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Andrea Braun, Gunther Graßhoff u.a.: Sozialpädagogische Fallarbeit

Cover Andrea Braun, Gunther Graßhoff, Cornelia Schweppe: Sozialpädagogische Fallarbeit. UTB (Stuttgart) 2011. 160 Seiten. ISBN 978-3-8252-8460-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.

Reihe: UTB L (Large-Format).
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Autorinnen und Autor

Unter den drei AutorInnen ist Cornelia Schweppe, Professorin für Sozialpädagogik am Pädagogischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sicherlich die bekannteste. Zu der Reihe ihrer Arbeitsschwerpunkte und den damit verbundenen Projekten und wissenschaftlichen Veröffentlichungen zählen - im Zusammenhang dieser Rezension relevant -, Professionalisierung, Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit sowie Sozialpädagogische Forschung (mit besonderer Berücksichtigung qualitativer Forschungsmethoden).

Andrea Braun und Gunter Graßhoff sind promovierte Wissenschaftler am Pädagogischen Institut der Universität Mainz und hier tätig im Rahmen der AG Sozialpädagogik in Kooperation mit Prof.`in Schweppe.

Entstehungshintergrund

Die Inhalte des vorliegenden Fachbuches verdanken ihre Entstehung einem gemeinsam durchgeführten Projekt der AutorInnen, in dessen Zusammenhang Materialien und Handreichungen zum Zweck einer Methodisierung sozialpädagogischer Fallarbeit Im Rahmen eines Studiums der Sozialen Arbeit entstehen sollten.

Aufbau und Inhalt

In einer knappen Einleitung werden wesentliche Elemente einer lebensweltlich orientierten und rekonstruktiv-sozialpädagogischen Fallarbeit und die damit verbundenen Verfahren thematisiert . Im Fall selbst (so die Argumentation), würden sich allgemeine Soziale Strukturen und Prozesse verdichten und repräsentieren und in den darauf bezogenen rekonstruktiven Fallbeschreibungen und -analysen zumindest potentiell kenntlich werden. Insofern verstehe sich das Buch als Lehrbuch(S.10) und gleichzeitig als Handreichung für Lehrende und Studierende, indem es Vorschläge machen wolle für das Verfassen von Fallberichten und methodischen Auswertungsstrategien zum Zwecke einer Auseinandersetzung mit Kernproblemen sozialpädagogischer Praxis. Dies geschehe auf der „Basis einer grundlegenden theoretischen Auseinandersetzung mit dem Fallbezug in der Sozialen Arbeit“(S.10). Im Folgenden der Einleitung werden sodann die einzelnen der 6 Kapitel in ihrem Aufbau und ihrer Absicht kondensiert dargestellt.

Das erste Kapitel des Buches beansprucht unter der Überschrift: „Der Fallbezug in der Sozialen Arbeit“ nicht weniger als

  • die „ historischen Wurzeln, die theoretischen und methodologischen Grundlagen und Begriffe der sozialpädagogischen Fallarbeit“ (S.10)darzulegen
  • Den Fallbezug in die „spezifische Strukturlogik der Sozialpädagogik“ (S.10) einzubetten
  • Die „Bedeutung des Fallbezugs im Rahmen der Professionalisierungsdebatte der Sozialpädagogik“ (S.10) zu erörtern.

Das 2. Kapitel stellt unter der Kapitelüberschrift „Methodische Zugänge“ drei ausgewählte und in der sozialpädagogischen Fachliteratur vielfach diskutierte Ansätze sozialpädagogischer“ Fallarbeit im Studium“ vor (Müller, Mollenhauer/Uhlendorff, Schütze) und diskutiert sie kritisch. Als Auswahlkriterium gilt den VerfasserInnen die Anschlussfähigkeit der vorgestellten Ansätze an methodologische und methodische Grundprinzipien qualitativer Sozialforschung. Eine tabellarisch angeordnete Übersicht über weitere, aber nicht in die eigene Auswahl methodisch-diagnostischer Zugänge zum „Fall“ aufgenommene, Ansätze methodischer Fallarbeit beschließen das Kapitel.

