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Ferdinand Klein: Inklusive Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Kita

Rezensiert von Prof. Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin, 31.07.2013

Cover Ferdinand Klein: Inklusive Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Kita ISBN 978-3-427-40155-1

Ferdinand Klein: Inklusive Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Kita. Heilpädagogische Grundlagen und Praxishilfen Lehr-. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2010. 220 Seiten. ISBN 978-3-427-40155-1. 19,95 EUR.

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Thema

Das Lehrbuch „Inklusive Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Kita“ beschäftigt sich mit dem Aufgaben- und Arbeitsfeld der Heilpädagogik, ihrem professionellen Selbstverständnis, den methodisch-didaktischen Konzepten sowie den normativen Ansprüchen und Grundsätzen heilpädagogischen Handelns in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung. Es richtet sich an Studierende der Sozial- und Heilpädagogik an Fachschulen/Fachakademien sowie Hochschulen.

Autor

Ferdinand Klein war Lehrer, Heil- und Sonderpädagoge sowie Rektor der Erlanger Lebenshilfeeinrichtung für Menschen mit Behinderung. Er promovierte zum Thema „Häusliche Früherziehung des entwicklungsbehinderten Kindes“ und war als Dozent und Professor an den Universitäten Würzburg, Mainz, Halle-Wittenberg und zuletzt an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg tätig. Seine Forschungsaktivitäten werden als praxisorientiert charakterisiert, er befasste sich in verschiedenen Integrationsprojekten mit den Bedingungen inklusiver Erziehung behinderter und nicht-behinderter Kinder im Elementar- und Grundschulbereich (S. 8).

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Inklusive Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Kita“ ist als Lehrbuch konzipiert. Es ist in vier Abschnitt untergliedert.

Im ersten Abschnitt des Lehrbuches entfaltet Klein seine Grundannahme wonach das Arbeitsfeld der Kindertageseinrichtungen mit neuen Anforderungen etwa die Erziehungs- und Bildungsarbeit mit Kindern, die bio-psycho-sozialen Risiken ausgesetzt sind, konfrontiert ist. Die Funktion des Lehrbuchs sieht er darin, Antworten auf diese ‚neuen‘ Herausforderungen zu geben. Im Vordergrund stehen dabei zum einen die Einstellungen und Haltungen der Erzieherin bzw. des Erziehers. Dies spiegelt sich auch darin wieder, dass jeder Abschnitt mit Arbeitsaufgaben abschließt, die zur Reflexion des eigenen Handelns, der eigenen professionellen Orientierungen anregen sollen. Zum anderen geht der Autor ausführlich auf die Bedürfnisse und Unterstützungsbedarfe von Kindern mit Behinderung ein. Dieser erste Abschnitt schließt mit „Hinweisen zum Lesen, Lernen und Studieren“ (S. 27 ff.) wobei auch die Frage thematisiert wird, wie „situationsgereichtes Handeln“ gelernt werden kann (S. 29).

Im zweiten Abschnitt setzt sich der Autor mit den Aufgaben der Heilpädagogik auseinander. Die heilpädagogische Grundsituation beschreibt er als eine solche, in der (1) die Intuition, das intuitive Erfassen des Kindes durch die Erzieherin bzw. den Erzieher eine wichtiges ‚Instrument‘ für heilpädagogisches Handeln darstellt, die pädagogische Beziehung als „zwischenmenschliche Begegnung“ konzipiert wird und diese sich drittens im „Dialog“ vollzieht (S. 35 ff.).

Anschließend setzt er sich mit dem Begriff der Behinderung auseinander, dem er zum einen eine ganzheitliche Betrachtungsweise von Menschen mit Behinderung und zum anderen den inklusionspädagogischen Grundgedanken des „Normalisierungsprinzip“ entgegensetzt (S. 53).

Im weiteren Verlauf nimmt der Autor die Adressaten in den Blick, in dem er kurz auf die Klassifikation von Behinderungen sowie die möglichen heilpädagogischen Hilfen eingeht und sich im Anschluss daran auf Kinder mit bio-psycho-sozialen Risiken (z.B. hyperaktive Kinder, Kinder mit minimalen cerebralen Dysfunktionen, aufgrund von Armut und Benachteiligung entwicklungsgefährdete Kinder) konzentriert.

Vor diesem Hintergrund konzipiert er Heilpädagogik als Pädagogik unter „erschwerenden Bedingungen“ und geht in diesem Kontext auch auf die Geschichte der Heilpädagogik ein. Klein fokussiert in diesem Zusammenhang die normativen Ansprüche der Heilpädagogik: heilpädagogisches Handeln als Haltung, Heilpädagogik als Maß für den Kulturzustand eines Volkes sowie Heilpädagogik als Anwaltschaft für Menschen mit Behinderung (S. 86 ff.).

