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(K)Ein Ende der Privatheit

Cover (K)Ein Ende der Privatheit. Strategien zur Sensibilisierung junger Menschen beim Umgang mit persönlichen Daten im Internet ; [Dokumentation der Fachtagung "Das Ende der Privatheit", Remscheid, April 2009]. RabenStück Verlag (Berlin) 2009. 174 Seiten. ISBN 978-3-935607-36-0. 11,90 EUR, CH: 17,99 sFr.
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Thema

Der vorliegende Band knüpft an der Beobachtung an, dass Jugendliche im Internet oft persönliche Daten preisgeben, ohne, wie es scheint, angemessen darüber nachzudenken. Augenfällig wird das beispielsweise in sozialen Netzwerken (wie SchülerVZ oder jüngst – nach Erscheinen des vorliegenden Bandes – bei Facebook). Die im Buch versammelten Beiträge gelten der Frage, wie Jugendliche für die Risiken sensibilisiert werden können. Dabei soll aber keineswegs die Freude an der Kommunikation im Netz eingeengt werden und ebenso nicht die Möglichkeiten zur Beteiligung, die auch Entwicklungschancen für Heranwachsende mit sich bringen. Der Sammelband dokumentiert die Ergebnisse einer Tagung, die im April 2009 stattfand.

Initiatoren

Die Tagung wurde gemeinsam organisiert von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland, der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) und der Akademie Remscheid.

Entstehungshintergrund

Zu beobachten war in den letzten Jahren, dass zunehmend jüngere Heranwachsende sich in sozialen Netzwerken und an anderen Formen des Web 2.0 beteiligen. Es ist zum Schutz der Heranwachsenden nötig, dass sie wissen, was persönliche Daten sind, wie sie gespeichert werden, wer sie verwenden kann und zu welchen Zwecken. Jugendmedienschutz und die Vermittlung von Medienkompetenz sind damit herausgefordert. Die Tagung sollte hieran praxisorientiert arbeiten – sie war zugleich der Start von „watch your web“, einer Jugendkampagne im Internet (gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz).

Aufbau

Der Band umfasst 21 Beiträge (zwischen 3 und 22 S.), die drei Teilen sowie einem Prolog und einem Epilog zugeordnet sind. Am umfangreichsten ist Teil III: „Konzepte und Handlungsstrategien“, bestehend aus elf Beiträgen (mit zusammen 61 S.). Die beiden vorausgehenden Teile sind weniger handlungsorientiert: Überschrieben sind sie mit „Jugendkultur und Internet“ (Teil I, drei Beiträge) sowie „Jugend im Spiegel der Medienforschung“ (Teil II, auch drei Beiträge).

Inhalt

Ein empirisches Bild, wie Jugendliche mit persönlichen Daten umgehen, zeichnet Sabine Feierabend in ihrem Beitrag „Internetnutzung Jugendlicher: Ergebnisse der JIM-Studie 2008“. Drei Viertel der 12- bis 19-Jährigen, die das Internet nutzen, hätten dort personenbezogene Daten eingestellt (einschließlich Angaben über Vorlieben und Hobbys). 60 Prozent erwähnten Fotos oder Bilder von sich selbst, 46 Prozent von ihrer Familie oder ihren Freunden. Die eigene E-Mail-Adresse hätten 42 Prozent zugänglich gemacht, dagegen nur 7 Prozent die Telefonnummer. Gefragt, wer diese Daten einsehen könne, hätten 34 Prozent geantwortet, „dass diese ungeschützt für alle Internetnutzer/innen zugänglich seien“ (S. 75). 61 Prozent hätten angegeben, dass nur so genannte Freunde (im weiten Sinn, wie er in Communitys gebräuchlich ist) Zugang hätten. Bei einer Zusatzbefragung einer Teilstichprobe stellt Feierabend „eine gewisse Skepsis“ der Jugendlichen fest: „Nur ein Drittel hält die Warnungen vor Gefahren für übertrieben“ (S. 71); ein Fünftel oder ein Viertel habe aber auch falsche Vorstellungen dazu geäußert, wie Daten im Internet verarbeitet werden (was die Prüfung auf Richtigkeit oder die Löschung von Daten betrifft).

Mehrere Beiträge sprechen die Spannung an zwischen der Preisgabe persönlicher Informationen einerseits – was Kommunikationschancen und Zugehörigkeit eröffnen kann – und andererseits der Verweigerung solcher Preisgabe – was mehr Sicherheit verspricht, vielleicht aber um die Gefahr der Selbstausgrenzung. Der Tenor der Beiträge ist, dass es Jugendlichen ermöglicht werden muss, sich möglichst gefahrlos an sozialen Netzwerken zu beteiligen, und dass sie auf jeden Fall ein Recht darauf haben, dass ihre Daten geschützt werden. Die „Verführung zur Selbstentblößung“ sei real und problematisch (Franz Josef Röll, „Kommunikationskultur und Gemeinschaftsbildung als Ausdruck von Identitätssuche“, S. 57). Als nicht minder problematisch wird die Weitergabe von Daten oder Fotos anderer ohne deren Einverständnis diskutiert.

