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Linda Polman: Die Mitleidsindustrie

Cover Linda Polman: Die Mitleidsindustrie. Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 267 Seiten. ISBN 978-3-593-39233-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Autorin

Die Autorin ist Journalistin und Autorin mehrerer Bücher. Sie war jahrelang Korrespondentin in Zusammenhang mit internationalen Hilfseinsätzen in humanitären und militärischen Krisenregionen.

Entstehungshintergrund

Inhaltlicher Ausgangspunkt ist der Streit zwischen Henri Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes und Florence Nightingale, der bekannten Krankenschwester und Reformerin im Bereich der Krankenpflege. Während Dunant für eine bedingungslose Pflege Verwundeter in Krisenregionen eintrat, argumentierte Nightingale, dass diese letztlich die Dauer und Häufigkeit von Kriegen erhöhen würde.

Die Frage, ob Spendengelder aus humanitären Hilfsaktionen letztlich bewirken, was sie bezwecken, ist auch heute noch aktuell: Hilft die Hilfe, oder richtet sie am Ende mehr Böses als Gutes an?

Aufbau und Inhalt

In dem Buch geht es um die Rolle und die Verantwortung der Katastrophenhilfe als Waffe in Kriegen und Konflikten.

Nach Ende des kalten Krieges veränderten sich die Art der Kriege und die Rolle von Hilfsorganisationen. Statt der Supermächte gewannen lokale Kampfparteien an Einfluss, und die Zahl der Hilfsorganisationen explodierte. Das IRK schätzt dass bei jeder größeren Katastrophe im Schnitt tausend Hilfsorganisationen aktiv sind. In vielen Fällen verschlimmern diese die Situation.

Nach einer Einleitung, in der das zentrale Dilemma aufgerissen wird, wird anhand der ethischen Katastrophe in Ruanda die Rolle von Hilfsorganisationen aufgezeigt. Nach einem fast erfolgreichen Genozid an Tutsi (800 000 Tote) flüchteten die Hutu vor dem Tutsi-Heer aus Ruanda u.a. nach Goma, im ehemaligen Zaire. Die Öffentlichkeit, die Bilder dieses „umfangreichsten Exodus“ der Geschichte der humanitären Hilfe medial vermittelt bekam, ging davon aus, dass es sich um Opfer handelte und nicht um jene, die den Genozid begangen hatten und hier letztlich einen taktischen Rückzug angetreten hatten. Das Flüchtlingslager war in den Medien, für internationale Hilfe leicht zugänglich neben einer Landebahn und Bilder der Choleratoten lösten eine internationale Spendenaktion und letztlich auch selbstverstärkende Kreisläufe aus: „Je mehr Geld zur Verfügung stand, desto mehr humantiäre Hilfsorganisationen kamen nach Goma, um mitzuhelfen, das Geld auszugeben, und mit ihnen mehr Journalisten, um die Rettungsaktionen zu filmen.“ (31) Die Situation der Hutu, welche den Genozid verursacht hatten, war letztlich deutlich besser als jene ihrer Opfer, die im zerstörten und von den Hutu leergeräumten Ruanda geblieben waren. Auch während der Zeit ihrer Betreuung in Lagern verrichteten Hutu weitere Morde an Tutsi, die aufgrund der Neutralität der Helfer, zu denen auch militärische Kontingente gehörten, nicht geahndet wurden. Die Autorin argumentiert, dass der Krieg zwischen Hutu und Tutsis sich ohne Hilfe schneller totgelaufen hätte.

Im Kapitel Vertragsfieber geht es um die Folgen des internationalen Marktes für Wohltätigkeit, die mittlerweile wie big business geführt wird, sich in hohem Maß an medialer Aufmerksamkeit orientiert, hilfsbedürftige Menschen funktionalisieren und Fakten manipulieren. Kapitalistische Prinzipien gelten demnach auch für NGOs – je reicher eine NGO, desto mehr Gelder bekommen sie.

