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Günter Grau: Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933-1945

Cover Günter Grau: Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933-1945. Institutionen - Personen - Betätigungsfelder. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. 550 Seiten. ISBN 978-3-8258-9785-7. 119,90 EUR.

Reihe: Geschichte: Forschung und Wissenschaft - 21.
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Thema

Beim Gedanken an Menschenverfolgungen zur Zeit des Dritten Reiches dürfte vor allem der Völkermord an den Juden präsent sein. Doch diese Menschen sind nicht die einzigen Opfer ge­we­sen. Außer ihnen gehörten auch und vor allem Homosexuelle zu den Hauptfeinden der Nationalsozialisten. Formen der „gleichgeschlechtlichen Liebe“ waren nicht mit der NS-Ideologie zu vereinbaren; sie galten als gesellschaftsschädigend und wurden durch Verfolgung, Inhaftierung, Konformitätszwang und in manchen Fällen sogar mit der Todesstrafe geahndet. Bislang ist noch verhältnismäßig wenig über das Schicksal dieser Opfergruppe bekannt; lange Zeit wurde das Thema von der Geschichtswissenschaft – und nicht nur von ihr – vernachlässigt, wenn nicht sogar ignoriert. Das vorliegende Lexikon will dazu beitragen, diese Lücke durch einen beeindruckenden Reichtum an recherchierten Fakten zu schließen. Was waren die Hintergründe und die Ziele der Ver­fol­gung? Wer waren die beteiligten Personen und Institutionen? Welche Gesetze, Son­der­be­stim­mun­gen und Geheimbe­­fehle wurden erlassen? Welches Ausmaß nahm die Verfolgung an? Mit einer facettenreichen Vielfalt von Artikeln werden Antworten auf diese Fragen geboten.

Autor

Der Band wurde vom Sexualwissenschaftler Günter Grau verfasst, der überdies als Medizinhistoriker an den Instituten für Geschichte der Medizin in Leipzig, an der Charité Berlin und am Institut für empirische und angewandte Soziologie der Universität Bremen tätig war. Von ihm sind bereits zahlreiche Beiträge zum Thema Homosexualität und Nationalsozi­a­lismus erschienen.

Entstehungshintergrund

Der Autor kann durchaus als Koryphäe auf diesem Gebiet verstanden werden, mit dem er sich schon seit Jahrzehnten beschäftigt und seither wertvolle Pionierarbeit geleistet hat. Dem Lexikon ging bereits 1993 eine umfangreiche Dokumentensammlung des Autors voraus, die den Titel „Homosexualität in der NS-Zeit“ trägt. Das „Lexikon der Homosexuellenverfolgung“ knüpft an Graus vorangegangenen Arbeiten an, ergänzt sie um die neuesten Forschungserkenntnisse und ist als Nachschlagewerk in dieser Form einzigartig.

Aufbau

Einer kurzen Einführung in die Thematik vom Soziologen Rüdiger Lautmann folgt der mehr als 300 Seiten umfassende lexikalische Teil mit den ca. 250 nach alphabetischer Reihenfolge geordneten Artikeln, die von je unterschiedlicher Ausführlichkeit sind. (Zu jedem Artikel gibt es jeweils weiterführende Literaturangaben.) Nach den im Anschluss aufgeführten Quellen befindet sich am Ende des Buches ein Personenregister.

Inhalt und Diskussion

Im Vorwort konstatiert Lautmann, dass sich bislang nur verhältnismäßig wenige Forschungen dem Thema Homosexuellenverfolgung angenommen haben. Trotz gewisser Fortschritte seien die derzeitigen Ergebnisse noch immer „viel zu dünn, gemessen am tatsächlichen Terror und verglichen mit der Fülle von Dokumentationen und Erinnerungsarbeit, die anderen Opfergruppen angediehen ist“ (11). Zunächst liefert er Einblicke in die Geschichte der Homosexuellenforschung, -bewegung und -verfolgung. Unter anderem betont er die Geschlechtsspezifizität der Verfolgungen: Während sich unter den Opferzahlen überwiegend männliche Homosexuelle befanden, wurde hingegen „auf die Frauen­liebe wenig Kontrollenergie“ verwendet (7). „Mit der lesbischen Liebe hielten sich die Nazis nicht lange auf; von Frauen verstanden sie sowieso nicht viel“ (ebd.). Nach weiteren Aus­füh­rungen über den Verlauf der Homosexuellenverfolgung (deren Periodisierung und Radikalisierung) und den Lebensbedingungen dieser Opfergruppe widmet sich Lautmann der heutigen Betrachtungsweise der NS-Verfolgungspolitik und dem gegenwärtigen Forschungs­stand.

