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Boudewijn Chabot, Christian Walther: Ausweg am Lebensende

Cover Boudewijn Chabot, Christian Walther: Ausweg am Lebensende. Selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2011. 2., aktualisierte Auflage. 173 Seiten. ISBN 978-3-497-02220-5. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 28,50 sFr.

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Thema

Eine veränderte Einstellung zu Sterben und Tod, die einerseits durch die modernen technischen Mittel der Medizin zur Einwirkung auf Lebensdauer und Lebensqualität und andererseits durch die weitgehende Abkehr von Schicksalsergebenheit hervorgerufen wird, hat dazu geführt, dass das Recht zur Selbstbestimmung nicht nur in der Lebensführung, sondern auch mit Blick auf das Lebensende stärker betont und eingefordert wird. Das gilt besonders auch für die selbstbestimmte vorzeitige Beendigung des Lebens in unerträglichen körperlichen und seelischen Leidenszuständen, die in früheren Zeiten oft als gottgegeben zu ertragen waren. Der Philosoph Dieter Birnbacher, der das Geleitwort zu diesem Buch verfasste, formuliert es treffend: „Nicht nur die Ansprüche an die Qualität des Lebens, auch die Ansprüche an die Qualität des Sterbens wachsen (…)“. Es „wächst das Verlangen nach einem ‚guten‘ Tod – einem möglichst sanften und schmerzfreien, gut begleiteten und die Würde und den Willen des Sterbenden so weit wie möglich respektierenden Tod“ (S. 9). Die Autoren zeigen überzeugend und wissenschaftlich fundiert einen Weg auf, wie dieses selbstbestimmte Sterben mit Bedacht und Unterstützung des sozialen Umfeldes weitgehend gelingen kann: durch die Methode des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit (im Text durchweg abgekürzt als „FVNF“), auch „Sterbefasten“ genannt, die nach Ansicht der Autoren in Deutschland noch relativ ungebräuchlich ist und auf zahlreiche (auch verständliche) Vorbehalte stößt, die im Buch argumentativ aufgegriffen und im einzelnen entkräftet werden.

Das Buch hat solchen Anklang gefunden, dass es 2011 in 2. Auflage erschienen ist.

Autoren

Die Autoren zeichnen für einzelne Kapitel namentlich verantwortlich. Dr. med. Boudewijn Chabot, PhD, ist Niederländer, Psychiater und Sozialwissenschaftler, und lebt in Haarlem. Er schrieb die ersten vier Hauptkapitel. Er legte seine Dissertation und eine Reihe von Artikeln zu Inhalten vor, die dem Thema des Buches sehr nahestehen. Der Koautor Dr. rer. nat Christian Walther ist Neurobiologe i. R. Er arbeitete am Physiologischen Institut der Universität Marburg und schrieb die beiden letzten Hauptkapitel des Buches. Außerdem übersetzte er mit Unterstützung von Hete Walther die Teile von Chabot aus dem Englischen ins Deutsche. Das Geleitwort stammt von dem bekannten Philosophen Dieter Birnbacher, Universität Düsseldorf.

Aufbau und Inhalt

Ein Geleitwort von Dieter Birnbacher stimmt in die Thematik ein. Er sieht im selbstbestimmten Verzicht auf Essen und Trinken (FVNF), um Leidenszustände oder einen schweren Sterbeprozess zu verkürzen, einen Weg, „das bei vielen älteren Menschen vorhandene Autonomiebedürfnis mit den Vorbehalten der Ärzte und der Gesellschaft gegen eine aktive Mitwirkung am Tod eines Menschen zu versöhnen“ (S. 10).

Um körperlich und seelisch leidende ältere Menschen geht es in diesem Buch vornehmlich, die möglichst mit Hilfe eines Arztes, von Angehörigen und anderer Helfer über das Lebensende selbst bestimmen wollen. Zur Anwendung kommt dabei eine bislang wenig bekannte Methode der Sterbebeschleunigung, die dem Sterbewilligen weitgehend die Initiative überlässt und den Helfern eine eher palliative Funktion zuspricht. Es handelt sich um den freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken, der bei konsequenter und palliativ begleiteter Durchführung zum Tode führt. Für jüngere gesunde Menschen ist nach Ansicht der Autoren die Methode FVNF nicht geeignet, weil ein radikaler Flüssigkeitsverzicht kaum auszuhalten sei (S. 13). FVNF ist eine der Möglichkeiten „eines humanen Ausweges aus unerträglichen Leidenssituationen am Lebensende“ (S. 42), zu denen auch das Beenden lebenserhaltender Maßnahmen, die intensive Schmerzbekämpfung und palliative Sedierung sowie die Selbsttötung mit ärztlicher Beihilfe gehören. Die Autoren favorisieren verständlicherweise die erste Möglichkeit.

