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Norman Franz: Die Erkundung organisationaler Umwelten

Rezensiert von Jörg Latuske, 20.05.2011

Cover Norman Franz: Die Erkundung organisationaler Umwelten ISBN 978-3-89670-941-7

Norman Franz: Die Erkundung organisationaler Umwelten. Eine qualitative Studie der Kommunikationswahrnehmungen von Leitungspersonen im Gesundheitssystem. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. 197 Seiten. ISBN 978-3-89670-941-7. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.
Reihe: Management, Organisationsberatung.

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Thema

Das Gesundheitssystem ist seit geraumer Zeit durch veränderte politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen in einem permanenten Umbruch. Organisationen und deren Leitungspersonen stehen vor der Herausforderung sich diesen veränderten Umweltbedingungen anpassen zu müssen, wenn sie die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit ihrer Organisationen erhalten wollen. Norman Franz wendet sich in seiner Dissertation den Wahrnehmungs- und Kommunikationsprozessen von Leitungspersonen in Organisationen des Gesundheitssystems zu und untersucht exemplarisch in zwei Organisationen, wie individuelle Wahrnehmungen und daraus folgenden organisationsinterne Kommunikationen die Wahrnehmungen und die Handlungen anderer hierarchischer Ebenen beeinflussen können.

Autor

Norman Franz, Dr. phil., Dipl.-Pflegewirt (FH), studierte Pflegemanagement und promovierte anschließend in Philosophie. Er ist derzeit Leiter einer Unternehmensgruppe, die in der Schweiz ambulante Gesundheitszentren aufbaut und betreibt.

Entstehungshintergrund

Das Buch beruht auf der Dissertation „Kommunikationswahrnehmungen von Leitungspersonen in organisationalen Umwelten“ zur Erlangung des Grades „Doktor der Philosophie“ an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, 2010.

Aufbau und Inhalt

Kapitel 1 führt über die Erläuterung des Themas, dem Überblick über den gegenwärtigen Stand der Forschung und der Beschreibung der Forschungsmethodik zur wissenschaftlichen Einordnung und Diskussion der Ergebnisse.

In Kapitel 2 erläutert der Verfasser die zum Thema „Kommunikation“ und „Wahrnehmung von Kommunikation“ gehörenden Aspekte. Er erläutert verschiedene Kommunikationstheorien und verortet „Kommunikation“ im Bezugssystem Organisation. Für den weiteren Verlauf der Arbeit wird dabei von einem Kommunikationsverständnis ausgegangen, welches nicht von einer sprach- oder kommunikationswissenschaftlichen Perspektive ausgeht, sondern Kommunikation als ein Umwelt abhängiges Phänomen betrachtet, das auch die Unwahrscheinlichkeit und Unzuverlässigkeit von Kommunikation konzeptionell berücksichtigt. Aus dieser systemtheoretischen Annäherung definiert der Verfasser Kommunikationswahrnehmungen „als individuelle Wahrnehmungen von Kommunikationen durch ein Individuum, die das Individuum in sprachlicher Form der Umwelt mitteilen kann“ (S.23)

In den Kapiteln 3 bis 5 werden die weiteren für die Einordnung der Dissertation wichtigen theoretischen Bezugsgrundlagen dargestellt. Kapitel 3 gibt einen Überblick über die Entstehung von Organisationen, erörtert deren Bedeutung für die Wirtschaft im Allgemeinen und ihre speziellen Ausprägungen, bzw. Differenzierungen im Gesundheitssektor.
Die Einordnung in den Kanon der Systemtheorien und die begrifflichen Abgrenzungen erklärt der Autor in Kapitel 4. In seiner Arbeit bezieht sich der Verfasser größtenteils auf die Einordnung und Begriffsbildung der soziologischen Systemtheorie nach Niklas Luhmann. In Kapitel 4 erläutert er die Theorie kurz, reflektiert sie und greift dabei auch die oftmals geäußerten Kritiken an Luhmanns Systemtheorie auf. Zu diesen gehören die Vernachlässigung der Bedeutung von Emotionen für die Ausprägung sozialer Systeme, sowie die der Theorie zugrundeliegenden theoretische Betrachtung, dass alles und jeder ein System sei.
Im weiteren Verlauf der Arbeit bezieht sich der Autor bezüglich der Darstellung und Anwendung systemtheoretischen Wissens dann auf die etwas „moderneren“ Verfasser wie Fritz B. Simon, Helmut Willke und David Krieger.

Die Vielschichtigkeit und Komplexität von Organisationen spiegelt sich nach Ansicht des Verfassers in der Vielzahl der Organisationstheorien wider. In Kapitel 5 bietet er dem Leser einen kurzen Überblick der verschiedenen Forschungsansätze, um dann auf die für den weiteren Verlauf der Forschungsarbeit relevanten Organisationstheorien – dem Sense-Making-Ansatz von Karl Weick und der systemischen Organisationstheorie – vertieft einzugehen. Die Darstellung der beiden Theorien erfolgt dabei in angemessener Kürze ohne in Oberflächlichkeit abzugleiten.

