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Rosmarie Barwinski (Hrsg.): Erwerbslosigkeit als traumatische Erfahrung

Cover Rosmarie Barwinski (Hrsg.): Erwerbslosigkeit als traumatische Erfahrung. Psychosoziale Folgen und traumatherapeutische Interventionen. Asanger Verlag (Kröning) 2011. 193 Seiten. ISBN 978-3-89334-544-1. 29,50 EUR.

Reihe: Psychotraumatologie, Psychotherapie, Psychoanalyse - Band 25.
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Thema

„Wie lassen sich die psychischen Folgen von Arbeitsplatzverlust und Erwerbslosigkeit erklären und mildern? Zur Beantwortung beziehen sich die Autoren vor allem auf Erklärungsansätze aus dem Bereich der Psychotraumatologie … Es wird vor allem solchen Erwerbslosen oder sekundär Betroffenen Beachtung geschenkt, die bis bisher vernachlässigt wurden.“ (4. Umschlagseite)

Herausgeberin

Die Herausgeberin Rosmarie Barwinski, Jg. 1956, PD Dr. phil., ist Psychoanalytikerin, Psychotherapeutin und Privatdozentin an der Universität Köln. Sie leitet das Schweizer Institut für Psychotraumatologie. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört u. a. die Analyse der potentiell traumatisierenden Wirkung von Arbeitslosigkeit auf die Betroffenen. Hierzu liegen von ihr zahlreiche Publikationen vor, u. a. hat sie 2005 ein Themenheft „Trauma und Erwerbslosigkeit“ der Zeitschrift für Psychotraumatologie und Psychologische Medizin (Heft 4, Jg. 3) herausgegeben.

Die AutorInnen des Bandes sind PsychologInnen, PsychotherapeutInnen, ÄrztInnen und SozialwissenschaftlerInnen, viele von ihnen sind schwerpunktmäßig in praktischen (therapeutischen oder beratenden) Feldern tätig.

Entstehungshintergrund

„In den meisten Veröffentlichungen zu den unterschiedlichen Folgen von Erwerbslosigkeit werden die belegten psychischen Auswirkungen nicht mit dem Traumabegriff in Zusammenhang gebracht. … Im vorliegenden Sammelband soll dementsprechend die Wechselwirkung zwischen sozialer Situation und intrapsychischen Faktoren in den Vordergrund gestellt werden und anhand psychotraumatologischer Konzepte aufgezeigt werden, wie Beeinträchtigungen des psychischen Befindens der Betroffenen aufgrund sozialer und subjektiver Faktoren verstanden werden können. … In den einzelnen Beiträgen des Sammelbandes geht es darum aufzuzeigen, warum welche Verhaltensweisen und Rahmenbedingungen negative psychische Entwicklungen bei den Betroffenen fördern und wie diesem Prozess entgegen gewirkt werden kann.“ (Barwinski, Einleitung, S. 13, 15).

Aufbau …

Der Band unterteilt sich in die Bereiche „I. Grundlagen“ (S. 11-38), „II. Gruppen von Erwerbslosen und sekundär Betroffenen“ (S. 39-150) und „III. Interventionsformen und Leitlinie für die Beratung“ (S. 151-193).

  • Vorwort, S. 11-12 (Gottfried Fischer)
  • Einleitung, S. 13-17 (Rosmarie Barwinski)
  • Psychische Folgen von Erwerbslosigkeit, Kennzeichen der sozialen Situation von Erwerbslosen und erklärende Konzepte, S. 19-38 (Rosmarie Barwinski)
  • Selbst gewählte Arbeitslosigkeit: das Problem der Ich-Aktivierung und der Traumaabwehr, S. 39-51 (Hans Holderegger)
  • Wenn Arbeit verboten ist: Arbeitslosigkeit und Beschäftigung bei traumatisierten Flüchtlingen, S. 53-77 (Marianne Rauwald)
  • Arbeitslosigkeit oder prekäre Arbeit im Status der Vorläufigkeit. Über Folgen kumulativer Retraumatisierung auf Grund asylrechtlicher Diskriminierung und traumatherapeutischer Zielsetzung existentieller Zustimmung, S. 79-102 (Maja Wicki-Vogt)
  • Arbeitslose "Kinder" und ihre Eltern: Der Einfluss von Arbeitslosigkeit auf Kinder, S. 103-128 (Monika Dreiner)
  • Körperliche und seelische Störungen älterer Menschen beim Wegfall von Arbeit und Beruf, S. 129-150 (Kurt Mosetter und Reiner Mosetter)
  • Leitlinien für die Beratung und Therapie: Welche psychosozialen Interventionen machen Sinn? S. 151-167 (Doreen Merkel)
  • Ein Beratungskonzept für den Umgang mit traumatisierten Erwerbslosen, S. 169-186 (Rosmarie Barwinski)

… und ausgewählte Inhalte

Rosmarie Barwinski schildert im Kapitel „Psychische Folgen von Erwerbslosigkeit“ einige grundlegende Erkenntnisse der bisherigen Forschung, wobei insbesondere der sozialen Situation von Erwerbslosen Aufmerksamkeit geschenkt wird. Sie führt auf mögliche Erklärungsmodelle der psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit hin und stellt das psychoanalytische Modell der Traumatisierung und dessen Anwendung auf die Erwerbslosenforschung vor.

