISBN 978-3-86649-369-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 43,90 sFr.
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Thema

Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland erlebt in seinem Leben schätzungsweise mindestens einmal, viele auch mehrfach, eine kindeswohlgefährdende Situation. Erfährt ein Kind körperliche oder psychische Misshandlung, Vernachlässigung oder sexualisierte Gewalt, so wirft dies viele Fragen auf: Wie kann man eine Kindeswohlgefährdung möglichst frühzeitig erkennen? Wo liegen ihre Ursachen? Welche Folgen sind damit für die Beteiligten verbunden? Welche Rahmenbedingungen unterstützen eine wirksame Prävention und Intervention? Was sind Qualitätsmerkmale für einen effektiven fachlichen Umgang mit Kindeswohlgefährdung?

Auf diese und andere Fragen werden in der vorliegenden Neuerscheinung unterschiedliche Antworten zusammengetragen. Das Besondere dabei: Die Sichtweisen verschiedener beteiligter Disziplinen – Recht, Medizin, Soziale Arbeit, Pädagogik und Psychologie, wie auch im Untertitel genannt – werden hier nebeneinander gestellt.

Herausgeber und Autoren

Das Buch wurde von zwei Wissenschaftlerinnen gemeinsam herausgegeben. Prof. Dr. Brigitta Goldberg ist diplomierte Sozialarbeiterin und promovierte Juristin. Sie lehrt als Professorin für Jugendhilferecht, (Jugend)Strafrecht und Kriminologie an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Prof. Dr. habil. Ariane Schorn ist an der Fachhochschule Kiel mit den Schwerpunkten Entwicklung bzw. Entwicklung unter Risikobedingungen und psychosoziale Beratung tätig. Zudem ist sie Diplom-Psychologin, Organisationsberaterin und Supervisorin (DGSv).

Die beiden Herausgeberinnen werden von einer Autorin und drei Autoren, die überwiegend ebenfalls aus dem wissenschaftlichen Bereich stammen, unterstützt.

Aufbau

Das Buch ist in drei inhaltliche Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil werden Basisinformationen dargestellt. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit dem fachlichen Umgang mit Kindeswohlgefährdungen in der Jugendhilfe. In einem dritten Schwerpunkt wird das Thema Prävention und Heimerziehung beleuchtet.

1. „Basisinformationen zur Kindeswohlgefährdung“

Der erste Teil „Basisinformationen zur Kindeswohlgefährdung“ umfasst insgesamt drei Artikel, die alle drei gut zu diesem Schwerpunkt passen und sich sinnvoll ergänzen.

Zu Beginn stellt Schorn sehr grundlegend Formen, Folgen und Hintergründe von Kindeswohlgefährdungen dar. Sie greift die Frage auf, was kindliche Entwicklungsprozesse gefährden bzw. fördern kann und thematisiert zudem psychodynamische und interaktionelle Aspekte von Vernachlässigung und Misshandlung im frühen Kindesalter. Ein wichtiger Appell von ihr: „Zu wenig Aufmerksamkeit erfährt m.E. in der Kinderschutzarbeit insbesondere das Thema emotionale Vernachlässigung.“ (S.12) Diese Aussage gewinnt gerade vor dem Hintergrund der Fokussierung auf die sexualisierte Gewalt, die derzeit häufig in der öffentlichen und medialen Diskussion zu beobachten ist, an Gewicht.

Unterstützt wird die Aussage zudem durch den zweiten Beitrag, in dem Goldberg statistische Daten zur Vorkommenshäufigkeit aus dem Hell- und Dunkelfeld zusammenträgt. Auch hier wird festgestellt, dass Vernachlässigung sehr viel häufiger vorkommt als Misshandlung oder sexualisierte Gewalt. Deutlich wird aber auch, dass es nur wenig verlässliche Daten gibt. Daher ist Goldbergs Hinweis, zu diesem Thema nach Möglichkeit immer mehrere unterschiedliche Quellen hinzuzuziehen und deren jeweilige Verzerrungsfaktoren im Blick zu behalten, richtig und notwendig.

Ergänzt werden diese grundlegenden Informationen durch den Beitrag eines Facharztes der Kinder- und Jugendmedizin. Überwiegend anhand körperlicher Symptome geht Herrmann auf die medizinische Diagnostik von körperlicher Misshandlung und sexuellem Missbrauch ein. Schwierig ist dabei: Ein sexueller Missbrauch geht oftmals mit einem unauffälligen körperlichen Befund einher. Zudem macht Herrmann deutlich, dass auch emotionale Formen der Misshandlung und Vernachlässigung im normalen Klinik- und Praxisalltag oft nur schwer zu erkennen sind. Umso wichtiger erscheint die Notwendigkeit einer fachlichen Auseinandersetzung mit diesen Themen für den medizinischen Bereich, die ihm zufolge aber bislang noch nicht sehr etabliert und verbreitet ist. Dies zeige sich unter anderem in fehlender Ausbildung, Fortbildung und Literatur. Als praktikabler Lösungsvorschlag wird hier die Einrichtung von Kinderschutzgruppen in Kliniken genannt, um in Fällen von Kindeswohlgefährdung in Abstimmung mit anderen Fachdisziplinen frühzeitig und angemessen agieren zu können.

3. „Fachlicher Umgang mit Kindeswohlgefährdungen in der öffentlichen Jugendhilfe“

„Fachlicher Umgang mit Kindeswohlgefährdungen in der öffentlichen Jugendhilfe“ ist der zweite inhaltliche Schwerpunkt des Buches überschrieben. Er umfasst drei Artikel.