Die im Anschluss folgenden Artikel im lexikalischen Teil lassen sich grob katego­ri­sie­ren nach:

  • Institutionen, Propagandamittel, Partei- und Kontrollorgane, und Personen, die – alle auf ihre Weise – zur Verfolgung der Homosexuellen beigetragen haben. Aufgeführt werden nicht nur hohe Parteifunktionäre, sondern unter anderem auch Juristen, Mediziner, Psychiater und Wissenschaftler.
  • Juristische Grundlagen, nach denen bestimmte (männliche) Verhaltensweisen als „homosexuell“ bzw. als „Unzucht“ gebrandmarkt und unter Strafe gestellt wurden. Hier ist insbesondere der bekannte Homosexuellenparagraf 175 zu nennen, dessen Gültigkeit (trotz einstweiliger Modifikationen) bis weit vor die Zeit des Nationalsozialismus reichte, noch lange nach der Kapitulation des NS-Regimes Bestand hatte – und in der BRD erst 1994 ersatzlos gestrichen wurde.
  • Methoden der Verfolgung und Behandlung der Verfolgten. Beispiele sind die in manchen KZs durchgeführten „Abkehrprüfungen“: Wie der Name bereits impliziert, wurde bei einigen Lagerinsassen die „erfolgreiche Abkehr“ von der Homosexualität getestet. Eine solche „Prüfung“ bestand darin, sie mit Prostituierten (meist in Lagerbordellen) oder mit weiblichen Häftlingen zusammenzubringen und zu beobachten, ob es zu „Annäherungen“ bzw. zum Geschlechtsverkehr kam, sie somit „kuriert“ waren. Auch sind Hormonversuche dokumentiert, bei denen der dänische SS-Arzt Carl Vaernet (welcher Homosexualität aus einem Hormonmangel erklärte) Häftlingen im KZ Buchenwald „Testosteronkapseln“ in der Leistengegend einpflanzte. Die homosexuellen KZ-Insassen wurden auf unterschiedliche Weise stigmatisiert und entindividualisiert: Etwa durch „Markierung“ mit der Zahl 175 (ein Hinweis auf den Homosexuellenparagraf) an der Gefängniskleidung oder durch den so genannten „Rosa Winkel“, einem aufgenähten Stoffdreieck.
  • Orte bekannter Konzentrationslager wie Buchenwald, Dachau, Oranienburg, Ravensbrück oder Sachsenhausen.
  • Menschen, die verfolgt wurden (Einzelschicksale wie z. B. das des jüdischen Homosexuellen Leopold Obermayer) oder Personen, die, wie im Fall des Unternehmers Friedrich Radszuweit, aktiv gegen den Homosexuellenparagrafen vorgingen. Bis zu seinem Tod war Radszuweit 1. Vorsitzender des „Bundes für Menschenrecht“ (BfM) – ein Verein, der sich seit der Weimarer Republik und bis zu seiner Zwangsauflösung (im Zuge der „Gleichschaltung“) 1934 gegen die Diskriminierung und Strafverfolgung Homosexueller einsetzte. Dies geschah vor allem mittels Appelle an Ministerien und einflussreiche Personen.