Im I. Kapitel werden vier Fallbeispiele von betagten Personen beleuchtet, die durch Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit den Tod vorzeitig herbeiführten. Als Informationsquellen standen Befragungen von Ärzten, Angehörigen oder auch Gespräche mit einem Betroffenen zur Verfügung. Die persönliche Ausgangslage der Personen war sehr unterschiedlich, und so verlief der Prozess des FVNF auch entsprechend leichter oder schwieriger. Er hing ab vom Erkrankungszustand der Sterbewilligen, von der Empathie und dem Einsatz der Ärzte, der Bereitschaft der Angehörigen, den Sterbevorgang mitzutragen und der Unterstützung durch palliative Dienste. Schlagwortartig wird die Situation der Personen charakterisiert: Frau B., 86 Jahre: „Sterben ist ein schwieriges Geschäft“, Frau G., 83 Jahre: „Ich habe genug Willenskraft, um das durchzuhalten“, Herr R., 84 Jahre: „Seit dem Tode meiner Frau will ich nicht mehr leben“, Herr E., 86 Jahre: „Wenn der Arzt mich begleitet, gehe ich lieber den legalen Weg“ (als Jurist wollte er sich nicht illegal im Ausland ein tödliches Medikament besorgen). Deutlich werden soll anhand dieser Fallbeispiele, dass FVNF sich als alternative Methode zur assistierten Selbsttötung nach reiflicher Überlegung und Beratung mit Ärzten und Angehörigen anbieten kann. Dabei dürfen auch nicht die Schwierigkeiten übersehen werden, mit denen die zum FVNF Entschlossenen zu kämpfen haben. Erforderlich sind ebenfalls persönliche Entschlusskraft und Durchhaltefähigkeit, die der einzelne bei dieser Methode aufbringen muss. Auf der anderen Seite kann diese Methode „sicherlich qualvolle Schicksale, z. B. verstummende und einsame Versuche, sich zu töten, verhindern helfen“ (S. 40).

Die beiden folgenden Kapitel liefern Informationen zum freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit: Zunächst geht es in Kapitel II um die Frage: Was man darüber wissen sollte? Bekannt sein muss der Verlauf von FVNF in seinen einzelnen Phasen, der Umgang mit Fasten und Flüssigkeitsverzicht in unterschiedlichen Situationen, z. B. bei Krebspatienten oder bei demenzkranken alten Menschen. Untermauert werden diese Informationen durch detaillierte Erfahrungen mit Patienten, die in den Niederlanden durch FVNF verstarben (Studie von Chabot & Goedhart, 2009).

In Kapitel III wird genau beschrieben, was alles zu beachten und zu tun ist, um FVNF fachlich und menschlich gut zu begleiten. Dazu gehört z. B. eine gute Mundpflege zur Linderung des Durstgefühls und weitere Maßnahmen wie die Bereitstellung einer Anti-Dekubitus-Matratze. Sehr viel Aufmerksamkeit gehört der ärztlichen und palliativ-pflegerischen Versorgung bei FVNF, auf die der Erstautor mit Bezug auf eigene Erhebungen ausführlich eingeht. In einem Unterkapitel werden vier wichtige, rechtlich-organisatorische Voraussetzungen für die unbedenkliche Durchführung von FVNF angesprochen: die Freiverantwortlichkeit, die Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht sowie die Modifizierung der Garantenpflicht. Die Maßnahmen, die den Verlauf von FVNF erleichtern und juristisch absichern, werden dann noch einmal zusammengefasst. Praktische Hinweise für die Durchführung von FVNF zuhause schließen das III. Kapitel ab.

Kapitel IV befasst sich mit den körperlichen Auswirkungen von Fasten und Flüssigkeitsverzicht, hier mit Änderungen im Stoffwechsel, mit subjektiven Erfahrungen und der Vertretbarkeit bei nicht mehr einwilligungsfähigen Patienten. Untermauert werden diese Ausführungen durch Bezug auf den aktuellen Forschungsstand, wie sich das gesamte Werk durch die Berücksichtigung neuerer internationaler Forschungsergebnisse auszeichnet. Starke Beachtung finden dabei die physiologischen Auswirkungen des Flüssigkeitsverzichts, weil dieser für den Eintritt des Sterbeprozesses stärker verantwortlich ist als der Verzicht auf Nahrung.

