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Petra Ganß: Männer auf dem Weg in die Soziale Arbeit – Wege nach oben?

Cover Petra Ganß: Männer auf dem Weg in die Soziale Arbeit – Wege nach oben? Die Konstruktion von ‚Männlichkeit‘ als Ressource der intraberuflichen Geschlechtersegregation. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 403 Seiten. ISBN 978-3-940755-77-3. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

Die geschlechtliche Segregation in dem frauendominierten Berufsfeld Soziale Arbeit, d.h. die Aufteilung in männer- und frauendominierte Arbeitsbereiche, stellt bis heute ein beharrliches Phänomen dar. Die Autorin geht der Frage nach, welche Rolle Männer bei der Aufrechterhaltung dieses Phänomens spielen. Dabei werden diejenigen Akteure in den Blick genommen, die sich noch nicht in die berufliche Geschlechterordnung der Sozialen Arbeit eingefügt haben: männliche Studierende der Sozialen Arbeit, deren Studienwahlmotivationen, Berufsrollenverständnisse und berufliche Zielvorstellungen, deren (Selbst)Sicht auf „Männlichkeit“ und Erfahrungen als Minderheit in einem frauendominierten Umfeld.

Autorin

Prof. Dr. Petra Ganß ist Sozialpädagogin und Lehrende an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen.

Entstehungshintergrund

Weniger als ein Viertel der Studierenden Sozialer Arbeit sind männlich, Tendenz abfallend. So sind Männer in einigen Berufsfeldern der Sozialen Arbeit Mangelware, wie z.B. in der Altenarbeit oder Familienbildung. In wenigen Fällen dominieren Sie jedoch das Feld der Profession. Und obwohl junge Männer wie Frauen ähnliche intrinsische Motivationen aufweisen, bleibt die Soziale Arbeit trotz stark zunehmender geschlechtsdekonstruierender Diskurse gegen eine „Semantik der Gleichheit“ resistent. Dies wirft die Frage auf, was die spezifische Verortung von Männern in bestimmten Berufsfeldern Sozialer Arbeit bedingt. Da in bisherigen Studien der Fokus weitestgehend auf Frauen lag, liegt nunmehr der Schwerpunkt dieser Arbeit auf den Männern und ihrem Weg in der Sozialen Arbeit.

Aufbau

Forschungsgegenstand der Arbeit ist die Konstruktion von Geschlecht im Kontext einer gegengeschlechtlichen Berufswahl von Männern und die Auflösung oder Verfestigung der intraberuflichen Geschlechtssegregation in der Sozialen Arbeit. Zentrale Fragen sind dabei:

  • Lassen sich bei männlichen Studierenden der Sozialen Arbeit eher Tendenzen der Minimierung oder zur Verstärkung der Geschlechterdifferenz beobachten?
  • Werden eher Tendenzen zur Auflösung oder Aufrechterhaltung bzw. Verfestigung der intraberuflichen Geschlechtssegregation sichtbar?

Im ersten Teil stellt die Autorin den theoretischen Bezugsrahmen dar und geht dabei zunächst auf das Geschlecht als soziale Konstruktion ein. Unter anderem behandelt sie hier das Klassifikationssystem der Zweigeschlechtlichkeit und die Institutionalisierung der Geschlechterdifferenz in der Gesellschaft. Die Konstruktion von Männlichkeit legt sie ebenfalls sehr ausführlich dar. Geschlecht im Kontext von Arbeitsteilung und Beruf behandelt sie als zweiten theoretischen Schwerpunkt, in dessen Rahmen sie auch auf die Geschlechtersegregation im Berufsbereich sowie die geschlechtliche Arbeitsteilung zu sprechen kommt. Im Anschluss an den Theoriepart legt Sie sodann ihre Konkretisierung der Forschungsperspektive vor.

Der zweite Teil umfasst die empirische Studie. Hier zeigt die Autorin das Konzept der Studie und ihr methodologisches Vorgehen, ihre Auswertungsverfahren und die reflexive Basis des Forschungsdesigns auf. Daran schließen die Ergebnisse als größter Teil ihrer Untersuchung an. Petra Ganß‘ Darstellung beginnt hier mit der soziodemografischen Beschreibung der Untersuchungsgruppe und wird dann in breiter Form im Kontext der gebildeten Typologie weiter ausgeführt.

