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Heinz-Dieter Assmann, Frank Baasner u.a. (Hrsg.): Kulturen des Dialogs

Cover Heinz-Dieter Assmann, Frank Baasner, Jürgen Wertheimer (Hrsg.): Kulturen des Dialogs. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. 214 Seiten. ISBN 978-3-8329-6219-7. 24,00 EUR, CH: 43,50 sFr.

Schriftenreihe Wertewelten - Band 1.
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Thema

Thema dieses Bandes ist interkulturelle Dialog und zwar die Dialogizität des Dialogs selbst. Es geht um Auffassungen des Dialogs oder auch Konzepte des Sprechens in verschiedenen Kulturen oder besser in unterschiedlichen Traditionen innerhalb von Kulturen. Damit wird eine immer wieder als selbstverständlich vorausgesetzte Annahme – dass nämlich Interkulturalität eine Frage des Dialogs sei und der Dialog von allen gewollt und gleich verstanden wird – hinterfragt und konstruktiv verkompliziert. Zwanzig Autoren und Autorinnen aus den verschiedensten Ländern und Disziplinen referieren über Konzepte von Dialog, zur Rolle von Literatur, zum Verhältnis von Sprechen und Bedeutung und zu interkulturellen Begegnungen, fiktiv, real und aktuell oder auch in historischer Perspektive.

Entstehungshintergrund

Der Band ist multidisziplinär ausgerichtet – es schreiben Juristen, Sprachwissenschaftler und Literaturwissenschaftler aus Europa, Asien und Afrika – Schwerpunkt ist teilweise Deutschland und Japan. Die Beiträge sind Tagungsbeiträge. Es handelt sich um eine Tagung in Tübingen im Jahre 2010, mit der das Projekt Wertewandel eröffnet wurde. In diesem Projekt geht um einen Austausch von Wertegemeinschaften zu zentralen Fragen der Kultur in der Globalisierung. Im Zentrum stehen Fragen nach den Spezifika europäischer Werte und anderseits um Differenzen in unterschiedlichen Denktraditionen. Das Projekt hat den Charakter eines internationalen Netzwerks und wird von der Universität Tübingen getragen. Für die Auftakttagung sind Beiträge zu den Grundbedingungen dieses Austauschs ausgewählt worden. Daher geht es um den Dialog selbst – ob das Konzept selbst überhaupt international verallgemeinerbar ist und welche anderen Konzepte zu finden sind. So wird gefragt, ob der Dialog als europäische Erfindung verstanden wird oder auch Verwandte in anderen Denktraditionen hat: Die Autoren gehen aus von der Annahme, „dass die kulturelle Dimension der Globalisierung weder zum Konflikt verdammt ist ist, wie es der oft zitierte Begriff vom `clash of civilizations` suggeriert, noch durch den Verweis auf weltweit gültige menschliche Grunddispositionen von allen Konflikten befreit werden kann“ (S. 9).

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge sind – wie Tagungsbeiträge so oft – auf sehr unterschiedlichen Ebenen angesiedelt und thematisch sehr uneinheitlich.

Einleitend stellt Jürgen Wertheimer zu Recht fest, dass das propagierte Konzept des Dialogs der Kulturen in seiner Ausrichtung kontrovers diskutiert wird, aber nie in Frage gestellt worden ist. Er fragt danach, was ein „gelingender, transkultureller, die Ränder beider am dialogischen Prozess beteiligten Kulturen überschreitender Dialog“ ausmachen würde und stellt fest, dass hier von keiner Dialogwahrheit ausgegangen werden kann, sondern dass es darum geht, eine „geistige Differenz zu spüren, die kulturelle Kluft zu bemerken und gleichzeitig zu versuchen, beides zu überwinden und in Frage zu stellen.“ (S. 14). Auch wenn das „westliche“ Vorbild dazu eine aufklärerisch basierte Selbstkritik darstellt, so ist diese nicht zu verallgemeinern. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche Modi der Wissensorganisation zu verstehen, unterschiedliche Formen des Textuellen zu analysieren und eine transkulturelle Dechiffrierung zu leisten. Diese kann dann vielleicht in ganz anderen und neuen Welten des geistigen und damit den Dialogs enden. Alle Formen des interkulturellen Dialogs bedürfen aber einer Weltaußenpolitik, die diese dialogischen Anforderungen auch erfüllt.