Im 3. Kapitel werden, unter dem Sammeltitel „Fallarbeit im Studium: Fallberichte schreiben und analysieren“, „methodische Strategien zum Verfassen und Auswerten von sozialpädagogischen Fallberichten beschrieben“(S.10)

Im 4. Kapitel werden Fallanalysen auf der Basis von verschriftlichten Falldarstellungen vorgestellt. Diese wurden von Studierenden der Sozialpädagogik entlang ihrer praktischen Erfahrungen in unterschiedlichen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit angefertigt. Sie dienen hier der rekonstruktiven Verdeutlichung ausgewählter, allgemeiner Strukturprobleme sozialpädagogischen Handelns. Zu ihnen zählen hier u.a.

  • das im sozialarbeiterischen/-pädagogischen Handeln enthaltene Unsicherheitspotential
  • Fragen zur Ausbalancierung von Nähe und Distanz in professionellen Arbeitsbeziehungen,
  • handlungsorientierende Wirkung von Zuschreibungen und Deutungen und
  • der Umgang mit Regeln und Grenzen im Handlungsfeld.

Jeweils abschließende „weiterführende Überlegungen“ ordnen das ausgewählte Strukturproblem einem metatheoretischen Kontext zu.

Das 5. Kapitel befasst sich in kritischer Absicht mit sozialpädagogischer Fallarbeit aus der - aus Gruppendiskussionen gewonnenen - Sicht der Studierenden. Es zeigen sich dabei wiederkehrende Problemstellungen in der selbständigen Organisation eines mit rekonstruktiver Fallarbeit verbundenen Arbeitsprozesses, der durch Kleingruppendiskussionen gekennzeichnet ist und der den studentischen Erwartungen nach einer befriedigenden Theorie-Praxisvermittlung im Studium nicht unbedingt genügen kann.

Das 6. Kapitel stellt einige Leitfragen sowie eine kleine Materialsammlung aus ausgewählten Fallberichten zur Verfügung. Ein abschließendes Glossar bietet von „Adressaten“ bis „Transkription“ knappe Erläuterungen einer Reihe von ausgewählten Fachbegriffen zu einer texthermeneutisch orientierten Sozialpädagogischen Fallarbeit im Sinne der AutorInnen. Die hier vorfindliche Betonung von „latenten Sinnstrukturen“ und einer an Oevermann orientierten „Objektiven Hermeneutik“ unterstreicht noch einmal das eigene, an Methoden sozialwissenschaftlicher Biographieforschung und an Verfahren der Texthermeneutik ausgerichtete Verständnis von sozialpädagogischer Fallarbeit. Ein kleines Sachregister beschließt das Studienbuch.

Diskussion

Das Buch erscheint insofern sinnhaft didaktisiert, als die einzelnen Kapitel in ihren Intentionen knapp eingeleitet und in kurzen, zusammenfassenden, auch optisch hervorgehobenen Darstellungen beendet werden . Ein Lay-out mit lerndidaktisch hilfreichen begrifflichen Zusammenfassungen komplexerer Abschnitte erleichtert die Orientierung im Text. Zentrale, das Professionsverständnis in der rekonstruktiven Fallarbeit berührende Konzepte werden, in der Absicht terminologischer Klärung, graphisch hervorgehoben in den Fließtext eingearbeitet. Den Charakter eines Studienarbeitsbuches betonen die kapitelweise angefügten Arbeitsfragen „für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den dargestellten Inhalten“.