Der Beitrag von Hans Holderegger zum Thema „Selbst gewählte Arbeitslosigkeit“ schildert das Fallbeispiel eines über 40jährigen Studenten, der aufgrund ererbter finanzieller Mittel seit über 15 Jahren keiner nennenswerten Beschäftigung nachgeht. Aus dieser speziellen Variante von Arbeitslosigkeit resultierten bei dem Patienten zahlreiche behandlungsbedürftige psychische Störungen (u. a. Depressivität), deren traumatherapeutische Aufarbeitung beschrieben wird.

Martina Rauwald und Maja Wicki-Voigt greifen in ihren Kapiteln das Thema Arbeitslosigkeit bei Flüchtlingen auf. Beide stützen sich dazu auf Fallbeispiele von Asylsuchenden nach dem Bosnienkrieg und zeigen, wie das aktuelle Trauma der Arbeitslosigkeit mit den im Krieg erlebten Traumata interagiert und zur weiteren Verschlechterung des psychischen Zustandes der Betroffenen beiträgt. Martina Rauwald schildert dazu die Situation in Deutschland, Maja Wicki-Voigt für die Schweiz.

In ihrem Text richtet Monika Dreiner den Fokus auf eine bislang wenig beachtete Subgruppe der von Arbeitslosigkeit direkt oder indirekt Betroffenen: Die Kinder arbeitsloser Eltern. Sie schildert dazu einige Befunde aus der Literatur, insbesondere die Auswirkungen auf die Kinder selbst sowie die Familiensysteme. Diese Ergebnisse werden in einem traumatherapeutischen Kontext gestellt, u. a. wird ein vierstufiger Verlaufsprozess der Entwicklung eines kumulativen Traumas infolge elterlicher Arbeitslosigkeit beschrieben.

Dass der Eintritt ins Rentenalter und damit der Wegfall von Arbeit und Beruf keineswegs nur ein positives Ereignis darstellen kann, sondern von einigen Menschen auch als sehr belastend erlebt wird, da die berufliche Tätigkeit als „Zeitgeber“ entfällt, beschreiben Kurt und Reiner Mosetter. Als eine therapeutische Möglichkeit zum Umgang mit diesem Problem schildern sie in ihrem Kapitel ausführlich die von ihnen entwickelte „Myoreflextherapie“.

Einen Überblick über ausgewählte psychosoziale Interventionen für Arbeitslose gibt der Beitrag von Doreen Merkel. Sie geht dabei vor allem auf Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, fachliche Qualifizierungen und Interventionen zur Verbesserung der Bewerbungskompetenz ein. Im Text wird betont, dass nicht nur Wiedervermittlungsquoten ein Erfolgskriterium für solche Maßnahmen darstellen, sondern auch die Förderung/der Erhalt der (psychischen) Gesundheit der Betroffenen unbedingt berücksichtigt werden sollen. Im abschließenden Kapitel schlägt Rosmarie Barwinski ein elaboriertes „Beratungskonzept für den Umgang mit traumatisierten Erwerbslosen“ vor. Sie geht dabei u. a. auf die Verarbeitungsphasen, die therapeutischen Aufgaben und die Indikationen für traumatherapeutische Interventionen ein.

Diskussion

„Die traumatische Erfahrung der Erwerbslosigkeit und ihrer Folgen ist meines Wissen bisher noch nirgends so gründlich und umfassend in ihrer menschlichen, in ihrer individuellen und sozialen Dimension beleuchtet worden wie in diesem Band.“ (Fischer, Vorwort, S. 12).

