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Stefan Thomas: Exklusion und Selbstbehauptung

Cover Stefan Thomas: Exklusion und Selbstbehauptung. Wie junge Menschen Armut erleben. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 447 Seiten. ISBN 978-3-593-39193-9. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 72,90 sFr.

Reihe: Campus Forschung - Band 946.
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Thema

Jugendarmut hat sich in einem reichen Land wie der Bundesrepublik Deutschland zu einer gravierenden Problematik entwickelt. Zwar sind viele Jugendliche nur vorübergehend arm und finden nach diversen Praktika schließlich den Einstieg in eine Erwerbsarbeit, doch die Gruppe der Jugendlichen, die dauerhaft arm sind, nimmt zahlenmäßig zu. Diese sind großenteils schon in nachteiligen sozialen Verhältnissen aufgewachsen und weisen geringe Bildungschancen auf (vgl. u.a. Chassé, 2010).

In der Sozialen Arbeit und in kirchlichen Kreisen findet diese Thematik zunehmend Beachtung. Allerdings ist die Brisanz der Jugendarmut in der breiten Öffentlichkeit, auch der politischen, anscheinend noch nicht wirklich erkannt worden. So sind die Strategien, die auf eine Verbesserung der Situation dieser Jugendlichen zielen, hauptsächlich karitativ und sozialarbeiterisch ausgerichtet. Zweifellos sind sie geeignet, um die unmittelbaren Bedrückungen abzumildern, jedoch – und das zeigt die Studie von Stefan Thomas – müssen die Ursachen für die Jugendarmut angegangen werden. Dies ist als eine gesellschaftliche bzw. politische Aufgabe anzusehen.

Häufig werden jedoch Persönlichkeitseigenschaften der Betroffenen als Ursache der Dauerarmut in den Vordergrund gestellt und objektive gesellschaftlichen Ursachen vernachlässigt. Vor allem in den Medien ist eine solche Tendenz zur Psychologisierung von Armut erkennbar.

Autor

Dr. Stefan Thomas ist Diplom-Psychologe und Dozent an der Freien Universität Berlin.

Entstehungshintergrund

Der Autor führte eine teilnehmende Beobachtung am Berliner Bahnhof Zoo im Rahmen seines Dissertationsprojektes durch. Hier traf er sich über einen Zeitraum von etwa einem Jahr immer wieder mit Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen (Altersgruppe 18 bis 26 Jahre), die als extrem arm gelten können.

Inhalt

In der Einleitung begründet Thomas seine interdisziplinäre Forschungsweise. Er möchte die Vermittlung zwischen sozialen Bedingungen, insbesondere die spezifischen Exklusionsformen sowie die damit korrespondierenden psychischen Verarbeitungsformen ermitteln. Ein sehr anspruchsvolles Vorhaben. Schon deshalb, weil die meisten Psychologen eine Untersuchung psychischer Prozesse von Individuen vornehmen, indem sie von deren sozialen und kulturellen Bindungen abstrahieren.

Unter dem Blickwinkel der Exklusion erfasst Thomas die sozialen Bedingungen einer Gruppe von extrem armen Jugendlichen: Zunächst beschreibt er den Lebensmittelpunkt dieser Jugendlichen, nämlich den „Bahnhof Zoo“, der als ein „marginalisierter Ort“ gelten kann. Anhand von Interviewdaten kann er die Exklusionsmechanismen herausarbeiten, die die Jugendlichen während ihrer Sozialisation erfahren haben. Schulische Schwierigkeiten sind nur eine Problematik, die jedoch entscheidend die Integration in die Arbeitswelt erschwert.

Im Kapitel „Exklusion am Arbeitsmarkt“ werden vor allem die peripheren und informellen Bereiche angeführt, in denen die Jugendlichen gelegentlich „Arbeit“ finden, wie z. B. 1-Euro-Jobs, aber auch Sexarbeit und Drückerjobs. Solche Passagen im beruflichen Werdegang lassen eine Integration in die reguläre Erwerbsarbeit extrem unwahrscheinlich werden.