Zunächst setzt sich Gissel-Palkovich aus pädagogischer bzw. sozialarbeiterischer Perspektive mit Überlegungen zu konzeptionellen und strukturellen Voraussetzungen für die Arbeit der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe auseinander. Es werden Qualitätsaspekte auf der fallbezogenen Handlungsebene (Prozess- und Verfahrensqualität) und der Bedingungsebene (Strukturqualität) sowie Rahmenbedingungen beleuchtet, die es ermöglichen, das Kindeswohl fachlich und professionell zu sichern. Deutlich wird dabei u.a. die Notwendigkeit eines sicheren ‚professionellen Standings‘ der Fachkräfte der Jugendämter in Zusammenarbeit mit den Familiengerichten. Ebenso ernst zu nehmen ist aber auch der Hinweis, dass die Arbeit in der öffentlichen Jugendhilfe für die beteiligten Fachkräfte kein permanenter Drahtseilakt zwischen unzureichenden Ressourcen und einem komplexen Anforderungsprofil (vgl. S. 134) sein darf.

Den juristischen Blick auf die Kooperation von Familiengericht und Jugendamt zeigt Nahrwold im folgenden Beitrag auf. Er stellt die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Inobhutnahme und Anrufung des Familiengerichts dar. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Neuregelungen im familiengerichtlichen Verfahren, mit denen ein verändertes Rollenverständnis für Jugendamt und Familiengericht einhergeht. Konkret fordert Nahrwold, dass sich das Jugendamt künftig weitaus aktiver in das familienrechtliche Verfahren einbringen soll. Das Familiengericht hingegen hätte künftig eher eine verfahrensleitende, prozess- und entscheidungsorientierte Funktion, in der es faktisch und fachlich auf das Jugendamt, sowohl als dem Hauptinitiator des Verfahrens als auch aufgrund der sozialpädagogischen Fachkompetenz, angewiesen sei.

An dieser Stelle schließt sich gut ein weiterer Beitrag von Goldberg zur Bedeutung der sozialarbeiterischen Kompetenz für die Entwicklung und die Anwendung bzw. Auslegung rechtlicher Neuregelungen im Handlungsfeld Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung an. Anhand verschiedener Beispiele, u.a. der sehr aktuellen Debatte um den Entwurf des Bundeskinderschutzgesetzes, zeigt sie auf, wie die Sozialarbeitswissenschaft die Weiterentwicklung des Rechts beeinflussen kann und ermutigt so, sich stärker in politische Prozesse einzubringen.

3. „Prävention und Heimerziehung“

Im abschließenden dritten Teil wird der Zusammenhang von „Prävention und Heimerziehung“ thematisiert.

Schorn beleuchtet dazu die Möglichkeit, die elterliche Be- (und Er-)ziehungskompetenz der Eltern, und damit auch die Eltern-Kind-Beziehung an sich, durch bindungsorientierte Frühprävention zu stärken. Es wird dargelegt, warum bereits werdende Eltern dabei Unterstützung brauchen können und welche Bedeutung der elterlichen Beziehungskompetenz für die kindliche Entwicklung zukommt. Daran anschließend werden Ziele, Konzepte und Methoden bindungsorientierter Frühprävention erläutert.

Zu guter Letzt geht Schleiffer aus der Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf die pädagogischen Herausforderungen in der Arbeit mit traumatisierten und fremduntergebrachten Kindern ein. Sein besonderer Fokus liegt dabei auf der Unterscheidung von desorganisierten, nicht hilfreichen zu organisierten, hilfreichen Beziehungen. Eine wichtige Klärung in diesem Kontext sei oft, wer eigentlich der Adressat der Hilfe sei: das Kind bzw. der Jugendliche oder die Eltern als Leistungsberechtigte nach dem SGB VIII? Entscheidend sind diese Überlegungen, weil sich Kinder und Jugendliche, die Opfer von Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung geworden sind, erst im Vertrauen auf die Verfügbarkeit alternativer bzw. besserer Beziehungen mit ihren Erfahrungen auseinandersetzen können.

Diskussion

Als Zielsetzung für ihr Buch formulieren die beiden Herausgeberinnen: „Es will informieren, Verständnis für Hintergründe und Zusammenhänge schaffen, anregen und hinterfragen. Dem Thema Kindeswohlgefährdung – Kinderschutz wird sich dabei aus einer interdisziplinären Perspektive genähert.“ (S. 7) Diesen Anspruch löst das Werk sicherlich ein.

Aufgrund der inhaltlichen Schwerpunktsetzungen ist es dabei vermutlich eher für Fachkräfte und Studierende aus dem pädagogischen, sozialen oder psychologischen Bereich interessant als für Juristen und Mediziner.

Fazit

Kinderschutz geht alle an! Dieser viel zitierte Leitspruch drückt aus, was auch Gissel-Palkovich in dem vorliegenden Buch formuliert: „Die Sicherung des Kindeswohls ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ (S. 103). Dabei kommen unterschiedliche Disziplinen mit ihren jeweiligen Funktionsbezügen, Ressourcen, Kompetenzen und Fachsprachen miteinander in Kontakt.

Fundiert und gut lesbar bietet das vorliegende Buch grundlegende Informationen zum Thema Kindeswohlgefährdung, Ansatzpunkte für ein effektives Miteinander, aber auch Anregungen für konstruktive Auseinandersetzungen der verschiedenen beteiligten Professionen.


Rezension von
Gesa Bertels
Soziologin (M.A.) und Diplom-Sozialpädagogin (FH), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
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Zitiervorschlag
Gesa Bertels. Rezension vom 14.03.2011 zu: Brigitta Goldberg, Ariane Schorn (Hrsg.): Kindeswohlgefährdung. Wahrnehmen – Bewerten – Intervenieren. Beiträge aus Recht, Medizin, Sozialer Arbeit, Pädagogik und Psychologie. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-369-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10913.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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