Zum Ende der Arbeit werden die Ergebnisse unter verschiedenen Fokussen, wie zum Beispiel Berufsrollenverständnisse, beruflichen Perspektiven oder Berufswunsch, diskutiert und enden dann in einem Gesamtfazit, das durch einen Ausblick zur Begründung von Männern in der Soziale Arbeit abgerundet wird.
Im Anhang stellt die Autorin ihr Forschungsmaterial in Form der Leitfadeninterviews, der entwickelten Kategoriensysteme und des soziodemografischen Kurzfragebogens zur Verfügung.

Die Autorin bewegt sich in Ihrer Untersuchung im inhaltsanalytischen Paradigma, wobei sie sich an den Sozialkonstruktivismus anlehnt. Vor diesem Hintergrund entwirft die Autorin Leitfadeninterviews, welche mit soziodemografischem Kurzfragebogen ergänzt werden. Die qualitativen problemzentrierten Interviews erfassen subjektive Bedeutungsmuster als Mitteilungen der Wirklichkeitskonstruktion und sind darüber hinaus nach mit bestimmten Themenschwerpunkten (z.B. Studienwahl) ausgerichtet. Das Erzählprinzip steht hierbei im Vordergrund. Das Auswertungsverfahren folgt dem Verfahren Christiane Schmidts in Form eines Austauschs zwischen erhobenem Material und dem theoretischen Vorverständnis. Die Auswertung erfolgte in folgenden Schritten:

  1. Transkription
  2. Generierung eines Kategoriensystems und Codierung des Materials
  3. Kategoriegeleitete und fallgruppenbezogene Beschreibung und Interpretation

Diskussion und Fazit

Petra Ganß zeigt in aller Ausführlichkeit ein breites Spektrum männlicher Berufswege und der grundlegenden Motivationen, Ziele und Vorstellungen in der Sozialen Arbeit kontrastiert an frauenspezifischen Aspekten auf. Die Fragestellungen werden in ambitionierter Weise und intersubjektiv nachvollziehbar beantwortet.

Die Transparenz des methodischen Vorgehens ist gewährleistet und entspricht einer wünschenswerten Güte. Begründungen sind verständlich und nachvollziehbar dargelegt, was sich in einem breiten Spektrum direkter Belege an geeigneten Interviewpassagen zeigt, aber auch in dem reflexiven roten Faden der Arbeit.

Die Forschung von Petra Ganß öffnet die Tür zu neuen Fragestellungen von Männlichkeit und Männern in der Sozialen Arbeit. Mit Blick auf den Bologna-Prozess sind mögliche Anknüpfungspunkte u.a. Karriereverläufe bis hin zur Promotion und die Etablierung von männlichen Sozialarbeitenden im Wissenschafts- und Lehrfeld der Sozialarbeitswissenschaft, ferner auch quantitative und qualitative Aspekte der Schwerpunktsetzung in Master- und Promotionsstudiengängen. Gerade das Thema männlicher Nachwuchswissenschaftler bietet hier eine wahre Fundgrube an Forschungsfragestellungen an. Letztlich endet das Spektrum jedoch nicht bei den Männern selbst, sondern kann auch auf die Außenwirkung und das Studium der Sozialen Arbeit übertragen werden. Besonders reizt hier die Frage, nach Möglichkeiten und Grenzen Soziale Arbeit und ihre spezifischen Felder für Männer noch „attraktiver“ zu machen und wie es gelingt, den Grundstein dafür bereits im Studium zu legen. Fernab von wissenschaftlichen Fragestellungen öffnete das Buch während der Lektüre auch eine Tür zur persönlichen Reflexion eigener Motive und Zielvorstellungen, was dem Lesen nochmal eine besondere Nuance gab.


Rezension von
Jens M. Schneider
Sozialarbeitswissenschaftler, M.A. (Hochschule Fresenius - Standort Frankfurt am Main)
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Zitiervorschlag
Jens M. Schneider. Rezension vom 23.07.2012 zu: Petra Ganß: Männer auf dem Weg in die Soziale Arbeit – Wege nach oben? Die Konstruktion von ‚Männlichkeit‘ als Ressource der intraberuflichen Geschlechtersegregation. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-940755-77-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10923.php, Datum des Zugriffs 10.08.2020.


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