Die „Ökonomische Exklusion“ wird durch einen Vergleich mit „Konsum- und Lebensmöglichkeiten“ der Mittelschicht veranschaulicht. Hier sind deutliche Unterschiede zu Jugendlichen der Mittelschicht feststellbar, vor allem dass Armut eine massive Einengung von Konsum, Teilhabe und Kommunikation mit sich bringt, d.h. generell die Lebensmöglichkeiten einschränkt.

Im Abschnitt „Räumliche Exklusion“ wird die Wohnungslosigkeit als gravierender Ausschlussmechanismus hervorgehoben. Durch die „Wahl“ des Ortes „Bahnhof Zoo“, wodurch die betreffenden Jugendlichen sich in gewisser Weise einen Rest von Integration zu sichern suchen - dabei auf ihresgleichen verwiesen sind -, führen sie eine weitere Exklusion gegenüber der Mehrheitsgesellschaft herbei.

Die „Institutionelle Exklusion“, die beispielsweise die Form der Diskrimination durch Behörden annehmen kann, ist ein Phänomen, das in modernen komplexen Gesellschaften zunehmend zu beobachten ist. Gerade auch deshalb, weil immer umfassendere Kompetenzen – etwa auf dem Gebiet des Verwaltungsrechts oder der sozialen Rechte – für einen adäquaten Umgang mit Institutionen erforderlich werden. Genau diese bringen die armen Jugendlichen nicht mit und geraten daher immer mehr ins Hintertreffen.

Unter „Soziale Exklusion“ fasst Thomas vor allem Gruppenzugehörigkeit und zwischenmenschliche Beziehungen. Auch hier sind die jungen Leute vom Bahnhof Zoo benachteiligt: Kaum jemand von ihnen hat tragfähige Freundschaftsbeziehungen, sondern nur viele oberflächliche Kumpel-Kontakte.

Im Kapitel „Kulturelle Exklusion“ geht er auf das unsolidarische Verhalten der armen Jugendlichen untereinander ein: Sie ziehen übereinander her, denunzieren sich gegenseitig, machen den anderen schlecht u.ä.

In zwei großen Kapiteln „Exklusion und Sinn“ sowie „Exklusion und Handlung“ legt Stefan Thomas die psychischen Aspekte, etwa Verarbeitung, Deformation, eingeschränkte Handlungsfähigkeit, fragmentierte Identität, Demütigungen und Kränkungen etc. der extrem armen Jugendlichen dar. Diese Phänomene werden in Bezug zu den sozialen Exklusionsbedingungen analysiert. Dadurch wird für den Leser nachvollziehbar, welche sozialen bzw. sozialpsychologischen Mechanismen die Armut der Jugendlichen und ihr Leben in prekären Verhältnissen aufrecht erhalten.

Diskussion

Thomas zeigt, dass gesellschaftlich bedingte Exklusion zu erheblichen Desintegrationsproblemen bei armen Jugendlichen führt, die kaum durch punktuelle psychosoziale Interventionen behoben werden können. Er mahnt eine umfassende gesellschaftliche Diskussion an, ob man sich solchermaßen arme und desintegrierte Gruppen in unserer Gesellschaft leisten möchte.

Um einen angemessenen Umgang mit der Armutsproblematik zu erreichen, müssen u.a. die Diskurse, welche eine Personalisierung des Elends propagieren, überwunden werden.

Fazit

Stefan Thomas hat eine überzeugende Studie vorgelegt. Es ist ihm gelungen die Exklusionsmechanismen für arme Jugendliche, die vornehmlich gesellschaftlich bedingt sind, systematisch herauszustellen. Da er des weiteren die Handlungsweisen dieser Jugendlichen, ihre Gedanken- und Gefühlswelt in Relation zu den Lebensbedingungen analysiert, gewinnt der Leser ein tieferes Verständnis für die Probleme armer Jugendlicher.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Peter Michels
Dipl.-Psychol.


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Zitiervorschlag
Hans-Peter Michels. Rezension vom 16.05.2011 zu: Stefan Thomas: Exklusion und Selbstbehauptung. Wie junge Menschen Armut erleben. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39193-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10974.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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