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Angelika Groterath: Soziale Arbeit in Internationalen Organisationen

Cover Angelika Groterath: Soziale Arbeit in Internationalen Organisationen. Ein Handbuch zu Karrierewegen in den Vereinten Nationen und NGOs. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 200 Seiten. ISBN 978-3-86649-353-7. D: 16,90 EUR, A: 25,90 EUR.
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Thema

Das Thema der Publikation ist im folgenden Zitat knapp zusammengefasst: Es geht „… um Arbeitsmöglichkeiten von SozialarbeiterInnen im Kontext der Weltpolitik in Programmen oder Projekten von multilateralen staatlichen und nichtstaatlichen internationalen Organisationen“ (14). Praxisfelder für die Soziale Arbeit und verwandte Professionen in Internationalen Organisationen waren bisher eher eine Rarität, obwohl unter den Studierenden der Sozialen Arbeit ein wachsendes Interesse erkennbar ist. Doch es gibt gute Nachrichten: Angelika Groterath belegt – und kann bei ihren Ausführungen außerdem auf eigene Erfahrungen zurückgreifen – dass sich zunehmend international orientierte Karrierewege in den Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen auftun und sie zeigt mögliche Zugänge auf.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin, Psychologin mit Zusatzausbildungen in Psychodrama, Master in Peacekeeping and Security, Università Roma III, derzeit Professorin und Auslandsbeauftragte im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit an der Hochschule Darmstadt, kann auf eine eindrucksvolle, vielfältig international geprägte Berufsbiografie zurückblicken.

An der Hochschule Darmstadt hat sie den Bachelorstudiengang „Soziale Arbeit Plus – Migration und Globalisierung“ aufgebaut. Er befähigt die AbsolventInnen zur interkulturellen und fremdsprachlichen Arbeit mit MigrantInnen – in Deutschland, aber auch im Ausland.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation ist in sechs Kapitel gegliedert:

  1. Einführung,
  2. Struktur und Organisationen der Vereinten Nationen (UN),
  3. mit den UN kooperierende Organisationen,
  4. regionale Organisationen,
  5. Nichtregierungsorganisationen und
  6. „Wege in die Welt“ – ein praktischer Wegweiser.

Die Publikation ist als „Handbuch“ konzipiert, das eine Orientierung für Karrieren in internationalen Organisationen (im geografischen, nicht im völkerrechtlichen Sinn) und in Nichtregierungsorganisationen (NGOs) geben will. Die Zielgruppe sind also angehende SozialarbeiterInnen, aber auch „related professions“ in der Psychologie, der Pädagogik und der Soziologie, mit Interesse an Arbeitfeldern mit internationalem Bezug.

Die Einführung geht es um die Deutung des Themas für und in Deutschland. Verschiedenste Aspekte werden abgehandelt, u.a. gibt es einen kritischen historischen Rückblick. Eine interessante Information ist, dass die International Association of Schools of Social Work (IASSW) in den 1970er Jahren über eine Projekt der US Entwicklungshilfe (USAid) in vielen Ländern Schulen für Soziale Arbeit eingerichtet hat – mit dem Fokus Bevölkerungspolitik (16). Die Folgen dieser Aktionen wie überhaupt der nationalen Interessen der Geberländer im Rahmen der „Entwicklungshilfe“ auf den heutigen Nord-Süd-Konflikt werden kritisch beleuchtet (16). Auch die Vorherrschaft der englischen Sprache als Lingua franca und die Auswirkungen auf die (mangelnde) Rezeption deutschsprachiger Veröffentlichungen ist Thema – so ist für die Autorin eine deutschsprachige Veröffentlichung von großer Wichtigkeit, um deutschen den Zugang zu einschlägigen Informationen zu erleichtern.

Das zweite Kapitel widmet sich der Darstellung der Vereinten Nationen und ihrer Struktur. Ausführlicher wird auf die Reformen der letzten Jahre eingegangen, die – angestoßen von Kofi Annan – NGOs stärker einbinden und damit das Spektrum für psychosoziale Arbeitsfeldern erweitern. Neben einem allgemeinen Überblick stellt Angelika Groterath vor allem jene Organisationen heraus, von denen sie annimmt oder weiß, dass sie Arbeitsmöglichkeiten für SozialarbeiterInnen bieten, und stelltdie jeweils speziellen „sozialarbeitsrelevanten“ Bereiche vor.

Im dritten Kapitel werden „andere Organisationen“ vorgestellt, d.h. solche, die „… operativ und vor Ort,…, mit den UN-Organisationen zusammenarbeiten und die auf ähnliche Weise ihr Personal rekrutieren“ (103). Hierzu gehören die International Organisation of Migration (IOM) und der International Criminal Court (ICC) auf internationaler und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und die Europäische Union auf regionaler Ebene. Bei der IOM zeigt sich exemplarisch, mit welchen Widersprüchlichkeiten man sich bei der Arbeit in solchen Organisationen auseinandersetzen muss: wird die Organisation auf der einen Seite für die Arbeit mit abgeschobenen Flüchtlingen gelobt, kommt von anderer Seite der Vorwurf der Kontrolle der Migration in staatlichem Auftrag (104).

Im vierten Kapitel schließlich geht es um Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Bei aller Wertschätzung, die die Verfasserin deren Arbeit gegenüber hat, werden auch die problematischen Seiten aufgezeigt, beispielsweise mangelnde Fachlichkeit, inadäquate Maßnahmen oder unzureichende Sensibilität den lokalen Gegebenheiten gegenüber, was bewirkt, dass die NGOs aus dem Norden mit ihrer Arbeit bei Regierungen wie bei der Bevölkerung im Süden auf Widerstand stoßen können (137ff). In Bezug auf die Arbeitsfelder wird besonders auf Gender/ Frauen, HIV/Aids und Kinder eingegangen.