Das Studienbuch umfasst vier thematisch deutlich voneinander abgesetzte Teile, deren Verbindung zueinander nicht immer hinreichend deutlich wird:

Das erste Kapitel „Der Fallbezug in der Sozialen Arbeit“ ist in 5 Unterabschnitte unterteilt. Im ersten dieser Abschnitte : „Kasuistische Wurzeln sozialpädagogischen Denkens“ z.B. kämpfen die Autoren mit dem Dilemma, das gewaltige Material zum Fallbezug soweit „eindampfen“ zu wollen, dass in hinreichender Komplexitätsreduktion tragende Grundmuster von Fallarbeit sichtbar werden - ohne dabei die hier vorgestellten Sichtweisen und Traditionen zu banalisieren bzw. unzulässig zu verkürzen. Das erscheint nicht immer gelungen. So erfährt der Leser/die Leserin z.B. unter einem mit „psychoanalytische Pädagogik“ (1.1.2) betitelten Unterabschnitt weder etwas über grundlegende Axiome tiefenpsychologischen Denkens,( das ja schließlich ganze Zweige einer interdisziplinär orientierten Sozialisations- und Entwicklungs- und Beziehungsforschung beeinflusst hat und immer noch beeinflusst), noch erfährt er/sie etwas über zentrale Konzepte unterschiedlicher klassischer oder aktueller Protagonisten dieser Fall-Perspektive. Übrig bleibt ein offenbar eher der Pflicht als der Neigung geschuldeter, wenig ausdifferenzierter Verweis auf S. Bernfeld und A. Aichhorn.

Der 2. Unterabschnitt des 1. Kapitels lautet: „Professionalisierung und Fallbezug in der Sozialen Arbeit“. Die hier vorfindliche knappe Skizze wesentlicher Diskussionslinien der 60er und 70er, die zur Ausformulierung einer lebensweltorientierten Sozialpädagogik führten, erscheint mir zweifelhaft. Die AutorInnen zeichnen Facetten eines Expertenmodells professionellen Handelns (in Feldern Sozialer Arbeit),das ihnen desavouiert erscheint durch den Anspruch auf Verwissenschaftlichung beruflicher Praxis, durch „Monopolstellung der Professionellen für die Lösung des Problems“ (S.21) und damit auch anfällig für den Vorwurf einer „Geringschätzung der Lebensautonomie der Betroffenen“. Demgegenüber setzen die Autoren mit der von ihnen unter Bezug auf Hans Thiersch skizzierten „Alltagswende“ auf ein Professionalisierungsmodell, das die Nicht-Standardisierbarkeit und Einzigartigkeit des Einzelfalls achtet und „den Eigensinn lebensweltlicher Ressourcen und Erfahrungen respektiert (S.21)“, die „Problemlösungsstrategien und Entscheidungsautonomie“ (S.21) von Betroffenen achtet und die „Autonomie ihrer Lebenspraxis“ (S.21). Abgesehen von der problematischen Verwendung eines Autonomiekonzeptes, das im vorliegenden Buch konzeptionell gar nicht diskutiert wird, erscheint mir die hier sichtbar zu Tage tretende Polarisierung von Wissenschaft und Alltäglichkeit bzw. Lebensweltbezug ebenso fatal wie die damit verbundene Entkoppelung von Fallbezug und Theoriearbeit. Denn Alltag, Lebenswelten und in diesen eingebettete, prozesshafte Interaktionen (insbesondere in prekären Lebenslagen) sind seit langem auch Gegenstand bio-psycho-sozialer wissenschaftlicher Perspektiven (zum Beispiel im Rahmen von Belastungs-/ Deprivationsforschung, Säuglingsforschung, Gesundheitsforschung und Wirkforschung). Wenn also von Lebensweltorientierung in der Fallarbeit die Rede ist, dann ist eine solche Orientierung auch eine Aufgabe inter- und transdiziplinärer, auf die Lebenswelt der Adressaten gerichteter Theorie- Arbeit und das Konzept des Lebensfeldbezugs darf nicht dahingehend missverstanden werden, dass sich das „Verstehen von Wirklichkeit aus Sicht der Akteurinnen und Akteure“ gewissermaßen wissenschaftsfrei vollziehen könnte. Im Begriff der Alltagswende war und ist immer auch der Anspruch an eine Soziale Arbeit als angewandte Wissenschaft enthalten, in aufklärender Absicht integrierende auch inter- und transdisziplinäre Sichtweisen und Modelle zur Abbildung und zum Verständnis lebendiger, alltäglicher Lebenswirklichkeit zu nutzen und auch neu zu entwickeln. Eine Auseinandersetzung mit solchen biopsychosozialen Modellen zur entwicklungstheoretischen Betrachtung von Selbstentwicklung im Kontext des Alltäglichen(z. B. der Mikrosoziologie ) fehlt in dem Studienbuch vollständig und der Leser/die Leserin wird auch in Unkenntnis darüber gehalten, dass es diese Modelle gibt.