Ein Schritt zur Aufklärung sei die Vermittlung von Wissen, was mit Daten im Internet geschieht und welche Folgewirkungen das haben kann. Das Ziel müsse „die Befähigung zum Erkennen von Gefahren für sich und andere“ sein (Jutta Croll, „Grenzüberschreitungen“, S. 81). An dieser Aufklärung sollten sich verschiedene (pädagogische) Institutionen und auch Betreiber von Plattformen beteiligen. Es sei aber nicht damit getan, nur ein Wissens- und Sensibilisierungsdefizit zu unterstellen; ein Problem sei vielmehr, dass die Gefahren den Heranwachsenden, vor allem den jüngeren, „oft abstrakt und nicht greifbar bleiben“ müssten, und zwar aufgrund ihres Entwicklungsalters (Maren Würfel, „Jugendliche in Sozialen Online-Netzwerken und ihr Umgang mit Privatheit“, S. 96). Wie Würfel als Ergebnis qualitativer Interviews mit Heranwachsenden weiter schreibt, hätten Erwachsene wie beispielsweise die Eltern entscheidenden Einfluss darauf, ob Jugendliche den Zugang zu ihren Netzwerkprofilen durch Zugriffskontrollen (Privatsphäreeinstellungen) einschränken.

Grundsätzlich würden Jugendliche „über ihr Auftreten in Sozialen Online-Netzwerken im Allgemeinen und die Sichtbarkeit ihrer Profilseiten im Besonderen eine rationale Entscheidung“ treffen, das heißt: „Sie wägen Für und Wider auf Grundlage ihres Wissens, ihrer Interessen sowie ihrer Werte ab.“ (Würfel, S. 103; Hervorhebung C.B.) Dazu passend hält Daniel Poli in seinem Beitrag „Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen“ fest, dass es neben „Schutz und Aufklärung der Jugendlichen“ um die „Förderung ihrer Medienkompetenz“ gehen müsse (S. 159). Letzteres sehen AutorInnen wie Würfel als einen schrittweisen Prozess an, der mit dem Entwicklungsalter und den zunehmenden Fähigkeiten der Heranwachsenden einhergeht.

Diskussion

Obwohl der vorliegende Sammelband bereits vor zwei Jahren erschienen ist, hat sein Thema kaum etwas an Aktualität eingebüßt – das unterstreichen nicht zuletzt die derzeitigen Berichte über Internet-Mobbing unter Jugendlichen. Dieses Phänomen schlägt schon in den Ergebnissen der Zusatzbefragung der JIM-Jugendstudie von 2008 durch: „Ein Viertel berichtet, dass im Freundeskreis schon einmal jemand von Mobbing in einer Community betroffen war“ (Feierabend, S. 74).

Inzwischen liegt bereits die JIM-Studie 2010, also die übernächste Studie, vor (vgl. http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf10/JIM2010.pdf). Es wird dort zusammenfassend den Jugendlichen ein Mehr an Sensibilität im Umgang mit persönlichen Daten bescheinigt, vor allem im Vergleich zur Erhebung von 2009, in der sich der Boom sozialer Netzwerke deutlich abzeichnete. Speziell die Privatsphäreeinstellungen würden restriktiver genutzt – es würden davon inzwischen zwei Drittel der NutzerInnen Gebrauch machen (gegenüber knapp der Hälfte im Vorjahr – und wie Würfel im vorliegenden Band für 2008 angibt: etwas mehr als 40 Prozent; als Ergebnis einer nicht repräsentativen Befragung, S. 90). Die JIM-Studie 2010 behauptet aber trotz dieses Trends, ein bisher nur latentes Sicherheitsbewusstsein der Jugendlichen beobachten zu können!

Im „Epilog“ berichtet Poli über die Anlage der Jugendkampagne „watch your web“ und deren Rezeption. Die entsprechende Website konnte noch im Jahr ihres Erscheinens „weit über eine Million Besucher/innen“ zählen (S. 171). Das ist eine beeindruckende Anzahl! Zudem scheint es gelungen, über die Verlinkung mit SchülerVZ, dem wichtigsten sozialen Netzwerk der Zielgruppe, diese hohe Aufmerksamkeit zu gewinnen. Es lässt sich allerdings kaum empirisch abschätzen, in welchem Maß eine solche Kampagne sich in einer gesteigerten Sensibilisierung niederschlägt.

Fazit

Als Ergebnisband einer Tagung mit VertreterInnen verschiedenster fachlicher Herkunft bietet die vorliegende Publikation ein buntes Bild. Das Spektrum reicht von Grußworten über Praxisberichte und Strategiepapiere bis hin zu wissenschaftlichen Aufsätzen. Teilweise bleibt es den LeserInnen überlassen, dieses Dickicht zu lichten. Je nach Interessenschwerpunkt wird man aus den Beiträgen auswählen.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 31.03.2011 zu: (K)Ein Ende der Privatheit. Strategien zur Sensibilisierung junger Menschen beim Umgang mit persönlichen Daten im Internet ; [Dokumentation der Fachtagung "Das Ende der Privatheit", Remscheid, April 2009]. RabenStück Verlag (Berlin) 2009. ISBN 978-3-935607-36-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10944.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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