Nationale Organisationen werden im fünften Kapitel vorgestellt, allerdings ist die Aufzählung nicht mehr aktuell, da die Zusammenlegung von GTZ, DED und InWent zur GIZ noch nicht vollzogen war (2011). Ein ausführlicher Exkurs ist der schwedischen Entwicklungszusammenarbeit gewidmet, „weil Schweden zusammen mit den anderen skandinavischen Ländern für uneigennützige Entwicklungshilfe bekannt ist“ (313).

Im letzten Kapitel „Wege in die Welt – ein praktischer Wegweiser“ wird es in der Tat praktisch und interessierte LeserInnen finden jede Menge Tipps, wie sie sich vorbereiten können. Diese reichen von dem Hinweis, dass ein freiwilliges Soziales Jahr, das Engagement in einschlägigen Gremien der studentischen Selbstverwaltung und das Auslandssemester neben der Fremdsprachenkompetenz sehr hilfreich sein können. Wichtig ist auch der Hinweis, sich Fächerschwerpunkte zu suchen, die mit Community-/ Gemeinwesenansätzen zu tun haben (statt Einzelfallhilfe) oder mit der Arbeit mit benachteiligten Erwachsenen (statt ausschließlich mit Kindern). So viele methodische Kenntnisse wie möglich sollten erworben werden, u.a. in Konfliktmanagement, Deeskalierungsstrategien und dem Umgang mit Medien.

Diskussion

Positiv ist die glaubwürdige und authentische wie auch kritische Darstellung. Die eigenen Erfahrungen inklusive der daraus resultierenden Lerneffekte werden authentisch vermittelt. In der Art des „story telling“ werden die Informationen durch Projektberichte, Briefe und Vortragsausschnitte der Autorin selbst und von anderen Personen, die im internationalen Bereich Erfahrungen gesammelt haben, ergänzt (mit einem grauen Balken gekennzeichnet). Diese Trennung erfolgt nicht wirklich stringent und macht das Lesen anstrengend. Man darf also keine wissenschaftlich basierte Publikation erwarten, sondern – wie im Untertitel vermerkt – ein Handbuch mit unterschiedlichsten, zum Teil assoziativ anmutenden Zugängen zum Thema.

Angelika Groterath weiß, dass sie mit diesem „narrativer Stil“ (265), nicht im (deutschen) Mainstream wissenschaftlicher Schreibens liegt und Irritationen auslöst. Es zeugt von Überzeugung und Beharrlichkeit, diesen Stil dennoch beizubehalten.

Der folgende Lesehinweis mag für diejenigen hilfreich sein, die sich mit der narrativen Darstellung nicht anfreunden können: man lese den Schluss zuerst, um Hinweise für die Ausrichtung der eigenen (Studien-) Planung zu bekommen, dann die informationsorientierten Passagen und zum Schluss, als illustrierende Ergänzung, die mit grauen Seitenstreifen versehenen persönlichen Erfahrungsberichte.

Folgende Hinweise sind wichtig:

  • I.d.R. ist ein Master-Abschluss für die Arbeit in internationalen Organisationen unerlässlich
  • die Stellenausschreibungen sind so gut wie nie explizit an SozialarbeiterInnen gerichtet, weil es sich üblicherweise um „generic jobs“ handelt, die weniger auf eine spezifische Berufsgruppe als auf ein Arbeitsfeld hin ausgerichtet sind (z.B. 72). Dies sollte niemanden von einer Bewerbung abhalten.
  • die Arbeit in internationalen Organisationen setzt – schon bei der Bewerbung - einen langen Atem und eine hohe Bereitschaft zu räumlicher wie fachlicher Flexibilität voraus
  • Gender/ Geschlechtergerechtigkeit ist ein Thema: Frauen sind unterrepräsentiert (111, 119 und 263)

Fazit

Angelika Groterath macht Studierenden der Sozialen Arbeit Mut, sich für Stellen in internationalen Organisationen zu bewerben und erweist jenen Studierenden, die sich dafür interessieren, einen großen Dienst durch die kompetente und deutschsprachige Zusammenstellung relevanter Informationen.

Es ist – mit Angelika Groterath – zu wünschen, dass die internationalen Organisationen erkennen, welchen Beitrag SozialarbeiterInnen mit ihrer spezifischen Ausbildung in diesem Bereich leisten können und dass diese sich andererseits mutiger auf das internationale Feld hinaus wagen.

Diskussionswürdig allerdings ist das Fazit in Bezug auf das professionelle Selbstverständnis in der Sozialen Arbeit: „Die Weltgemeinschaft konnte sich auf die Milleniumsziele verständigen. Mit wirtschaftlichem und technischem Know-how alleine werden sie kaum erreicht werden können. (…). Da erscheint es durchaus sinnvoll, das Corps um einige Mitglieder zu ergänzen, die schon ihr Studienfach weniger aus ökonomischen Gründen gewählt haben, sondern because they want to make a difference, d.h. weil sie sich mit Liebe und Leidenschaft für eine bessere Welt einsetzen wollen, und die sich auch darüber im Klaren sind, dass Einsatz gefordert ist und dass Opfer gebracht werden müssen“ (269).


Rezensentin
Prof. Dr. Ute Straub
FH Frankfurt a.M.
Fb4 Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Ute Straub. Rezension vom 16.07.2014 zu: Angelika Groterath: Soziale Arbeit in Internationalen Organisationen. Ein Handbuch zu Karrierewegen in den Vereinten Nationen und NGOs. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-353-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10916.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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