Im Abschnitt 1.3 entfalten die AutorInnen einige „Dimensionen „sozialpädagogischer Fälle“ (S.26). Sie betonen Struktur-, Subjekt-, Interaktions- und Prozessdimension von Fällen, die, so wird zusammenfassend, knapp und in dieser Art von Abstraktion relativ undifferenziert festgestellt, „entstehen in einem komplexen Wechselspiel zwischen den vorgegebenen Lebensverhältnissen und subjektiven Deutungen, sowie zwischen vorgegebener Regelhaftigkeit und gleichzeitiger Emergenz“ (S.31).

Der Abschnitt 1.5: „Wurzeln einer sozialpädagogischen Fallarbeit –zusammenfassende Darstellung“ bietet ein Destillat von Kriterien sozialpädagogischer Fallarbeit und dazu gehören, -zentral für das eigene Selbstverständnis,

  • der Bezug auf protokollierte Texte,
  • die „Reflexivität“, die bei dieser Gelegenheit als „Infragestellung des Gegebenen“ gefasst wird und
  • das „Verstehen“ als zentraler Kategorie, hier mehrfach gefasst als:
    • a. methodisch kontrollierte Entschlüsselung der individuellen Fallstruktur, als
    • b. Rekonstruktion des individuellen „Gewordenseins eines Falls und seines Bezugs zum Aktuellen“,l
    • c. als Verstehen von Wirklichkeit aus Sicht der Akteurinnen und Akteure

Der mit diesen Begrifflichkeiten perspektivisch eingeengte Horizont des hermeneutischen Vorgehens gibt zu denken. Gehört zum Verstehen nicht auch so etwas wie „Wissen“, statt bloßer Information? Wohlmöglich so etwas wie Vertrautheit zumindest mit den Strukturen fremder Lebenswelten, wenn schon nicht mit ihren unmittelbaren Szenen und Atmosphären? Davon ist hier wenig zu finden. Und darüber hinaus: Der im (hermeneutischen) Prozess der rekonstruktiven Fallarbeit in studentischen Kleingruppen ermittelte „Sinn“ des im Fallbericht vorliegenden Textes hängt in seiner Tiefe und Breite, d.h. in seiner Fülle ab von der Fähigkeit der mit Fallarbeit befassten Personen (in diesem Fall sind es Studierende und Lehrende), Sinn zu erfassen und zwar in Bezug auf die Textur der jeweiligen Lebenswelten, die in den Fallberichten in diesem Buch auftauchen. Ob dafür die sprachliche Analyse von studentischen Fallberichten (Texten) ausreicht, einer Analyse, die in den vorliegenden Auszügen aus den herangezogenen Fallberichten ganz ohne orientierende Rahmenkonzepte (von z.B. Szene, Situation, Interaktion, Wahrnehmung u.a.m.) auskommt?