In den Kapiteln 6 bis 9 wird die qualitative Forschungsmethodik dieser Studie beschrieben und schließlich die Ergebnisse eingeordnet und diskutiert. Leitungspersonen in zwei Organisationen des Gesundheitssystems wurden interviewt (Einzel- und Gruppeninterviews mit Einbindung von zirkulären Fragen), die Interviews transkribiert, codiert und die Ergebnisse in Kategoriennetzwerke übertragen. Die so entstandenen „Landkarten“ spiegeln die Kommunikationswahrnehmungen der Umwelt in den untersuchten Organisationen wider. Die Selektion, welche Themen der Umwelt zu Themen der Kommunikation in Organisationen werden, entscheidet darüber, welche Handlungen die Organisation in Bezug auf ihre subjektiv (für) „wahr“genommene - also innerhalb der Organisation kommunizierte - Umwelt vollzieht.

In Kapitel 10 wendet sich der Verfasser der Kommunikationsgestaltung in Organisationen zu. Eine der Herausforderungen vor denen Leitungspersonen in Organisationen stehen beschreibt der Autor als „doppelte Selektion“. Leitungspersonen müssen aus der Vielzahl ihrer individuellen - mehr oder weniger bewussten - Wahrnehmungen der Organisationsumwelt jene selegieren, die für die Organisation wichtig sein könnten (erste Selektion) und sie in der Organisation kommunizieren. Dort findet durch Kommunikation der Themen im Leitungsgremium die zweite Selektion hinsichtlich ihrer Bedeutung und Relevanz für das organisationale Handeln statt. Im weiteren Verlauf des Kapitels erläutert der Verfasser wie Kommunikationswahrnehmungen in organisationales Handeln transformiert werden können und welche Hindernisse, wie überwunden werden müssen.

In den durchgeführten Interviews wurde festgestellt, dass die Antworten der Leitungspersonen viele emotional besetzte Worte enthielten. Dies veranlasste den Verfasser die Interviewtexte auch in Bezug auf Emotionen zu codieren. In Kapitel 11 fasst er diese Ergebnisse folgendermaßen zusammen: „Das Kommunikationsverhalten eines jeden Menschen ist geprägt von emotionalen Wörtern. Teilweise werden emotionale Begriffe bewusst, teilweise werden diese unbewusst und automatisch durch das Individuum im kommunizierten Gedanken mittransportiert. Beim Kommunikationspartner wird hierdurch eine Wirkung erzielt“ (S.180). Diese mehr oder weniger bewusst transportierten Emotionen beeinflussen die sich in der Kommunikation anschließenden Informationsverarbeitungsprozesse und beeinflussen somit das organisationale Handeln.

Diskussion

Qualitative Forschung hat den Vorteil, dass sie die Innensicht der Protagonisten, die „inneren Landkarten der Akteure“ zutage fördert. Im vorliegenden Buch sind es die Wahrnehmungen von Führungspersonen in Rehabilitationseinrichtungen und die Art und Weise, wie sie ihre „Umwelt Gesundheitssystem“ perzipieren und zur Grundlage von Kommunikations- und Entscheidungsprozessen in ihrer Organisation machen.
Neben der Schilderung der angewandten Methoden (Interviews mit zirkulären Fragestellungen; grafische Darstellung als Kategoriennetzwerk), die mir auch neue Anregungen für das eigene Arbeiten gaben, fand ich vor allem das Kapitel über Emotionen spannend. Die Beeinflussung organisationaler Arbeit durch emotionsgefilterte Wahrnehmungen ihrer Leitungspersonen und deren Weitergabe von emotionalisierten Kommunikationen, sind Themen, die in der Arbeit mit Führungskräften zwar permanent auftauchen, mir aber aus wissenschaftlicher Perspektive bisher nur aus den Arbeiten von Kets de Vries bekannt waren.

Allein schon diese beiden Kapitel machen das Buch für mich lesenswert und waren „der Lohn“ dafür, mich durch den „Dissertationsstil“ hindurchgearbeitet zu haben.

Fazit

Dissertationen sind sicherlich nicht immer spannend zu lesen, da der Fluss der Inhalte einem stringenten Anforderungsprofil folgt. Nichtsdestotrotz haben Dissertationen für den Leser den Vorteil, dass sie gerade in der Wiedergabe des gegenwärtigen Forschungsstandes, des wissenschaftlichen „State of the Art“, eine Perspektivenvielfalt anbieten, die manch anderes Fachbuch vermissen lässt. Bei dem vorliegenden Buch kommt spannungsverstärkend hinzu, dass

  1. mit der Einbindung von zirkulären Fragen eine methodische Vorgehensweise gewählt wurde, die mir zwar aus Einzel- und Gruppengesprächen bekannt ist, aber als Basis qualitativer Forschung neu (und spannend) erscheint, und
  2. mit der Hinwendung zu „Kommunikationen als emotionale Ausdruckswelten“ in Kapitel 11, ein meines Erachtens nach für das Verständnis von Organisationen und ihren Kulturen wichtiger Aspekt aufgegriffen wird, der von vielen anderen Autoren ausgelassen wird.

Für das Verständnis des Buches und der Studienergebnisse sind Vorkenntnisse der systemischen Forschung nicht vonnöten, aber hilfreich.

Rezension von
Jörg Latuske
Unternehmens- & Kommunikationsberatung
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Es gibt 6 Rezensionen von Jörg Latuske.

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Zitiervorschlag
Jörg Latuske. Rezension vom 20.05.2011 zu: Norman Franz: Die Erkundung organisationaler Umwelten. Eine qualitative Studie der Kommunikationswahrnehmungen von Leitungspersonen im Gesundheitssystem. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. ISBN 978-3-89670-941-7. Reihe: Management, Organisationsberatung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10993.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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