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Kurt Gerwig: Neues für die Welt der Kinder - Innovationen aus der Elementarpädagogik

Kurt Gerwig: Neues für die Welt der Kinder - Innovationen aus der Elementarpädagogik. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2011. 25,00 EUR.

Vol. 2. DVD 14 Min. mit 16-seitigem Booklet. Preis zzgl. Versand u. MwSt. die Bezugsquelle: www.av1-shop.de.


Thema

Im Mittelpunkt der vorliegenden DVD steht der Anspruch, mit Hilfe von drei kurzen Filmbeiträgen Innovationen aus der Elementarpädagogik zu verbreiten.

Autor

Kurt Gerwig ist Sozialpädagoge und freier Filmemacher.

Aufbau und Inhalt

Die professionell erstellte DVD besteht aus drei Filmen mit insgesamt 44 Minuten Länge:

  1. Männer in das Kitas (20 min.)
  2. Marte-Meo-Videoberatung (14 min.)
  3. Mehrgenerationenprojekt (10 min).

Der erste Filmbeitrag ist ein deutliches Plädoyer für mehr Männer als Erzieher in Kindertageseinrichtungen. In Anlehnung an die Initiative der amtierenden Familienministerin Schröder will der Beitrag dafür werben, dass sich mehr Männer für den Beruf des Erziehers interessieren. Zwei Kindertageseinrichtungen in Köln und Frankfurt, in denen bereits mehrere Männer tätig sind, werden ausführlich vorgestellt. Dabei kommen diese Erzieher zu Wort, ihre Leitungen, ihre Kolleginnen sowie Eltern. Wie nicht anderes zu erwarten, wird die Mitwirkung dieser engagierten Männer von allen Beteiligten als Erweiterung und Bereicherung erlebt. Auf der Suche nach Erklärungen, warum denn so wenige Männer (nur ca. drei Prozent) als Erzieher in Kindertagesstätten arbeiten, geht der Autor einen eigenwilligen Weg. Er führt zu Beginn kurz aus, dass häufig als Hauptgrund die schlechte Bezahlung genannt wird, möchte aber durch diesen Film eine andere Perspektive anbieten. Deshalb fokussiert er auf drei Vorurteile, die nach seiner Meinung verhindern, dass mehr Männer in die Kita finden. Das erste Vorurteil besagt, dass Kindererziehung eine Domäne der Frau sei und Frauen keine „Machos“ in ihrer Einrichtung wollten, so dass Männer einfach nicht willkommen seien. Ergänzend dazu führt ein Dipl.-Psychologe aus, dass die in Kitas anzutreffenden Männer in der Regel keine „typischen Männer“ seien, sondern besonders sensibel und empathisch. Diese Männer fühlten sich für diese andere Art Tätigkeit wie berufen. Das zweite Vorurteil besagt, dass Männer und Kleinkinder nicht zusammenpassen. Um dies widerlegen zu können, gelte es, neue gesellschaftliche Männerbilder zu entwickeln. Dabei wird durch eine männliche Leitungskraft die Gefahr formuliert, dass Frauen in der Einrichtung den Männern von ihnen erwünschte Rollen überstülpen könnten, weshalb allen Männern in Kitas empfohlen wird, eigene Peergruppen zur kollegialen Unterstützung und Reflexion zu bilden. Das dritte Vorurteil besagt, dass möglicherweise der Verdacht von sexuellem Missbrauch aufkommen könnte. Die Praxis offener Räume, ein reflektiertes Selbstverständnis und der Schutz des Teams sollen hier sichere Grenzen garantieren. Diese drei Vorurteile könnten ihre Wirkung bei den Trägern der Einrichtungen, bei den Frauen in der Einrichtung sowie bei den Eltern zeigen. Da die befragten Träger und die interviewten Eltern im Film aber nur positive Beiträge zum Gewinn durch die männlichen Kollegen einbringen, blieben nur die Kolleginnen, um diese Vorurteile zu transportieren. Es wird aber deutlich, dass alle befragten Erzieherinnen, sei es als Leitung oder als Kollegin, sehr positiv über die Mitwirkung ihrer männlichen Kollegen sprechen. Wo wären also die Vorurteile wirklich festzumachen? Eine Idee dazu ist, dass es um die vermeintliche Kraft solcher Vorurteile gar nicht so gut bestellt ist. Was der Beitrag weitgehend vernachlässigt, ist der strukturelle Genderaspekt der Thematik. Dies teilt der Filmemacher scheinbar mit der amtierenden Familienministerin. Wäre Erzieherin schon immer ein Männerberuf, würde er sicher auch besser bezahlt. Es führt nicht weiter, wenn letztlich die beschäftigten Frauen in der Verantwortung stehen sollen, „offen für Männer“ zu sein. Es ist gut und richtig, in heutiger Zeit jüngere Männer für die wichtige Arbeit in einer Kindertagesstätte zu sensibilisieren und zu werben. Erfolge wird dies aber wahrscheinlich nur zeigen, wenn alle relevanten Faktoren für eine solche Entscheidung berücksichtigt werden.