Schließlich geht der Autor auf seine These ein, Heilpädagogik antworte auf Herausforderungen der Gegenwart in dem sie sich quasi im Epochenumbruch zur „neoliberaler Marktwirtschaft“ (erneut) konstitutiere (S. 92). Hierzu formuliert er zwei Thesen, die er argumentativ ausbuchstabiert: So bedroht aus seiner Sicht zum einen die verwertungsorientierte Wissensgesellschaft die inklusive Bildungsarbeit durch Unbildung und Beschleunigung (S. 92). Zum anderen bedroht die Bioethik-Debatte das ethische Fundament der Gesellschaft (S. 94). Gegen diese Tendenzen gilt es, so Klein mit „Wachsamkeit und aktive(r) Mitgestaltung“ anzugehen (S. 97).

Im dritten Abschnitt beschäftigt sich Klein mit methodisch-didaktischen Ansätzen der Frühpädagogik und reformuliert diese für die heilpädagogische Praxis. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Klassiker der Frühpädagogik wie Fröbel, Montessori und Steiner. Außerdem greift Klein den Ansatz von Korczak auf und arbeitet dessen Relevanz für heutiges heilpädagogisches Handeln heraus. Der Abschnitt schließt mit einem ‚modernen‘ Ansatz der Frühpädagogik, dem situationsorientierten Ansatz nach Krenz. Diesem Ansatz attestiert Klein eine „zukunftsweisende Perspektive“, da er es ermöglicht Kinder mit Behinderung wahrzunehmen und orientiert an ihrem jeweiligen Entwicklungsstand kompetenzorientiert zu fördern. In diesem Ansatz sieht Klein eine Synthese klassischer Ansätze.

Im vierten Abschnitt geht Klein abschließend auf einzelne Aspekte inklusiver Praxis im Früh- und Elementarbereich ein. So befasst sich Klein mit Elternberatung und den dafür erforderlichen Kompetenzen der Berater/innen, entwicklungsbegleitender Beobachtung und Diagnostik im Hinblick auf verschiedene Entwicklungsbereiche, das Bild vom Kind (Kompetenzorientierung) sowie die situationsgerechte Begleitung von Kindern mit Behinderung in Gruppen (Bedürfnisse und Kompetenzen wahrnehmen und unterstützen sowie empathisches Verstehen).

Fazit

Die Haltung, die Orientierungen von Erzieherinnen und Erzieher nehmen aus der Sicht des Autors einen wichtigen Stellenwert für die Qualität heilpädagogischer Praxis ein. Diesem Grundgedanken trägt das Lehrbuch dadurch Rechnung, dass es an vielen Stellen zur Reflexion über das heilpädagogische Arbeitsfeld bzw. das heilpädagogischen Handeln einlädt. Der Betonung der professionellen Haltung steht jedoch gegenüber, dass bislang völlig unklar ist, inwiefern pädagogische Orientierungen das Handeln tatsächliche beeinflussen bzw. bestimmten – möglicherweise ‚über-interpretiert‘ der Autor diese Dimension des pädagogischen Handelns.

Analog zur Betonung der ‚Haltung‘ thematisiert der Autor Intuition als wichtiges ‚Diagnoseinstrument‘. Dies wirft die Frage auf, inwiefern Intuition – jenseits der Selbstreflexion – für Ausbildung und Studium eine relevante Kategorie darstellt: Intuition ist – zumindest im Rahmen der theoretischen Anteile schulischer oder hochschulischer Ausbildung – nicht erlernbar. Intuition ist allenfalls im praktischen Handeln erfahrbar.

Die Darstellung methodisch-didaktischer Ansätze konzentriert sich auf die Klassiker der Früh- und Elementarpädagogik. Positiv hervorzuheben ist die Aufnahme des Ansatzes von Korczak in den Reigen der Klassiker. Dies ist für ein Lehrbuch der Frühpädagogik nicht selbstverständlich. Allerdings bleiben aktuelle Debatten der Frühpädagogik, wie Ko-Konstruktion vs. Konstruktion, Erkenntnisse zur Erzieher-Kind-Interaktion, empirische Befunde zur Umsetzung von Inklusion, Debatten um Prozess-, Struktur- und Orientierungsqualität – um nur einige Schlagworte zu nennen, weitestgehend unberücksichtigt.

Schließlich erscheint die Argumentation des Autors im Hinblick auf die ‚Vernachlässigung‘ der Rechte von Menschen mit Behinderung gerade vor dem Hintergrund der UNO-Menschenrechtskonvention und verstärkter gesellschaftlicher Debatten um Inklusion an einigen Stellen nicht unmittelbar nachvollziehbar.

Rezension von
Prof. Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin
Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Bildung und Erziehung in der Kindheit. Arbeitsschwerpunkte: Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung, Kinder- und Jugendhilfestatistik, insbes. Statistik der Kindertagesbetreuung, Berufsfeldforschung, Professionalisierung pädagogischer Berufe, Eltern- und Familienbildung
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Es gibt 5 Rezensionen von Kirsten Fuchs-Rechlin.

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Zitiervorschlag
Kirsten Fuchs-Rechlin. Rezension vom 31.07.2013 zu: Ferdinand Klein: Inklusive Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Kita. Heilpädagogische Grundlagen und Praxishilfen Lehr-. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2010. ISBN 978-3-427-40155-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10986.php, Datum des Zugriffs 30.01.2023.


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