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Kerstin Bronner: Grenzenlos normal?

Cover Kerstin Bronner: Grenzenlos normal? Aushandlungen von Gender aus handlungspraktischer und biografischer Perspektive. transcript (Bielefeld) 2011. 274 Seiten. ISBN 978-3-8376-1643-9. 29,80 EUR, CH: 43,90 sFr.

Reihe: Gender Studies.
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Wenn du nach „doing gender“ und „doing difference“ fragst, schau dich in Nischen und Ausnahmesituationen um…

Soziologische Forschungen zu Themen, die nicht unbedingt auf der Straße liegen oder im Mainstream daher kommen, finden sicherlich kein allgemeines Interesse; die Diskussionen und Ergebnisse richten sich überwiegend an ein spezielles Fachpublikum, oder an lokalisierbare Individuen und Gruppen, die an der speziellen Thematik interessiert sind. So ist es sicherlich mit dem Thema „Fastnacht“, das sich in den verschiedenen Regionen in Deutschland und an vielen anderen Orten in der Welt historisch und alltagstauglich unterschiedlich differenziert hat und Bräuche, theatrale und volkstümliche Sitten entstehen ließ, die wiederum charakteristisch für die alljährlich wiederkehrenden Ereignisse gewissermaßen auf die Region „hereinbrechen“, zelebriert werden und einen festen, lokalgesellschaftlichen, fremdenverkehrswirksamen und medialen Platz haben: Mainzer Fasenacht, Rheinischer Karneval, schwäbisch-alemannische Fastnacht, Karneval in Venedig und Rio de Janeiro… Dabei handelt es sich um institutionalisierte und für die Beteiligten nach dem jeweiligen Vereinsrecht organisierte Veranstaltungen, die in der Zeit der Fastnacht zwar ihren (kulturellen) Höhepunkt finden, sich aber durch vielfältige Aktivitäten über das ganze Jahr hinziehen und die Vereinsmitglieder in unterschiedlichen Formen des Engagements (heraus-)fordern.

Interessante (soziologische und sozial-gesellschaftliche Forschungsfragen in diesem Zusammenhang könnten z. B. sein, was das für Menschen sind, die sich in Fastnachtvereinen engagieren, wie die Zusammenschlüsse organisiert sind, ob, warum und welche Hierarchien sich dabei bilden, oder wie die Vereinsmitglieder auf das lokale Umfeld einwirken.

Entstehungshintergrund und Autorin

Die Formen von Kommunikation, von Identifizierung, Machtausübung und Einflussnahme sind charakteristische Beispiele für Zusammenschlüsse von Menschen in Vereinen, welcher Art auch immer. Sie sind Garanten oder Schwachstellen des Bestehens oder Vergehens solcher Organisationen; und von der Art und Intensität der Identifikation der Beteiligten an der Vereinszielsetzung und -aufgabe hängt es ab, wie „lebendig“ ein Verein ist.

Es ist deshalb eine gute Idee der am Fachbereich Soziale Arbeit der FHS St. Gallen in der Schweiz tätigen Sozialwissenschaftlerin Kerstin Bronner, für ihre Forschungsarbeit, die sie 2009 an der Universität in Tübingen als Dissertation eingereicht hat, sich ein Forschungsfeld vorzunehmen, bei dem erfahrungsgemäß ein enger Zusammenhang von Vereinsmitgliedschaft und -engagement besteht: bei den Fastnachtvereinen. Ihr spezielles Forschungsinteresse richtet sich dabei auf den Komplex „Gender“, und zwar: Welche Thematisierungen von Gender lassen sich bei Interaktionen in Fastnachtszusammenhängen aufspüren und wie zeigen sich Reproduktionen und Experimente in sozialen Praxen? Sowie: Welche ungleichheitsstrukturierende Differenzlinien sind bei Vereinsengagierten in einem ländlichen Raum erkennbar? Und: Welche Bedeutung kommt dem Vereinsengagement hinsichtlich der biographischen Prozesse zu, welche Kompetenzen dabei erworben werden können, sowie welche Opportunitäten und Begrenzungen sich dabei darstellen?

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Schlussteil „Einsichten und Ausblicke“ gliedert die Autorin ihre Forschungsarbeit in fünf Kapitel: Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen der gesellschaftlichen Genderkonstruktionen und biographietheoretischen Grundlagen diskutiert. Dabei gilt es, „Gender und Heteronormativität in alltäglichen Praxen“ aufzuzeigen; und zwar exemplarisch an der bei vielen Fastnachtsbräuchen üblichen „Wechselfähigkeit“ von ansonsten typischen Geschlechterrollen und von Verhaltensweisen, die gewissermaßen „außerhalb der gesellschaftlichen Norm“ liegen. Besonders bedeutsam ist dabei die alltägliche Biographiearbeit, als Form der individuellen und gesellschafts- (vereins-)relevanten Identitätsbildung.

