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Regina Rätz, Bettina Völter (Hrsg.): Wörterbuch Rekonstruktive Soziale Arbeit

Cover Regina Rätz, Bettina Völter (Hrsg.): Wörterbuch Rekonstruktive Soziale Arbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 350 Seiten. ISBN 978-3-86649-383-4. D: 36,00 EUR, A: 51,50 EUR.

Reihe: Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit - 11.
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Thema und Zielsetzung

In den letzten Jahren sind rekonstruktive Zugänge und Methoden im Rahmen lebensweltorientierter Praxis und Forschung in der Sozialen Arbeit selbstverständlicher Bestandteil geworden. Sie sind in hervorragender Weise geeignet, die Zusammenhänge lebensweltlicher Strukturen und gelingender Alltagsbewältigung zu erschließen, empirisch zu überprüfen und theoretisch zu fundieren.

Vor diesem Hintergrund ist es Anliegen des vorliegenden Buches, zentrale Begriffe einer rekonstruktiven Sozialen Arbeit zusammenzustellen und dabei präzise zu definieren sowie deren Entstehung, ihre theoretischen Zugänge, gängige methodische Verfahren und ihren Bezug zur sozialarbeiterischen Praxis zu erläutern

Aufbau und Inhalt

Das Wörterbuch besteht aus drei inhaltlich unterschiedlichen Teilen, denen sich ein Literatur-, Autoren- und Stichwortverzeichnis anschließen.

Der erste Teil hat einen Umfang von rund 240 Seiten und umfasst das eigentliche „Wörterbuch“. Alphabetisch geordnet werden in etwa 2-3 Seiten umfassenden Beiträgen die einzelnen Stichworte und Begriffe erläutert. Diese Beiträge sind in der Regel einheitlich gegliedert in die Abschnitte

  • Kurzdefinition
  • Bedeutung im Rahmen Rekonstruktiver Sozialer Arbeit
  • Theoretischer, entstehungsgeschichtlicher und aktueller Diskussionskontext

und werden ergänzt durch Literaturhinweise zum Weiterlesen.

Dieser einheitliche Aufbau erleichtert eine schnelle Orientierung und hat mehrheitlich eine knappe, präzise und dennoch differenzierte Darstellung zum Ergebnis

Die Stichworte beziehen sich einerseits auf zentrale Grundbegriffe des rekonstruktiven Paradigmas, erläutern aber auch zahlreiche Methoden und Verfahren. Da es nur sehr wenige exklusive Methoden rekonstruktiver Sozialer Arbeit gibt finden sich hier – netter Nebeneffekt – viele gängige Methoden ressourcen- und lebensweltorientierter Sozialer Arbeit wieder.

Der zweite Teil „Informationen rund um die Rekonstruktive Soziale Arbeit“ ( knapp 40 Seiten) kennzeichnen die Herausgeberinnen als „Serviceteil“. Anders als bei dieser Kennzeichnung vermutet, enthält er etwas ausführlichere Beiträge zum Paradigma rekonstruktiver Arbeit.

„Rekonstruktive Soziale Arbeit – ein Konzept zur Entwicklung von Forschung beruflicher Praxis und professioneller Selbstreflexion“ (B.Völter) skizziert – mit Verweisen auf die jeweiligen Stichworte des Wörterbuchs – die Grundannahmen und – prinzipien sowie die damit verbundenen Verfahren und Methoden. Dieser Beitrag eignet sich gut zur Einführung in das Thema und hätte auch dem ganzen Buch vorangestellt werden können.

Der zweite Beitrag (G.Jakob) erörtert Zugänge und Möglichkeiten rekonstruktiver Forschung im Studium Sozialer Arbeit. Ingrid Miethe stellt in ihrem Text das „Netzwerk Rekonstruktive Sozialarbeitsforschung und Biografie“ und seine Aktivitäten vor, das sich als Forum für den kollegialen fachlichen Austausch vorwiegend an Hochschulen tätiger KollegInnen zu diesem Ansatz versteht.

Weitere Beiträge widmen sich den „Kritikpotenzialen der Rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung“ (G.Riemann) und dem „Promovieren mit rekonstruktiven Methoden in der Sozialen Arbeit“ (R.Schmitt). C.W. Müller schließlich bietet unter dem Titel „ Das Umkreisen und Abschreiten des sozialen Feldes“ einen „Rück- und Ausblick auf rekonstruktive Forschungen in Einrichtungen und Maßnahmen Sozialer Arbeit“.

Die Auswahl und inhaltlichen Schwerpunkte dieser Beiträge zeigen deutlich, dass der Fokus vorwiegend auf Forschung im Kontext der Hochschulen liegt, was sich im übrigen auch bei den Autorinnen und Autoren zeigt, die bis auf wenige Ausnahmen als DozentInnen oder HochschullehrerInnen tätig sind

Der dritte Teil des vorliegenden Bandes ist überschrieben „Klassikerstudien zusammengefasst“ und stellt insgesamt 14 Studien vor, die aus Sicht der Herausgeberinnen im Kontext des Themas relevant sind. Diese Studien sind nach einem einheitlichen Schema jeweils auf 4 Seiten zusammengefasst:

  • Zusammenfassung
  • Informationen über den Autor/die Autorin
  • Aufbau der Studie und ihre zentralen Inhalte
  • Rezeption der Studie und/oder ihre Bedeutung für die Rekonstruktive Soziale Arbeit heute.

Die Auswahl der „Klassiker“ überrascht zunächst. Zwar ist beispielsweise Jane Addams zweifellos eine klassische Quelle (Sozialer Arbeit), sind die Soziologen der Chicagoer Schule sicher Klassiker (der Soziologie), andere der vorgestellten AutorInnen Protagonisten des Konstruktivismus oder symbolischen Interaktionismus – ihr Bezug zum rekonstruktiven Paradigma indes erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Auch die Lektüre der Beiträge vermag nicht immer, die Bedeutung dieser „Klassiker“ für eine „Rekonstruktive“ Soziale Arbeit plausibel zu machen.

Damit offenbart sich dann allerdings ein Problem, das auch die Auswahl mancher Stichworte und reklamierter Verfahren und Methoden betrifft: den AutorInnen des vorliegenden Bandes gelingt es nicht immer überzeugend, das Besondere, Charakteristische eines „rekonstruktiven Blickes“ deutlich zu machen. Die Abgrenzung (oder spezifische Verknüpfung) zu allgemeiner Sozialer Arbeit oder herkömmlicher Soziologie und Sozialforschung bleibt diffus. Stellenweise bekommt man als Leser den Eindruck, irgendwie sei alles auf irgendeine Art „rekonstruktiv“.

Fazit

Die im „Wörterbuch“ aufgeführten Stichworte bieten durch ihre präzisen Definitionen und differenzierten Ausführungen zum Kontext mehrheitlich profunde Orientierung und erste Informationen. Insbesondere die einheitliche Gliederung überzeugt konzeptionell. Der Band ist daher für Studierende und ForscherInnen sicher von Interesse

Weniger einleuchtend erscheint demgegenüber das Gesamtkonzept des vorliegenden Bandes. Der zweite und dritte Teil wirken in ihrer Textauswahl eher zufällig und/oder unvollständig. Da kaum Querverbindungen zu den anderen Teilen des Bandes hergestellt werden, bleibt die mit ihnen verbundene Absicht diffus, ihr Stellenwert im Gesamtkontext unklar.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 26.08.2015 zu: Regina Rätz, Bettina Völter (Hrsg.): Wörterbuch Rekonstruktive Soziale Arbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-86649-383-4. Reihe: Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit - 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10917.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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