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Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals

Cover Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals. Diaphanes (Zürich) 2010. 140 Seiten. ISBN 978-3-03-734116-2. 12,00 EUR.
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Der Lauf der Dinge wird durch das Finanzgeschehen bestimmt

Während die einen diese Erkenntnis als Triumph und Bestätigung ihres materiellen Denkens und Handelns hinaus posaunen und die Siegerpose zeigen, formulieren die Kritiker dieses Wettlaufs des Immer-mehr die ökonomische Denkweise als Katastrophe, mahnen eine „ökonomische Alphabetisierung“ an ( Pierre Bourdieu, siehe dazu auch: Elmar Altvater, Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur, Münster 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10533.php), fordern, den Kapitalismus aufzubrechen ( John Holloway, Kapitalismus aufbrechen, Münster 2010, in: www.socialnet.de/rezensionen/10534.php) und stellen, resignierend und gleichzeitig herausfordernd fest: „Wir haben es weit gebracht mit der Ungleichheit ( Bernhard Taureck, Gleichheit für Fortgeschrittene. Jenseits von „Gier“ und „Neid“, in: www.socialnet.de/rezensionen/10159.php).

Auch wenn die Verteidigungslinien der Befürworter einer ökonomischen Weltsicht, nicht zuletzt durch die Krisen und die katastrophale Entwicklung, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Wirtschaft, der Finanzen, der Gesellschaft, des Klimas …, darstellten und weiterhin darstellen ( vgl. dazu: Frank Ettrich / Wolf Wagner, Hg., Krise und ihre Bewältigung in Wirtschaft, Finanzen, Gesellschaft, Medizin, Klima, Geschichte, Moral, Bildung und Politik, LIT Verlag, Berlin 2010, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/9990.php), scheinbar geschlossen sind mit der einhelligen, gesundbeterischen Behauptung, dass das Wohlsein der Menschen ohne das throughput growth, das ökonomische Wachstumsdenken und –handeln, nicht zu erreichen sei, werden die Mahnungen lauter, dass die Menschheit vor der Herausforderung steht umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz, neue Lebensformen zu finden (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995 / Deutsche UNESCO-Kommission, 1997). Neben den vielfältigen gesellschaftlichen Diskussion um einen Perspektivenwechsel ist es in neuerer Zeit auch der Diskurs in der wissenschaftlichen, politischen Ökonomie, der zur „Selbstaufklärung“ aufruft und danach fragt, „ob sich auf den Schauplätzen der internationalen Finanzwirtschaft ein effizientes Zusammenspiel vernünftiger Akteure oder ein Spektakel reiner Unvernunft vollzieht“.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Literatur-, Kulturwissenschaftler und Philosoph Joseph Vogl von der Humboldt-Universität in Berlin hat sich bereits mit mehreren Veröffentlichungen und Fernsehbeiträgen (u. a.: Alexander Kluge / Joseph Vogl, Soll und Haben. Fernsehgespräche, 2009) zu Wort gemeldet, um deutlich zu machen, „dass das ökonomische Wissen der letzten dreihundert Jahre die wirtschaftlichen Tatsachen geschaffen hat, mit deren Entzifferung es sich selbst konfrontiert“. Dieses „Hinter die Fassaden“ – Schauen der gegenwärtigen, lokalen und globalen finanzökonomischen Prozesse lässt sich als den Versuch verdeutlichen, „wie die moderne Finanzökonomie eine Welt zu verstehen versucht, die durch sie selbst hervorgebracht wurde“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert sein Essay in sechs Kapitel und formuliert im ersten Teil die vielfältigen Fragen und Machtpositionen des Kapitalismus am Beispiel von Don DeLillos Roman (und Verfilmung) „Cosmopolis“ (2003). Mit einem literarischen Zusammenschnitt der wichtigsten Kapitalismusanalysen verdeutlicht er die verschiedenen Konzepte und Auffassungen, vom Markt-Fundamentalismus bis zur Realökonomie und zeigt die „Fluchtpunkte finanzwirtschaftlichen Wissens“ auf.

Die im 17. Jahrhundert einsetzende Selbstvergewisserung des Menschen, dass das an den (Eigen-)Interessen orientierte, durch ökonomisches Handeln produzierte und in das Markt- und Wirtschaftssystem mündende Wissen, wie es in den folgenden Jahrhunderten entstanden ist und vom schottischer Moralphilosophen und Begründers der klassischen der klassischen Nationalökonomie, Adam Smith, als Standardbegriff eingeführt wurde - „Der ökonomische Mensch ist Subjekt seiner beschränkten Interessen, aber Medium der bürgerlichen Gesellschaft“ – sich zum realen, gesellschaftlichen Wirkungsbereich entwickeln könnte, gilt es zu hinterfragen. Gilt die Auffassung noch, dass gewissermaßen mit „unsichtbarer Hand“, also naturgegeben und zwanghaft, die Wohlhabenden dazu gebracht werden, von ihrem Reichtum auch etwas an die Armen abzugeben? Der homo oeconomicus als Garant einer „gerechten Sozialordnung“ war aus der Taufe gehoben, so stellt es der Autor im zweiten Kapitel dar.