Die beiden nächsten Kapitel V und VI wurden vom Koautor Christian Walther verfasst. In Kapitel V werden Rechtliche Fragen zum beabsichtigten, vorzeitigen Versterben durch Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeitaufgeworfen. Zentrale Aspekte zur rechtlichen Beurteilung der Suizidbeihilfe durch Dritte, zur Garantenpflicht und zur Freiverantwortlichkeit werden angesprochen, ferner der Einfluss des ärztlichen Standesrechts und Berufsethos, das von der Bundesärztekammer vertreten wird, 2011 in einer Neufassung der „Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung“, die im vorliegenden Buch noch nicht berücksichtigt werden konnte. Explizite Bewertungen des FVNF fehlen nach Walther bislang in offiziellen Verlautbarungen der Ärztekammern. FVNF werde wie andere Formen der ärztlichen Suizidbeihilfe in der Ärzteschaft und bezogen auf Kassenabrechnung kontrovers diskutiert.

In Kapitel VI kommen Ethische Aspekte des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit zur Spreche. Der Begriff Autonomie wird näher untersucht, die Rationalität von Sterbewünschen gegen eine generelle Psychiatrisierung in Schutz genommen und das Erleben von Menschenwürde stärker dem persönlichen Selbstverständnis überlassen. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Sterbewünschen und weitere Fragen werden in Unterkapiteln behandelt: z. B. Handelt es sich bei FVNF um Selbsttötung oder einen natürlichen Tod? Wer soll wann sterben dürfen? Welche moralischen Fragen stellen sich den am FVNF beteiligten Personen, den Patienten, Angehörigen, Ärzten und Pflegenden? Den Abschluss bildet ein hypothetischer Fall von FVNF, in dem alles für die Beteiligten fachgerecht und harmonisch verläuft.

Fazit

Das Buch von Chabot und Walther ist sehr positiv zu werten. Es basiert auf klaren, überzeugenden Positionen zu einer neuartigen und in Deutschland offenbar noch wenig praktizierten Methode des ärztlich-palliativ begleiteten freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) als einer Möglichkeit der freiverantwortlichen, vorzeitigen Lebensbeendigung, vorzugsweise bei alten Menschen, die auf Grund körperlicher und/oder seelischer Leidenszustände nicht mehr leben wollen. Die Autoren ergreifen dabei nicht die Partei leichtfertiger „Sterbehelfer“, sondern unterstützen ihre Argumente für FVNF durch breite und aktuelle wissenschaftliche Expertise, durch gründliche rechtliche und ethische Überlegungen und detaillierte, klare und verständliche Anleitungen und Vorsichtsregeln bei der Planung und Durchführung von FVNF für alle daran Beteiligten. Das Buch kann in seinem Anliegen und seinen Aussagen überzeugen, überlässt es jedoch jedem Einzelnen, sich vorausschauend oder akut in einer schweren Leidenssituation nach gründlicher Überlegung, fachlicher Beratung und mit ärztlicher Unterstützung für oder gegen diese Methode des beschleunigten Sterbens freiverantwortlich zu entscheiden. Die Autoren plädieren für einen offenen und sachlichen Umgang mit diesem „Ausweg am Lebensende“, machen aber ganz deutlich, dass dieser Weg nur gewählt werden kann, wenn ein gut eingespieltes soziales Unterstützungsnetzwerk vorhanden ist, das den Sterbeprozess mittragen und erleichtern kann. Auch die Probleme, die sich bei der Planung und Durchführung von FVNF einstellen können, werden nicht verschwiegen.

In formaler Hinsicht ist das Buch vorbildlich geschrieben, mit einem Sach- und Personenregister ausgestattet. Es bietet einen sehr informativen Anmerkungsteil, ein umfangreiches und aktuelles Literaturverzeichnis und im Anhang ein Beispiel für eine Patientenverfügung, in der FVNF besonders berücksichtigt wird, ggf. auch eine Modifizierung der Garantenpflicht. Ein Fragebogen eröffnet die Möglichkeit für Leser, Fälle von FVNF zu dokumentieren und anonym den Autoren zur weiteren Verarbeitung zukommen zu lassen.


Rezensent
Prof. Dr. phil. Norbert Erlemeier
Ehem. Mitglied und Sprecher der AG Alte Menschen im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland
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Zitiervorschlag
Norbert Erlemeier. Rezension vom 23.03.2011 zu: Boudewijn Chabot, Christian Walther: Ausweg am Lebensende. Selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2011. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-497-02220-5.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02706-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10946.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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