Dass sich Nationalsozialismus und Homosexualität de facto nicht gänzlich ausschlossen, zeigen bemerkenswerte Beispiele NS-Angehöriger wie etwa dem in der Öffentlichkeit als homosexuell bekannten Ernst Röhm – oder Rudolf Heß, dem ebenso homosexuelle Neigungen (insbesondere aus linken Kreisen vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten) nachgesagt wurden (146 ff.). Überdies erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem bis in die heutige Zeit hartnäckig fortbestehenden Gerücht, der „Führer“ Adolf Hitler sei seinerseits schwul gewesen (zusammengefasst unter dem Artikel „Homo Hitler“; 142ff.). Der Autor zeigt dabei markante Beispiele aus Hitlers Biografie auf, die zu solchen Spekulationen veranlassen. Er pariert diese jedoch zugleich durch Gegenargumente, anhand derer an einer möglichen Homo­sexu­alität Hitlers gezweifelt werden kann: So sei die veranlasste Ermordung des SA-Führers Röhm weniger eine Verzweiflungstat gewesen, „um einer drohenden Erpressung zu entgehen“ (143), als vielmehr ein taktisches Kalkül zur Entmachtung der SA. Das von jeher „proble­ma­tische“ Verhältnis Hitlers zu Frauen wird insofern relativiert, als „es ihm mit Männern nicht anders [ging]. Mitmenschliche Kontakte (welcher Art auch immer) waren bei Hitler selten un­ge­zwungen, vielmehr stets geprägt von Attitüde und Kalkül“ (ebd.). Auch seine Affinität zu Männerbünden sei kein stichhaltiges Indiz; beruht jene Gemeinschaft doch weniger „auf sexuellen Intimverhältnissen der Mitglieder, nicht auf Homosexualität, [sondern] ist vielmehr geprägt durch Homosozialität, d.h. auf durch Sympathie, gemeinsame Interessen und/oder gemeinsame Arbeit gegründete Vorlieben von Männern, sich mit Geschlechtsgenossen zusammenzutun“ (144).

Des Weiteren werden Hintergrundinformationen vor allem aus zu den Bereichen Politik (Bevöl­kerungspolitik, Frauenpolitik usw.) und Wissenschaft (Kriminalbiologie, Zwillingsforschung etc.) geliefert, auf deren Grundlage zu dieser Zeit Maßnahmen gegen Homo­sexu­elle getroffen wurden. Außerdem erhält man Einblicke in die Umgangsweisen mit Homosexualität in anderen europäischen Nationen.

Doch erfährt der Leser viel mehr als über die Homosexu­el­len­verfolgung im Besonderen, sondern darüber hinaus Bekanntes aber auch weniger Be­kann­tes über den Nationalsozialismus und dessen „Gesichter“, Ereignisse (z. B. die „Macht­ergreifung“, der Reichtagsbrand, die Röhm-Ermordung), Hintergründe und Konsequenzen im Allgemeinen, was weit über das Kernthema der Homosexuellenverfolgung hinaus führt und das Buch zu einem Nachschlagewerk auch für andere Anlässe macht. Es adressiert daher eine breite Leserschaft: Es ist nicht nur für Historiker oder aus Nachbardisziplinen stammende Wissenschaftler geeignet, sondern ebenso zum Nachschlagen für inte­res­sier­te Laien – oder als „beglei­ten­des Werkzeug“ für Schüler und Studenten, die sich mit der Zeit des Dritten Reiches auseinandersetzen wollen.

Fazit

Auf seinen gut 500 Seiten bietet das Lexikon eine Fülle von Fakten rund um das Schicksal einer Opfergruppe im wohl dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Die aufgeführten Artikel zeichnen sich durch eine gute Lesbarkeit aus. Bemerkenswert sind auch die zahlreichen Abbildungen (hauptsächlich Dokumente, Portraitfotos, Karikaturen und Gebäude), die zur Veranschaulichung der Artikel beitragen und selbige noch „lebendiger“ erschei­nen lassen. Nicht zu­letzt aufgrund der bislang eher stief­müt­ter­li­chen Behand­lung der The­ma­tik bringt das Buch alle Vor­aussetzung mit, um zum Standardwerk zu avan­cie­ren.


Rezension von
Matthias Meitzler
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Zitiervorschlag
Matthias Meitzler. Rezension vom 29.03.2011 zu: Günter Grau: Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933-1945. Institutionen - Personen - Betätigungsfelder. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. ISBN 978-3-8258-9785-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10933.php, Datum des Zugriffs 26.02.2020.


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