Die „liberale Idylle des Marktes“ bestimmt seitdem die politische Ökonomie, mit den Veränderungen, wie sie sich von der „Mechanik des Tauschs“ hin zur „ökonomischen Theorie der Konkurrenz“ entwickelt haben. Aus „Wert“ wird (Geld-)Papier, und die Banknote wird zum Zeichen dafür, „Geld in Umlauf zu bringen, ohne es von der Stelle zu bewegen“. Der geschlossene Zyklus von Schuld und Tilgung wird zur „Geldschöpfung aus nichts“. Das „Credo des Kapitals“, im Marxschen Sinne, hebt das Gleichgewichtsversprechen des Marktes aus den Angeln, wie der Autor dies im dritten Kapitel feststellt.

Die mit dem Abkommen von Bretton Woods nach dem Zweiten Weltkrieg vorgenommene Festlegung des internationalen Währungssystems auf den goldhinterlegten US-Dollar als Leitwährung und den Zusammenbruch des Systems 1973, mit der Freigabe der Wechselkurse, entwickelte sich, gepuscht durch die elektronischen und digitalen Technologien, sowie durch die vielfältigen mathematischen Formeln und medientechnischen Informationen, zu einer Bestätigung der kapitalistischen Auffassung von den stabilisierenden Kräften des Marktes und damit seiner Wirksamkeit von Ausgleich und Gegengewicht - mit dem Versprechen der „Demokratisierung der Finanzwelt und … Ordnungsgestalt“, und der Behauptung, dass die „liberale, kapitalistische Oikodizee“ der Vorsehung des Marktes entspräche, so argumentiert es der Autor im vierten Kapitel.

Im fünften Kapitel stellt Joseph Vogl fest, es bestünde kein Zweifel daran, dass (auch) die neoklassische Finanz- und Wirtschaftstheorie mit Stabilitätsannahmen und Gleichgewichtsmodellen operiere, die man deterministisch bezeichnen müsse, nämlich deshalb, weil damit „die aristotelische oder scholastische Entgegensetzung von natürlichem und künstlichem Wachstum ( ) behoben (ist).

Im sechsten und letzten Kapitel gibt der Autor zu bedenken, „dass sich die kapitalistische Ökonomie keineswegs so verhält, wie sie sich verhalten sollte, weil sich eben „Kapitalismus … nicht ohne Kapitalisten und nicht ohne kapitalistische Praktiken begreifen“ lässt“. Es sind nämlich nicht die Werte, die den Markt bestimmen sollten, sondern die „Wertgespenster“.

Fazit

Das Ende der Oikodizee verdeutlicht sich spätestens bei dem berechtigten Zweifel, „dass Wachstum Beschäftigung schafft, Privatisierung Versorgungsstandards verbessert, der Markt auf fairen Wettbewerb baut und Konkurrenz überhaupt zur allgemeinen Verteilung von Wohlstandseffekten beiträgt“; vielmehr zeigt sich in den historischen Argumentationen und realbezogenen Reflexionen über die Entstehung, Werdung und Verkapitalisierung der politischen Ökonomie, „dass Finanzmärkte als Märkte aller Märkte so operieren, dass sie mit rationalen Entscheidungsprozessen systematisch Unvernunft produzieren“.

„Das Gespenst des Kapitals“ ist kein übersinnliches, von Menschen nicht habhaftbares Monstrum, sondern ist menschengemacht. Es zu erkennen und zu bändigen bedarf es mehr als nur kosmetischer Veränderungen des kapitalistischen Systems; es erfordert einen radikale Kurswechsel, der dann möglich werden könnte, wenn es gelingt, das Werden und die Wirkungen der kapitalistisch bestimmten Ökonomie zu entdecken und zu verstehen. Dazu trägt das Essay von Joseph Vogl ausgezeichnet bei. Und die Lektüre würde sich sicherlich gut für die Arbeit in wirtschaftswissenschaftlichen Seminaren und in den Zirkeln eignen, die nach Alternativen zum traditionellen, überholten und doch so präsenten, globalen Wirtschaftssystem Ausschau halten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.03.2011 zu: Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals. Diaphanes (Zürich) 2010. ISBN 978-3-03-734116-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10929.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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