Im zweiten Filmbeitrag wird ein kurzer Einblick in die Marte-Meo-Videoberatung gegeben. Marte Meo, sinngemäß etwas aus eigener Kraft erreichen, ist eine entwicklungsfördernde Kommunikationsmethode, die die Holländerin Maria Aarts entwickelt hat. Im Zentrum der Methode steht die Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen mit Hilfe von Videofilmen aus dem Alltag. Im Film kommt die Begründerin Maria Arts in einem Interview zu Wort. Erzieherinnen berichten von der positiv erfahrenen Unterstützung durch die Reflexion der Videofilme, die Ausschnitte aus ihrer Arbeit zeigen. Ein kleines Beispiel zeigt eine Supervisionsarbeit anhand eines solchen Films. Insgesamt berichtet der Film sehr wertschätzend über diese Form von Beratung von Fachkräften in Kindertagestätten. Was zu kurz kommt, ist die Thematik der notwendigen Qualifizierung für die Arbeit mit der Methode. All zu leicht kommt der Eindruck auf, mit einer Kamera und etwas gutem Willen könne da ohne größeren Aufwand viel Positives bewirkt werden. Hier hätte der Hinweis gut getan, dass eine erfolgreiche Anwendung in der Praxis eine qualifizierte Weiterbildung in der Methode zwingend voraussetzt.

Im dritten Filmbeitrag wird die schöne Idee eines Mehrgenerationenprojektes vorgestellt. An konkreten Beispielen aus Hessen wird aufgezeigt, wie in zum Teil langjährigen Projekten alt und jung zum gegenseitigen Vorteil zusammenkommen, um gemeinsame Aktivitäten zu erleben und Freude zu teilen. Anschauliche Bilder zeigen, wie auf verschiedene Weisen ältere Menschen ihre Lebenserfahrungen an jüngere Kinder weitergeben, welche den Kontakt mit den Senioren sichtlich genießen. Es wird deutlich, dass das Prinzip Geben und Nehmen von den Initiatorinnen sehr ernst genommen wird. Deutlich wird aber auch, dass ein solches Projekt nicht im Selbstlauf zu entwickeln ist. Es bedarf viel Engagement und Ausdauer, um in vielen kleinen Schritten ein solchen Projekt zu initiieren und länger durchzuhalten. Da heutzutage viele kleine Kinder leider nicht mehr ohne weiteres ihre Grosseltern erleben können, ist diese Begegnung mit älteren Menschen zusätzlich ein großer Gewinn für die Kinder. Den Senioren wiederum macht es nicht nur sichtlich viel Freude, sondern gibt zusätzlich das gute Gefühl, etwas sehr sinnvolles zu tun. Bei aller Wertschätzung ist auch zu diesem Film anzumerken, dass eher kritische Aspekte erst gar nicht thematisiert wurden. So hätte beispielsweise gefragt werden können, wie es in der Praxis gelingen kann, dass die altersbezogen deutlich unterschiedlich wahrgenommen Lärmbelastungen und Ruhebedürfnisse von Jungen und Alten gut miteinander vereinbart werden können.

Zielgruppen

Die DVD richtet sich an Menschen, die beruflich oder privat einen Bezug zum Thema Frühpädagogik haben.

Fazit

Es ist eine DVD, die drei informative und anregende Beiträge enthält. Speziell bei den Interviews im ersten Film hätte man sich teilweise eine für den Betrachter günstigere Kameraeinstellung gewünscht. Was an wichtigen Informationen in den Filmbeiträgen fehlt, wird am Ende der Beiträge durch die Nennung von Internetadressen zur Vertiefung kompensiert. Insgesamt lohnt es sich, die DVD anzuschauen.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 04.07.2011 zu: Kurt Gerwig: Neues für die Welt der Kinder - Innovationen aus der Elementarpädagogik. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2011. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10959.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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