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Richard J. Contrada, Andrew Baum: Handbook of Stress Science

Cover Richard J. Contrada, Andrew Baum: Handbook of Stress Science. Biology, Psychology, and Health. Springer Publishing Company (New York, NY 10036) 2010. 900 Seiten. ISBN 978-0-8261-1471-6. 169,06 EUR.
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Was macht Stress mit uns? Die aktuelle Stressforschung im Überblick

Eine erste Annäherung an das Phänomen Stress gelingt über das Betrachten der Menschen, mit denen man in der Früh, auf dem Weg in die Arbeit, zusammentrifft. Stress hat definitiv etwas mit Verhalten zu tun - die grantigen Gesichter der Menschen, die Gereiztheit der Nebenstehenden in der vollgestopften U-Bahn, die Hast und Rastlosigkeit der Menschen auf den Straßen - wir verstehen diese Verhaltensäußerungen intuitiv als Äußerungen von Stress. Stress ist eine Form des Umgangs des Organismus und der Person mit Reizen (Stressoren). Und die Stressforschung versucht diese Adaptionsprozesse besser zu verstehen, um damit die Frage zu klären, in welcher Weise psychologische Vorgänge unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden beeinflussen.

Eine genauere Annäherung nimmt nun diese Adaptionsprozesse in den Blick - Stress stellt sich nicht einfach als Reaktion auf äußere und innere Reize dar, sondern als komplexe Herausforderungen an die physischen und psychischen Kapazitäten des Organismus, die zu psychischen und biologischen Veränderungen führen. Langfristig hat das Auswirkungen auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden.

Diese angesprochenen Herausforderungen treten auf verschiedenen Ebenen auf - auf der Ebene unserer Kognitionen (z.B. über unser Denken und unser Beurteilen von Sachverhalten), auf der emotionalen Ebene (unsere Gefühlsreaktionen), auf der biologischen Ebene (physiologische Reaktionen auf Reize) usw. Dementsprechend gibt es viele verschiede Ansätze mit Stress fertig zu werden. Im Grunde geht es darum: Eine natürliche Reaktion (die Stressreaktion ist ein psychobiologischer Adaptionsprozess auf Reize) ist unter gewissen Umständen eine nicht angemessene Reaktion auf Situationen und Zustände des Lebens. In der Stressforschung sollen nun diese Adaptionsprozesse besser verstanden werden und andererseits geklärt werden, welche Möglichkeiten es gibt, die Auslöser für diese Stressreaktion in den Griff, also unter Kontrolle zu bekommen.

Das nun vorgelegte Handbuch zur Stressforschung bietet einen umfassenden Überblick auf die zahlreichen Versuche, diese Fragen zu beantworten.

Herausgeber

Richard J. Contrada beschäftigt sich als Professor für Psychologie (derzeit auf Rudgers, The State University of New Jersey; http://psych.rutgers.edu) seit vielen Jahren mit den psychologischen Reaktionen von Menschen auf bedrohliche Reize. Diese Grundlagenforschung wendet er in seinen Arbeiten auf die Bereiche Gesundheitsförderung und Patienten-Compliance (also der Bereitschaft von Patienten ihrer vorgeschriebenen Therapie auch zu folgen) an.

Seine breiteren Interessen beinhalten Fragen zur menschlichen Selbstregulierung, zu Fragen der individuellen und sozialen Identität und Ansätze die Neurowissenschaften mit sozialen und affektiven Komponenten zu ergänzen. (http://psych.rutgers.edu/people/contrada.html)

Andrew S. Baum war bis zu seinem Tod Professor für Psychologie an der UTA, der University of Texas in Arlington (www.uta.edu/uta) und beschäftigte sich in seinen letzen Jahren vor allem mit Fragen zum chronischen Stress und zu chronischen Erkrankungen. Dabei interessierte er sich vor allem für die psychoneuroimmunologischen Reaktionen des Organismus auf Belastungen und Stress. Andrew S. Baum verknüpfte diese Überlegungen mit der Krebsforschung ? das heisst er versuchte die Verbindungen zwischen den Ergebnissen seiner Stressforschung mit der Entstehung, der Kontrolle und der Behandlung von Krebserkrankungen herzustellen.

Aufbau und Inhalt

Mit dem Aufbau des Handbuchs verfolgen die beiden Herausgeber das Ziel die aktuelle Stressforschung umfassend darzustellen. Das Handbuch orientiert sich dabei am bio-psycho-sozialen (Krankheits-)Modell des Menschen und seines Verhaltens. Zur Verdeutlichung: „Krankheit stellt sich dann ein, wenn der Organismus die autoregulative Kompetenz zur Bewältigung von auftretenden Störungen auf beliebigen Ebenen des Systems „Mensch“ nicht ausreichend zur Verfügung stellen kann und relevante Regelkreise für die Funktionstüchtigkeit des Individuums überfordert sind bzw. ausfallen.“ (Egger 2005, 3) Stress wird daher als eine Reaktion des Organismus verstanden, die vor allem bei Überforderung der Kapazitäten und Funktionsmechanismen auftritt.

