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Michael Vilain: Finanzierungslehre für Nonprofit-Organisationen

Cover Michael Vilain: Finanzierungslehre für Nonprofit-Organisationen. Zwischen Auftrag und ökonomischer Notwendigkeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 361 Seiten. ISBN 978-3-8100-3932-3. 49,90 EUR.
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Autor

Michael Vilain ist Betriebswirt und war als geschäftsführender Gesellschafter eines mittelständischen Betriebes tätig. Er studierte parallel dazu Politikwissenschaft und Wirtschaftspolitik. Die vorliegende Arbeit entstand während seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wo sie als Dissertation angenommen wurde. Seit 2004 arbeitet der Autor als Geschäftsführer des Zentrums für Nonprofit-Management in Münster.

Thematik

Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung von Nonprofit-Organisationen (NPO) hat in den letzten 15 Jahren deutlich zugenommen. Dies lässt sich nicht nur an der steigenden Zahl dieser Organisationen ablesen, sondern vor allem auch daran, dass im intermediären „Dritten Sektor“, im Unterschied zum ersten („Markt“) und zweiten („Staat“) insgesamt ein kontinuierlicher Beschäftigungsaufbau stattgefunden hat. Zugleich haben sich die Anforderungen an die (Selbst-)Organisation und die Leistungsqualität erhöht, was wiederum mit erweiterten Ansprüchen an die Qualifikation und Professionalität der in diesem Bereich Tätigen verbunden ist.

Dieser Bedeutungszuwachs hat sich allerdings nicht in einem entsprechenden Anstieg der verfügbaren Finanzmittel niedergeschlagen. Im Gegenteil: Im Zuge einer staatlichen Sparpolitik, von der in den letzten Jahren mehr oder weniger sämtliche Teile des Sozialsektors betroffen sind, waren und sind NPOs gezwungen, ihre Arbeit auf Grundlage neuer Finanzierungsformen (Leistungsentgelte, Persönliche Budgets etc.) verstärkt an der widersprüchlichen Anforderung auszurichten, mehr Leistung und Qualität mit einem unter Umständen sinkenden finanziellen Budget zu realisieren, wie es auch Vilain zu Beginn seiner Untersuchung feststellt: „Die schleichende Austrocknung der NPO-Finanzierung durch weg brechende staatliche Unterstützung stellt derzeit wohl das herausragende Problem der Nonprofit-Finanzierung dar […] insbesondere im investiven Bereich, der in großen Teilen durch Zuwendungen finanziert wird, (fehlen) immer häufiger die Geldmittel zum Erhalt und Ausbau der Aktivitäten“ (S. 323) [1].

Die Bewältigung dieser Anforderung findet auf Basis eines besonderen Finanzierungsmix statt: NPOs zeichnen sich seit jeher dadurch aus, dass sie in verschiedenen Rechtsformen und damit ggf. auf unterschiedlicher steuerrechtlicher Basis neben dem Management öffentlicher Zuwendungen (die in vielen Bereichen nach wie vor die Haupteinnahmequelle darstellen) auch die Akquisition privater Geldmittel, das Management selbst erwirtschafteter Mittel, des eigenen Vermögens sowie die Kreditfinanzierung zu organisieren haben.

Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass sich die Finanztransaktionen im kommerziellen wie im Nonprofit-Bereich nur auf den ersten Blick gleichen. Bei näherer Betrachtung  lassen sich eine Reihe von Besonderheiten identifizieren, die aus dem i.d.R. nicht gewinnorientierten Auftrag, der internen Organisation sowie dem speziellen Organisationsumfeld, d.h. einem Beziehungsgeflecht mit wiederum besonderen Kommunikationsbeziehungen („Stakeholderorientierung“) von NPOs resultieren.

Vor dem Hintergrund einer Abnahme der öffentlichen Finanzierung und einer parallelen Zunahme privater Finanzierungsformen, mit denen der Rückgang der ersteren – zumindest teilweise – kompensiert werden soll, stellt sich insgesamt die Frage der Weiterentwicklung einer eigenen, auf die mikro- und makroökomischen Besonderheiten des NPO-Bereiches abgestimmten Finanzierungslehre. Die vorliegenden Schrift versteht sich als grundlegender Beitrag hierzu und reiht sich damit in eine wachsende Zahl von ähnlichen Veröffentlichungen zum Themengebiet ein [2].