Der Beitrag von Heinz-Dieter Assmann widmet sich daher auch der Frage des Rechts bzw. des transkulturellen Verständnisses des Rechtlichen überhaupt. Das Rechtliche als eine Dialogform steht im Zentrum des Beitrags von Lourens du Plessis, der über die dialogische Verfassung der Republik Südafrikas schreibt.

Andere Beiträge thematisieren verschiedene Ebenen des Textuellen und der Kunst, so schreibt Sebastian Wogenstein über Dialogizität und Subjektivität und zeigt einen für das Dialogische offenen Konstitutionsbereich von Subjektivität in der Kunst auf. Herrad Hesselhaus beschreibt wiederum verschiedene Formen des Schweigens, begreift Schweigen als einen Sprechakt und kommt zu unterschiedlichen Bedeutungen des Schweigens auf Japanisch und auf Deutsch. Peter Hoffmann und ähnlich auch Mun Yeong Ahn stellen wiederum unterschiedliche Konzepte des Dialogs in konfuzianischer, daoistischer und buddhistischer Literatur dar. Verschiedene literaturwissenschaftliche und medienwissenschaftliche Studien von Manar Omar, Arata Takeda und Carlotta von Malzan zeigen, wie Ereignisse unterschiedlicher Art völlig entgegengesetzt wahrgenommen, geschildert und verarbeitet werden können. Die Beiträge von Ulrike Kistner, Mensah Wekenon Tokponto, Amadou Oury Ba, Ihmku Kim und Teruaki Takahashani stellen kritisch, analytisch oder deskriptiv völlig unterschiedliche Dialogkonzepte dar: in politischer Perspektive (Süpdafrika), anthropologischer oder soziologischer (Benin, Senegal, Südkorea) oder literaturwissenschaftlich (Japan).

Inhaltlich herausragend und innovativ ist der Beitrag von Anil Bhatti. Er plädiert dafür, dass ein nicht-hermeneutischer Zugang zum Anderen im Verständigungsprozess größeres Gewicht haben müsste. Einer der Gründe für dieses Plädoyer ist die Rolle des Verstehens der Anderen im Kolonialismus – das Verstehen war (und ist) ein Herrschaftsinstrument. Konzepte des Verstehens befördern oder setzen voraus Konzepte der Homogenität von Kulturen – ein Konzept, das kritisch zu hinterfragen ist. Anstelle des Verstehens setzt Bhatti auf Ähnlichkeiten und auf experimentelle Formen des Umgangs: „Es gibt auch so etwas wie eine nicht-konzessuale Ethik, die starre, relativistische Grenzziehungen vermeidet und Überlappungen zwischen Wertewelten experimentell ausprobiert und durchaus offen für Paradoxien und Ironien ist“ (S. 37-38).

Diskussion und Fazit

Die Beiträge in diesem Band sind sehr, sehr hetererogen. Es gibt eine inhaltliche Klammer, aber keinen roten Faden. Einige Beiträge sind sehr lesenswert, alle sicher sehr interessant. Was bleibt nach der Lektüre, ist die kritische Einsicht, dass der so oft vorausgesetzte Dialog oder die Notwendigkeit eines Dialogs der Kulturen in mehrfacher Perspektive zu hinterfragen ist. Im Prozess einer Standortbestimmung können viele Beiträge dieses Bandes – und vor allem der von Bhatti – wertvolle Erkenntnisse bieten.


Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 14.06.2012 zu: Heinz-Dieter Assmann, Frank Baasner, Jürgen Wertheimer (Hrsg.): Kulturen des Dialogs. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. ISBN 978-3-8329-6219-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10937.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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