Im Handbuch werden zunächst die biologischen Mechanismen von Stress und Stressreaktionen diskutiert und dargestellt (Section I: Biology; 11-100). Dabei werden sowohl auf Organebene (z:b. dem Herz), als auch auf Ebene des Immunsystems und der Zellebene Stress und Stressreaktion beschrieben.

Im zweiten Abschnitt des Handbuchs stehen dann die sozialen Reaktionen und Einflussfaktoren auf Stress im Vordergrund (Section II: Social Context; 101-193). In den einzelnen Aufsätzen widmen sich die Autoren Fragen wie: Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke für den individuellen Umgang mit Stress? Was für Auswirkungen hat die Struktur modernen Organisationen auf die individuelle Stressbelastung? Oder: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem sozioökonomischen Status von Menschen und ihrem Stressniveau?

Im dritten Teil des Handbuches kommen nun die psychologischen Mechanismen zur Sprache, die mit Stress, Stressentstehung und dem Umgang mit Stress in Zusammenhang stehen (Section III: Psychology; 195-274). Vor allem dem Copying, also dem Umgang mit Stress wird viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Wie bereits erwähnt ist Stress ein Adaptionsphänomen ? Stress verändert. Ein sichtbares Zeichen von Veränderung und den Auswirkungen dieser Veränderungen ist das Auftreten von Krankheit und das Ausbrechen von Erkrankungen. Im vierten und umfangreichsten Teil des Handbuchs kommen daher sehr ausführlich diese gesundheitlichen Veränderungen in Folge von Stress zur Diskussion (Section IV: Behaviors and Mental and Physical Health Outcomes; 275-500). Die Aufsätze in diesem Teil nehmen unter anderem konkret Bezug auf HIV/AIDS Erkrankungen, die Schmerzwahrnehmung, die psychologischen Folgen von Traumen, Substanzmissbrauch als Folge von Stress und Essstörungen. So wird in dem Aufsatz über den Zusammenhang von Stress und Depression klar gezeigt, wie eng diese beiden Phänomene miteinander verbunden sind ? auf Zell-, Organ- und Organismusebene.

Den Abschluss des Buches macht ein Abschnitt zu Forschungsmethodik in der Stressforschung (Section V: Research Methods, Tools, and Strategies; 501-634). Darin werden nicht nur einzelne Forschungszugänge beschrieben, sondern es wird in den einzelnen Artikeln gezeigt, mit welchen Methoden versucht wird, dem Stress und der Stressreaktion im Organismus auf die Spur zu kommen. Psychophysiologische Methoden werden ebenso dargestellt wie moderne Darstellungsweisen der Funktion des Gehirns (Neuroimaginative Methoden) und psychologische Zugänge über Fragebögen und Gutachten. Es werden immer wieder ganz konkrete Beispiele dafür geliefert, welche Vorteile die jeweiligen Methoden haben und welchen Beitrag man damit zum Verständnis des Phänomens Stress leisten kann.

Schwachstellen

Das insgesamt überzeugende und empfehlenswerte Handbuch zur Stressforschung hat aber auch einige Schwachstellen.

  1. Gerade in einem Handbuch, das den Krankheitsfolgen von Stress einen breiten Raum bietet, sollte dem Thema Stress und Suizidalität ein eigener Artikel gewidmet sein. Doch nicht einmal im Kapitel über Depression wird auf das Thema Suizidalität eingegangen und das, obwohl die psychiatrische Forschung bewiesen hat: „Suizid und Suizidversuch wurden und werden in der einschlägigen psychiatrischen Literatur in engem kausalem und pathogenetischem Zusammenhang mit depressiven Störungen bzw. Erkrankungen gesehen.“ (Bronisch 2011, 59) Doch nicht nur in Bezug auf Depression wäre Suizidalität ein wesentliches Thema für die Stressforschung, auch in Bezug auf Copying-Strategien und Krisen bzw. Krisenintervention (siehe Sonneck 2000).
  2. Im Rahmen der Philosophie kommen Emotionen und der Emotionsforschung eine große Bedeutung zu. Die philosophische Handlungstheorie setzt viel Mühe daran, Emotionen als kausale Bestandteile von menschlichen Handlungen und Entscheidungen zu verstehen (vgl. de Sousa 2009, Korsgaard 2011, Tiberius 2008). In der Stressforschung wird darauf kein Bezug genommen, was den interdisziplinären Dialog erschwert.
  3. Es fehlt in diesem Handbuch auch ein Bezug auf das Coaching (die Coaching-Wissenschaft), in dem Stress und der Umgang damit eine zentrale Rolle einnimmt (vgl. Ostermann 2010, Kratochvila 2010). Eine vierte Lücke stellt die Glücksforschung dar, auf die keine Bezug genommen wird (Zufriedenheitsforschung - als Referenz gilt Kahneman 2003).