Das Verständnis von Arbeitslosigkeitserfahrungen als Trauma ist ein faszinierender, wissenschaftlich wie auch praktisch-therapeutisch höchst interessanter Ansatz. Die Aufsätze dieses Bandes leisten somit, um dem Zitat von Fischer zu folgen, einen wichtigen Beitrag zur weiteren Auseinandersetzung mit diesem Denk-, Forschungs- und Behandlungsansatz. Versteht man Arbeitslosigkeit in Übereinstimmung mit den AutorInnen als traumatisches Ereignis, bietet sich zum einen ein Erklärungsmodell, um die vielfältigen psychischen Beeinträchtigungen Erwerbsloser besser einordnen zu können. Zum anderen leiten sich aus der psychotraumatologischen Forschung und Praxis zahlreiche Behandlungsoptionen ab, die damit auch für die Gruppe der Arbeitlosen in Frage kommen. Weiterhin kann das traumatologische Verständnis des Arbeitsplatzverlustes entscheidend zur Entstigmatisierung von Betroffenen beitragen.

Zum Thema Arbeitslosigkeit und Trauma liegen insgesamt nur wenige, meist qualitative Studien vor. Diese werden durch die Beiträge des Bandes ergänzt, ohne wesentliche, neue wissenschaftliche Impulse hervorzubringen. Die AutorInnen sind mehrheitlich PraktikerInnen und berichten interessante praktische Beispiele aus ihrer therapeutischen Arbeit, im Wesentlichen unter Verzicht auf umfassende (systematische) Überblicke über den Stand der Forschung. Die Erweiterung des Kreises der AutorInnen um einige eher universitär-akademische ArbeitslosigkeitsforscherInnen hätte aus meiner Sicht eine Bereicherung des Gesamtkonzepts darstellen können.

Der Fokus auf fallorientierte Darstellungen ist durch die Herausgeberin erwünscht, ermöglicht er doch den Blick auf die angesprochenen Sub-/Randgruppen von arbeitslosen Personen, die ebenfalls durch die Forschung bislang sehr vernachlässigt wurden und die nun im Zentrum des Bandes stehen sollen. Damit kommt allerdings die Sicht auf das Gesamtproblem, auf die Gruppe der „normalen“ Arbeitslosen, m. E. in diesem Band etwas zu kurz (Ausnahme der Beitrag von Merkel und in Teilen das Grundlagenkapitel von Barwinski), weshalb auch der Buchtitel insgesamt etwas mehr verspricht, als er zu halten vermag.

„Das Buch richtet sich an Berater/innen von Erwerbslosen, an Betroffene und wissenschaftlich Interessierte, aber auch an Unternehmer und Politiker …“ (4. Umschlagseite). Viele der Beiträge (z. B. Holderegger, Rauwald) werden den gesetzten Zielgruppen aus meiner Sicht nicht gerecht, da sie ein recht hohes Verständnisniveau und zumindest Grundkenntnisse psychoanalytischen Denkens erfordern. Weiterhin könnten die angesprochenen Leserkreise schnell enttäuscht werden, da allgemeingültige, einfache, praktische Ratschläge aus den vorgestellten Fällen naturgemäß nicht ableitbar sind.

Die psychotraumatologische Sicht auf die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die seelische Gesundheit erfolgt ausschließlich aus psychoanalytischer oder tiefenpsychologischer Sicht. Andere Therapieschulen, wie etwa die Verhaltenstherapie, die ebenfalls sehr gute Ergebnisse in der Behandlung von Traumafolgestörungen zeigen konnten, werden in dem Band leider nicht erwähnt.

Wie häufig bei Sammelbänden äußert sich an einigen Stellen die Individualität der AutorInnen auch in individuellen, formalen Gestaltungen. So lassen die Literaturverzeichnisse der einzelnen Beiträge eine editorische, verlegerische Pflege etwas vermissen und zeichnen sich vor allem durch Uneinheitlichkeit aus (Bsp.: Auf S. 77 sind mehrere Quellen doppelt aufgeführt).

Fazit

In dem Band werden, meist unter Verwendung von Fallbeispielen, die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit und mögliche Behandlungsoptionen unter Heranziehung (psychoanalytischer) Traumamodelle erläutert. Im Fokus stehen dabei bislang nur wenig untersuchte Subgruppen von Erwerbslosen wie etwa Flüchtlinge oder die Kinder von arbeitslosen Eltern.


Rezension von
PD Dr. rer. medic. Hendrik Berth
Dipl.-Psych.
Kommissarischer Leiter am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Tätigkeitsfelder: Transformationsforschung, Inhaltsanalyse, Krankheitsbewältigung, Psychologische Aspekte der Humangenetik, Arbeitslosigkeit und Gesundheit
Homepage www.medpsy.de


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Zitiervorschlag
Hendrik Berth. Rezension vom 14.03.2012 zu: Rosmarie Barwinski (Hrsg.): Erwerbslosigkeit als traumatische Erfahrung. Psychosoziale Folgen und traumatherapeutische Interventionen. Asanger Verlag (Kröning) 2011. ISBN 978-3-89334-544-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10964.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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