Inhalt

Der Band gliedert sich in drei Teile mit unterschiedlichem Umfang:

Der erste Teil beschäftigt sich mit der Frage, ob und warum das Nonprofit-Management eine eigene Finanzierungslehre benötigt? Dazu wird das Finanzierungsmanagement von NPOs vor dem Hintergrund aktueller Problemlagen (rückläufige Staatsfinanzierung,  veränderte Finanzierungsmodalitäten, veränderte Aufgabenstellung, verstärkte Konkurrenzsituation) dargestellt, bevor der Autor auf die finanzwirtschaftlichen Strukturbesonderheiten (Finanzierungsmix, unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen,  Auswirkung des Missionsprimates auf das Finanzierungsmanagement [3]) von NPOs eingeht. Unter der Überschrift „Theoretische Zugangsoptionen“ erläutert er anschließend nationale und internationale Ansätze zur „Nonprofit-Finanzierung“ und stellt diese darüberhinaus ins Verhältnis zu gängigen Finanzierungslehren für kommerzielle Unternehmen.

Im zweiten und zugleich umfangreichsten Teil werden Bausteine einer modernen Nonprofit-Finanzierungslehre entwickelt. Zu diesem Zweck thematisiert der Autor eingangs die Rahmenbedingungen des Finanzmanagements in der Bundesrepublik Deutschland (Finanzierungsstruktur und Finanzierungsquellen von NPOs, organisationsrechtliche Rahmenbedingungen sowie Grundlagen des Steuer- und Gemeinnützigkeitsrechts), erläutert seine begrifflichen Grundlagen (Ziele und Funktionen, organisatorische Einbindung sowie zentrale Begriffe des Finanzmanagements), um sich dann mit der Planung und Analyse finanzwirtschaftlichen Vorgänge auf Basis von Kennzahlensystemen zu beschäftigen. Die folgenden Unterkapitel behandeln die verschiedenen Formen des Managements von öffentlichen (Zuwendungen), privaten (Spenden, Fundraising) und eigenen Finanzmitteln (selbsterwirtschaftete Mittel,  Vermögen) der NPOs. Der Kreditfinanzierung und dem Kreditmanagement sowie dem Cash-Management sind darüberhinaus zwei eigene kleine Unterkapitel gewidmet.

Im kurzen abschließenden Teil der Untersuchung wird das entwickelte Konzept einer Finanzierungslehre für Nonprofit-Organisationen noch einmal überblicksartig dargestellt. Zugleich identifiziert der Autor bestehende Forschungsprobleme und praktische Umsetzungsdefizite. Dazu zählen für ihn insbesondere

  • das Problem der mangelnden Binnendifferenzierung von NPOs;
  • die nach wie vor mangelhafte Datenlage zu Nonprofit-Finanzierung in der Bundesrepublik;
  • fehlende Erkenntnisse über die Bedeutung von Finanzmittelsurrogaten für die Finanzierung von NPOs;
  • das Erkenntnisdefizit in Bezug auf die Interdependenz unterschiedlicher Finanzquellen (verbunden mit der Frage der Quersubventionierung als bewusst gestalteter Methode zur Finanzierung defizitärer Aufgabenbereiche);
  • die unterschiedlichen Begriffsinhalte in der For- und Nonprofit-Finanzierung (z. B. im Hinblick auf die Definition des Begriffes „Eigenkapital“, insofern bei NPOs in den meisten Fällen ein Eigentumsverhältnis fehle);
  • Probleme der Messbarkeit im Rahmen der kennzahlbasierten Finanzanalyse. Die dominierende Sachzielorientierung und die Verschiedenartigkeit dieser Ziele würden hier eine mehrdimensionale Betrachtung erzwingen;
  • bei der Finanzplanung seien im Unterschied zum Forprofit-Management eine Vielzahl möglicher Finanzierungsquellen sowie Zweckbindungen und Verwendungsauflagen von Geldmittel zu berücksichtigen;
  • im Rahmen eines komplexen Antrags- und Bewirtschaftungsverfahrens des Zuwendungsmanagements fehlten Systematiken für Zuwendungsarten und Fördermodi, mit denen die technischen und rechtlichen Erfordernisse transparenter gemacht werden könnten;
  • beim theoretisch und praktisch gut erschlossenen Fundraising würde die Fülle der verschiedenen Ansätze und die ausgeprägte angelsächsische Fachsprache in der Praxis zur Verwirrung führen, was eine Systematisierung von Methoden und Instrumenten nötig mache;
  • das Management selbsterwirtschafteter Mittel zeichne sich nach wie vor durch das Fehlen von adäquaten Kostenrechnungssystemen und leistungsorientierten Steuerungsverfahren sowie ihrer Einbindung in unklare Entscheidungsstrukturen aus;
  • Probleme beim Kreditmanagement sieht der Autor sowohl auf Seiten der Kreditgeber (fehlende Kriterien zur Bewertung des Kreditrisikos wegen mangelnder Kenntnis der Finanzierungsbesonderheiten von NPOs) und der Kreditnehmer (Unsicherheiten und Vorbehalte in Bezug auf die Kreditfinanzierung, fehlende Kenntnisse des Kreditmarktes und seiner Konditionen etc.);
  • das Vermögensmanagement sei insbesondere durch die mangelendes Wissen über die Art und Weise des Vermögensaufbaus in NPOs sowie durch Unklarheiten beim Entscheidungsverhalten und bei der Wahl möglicher Anlageformen geprägt.