Es gibt aber nicht nur diese inhaltlichen Lücken - leider fehlt im Handbuch auch eine kritische Auseinandersetzung der einzelnen Methoden, die im Rahmen der Stressforschung zur Anwendung kommen. Hätte es einen eigenen Artikel zum Thema Interdisziplinarität gegeben, dann wären die inhaltlichen Lücken, von denen bereits die Rede war, höchstwahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Fazit

Das sehr umfangreiche Buch (der Text ist durchgehend zweispaltig gesetzt) besticht durch seine Struktur und die Aufbereitung der einzelnen Artikel (insgesamt 43). Jeder Artikel nimmt eine konkrete Fragestellung zum Anlass die Ergebnisse und Vorgehensweisen der aktuellen Stressforschung zu dokumentieren und darzustellen. Es werden zu jedem Artikel ausführliche Literaturangaben gegeben, die eine Vertiefung des Themas sehr einfach machen. Eigene Fragestellungen lassen sich mit diesem Handbuch ideal verfolgen - die interdisziplinären Artikel bieten eine Vielzahl an Ansatzmöglichkeiten für eigene Überlegungen. Wie es sich für ein gelungenes Handbuch gehört, gibt es auch einen umfangreichen Personenindex (635-664) und einen Sachindex (665-676). Im Personenindex finden sich alle Autoren der zitierten Literatur, was bedeutet, dass man über diesen Index verfolgen kann, in welchen Beiträgen bestimmte Autoren (Bücher, Aufsätze, ...) zur Verwendung kommen. Sie haben einen bestimmten Aufsatz, von dem Sie wissen möchten, in welchen Forschungsbereichen der Stressforschung darauf Bezug genommen wird - mit dem Personenindex ist ihnen das möglich, auch wenn es kein gesammeltes Literaturverzeichnis gibt (das würde den Umfang des Buches massiv erweitert haben).

Mit „The Handbook of Stress Science“ haben die beiden Herausgeber Richard J. Contrada und Andrew S. Baum ein Referenzbuch vorgelegt, das seinem Namen Handbuch wirklich gerecht wird. Das Buch stellt nicht nur eine aktuelle Übersicht über die Forschungsgebiete im Rahmen der Stressforschung dar, sondern zeigt auch auf, welche Zusammenhänge sich daraus für die konkreten Fragestellungen ergeben. Das Buch wird von zwei Psychologen herausgegeben ? der Schwerpunkt liegt daher auch auf psychologischen, biopsychologischen und sozialpsychologischen Ansätzen.

Stress und der Umgang damit verweist uns Menschen auf unsere Werte und Wertvorstellungen. Es ist daher angebracht dem philosophischen Zugang zur individuellen Lebensführung das Wort zu geben, das sich im Handbuch zur Stressforschung nicht findet: „A reflective agent has stable value commitments and the ability to take a reflective point of view on these commitments when appropriate. Because our value commitments must have a certain kind of stability, which rules out a pervasive tendency to doubt and reconsider, we can already see that wisdom cannot mean constant reflection. A wise person must be guided by her reflective values in some sense, but being a reflective agent does not mean engaging in deep contemplation and justification of one?s projects at all times. ... When we reflect on what it is for our lives to go well, we form a rough conception of a good life.? (Tiberius 2008, 65)

Literatur

  • Bronisch, T. (2011). „Medikamentöse Therapie der Depression und das Suizidproblem.“ Suizidprophylaxe 38 (145): 58-74
  • de Sousa, R. (2009 [1987]). Die Rationalität des Gefühls. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Egger, J. W. (2005). Das biopsychosoziale Krankheitsmodell - Grundzüge eines wissenschaftlich begründeten ganzheitlichen Verständnisses von Krankheit (http://www.meduni-graz.at/psychologie/bpsMod2005.pdf)
  • Kahneman, D., E. Diener, et al., Eds. (2003 [1999]). Well-Being. The Foundations of Hedonic Psychology. New York, NY (USA), Russell Sage Foundation
  • Korsgaard, C. M. (2011). „Natural Goodness, Rightness, and the Intersubjectivity of Reason.“ Metaphilosophy 42(4): 381-394
  • Kratochvila, H. G. (2010). „Gesundheit und das gute Leben ? Eine Frage der Selbstachtung?“ (www.socialnet.de/rezensionen/9708.php)
  • Lyubomisky, S. (2008). The How of Happiness. A Scientific Approach to Getting the Life You Want. New York, NY (USA), The Penguin Press
  • Ostermann, D. (2010). Gesundheitscoaching - Integrative Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung. Wiesbaden (GER), VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Sonneck, G. (2000). Krisenintervention und Suizidverhütung. Wien (AUT), Facultas Universitätsverlag
  • Tiberius, V. (2008). The Reflective Life - Living Wisely With Our Limits. New York, NY (USA), Oxford University Press

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at


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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 22.07.2011 zu: Richard J. Contrada, Andrew Baum: Handbook of Stress Science. Biology, Psychology, and Health. Springer Publishing Company (New York, NY 10036) 2010. ISBN 978-0-8261-1471-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10949.php, Datum des Zugriffs 22.07.2017.


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