Im zweiten Kapitel wird das Forschungsfeld und die -fragestellung am Beispiel der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen, historischen, institutionalisierten und alltäglichen Ausprägungen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht dargestellt und die Frage danach gestellt, wie sich organisierte und in einer (lebendigen) Vereinsarbeit in einer ländlichen Region sich darstellende „Wirkungsweisen fundamentaler sozialer Differenzlinien“ zeigen. In dem als Name bezeichnenden Forschungsort – „Fastnachtshausen“ (die Kleinstadt im Süden Baden-Württembergs gibt es tatsächlich!) – lassen sich die vielfältigen Fragestellungen auffinden, die die Forschungsarbeit tragen, wie etwa die „Frage nach der Relevanz der Kategorie Gender und deren Verhältnis zu weiteren Kategorien“; die Frage danach, welche Rolle die Einbettung des Vereinslebens in den Fastnachtszusammenhang spielt; und „die Frage nach der Bedeutung von Vereinen als Orte informellen Lernens in ländlichen Regionen für die Biografie“.

Mit dem dritten Teil stellt die Autorin die Methoden ihrer qualitativen Forschungsarbeit vor und thematisiert „Möglichkeiten und Grenzen einer Forschung innerhalb eines kulturellen Systems der Zweigeschlechtlichkeit“. Dabei gewinnt die „Entstehungsgeschichte der Fastnachtszunft Fastnachtshausen“ eine besondere Bedeutung für den Aufriss der Vereinsaktivitäten und der untersuchten Gruppen.

Das vierte Kapitel dürfte für Gender- und Fastnachtsinteressierte eine Reihe von Einsichten und Überraschungen bereit halten. In drei ausführlichen Fallanalysen kommen in biografischen Portraits und Interviews individuelle Mitglieder von verschiedenen Fastnachtsgruppen – der Hexengruppe, der Jazztanzgruppe und der Guggenmusikgruppe – zu Wort. Die dabei im (Geburts-)ort vorfindbaren Entwicklungslinien, ihre Identifizierung mit der jeweiligen Gestalt und Funktion, das Eingebettet- und Aufgehobensein im aktiven Vereinsleben verdeutlichen ihre persönlichkeitsorientierten und genderbestimmten Einstellungen.

Im fünften Teil formuliert Kerstin Bronner die sich aus der Analyse ergebenden „Möglichkeiten biografischer Gestaltung und Aushandlung von Gender in Fastnachtsvereinen“. Dabei wird deutlich – und das unterscheidet sicherlich im Grundsätzlichen die aktive Mitgliedschaft in einem Fastnachtverein von einer in anderen Zusammenschlüssen – dass im Leben der Beteiligten „Fastnacht und Alltag nicht voneinander getrennt werden können; die Verknüpfung von Fastnacht- und Vereins- / Gruppenaktivitäten reicht bei allen Befragten über die im Kalender festgelegte Fastnachtszeit hinaus: „In der Zusammenschau zeigt sich die Wirkmächtigkeit gesamtgesellschaftlicher wie lokaler Normierungen“.

Fazit

Nimmt man ein wesentliches Ergebnis der Untersuchung heraus, nämlich das, dass „die für ländliche Regionen als spezifisch dargestellten Spannungsverhältnisse nicht als problematisch, sondern als produktiv bezeichnet werden können“, dürfte die Aufmerksamkeit wachsen. Mit der im Titel des Buches formulierten Frage „Grenzenlos normal?“ soll ja an den „Gewissheiten“ und Stereotypen gerüttelt werden. Werden mit den Etiketten „Verkehrte Welt“, „Außeralltäglichkeit“ und „Narrenfreiheit“, die den Fastnachtsbräuchen angeheftet werden, tatsächlich „Experimentierräume für diverse Überschreitungen von gender- und heteronormativitätsbezogenen Zuschreibungen“ richtig beschrieben? Oder – und das ist ein wichtiges Ergebnis der Forschungsarbeit – werden nicht vielmehr „kulturelle Annahmen über Gender und Heteronormativität… während Fastnacht in starkem Maße reproduziert“.

Damit stellt sich die anfangs geäußerte Vermutung, dass vermutlich nur Fastnachtinteressierte, -begeisterte und –engagierte „Narren“ die Ergebnisse der Forschungsarbeit interessieren könnten, als kurzschlüssig dar. Das Forschungsdesign und die -methoden weisen vielmehr den Blick auf gender- und heteronormative Aspekte im allgemeinen; und sie bieten für soziologische und gesellschaftswissenschaftliche Forschung interessante Ansätze; etwa zur Frage, inwieweit Organisationen und Vereine zur Identitätsbildung von Individuen und Gemeinschaften beitragen können – lokal, regional und global.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.02.2011 zu: Kerstin Bronner: Grenzenlos normal? Aushandlungen von Gender aus handlungspraktischer und biografischer Perspektive. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1643-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10952.php, Datum des Zugriffs 05.12.2020.


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