Das 2. Kapitel „Methodische Zugänge“ stellt die drei genannten Protagonisten Müller, Mollenhauer/Uhlenforff/Schütze vor. Jeder Ansatz wird nach gleichem formalen Schema bearbeitet: Es wird zunächst die „Methode“ dargestellt und danach das jeweilige „Verständnis von Fallarbeit“ nachgezeichnet wie auch aus eigener, sich selbst als sowohl sozialwissenschaftlich wie auch rekonstruktiv verstehenden Sicht kritisch kommentiert. Es scheint mir allerdings symptomatisch für den sich hier darstellenden Typus sozialpädagogischer Fallarbeit, dass im tabellarischen Anhang dieses Kapitels der stark entwicklungs- und familienbezogene, analytisch sehr ergiebige und eher integrative psycho-soziale Fallansatz von V. Harnach umstandslos der „Psychologie“ zugeordnet wird (obwohl er sich doch als psycho-sozial bezeichnet) und dass sein „Verständnis von Fallarbeit“ doch als „sehr theoretisch (Psychologie) geleitet und problemorientiert/normativ“ (S.51) sei, d.h. eben nicht rekonstruktiv. Die hier sichtbare scharfe Abgrenzung eines rekonstruktiv- sozialwissenschaftlichen Selbstverständnisses sozialpädagogischer Fallarbeit gegenüber Phänomenen und Strukturen des Leiblich-Psychisch-Sozialen verengt aber den Verstehenshorizont In der Fallauswertung. Die von den Autoren beanspruchte Mehrperspektivität ihrer Fallrekonstruktionen bezieht sich im Wesentlichen auf die Deutungsperspektiven der Personen, die einen „Fall“ gemeinschaftlich konstituieren. Eine transdisziplinäre Mehrperspektivität wird dabei nicht systematisch berücksichtigt. In der Vielzahl der im Studienbuch enthaltenen Rekonstruktions-Beispiele aus studentischen Fallberichten ( die in Auszügen vorgestellt werden) verdichten sich zum einen die von den Autoren ausgewählten Strukturprobleme sozialpädagogischen Handelns, die dann rekonstruktiv in Seminargruppen bearbeitet werden. Dabei führt die von den Autoren beanspruchte Sensibilität für Interaktionen in der rekonstruktiven Fallarbeit leider nicht zu einer erkennbaren Sensibilität für theoriegeleitete Interpretationsfolien (z.B. Interaktionstheorien, oder rollentheoretische Konzepte), die dann in den gemeinsamen Rekonstruktionsprozess eingebunden werden könnten. Im 4. Kapitel „Fallanalysen: Ausgewählte Strukturprobleme sozialpädagogischen Handelns“ wird nun deutlich, dass „Fall“ hier verstanden wird als Wort für die Situation, in der Studierende in ihrer Rolle als Praktikanten in unterschiedlichen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit stehen. Beispielhafte „Fallrekonstruktionen“ setzen den Fall textinterpretativ jeweils in Bezug zu typischen, aus professionstheoretischer Sicht bedeutsamen konstitutiven Elementen sozialpädagogischen Denkens und Handelns (wie z. B. Pädagogische Ungewissheit, Handlungsdruck, Nähe und Distanz und der Umgang mit Regeln u.a.m.). Mehrfach betonen z.B. die Autoren den Ungewissheitscharakter sozialpädagogischen Handelns und bekräftigen aus ihrer Sicht: „Es kann in der Sozialen Arbeit keine eindeutige Antwort darauf geben, „wie man es richtig macht“. Sozialpädagogisches Handeln ist kein technologisches Handeln, d.h. es kann keine Kausalitätsannahmen geben, ob und wie „ A zu B führt“(s.78). Das ist zwar nicht falsch, unterschlägt aber, dass es auch in sozialpädagogischen Berufsfeldern ein mehr oder weniger aufgeklärtes, angemessenes, durchdachtes, konzeptionell abgesichertes Handeln gibt und dass deshalb nicht jeder pädagogische Misserfolg der Kontingenz beruflicher Tätigkeit zugeschoben werden und nicht jeder pädagogische Erfolg als ein bloßer Glückstreffer gelten darf. In den vorliegenden, in Seminardiskussionen hergestellten Rekonstruktionen ist die zu beleuchtende Ankerperson in der jeweiligen Fallarbeit der Student oder die Studentin im Praktikum. Ihr jeweiliges Handeln im beruflichen Feld steht zur Debatte, wird reflexiv gewendet, aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und in einem nicht-wertenden Blick auf zugrunde liegende „latente Sinnstrukturen“ professionellen Handelns durchkämmt. Unter dem Arbeitsziel, Studierende mittelfristig einzuüben in eine sich selbst und die Situation kritisch und distanziert zur Diskussion stellende professionelle Haltung, erscheinen mir die vorgestellten Auszüge aus studentischen Fallberichten sinnvoll. Im Vergleich zu bestehenden Ansätzen Fall orientierter Sozialarbeit erscheint aber eine solche, letztendlich außerordentlich verengte „sozialpädagogische Fallarbeit“ eher enttäuschend, fällt sie doch weit zurück hinter den derzeitigen Stand methodisch angeleiteter Individualhilfe (Pantucek, v. Spiegel, Friebertshäuser), die sich zentral mit dem Alltagsleben von Menschen in schwierigen Lebenslagen befasst. Von den Autoren wird die differenzierte sprachliche Analyse von studentischen Fallberichten offenbar als Königsweg sozialpädagogischer Fallarbeit angesehen. Einem solchen auf Sprachanalyse verengten Verständnis von Hermeneutik muss entschieden widersprochen werden, zumal andere Formen einer z.B. Leib- Aktions- oder Prozess orientierten Hermeneutik wie selbstverständlich aus dem vorliegenden Ansatz ausgeklammert werden. Diese Engfassung des Konzeptes „sozialpädagogische Fallarbeit“ im vorliegenden Studienbuch verblüfft und fällt gegenüber dem im Buch skizzierten Theoriehorizont von Fallarbeit weit zurück.

