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Klaus Neumann-Braun, Ulla P. Autenrieth (Hrsg.): Freundschaft und Gemeinschaft im Social Web

Cover Klaus Neumann-Braun, Ulla P. Autenrieth (Hrsg.): Freundschaft und Gemeinschaft im Social Web. Bildbezogenes Handeln und Peergroup-Kommunikation auf Facebook & Co. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. 305 Seiten. ISBN 978-3-8329-5695-0. 39,00 EUR, CH: 55,90 sFr.

Schriftenreihe "Short cuts - cross media" - Band 2.
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Die Inszenierung sozialer Beziehungen im virtuellen Raum

Das Internet hat den Lebensalltag der heranwachsenden Generation, der so genannten „digital natives“, tief greifend durchdrungen. Ein großer Anteil bei der Internetnutzung entfällt auf die sozialen Netzwerke, die hierzulande unter ihren Markennamen wie „facebook“, lokalisten.de, „studi-“ oder „schüler-VZ„bekannt sind und unter dem Oberbegriff „Social Network Sites“ zusammengefasst werden. Nicht nur in Sachen Datenschutz von den Medien kritisch beargwöhnt, scheinen diese Netzwerke zum Beispiel den Umgang mit der Privatsphäre grundlegend zu verändern. Leiten die sozialen Netzwerke etwa den Ausverkauf des privaten „Schonraums“ ein oder nur die gesellschaftliche Neudefinition sozialer Beziehungen? In dieser Frage können allein direkte Beobachtungen weiterführen – so wie sie Ulla Autenrieth und Klaus Neumann-Braun in ihrem Band vorlegen, der „die sozialen Beziehungen auf unterschiedlichen Online-Plattformen mit Fokus auf Social Network Sites entlang der Kategorien Freundschaft und Gemeinschaft sowie deren Visualisierung“ (Seite 19) zum Schwerpunkt hat.

Herausgeberin und Herausgeber

Ulla Autenrieth ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften der Universität Basel. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen: Visuelle Kommunikation in Online-Umgebungen, Mediennutzung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie empirische Methoden der Medienforschung.
Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun ist Ordinarius für Medienwissenschaften an der Universität Basel mit Forschungsschwerpunkten unter andrem in den Bereichen: Kultur-, Medien- und Kommunikations­soziologie, Neue Medien, Populärkulturanalysen und empirische Medienforschung.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen achtzehn Autorinnen und Autoren der Beiträge sind Fachleute aus dem Bereich Medien-, Kommunikations- und Sozialwissenschaft und überwiegend im akademischen Bereich tätig.

Informationen zur Publikationsreihe

Die Reihe „Short Cuts | Cross Media“ des Nomos-Verlages, in der das rezensierte Werk erscheint, befasst sich mit populären multimodalen Medienformaten, zum Beispiel Webseiten oder Videoclips. Für das crossmediale Kommunikationsfeld möchte die Reihe Erklärungsparadigmen anbieten, die ‚quer‘ zu anderen Beschreibungsdimensionen liegen sowie erklärtermaßen einen Beitrag zum Theorie-Praxis-Transfer leisten.

Aufbau

Mit ihrem eröffnenden Beitrag “Soziale Beziehungen im Web 2.0 und deren Visualisierung“ geben Herausgeberin und Herausgeber sowohl eine ausführliche Einleitung in das Thema – soziale Beziehungen und visuelle Kommunikation auf „Social Network Sites“ – als auch eine detaillierte Übersicht über die einzelnen Beiträge. Diese Einleitung ist online als Leseprobe abrufbar[1].
Die dreizehn folgenden Beiträge werden zu fünf thematischen Blöcken zusammengefasst:

  1. Der erste Block nach der Einleitung befasst sich mit “Social Network Sites im Spiegel internationaler Publikumsforschungen“. Dort geht es um den länderübergreifenden Vergleich des Nutzungserhaltens von Social Network Sites im deutschsprachigen Raum. Der Vergleich von Kindern und Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich zeigt zwar en detail länderspezifische Präferenzen von Online-Communities sowie variierende tägliche Nutzungszeiten, aber auch grundlegende Gemeinsamkeiten, etwa den hohen Stellenwert, den Social Network Sites für diese Altersgruppen in den untersuchten Ländern besitzen.
  2. Nach dieser empirischen Grundlegung befasst sich der zweite Block im engeren Sinne mit der Thematik der Veröffentlichung: “Bilderwelten auf Social Network Sites“. Grundlegende Aussage der Beiträge, die das Thema strukturiert und differenziert beleuchten, ist die Beobachtung, dass Fotos, mithin Visualisierungen im Allgemeinen, in sozialen Netzwerken keineswegs als „schmückendes Beiwerk“ zu betrachten wären. Im Gegenteil: Profilbilder und Fotoalben bilden eine essentielle Form der Kommunikation und sind beispielsweise Gradmesser für das Bedürfnis nach Privatsphäre. Gemeinsame Aussage der Beiträge ist es daher, dass in der Visualisierung ein Aushandlungsprozess digitaler Identität stattfindet, ein Balanceakt zwischen Selbstinszenierung, sozialer Aufmerksamkeitserregung und der Wahrung von Privatheit.
  3. Um den Schwerpunkt: “Social Network Sites und verwandte Online-Kommunikationsplattformen“ kreist dann der dritte Block. Dabei stehen alternative „Nachbarformen“ zu sozialen Netzwerken im Fokus des Interesses. Allen voran das Microblogging (Twitter), aber auch Partnersuchportale, Online-Rollenspiele und content-orientierte Netzwerke.
  4. Den wunden Punkt, “Datensicherheit und Datenschutz“ berührt dann der vierte Teil. Hier lassen sich zurzeit zwei allgemeine Bebachtungen machen: Auch wenn das Problem des Schutzes privater Daten mittlerweile erkannt ist (wie es etwa der Begriff „Datenkrake“ in der öffentlichen Diskussion um google und facebook anzeigt), bleibt die Rolle des Staates bei seiner Gewährleistung weitgehend ungeklärt. Zweitens dürfte eine gewisse Lockerheit im Umgang mit diesen Daten aus Sicht der Online-Unternehmen und im Sinne des „Marktes“ durchaus gewollt sein.
  5. Der fünfte Block, der nur einen Beitrag umfasst, beschäftigt sich mit dem Schwerpunkt Visualisierungen aus Sicht eines Grafikdesigners: „Visuelle Kommunikation unter Druck oder: professionstheoretische Debatten am Fall Grafikdesign“. Ausgangspunkt ist die Beobachtung des Autors, dass das Internet, sprich Web 2.0, die Vielfalt des grafischen Ausdrucks stark kanalisiert habe. Damit sei der Grafikdesigner des 20. Jahrhunderts ein Auslaufmodell, doch eröffne das Internet auch neue Spielräume für Kreativität, zum Beispiel bei der Visualisierung von Datenmengen.