Das Kapitel Mongos (my own ngo) beschreibt den unkontrollierten Wildwuchs von z.T. höchst unprofessionellen, privaten Organisationen, die oft ohne politischen oder fachlich-medizinischen Hintergrund unkoordiniert „helfen“. Ähnlich argumentiert das Kapitel donor darlings, am Beispiel amputierter Menschen in Sierra Leone, auch hier wird unkoordiniert, schlecht informiert und unkontrolliert agiert, etwa wenn Amputierte pro Tag mehrmals mit NGO-Vertretern für Fotoaufnahmen posieren, ihren Jobs nicht nachgehen, weil sie zu Terminen mit Helfern müssen, oder Kinder ohne Zustimmung der Eltern adoptiert werden.

Im Kapitel Humanitäre Hilfe als Kriegswaffe wird aufgezeigt, wie mittels Hilfsgüterlieferungen direkt oder indirekt kriegsführende Truppen finanziert werden.So mussten Hilfsorganisationen z.b. 2007 in Afghanistan den Taliban ein Drittel der Hilfsgüter übergeben, geschätzte dreißig Prozent der Tsunami-Hilfe wurden an indonesische Militärs gegeben, ein ebenso hoher Anteil an serbische Streitkräfte in Ex-Jugoslawien. „Von dem, was die Verhandlungen mit den INGOs einbringen, essen und bewaffnen sich kämpfende Gruppen und sie kaufen sich damit ihren Anhang.“ 109 Das Geld wird in vielfältiger Form wie Einfuhrzölle auf Hilfsgüter, Gebühren für Arbeitsgenehmigungen bis zur Steuer auf Impfungen von Kindern einbehalten. Geschätzte 15 – 20 Prozent der Bewohner von Flüchtlingscamps sind refugee warriors, die sich in Flüchtlingslagern ernähren und medizinisch versorgen lassen, während sie gleichzeitig in Kriegen aktiv sind bzw. diese im Camp selbst fortsetzen. „Nahrungsmittelhilfe in ein Kriegsgebiet zu bringen, kann unterm Strich auf eine Art von Waffenlieferung hinauslaufen.“ 129 So werden Vorräte von den Militärs z.T. selbst aufgebraucht oder verkauft, um die Kriegskassen zu füllen. Ein weiteres Thema sind ethische Fragen rund um willentlich verursachte Hungersnöte, wie z.B. in Biafra bzw. um strategische Instrumentalisierung von Nahrungsmittelhilfe.

Den Abschluss bildet das Glossar „Aid Speak“, welches anhand des verbreiteten (Fach)Vokabulars in Zusammenhang mit internationaler Hilfe Informationen, Irrationalitäten und Absurditäten auflistet.

Diskussion

Das Buch macht nachdenklich, es legt den Finger auf eine Wunde. Dort, wo es die gestellte Problematik auf die Frage „Helfen oder Nicht-Helfen“ zuspitzt, öffnet es moralisch heikle, schwer beantwortbare Fragen. Dort wo es um die Frage von Transparenz, differenzierter Evaluation und Kontrolle und der kritischen Beurteilung der Effekte von Hilfsleistungen geht, wird die Antwort moralisch einfacher, praktisch aber immer noch hoch sensibel und im Alltagsgeschäft störanfällig.

In einigen Aspekten wäre eine konsequentere Zusammenarbeit von NGOs zielführend, z.B. durch die Akzeptanz von Monopolen von Hilfsorganisationen in einzelnen Regionen, um damit gegen Missbrauch der Hilfe vorzugehen.

In Bezug auf die Hilfe in Katastrophen, die aus Naturkatastrophen und nicht aus gewaltsamen Konflikten resultieren, ist das Dilemma nicht ganz so drastisch, hier geht es nicht um die Gefahr, mittels Hilfeleistung die Aggressoren bzw. kriegsführenden Parteien zu stärken, sondern „nur“ um Korruption und das Versickern von Hilfsgeldern. So glaubwürdig die Beispiele im Buch sind, eine Gefahr liegt jedenfalls darin, die oft wichtige Rolle der Hilfsorganisationen in Zusammenhang mit Naturkatastrophen pauschal zu verunglimpfen.

Fazit

Das Buch ist jedenfalls empfehlenswert, spannend zu lesen und höchst aktuell. Es ist populärwissenschaftlich orientiert, was die Lesbarkeit deutlich erleichtert, hin und wieder wird allerdings etwas populistisch argumentiert.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 20.04.2011 zu: Linda Polman: Die Mitleidsindustrie. Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39233-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10953.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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