Fazit

Es wäre dem Gesamtkonzept förderlicher gewesen, hätten die Autorinnen den im Titel sich äußernden Gesamtanspruch etwas bescheidener gehalten. „Arbeit mit Fällen: Einführung in Traditionen sozialpädagogischer Fallarbeit sowie Handreichungen und Hilfestellungen zur selbstreflexiven Auswertung von Praktikumsberichten im universitären Sozialpädagogik-Studium“ erschiene mir z.B. als Titel dem tatsächlichen Inhalt des Studienbuches angemessener. Ich stimme den Autoren zu, wenn sie die systematische, textanalytische Auswertung von Praktikumsberichten in Seminaren als wichtiges Lernarrangement bezeichnen zur Vermittlung von Theorie-Praxis-Problemen in der universitären, oft nur lose mit institutionalisierten Handlungsfeldern Sozialer Arbeit verknüpften Ausbildung. In dieser Hinsicht liefert das Buch einen wichtigen und anerkennungswürdigen Beitrag. Auch die erneute, knappe und kritische Darstellung und Kommentierung von einigermaßen etablierten Fallarbeitsansätzen erscheint mir als Übersicht für Studierende nützlich. Die Auseinandersetzung aber mit komplexen Kernkonzepten einer an der Alltagsrealität und der Lebenslage der Klientel orientierten Sozialpädagogischen Fallarbeit (etwa durch Bezug auf Netzwerkmodelle, auf Entwicklungsparadigmen, auf Normalitäts- oder Pathologiemodelle oder, auf der Ebene einer Logik der Praxis, auf Ansätze von Bourdieu, Lewin, Bowlby, Moreno u.a.m) wird ausgeblendet. Dies aber entspricht nicht dem gegenwärtigen Stand einer inter-und transdisziplinär ausgerichteten Diskussion zur Fallarbeit in der Sozialen Arbeit .


Rezensent
Prof. Dr. Werner Schreiber
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Zitiervorschlag
Werner Schreiber. Rezension vom 02.05.2011 zu: Andrea Braun, Gunther Graßhoff, Cornelia Schweppe: Sozialpädagogische Fallarbeit. UTB (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-8252-8460-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10945.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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