Insgesamt machten die aufgezeigten Defizite nach Auffassung des Autors deutlich, dass das Nonprofit-Finanzierungsmanagement sowohl in empirischer als auch in theoretischer Hinsicht nach wie vor am Anfang stände und weiter entwickelt werden müsse. Dabei gelte es insbesondere, „[…] den in der Literatur stark auf das Fundraising verengten Fokus zu weiten“ (S. 321).

Diese Absicht treffe allerdings auf praktische Einstellungen und Umstände in den Einrichtungen, die einer nötigen Professionalisierung des Finanzierungsmanagements von NPOs nach wie vor entgegenstünden: „Trotz wachsender praktischer Relevanz besitzen die Leistungskräfte in NPOs nur eine geringe Sensibilität für Finanzierungsfragen. Sie neigen dazu, sich erst dann intensiver mit Finanzierungsfragen zu beschäftigen, wenn akute Geldnot oder offensichtliches Fehlverhalten sie dazu nötigen. In der Regel ist es dann jedoch für weitreichende Maßnahmen bereits zu spät. Diese reaktive Verhaltensweise müssen die Organisationen zu Gunsten einer aktiven Grundhaltung ändern“ (S. 322).

Fazit und Bewertung

Die Frage, ob das Nonprofit-Management eine eigene Finanzierungslehre benötigt, hat der Autor damit zugleich eindeutig beantwortet. Ihre Notwendigkeit ergibt sich sowohl aus den veränderten Bedingungen des besonderen politisch-rechtlichen Umfeldes, in dem sich NPOs im Unterschied zu kommerziellen Unternehmen traditionell bewegen, als auch aus den wachsenden professionellen Anforderungen, vor die sich Leitungskräfte und Mitarbeiter zunehmend durch die erläuterten Veränderungen gestellt sehen. Sie erhalten mit dem vorliegenden Band einen aktuellen, sehr fundierten und zugleich detaillierten Überblick über Voraussetzungen, Instrumente und Methoden der Finanzierung von Einrichtungen im Nonprofit-Sektor an die Hand. Über diese Verwendung in der Praxis hinaus ist das Werk aufgrund seiner Übersichtlichkeit und seiner guten Lesbarkeit als Basisliteratur aber auch für all diejenigen geeignet, die sich etwa im Rahmen ihres Studiums in die Materie einarbeiten oder es als Nachschlagewerk nutzen wollen.


[1]  In Anbetracht der nach wie vor großen Bedeutung öffentlicher Zuwendungsmittel für die Nonprofit-Finanzierung hätte man sich allerdings – dies als einzige inhaltliche Kritik – ausführlichere Informationen zu den Voraussetzungen und zur Praxis des Zuwendungsmanagements öffentlicher Mittel gewünscht.

[2]  Vgl. z. B. Nicolini, Hans J. (2006): Finanzierung für Sozialberufe. Grundlagen – Beispiele – Übungen. Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften).

[3]  Stichworte: „partieller Widerspruch zwischen Mission und ökonomischer Notwendigkeit, wertgebundener Programm- und Investitionspolitik, öffentliche Verantwortung“ (S. 39 f.).


Rezension von
Prof. Dr. Michael Buestrich
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Homepage www.buestrich.net


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Zitiervorschlag
Michael Buestrich. Rezension vom 03.07.2008 zu: Michael Vilain: Finanzierungslehre für Nonprofit-Organisationen. Zwischen Auftrag und ökonomischer Notwendigkeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-8100-3932-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1098.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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