Darüber hinaus bietet die Veröffentlichung – farblich abgehoben und eingebettet in ausgewählte Beiträge – so genannte „fokussierte Abhandlungen“, welche die Schwerpunkte einzelner Aufsätze bearbeiten, wie zum Beispiel die Bedeutung von „Freundschaft“ und „Gemeinschaft“ in sozialen Netzwerken oder die Rolle von Fotos in der Online-Kommunikation.

Diskussion

Es ist die wohl grundlegendste Erkenntnis nach der Lektüre des Buches, dass soziale Netzwerke, die „Social Network Sites“, Beziehungen nicht neu erfinden, sondern zumeist real bestehende Netzwerke in den virtuellen Raum transponieren. Mit allerdings weitreichenden Folgen: Da bekannterweise immer auch das Medium die »message« mitdefiniert, verändert die Echtzeit-Inszenierung von sozialen Beziehungen – vor einer potentiell weltweiten Öffentlichkeit und dazu dem Verdikt der dauerhaften Aufzeichnung und der Durchsuchbarkeit von Datenbeständen unterworfen – auch unsere Vorstellungen von Privatsphäre, Freundschaft und Gemeinschaft. Diese Entwicklung findet zurzeit nicht nur bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen statt, erscheint hier aber wohl am markantesten.

Wie divergent diese Prozesse sein können, was die Orte, Medien und Interaktionen betrifft, zeigt die Veröffentlichung durch die Breite ihrer Beiträge, die ganz verschiedenen Forschungsansätzen folgen und dabei ganz unterschiedliche Aspekte der sozialen Netzwerke berühren. Daher ist es – neben dem ausdrücklich zu erwähnenden länderübergreifenden Vergleich des Nutzungsverhaltens – das Verdienst des Buches, innerhalb eines umrissenen Fokus“ (Freundschaft, Gemeinschaft und Visualisierung) einen differenzierten Einblick in diesen lebendigen Prozess zu geben: die Inszenierung sozialer Beziehungen im virtuellen Raum. Dabei legen die Autorinnen und Autoren den Finger in die Wunde, etwa wenn es um das Thema Daten(-schutz) und den bewussten Umgang damit auf Seiten der Nutzer/innen geht. Andererseits zeigen die Beiträge detailliert auf, welche differenzierten Rollen die Visualisierung bei der digitalen Inszenierung sozialer Beziehungen spielt.

Über die visuelle Kommunikation und das Thema Datenschutz hinaus ist für mich persönlich der dritte Themenblock des Buches hervorzuheben, der beim Vergleich von facebook und Partnersuchportalen, bei der Rekonstruktion von „Twitter-Karrieren“ oder content-zentrierten Netzwerken meines Erachtens bestechende Analysen bringt.

Fazit

Gemäß dem Motto der Publikationsreihe, Perspektiven ‚quer‘ zu herkömmlichen Beschreibungsdimensionen anzubieten, wird das Thema „Soziale Netzwerke“ unter interessanten Blickwinkeln dargestellt. Entlang der Themen: visuelle Kommunikation, Freundschaft, Gemeinschaft und Datenschutz wird ein aktueller gesellschaftlicher Prozess – die digitale Inszenierung sozialer Beziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen – deutlich.


[1] Der Nomos-Verlag bietet auf seiner Webseite eine Leseprobe des Buches an, die auf den Seiten 19bis 28 eine detaillierte Zusammenfassung der 13 einzelnen Beiträge bringt:
http://www.nomos-shop.de/_assets/downloads/9783832956950_Einleitung.pdf [Abrufdatum: 25.2.2011]


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 02.03.2011 zu: Klaus Neumann-Braun, Ulla P. Autenrieth (Hrsg.): Freundschaft und Gemeinschaft im Social Web. Bildbezogenes Handeln und Peergroup-Kommunikation auf Facebook & Co. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. ISBN 978-3-8329-5695-0. Schriftenreihe "Short cuts - cross media" - Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10936.php, Datum des Zugriffs 23.06.2017.


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